Frankreich Auf dem Rad durch Luberon

1. Tag: Cavaillon - Mérindol

Cavaillon, "Hauptstadt der Melone", an einem Montagmorgen wie so viele andere. Zum Markttag ist tout cavaillon auf den Beinen. Verstärkung trudelt aus den Dörfern des Luberon ein, der sich wie ein gestrandeter Wal in die Ebene schiebt. Für die Internationale der Ferienhausbesitzer aus den Tiefen des dicht bewaldeten Gebirgszugs ist der Markt von Cavaillon un must. In das Schieben, Drängen, Schwatzen mischen sich zwei Nordlichter in Radlershorts: Jochen, seit Jahren bewährter Radwanderabschnittsgefährte, und ich.

Eine Gewissensfrage schwebt bedrohlich über Zucchinipyramiden, Riesenkürbissen und Miederwaren: Sollen wir quasi aus dem Caféstuhl des "Fin de siècle" wadenbeißerische Steigungen bezwingen oder kommod immer am Ufer der Durance lang durch Schilfrohr und Obstbaumplantagen strampeln? Nach Mérindol, ein - nos excuses - verschlafenes Kaff an der Südflanke des Gebirges und Ziel der ersten Tagesetappe, führen beide Wege. Jochen vertieft sich in die Karte des Parc Naturel Régional du Luberon. Ich werte es als ungutes Zeichen ... schon gut, wir nehmen die Passstraße über die Combe de Vidauque. So denn adieu, ihr trägen Wonnen der Provence.

Knapp 250 Kilometer Radwege hat der Parc Naturel Régional du Luberon in den vergangenen zehn Jahren über den Gebirgsrücken angelegt. Wir haben die Südroute von Cavaillon über Lourmarin und Manosque nach Forcalquier gewählt. Um den Rest kümmert sich "Vélo Loisir en Luberon". Der Verein unter dem Dach des Naturparks Luberon hat unsere Zimmer reserviert und übernimmt den Gepäcktransport. Der Rest sollte dank der schnittigen "Cannondale"-Räder, die Vélo Loisir verleiht, kein Problem sein.

"14% Steigung", bellt ein Schild am Fuß der Combe de Vidauque. Eine Schranke versperrt Autos zu bestimmten Zeiten die Weiterfahrt. Mit entsprechendem Höllentempo schießt ein entgegenkommender Radfahrer die Piste runter. Ein dahingeworfenes Bon courage fliegt in seinem Gefolge vorbei. Wortwörtlich bedeutet es "Guten Mut". Gemeint ist jedoch "Viel Glück". Beides können wir gebrauchen. Moment, was heißt hier wir? Von Jochen ist nur noch ein türkisblaukariertes Bikershirt zu sehen.

Knappe 400 Höhenmeter später ist der Luberon eine betäubend duftende Rosmarinwiese. Der Kopf glüht, das Herz wummert, die Waden wollen nicht mehr. Wir sitzen im Gras. Der Blick fliegt über die karge Hochebene hinunter zum Flickenteppich der Felder rund um Cavaillon und wieder zurück auf ein Wegkreuz mit einem Pfeil in Richtung "Trou du Rat" (Rattenloch). Das ist unser Weg. Von nun an geht's bergab in Richtung Durance.

2. Tag: Mérindol - Cadenet

Tag zwei beginnt zahm. Zuerst schlingert das verbummelte Landsträßchen durch den Schatten von Kermeseichen und Olivenbaumhainen. Mal hoch, mal runter, immer dem Winkemännchen auf dem Drahtesel hinterher, mit dem die Radwege markiert sind. Schilf links, Schilf rechts. Ab und zu steigt ein Reiher auf. Dazu gurgelt es aus den Bewässerungsgräben, mit denen die Tomatenfelder und Aprikosenhaine längs der Durance geflutet werden. Rien ne va plus, als ein beigefarbener, gelockter Teppich über den Weg wogt. Wir schieben die Räder hinter der Schafherde, bis die schmiedeeiserne Campanilenkrone der Kirche von Lauris auftaucht.

Wir fädeln uns durch das Gassenlabyrinth bis vors Château. Auf den barocken Gartenterrassen des Schlosses hat Michel Garcia, Fabrikant für Naturfarben de père en fils, Europas einzigen Sortengarten für Färbereipflanzen angelegt. Es ist ein bukolisches Plätzchen mit knallrot glänzendem Pusztagold, vulgo Paprika, lilablau blühendem Färberknöterich und Erlen: "Erlen braucht man für Schwarz", erklärt Monsieur Garcia mit der Miene eines Physiklehrers alter Schule. Wir staunen artig. Lauris bleibt vor allem das Dorf der Katzen. Aus Hauseingängen und von Motorhauben preschen die Gassentiger davon, sobald wir die Saumseligkeit des Ortes mit unseren feuerroten Rädern stören.

Das dicke Ende kommt in Lourmarin. Isabelle Huppert soll ein Haus im Nachbardorf Vaugines gekauft haben. Mit Blick auf das romanische Kirchlein, vor dem Juliette Binoche den "Husar auf dem Dach" in Rappeneaus gleichnamigem Film angeschmachtet hat. Die beiden Biker staunen und lauschen dem Patron hinter der Theke und den Stammgästen vor der Theke. Kommt Depardieu diesen Herbst? Hédi Slimane will das Château für ein Modedefilee anmieten? Dinge, die Lourmarin beschäftigen.

Der Luberon gilt als ein 21. Arrondissement, seit tourt Paris in Dörfern wie Lourmarin die wahre, echte Provence sucht. Vor allem auf der Südflanke des Gebirgsrückens kauft sich ein, wer es sich wert ist. Einer der ersten Paris-Exilanten hieß Albert Camus. Das Grab des Schriftstellers ist fester Bestandsteil jeder Lourmarin-Sightseeingtour, unserer inklusive. Apropos Schriftsteller: Auch Peter Mayle besitzt in Lourmarin ein Haus. Seit 1998 lebt der Mann, der über trinkende Bäckersfrauen und Metzger ohne Unterhosen den Bestseller "Mein Jahr in der Provence" geschrieben hat, irgendwo außerhalb des Dorfs. Wo genau? Die kauzige Alte an der Tankstelle, der wir zwei Flaschen Wasser abkaufen, behauptet allen Ernstes, dass Mayle mit der Camus-Tochter zusammenlebe. Jochen schwingt sich kommentarlos aufs Rad.

3. und 4. Tag: Cadenet - Vitrollesen - Luberon - Vitrolles-en-Luberon - Grambois

In einem stillen Tal nördlich von Lourmarin hat Paula Marty für die dörfliche Gerüchteküche nur ein süffisantes Lächeln. Madame bewirtschaftet die großelterliche "Ferme de Gerbaud". Es hat seit drei Jahren kaum geregnet. Die sechs Hektar plantes aromatiques - Lavendel, Rosmarin, Thymian - brauchen Wasser. Dringend. Prompt fallen zwei, drei Tropfen vom grau verhangenen Himmel. Fini. Die Sonne kommt wieder, worüber zumindest zwei sich freuen.

In Cucuron schwimmen die Goldfische bis an den Tisch der "Bar de l'Étang". Der Étang ist ein steingefasster Löschteich mit den Ausmaßen eines Olympiaschwimmbeckens, aber vor allem der Treffpunkt der Bewohner von Cucuron.

Die Bar auf der Ecke schließt fast nie. Ganz Cucuron schaut deshalb im Laufe eines Tages im Halbdunkel der Platanenriesen vorbei, die marokkanischen Feldarbeiter, die Ferienhausbesitzer aus Brüssel, London oder Köln, die Weinbauern mit dem rumpeligen Kasten-Renault, die Sippe ältlicher Hippies, die mit Kind, Kegel und Hunden aus ihrem Kleinbus purzeln. Sie alle kommen, um erstens die Goldfische im Teich zu füttern und um zweitens in die "Bar de l'Étang" zu gehen. Auf der Terrasse kennt jeder jeden. Was vergessen? Halt, ja: Fremde Biker sind bienvenus. Das ist das Schönste.

Eine "Mauresque", ein Pastis mit Bittermandelsirup, belebt bei der Ankunft auf "Le Tombareau" die Geister. Vor einem halben Menschenleben hat Pierre Bruzzo das Gehöft gekauft, arbeitete noch bis zur Pensionierung beim Hafenzoll in Marseille. Heute vermietet der fidele Pensionär vier Chambres d'hôtes und gibt Kochkurse. Ringsherum sagen sich Fuchs und Hase Gute Nacht. Heute Abend bleibt der Fuchs allerdings allein. Pierre hat uns Hasenpfeffer aux olives zubereitet. Noch ein Gläschen Côtes du Rhône vom Gut der Schwägerin, und dann Bonne Nuit!

Es gibt Pässe, die der nach drei Tagen halbwegs trainierte Radfahrer mit jedem Meter Abfahrt mehr liebt. Der 697 Meter hohe Col de l'Aire des Masques zählt dazu: Nach lächerlichen 40 Minuten kraftvollen Tretens geht es bis Céreste bergab, bergab und nochmals bergab. Die acht Kilometer Schussfahrt endet an der römischen Steinbrücke über den Encrême. Am Horizont rückt die Montagne de Lure nun deutlich näher an den Luberon. Übermorgen stehen die Ausläufer der Südalpen auf dem Plan. Ich beantrage für morgen einen Ruhetag.

5. und 6. Tag: Grambois-Manosque

Zéro Kilometer. Heute wird nicht in die Pedale getreten, dafür in der Wiese gefaulenzt. Mit nichts als einer Decke und dem Picknickkorb. Das Leben? Belle! Die Laune ist bestens. Der Sommer meldet sich mit 25 Grad zurück, wohlgemerkt: Mitte Oktober. Wie das Wetter morgen wird? Wissen nur die Schäfchenwolken.

Plötzlich ist Herbst. Es riecht nach Steinpilzen im taufeuchten Laub, nach überreifen Feigen, nach Kaminfeuer. Krachend schlagen Kastanien auf den Dorfboulevard von Beaumont-de-Pertuis. Eine Alte verkauft im offenen Garagentor Birnen,Trauben und Esskastanien. Das Dorf liegt da, wo der Luberon noch nicht wie für landsüchtige Städter hergerichtet aussieht. Kein Mensch, kein Gehöft weit und breit an der D 198, die in pumperlgesunde Eichenwälder abtaucht.

Nächster Halt: die "Domaine La Blaque". Blaque bezeichne im Provenzalischen einen Ort, an dem Eichen wachsen, erklärt Önologe Gilles Delsuc den Namen des Weinguts. Gilles und seine Frau Laurence keltern "echte Höhenweine". Die Tropfen der kleinen AOC Pierrevert stammen von Reben, die noch in 550 Metern gedeihen. "Vor allem die Rebsorte Viognier braucht Höhe, wie der Radfahrer", so der fidele Weingutchef. Wir verschwinden in den Probierraum. Manosque, Ziel der Tagesetappe, kann warten.

7. Tag: Manosque - Forcalquier

Allein mit der Einsamkeit eines Sonntagmorgens in der Provence. Der Himmel leuchtet azurblau, fast unwirklich. Im Norden machen sich schlohweiße Bergriesen wichtig. Der erste Schnee hat die Südalpen weiß gepudert. Ein Huhn gackert vor dem gestochen scharfen Alpenpanorama über den Weg. Ansonsten rien de rien bis Volx, wo wir in die alljährliche Fête du Goût hineinradeln.

Um die Stände für Lavendelhonig, Eselswurst und Banon-Käse knattern die Traktoren. Allein zwei Dutzend der betagten Exemplare gehören Joel Ayme. Der Mann mit dem Schnauzbart über der schwarzen Weste ist stolz, "als Sohn eines Bauern" das Licht der Provence erblickt zu haben. So viel Gnade der Geburt verpflichtet ihn, sich um das landwirtschaftliche Erbe seiner Heimat zu kümmern. Jedes Jahr restauriert Monsieur Ayme einen Traktor und hofft auf weitere Scheunenfunde - wir sollen bitte die Augen aufhalten.

Kein Traktor, keine Mähmaschine und erst recht kein Schild mit dem Winkemännchen.Wir haben uns wenige Kilometer vor der "Auberge Charembeau" verfahren, ausgerechnet. Halt, da zwischen den Dahlien raschelt etwas. "Tranquille", beschwichtigt Madame uns, "Sie sind nicht weit von Ihrem Hotel entfernt". Der Weg nach Forcalquier ist leicht zu finden: "A droite, puis à gauche, et à la fin tout droit, Messieurs!" Bedeutet übersetzt: noch zwei Kilometer durch sachten Blätterfall.

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Autor:
Klaus Simon