Finnland Eisangeln in Oulu auf der Ostsee

Ein akustisches Signal deutet an, dass es gleich losgeht: Drei, zwei, eins – dann ertönt der Startschuss. Das Luftbild zeigt, wie eine Handvoll kurzgewachsener Männchen auf die weiße Eisfläche läuft. Jeder ist auf der Suche nach dem günstigsten Ort, um mit der Challenge zu beginnen – schließlich haben alle nur zehn Minuten Zeit, dann ist der Wettbewerb schon wieder vorbei. Eine der Figuren gehört zu mir. Als sie das Loch gebohrt, den Haken bestückt und die Sehne ins Wasser gelassen hat, beginnt meine Arbeit: In gleichmäßigen Abständen bewege ich die kleine gelbe Angel hoch und runter, indem ich die Maus über den Bildschirm ziehe. Mehr gibt es nicht zu tun, außer: hoffen. Vielleicht wird mein Männchen ein Erfolgserlebnis feiern, vielleicht auch nicht. Über dieses Glück entscheidet ganz allein der Computer.

"Wie ich sehe, weißt du bereits alles über unseren Sport", sagt Antti Kontio augenzwinkernd, als ich ihm von meiner vorbildlichen Vorbereitung auf unseren Ausflug erzähle. Natürlich kennt auch er "Pro Pilkki", das finnische PC-Spiel übers Eisangeln, das es im Internet als kostenlosen Download gibt. "Wenn ich selbst gerade nicht aufs Eis kann, spiele ich es auch ab und zu", gibt er zu.

So oft er kann lädt der 38-jährige Familienvater aus Oulu im Winter Rucksackhocker, Eisbohrer, Köderkoffer und eine Thermoskanne mit heißem Tee in den Kofferraum seines kupferfarbenen SUV und fährt die Uferzeilen der zugefrorenen Ostsee ab. Er hält an, wo es ihm gefällt, stapft aufs Eis und bohrt los. An diesem Tag fällt seine Wahl auf Varjakka, eine kleine Ortschaft zwischen Oulu und dem regionalen Flughafen, der die 140.000-Einwohnerstadt am Bottnischen Meerbusen mehrmals täglich mit Finnlands Hauptstadt Helsinki verbindet.

Oulu: bekannt durch die jährliche Luftgitarren-Weltmeisterschaft

International bekannt geworden ist Oulu durch die jährlich stattfindende Luftgitarren-WM, bei der Verrückte aus aller Welt ihre lautlosen Künste an den nicht vorhandenen Musikinstrumenten präsentieren. In erster Linie aber ist Oulu eine Industriestadt: Elektronik, Software und vor allem Papier. Tag und Nacht zerschneiden die Schwaden der Fabrikschornsteine den Himmel. Doch nur wenige Kilometer außerhalb der Stadtgrenzen gelangt man in den Wintermonaten in eine wunderschöne Eislandschaft aus beflockten Bäumen mit strahlend weißen und ewig weiten Feldern, die mal hier, mal dort mit roten Holzhäusern gespickt sind. Internationalen Tourismus hat es in der Vergangenheit höchstens aus Richtung Norwegen und Russland gegeben, erst seit wenigen Jahren erkunden auch Urlauber aus anderen Nationen die Region. Das Angebot ist da: Huskysafari, Schneeschuhwandern, Skilanglauf, Eislochschwimmen – und eben Eisangeln.

Antti hängt mir ein schwarz-rotes Etwas um den Hals, das die Form eines Teppichmessers hat, nur ohne Klinge. Die naheliegende Frage nach der Funktion dieses Gegenstands beantwortet er mit: "Du wirst ihn brauchen, falls wir einbrechen sollten." Wie beruhigend. Daraufhin trennt er den roten vom schwarzen Teil, und zum Vorschein kommen zwei Eispickelspitzen, mit denen man bei einem Einbruch ins Eis hackt, um sich anschließend selbst wieder aus dem Wasser ziehen zu können. "Reine Vorsichtsmaßnahme", beruhigt der Profi und versichert, dass das Eis an unserer Angelstelle eine Stärke von etwa 40 Zentimetern haben wird.

Mit dem Eisbohrer das perfekte Angelloch vorbereiten

Wenig später hält er einen Eisbohrer in der Hand und kurbelt, was die kalten Finger hergeben. Tatsächlich: Als die einen Meter lange Schraube etwa bei der Hälfte einen Satz macht, sind wir durch. Neben bunten Blinkern nimmt Antti Kontio am liebsten lebende Fliegenlarven als Köder. "Man kann sich im Angelgeschäft sogar aussuchen, welche Farbe die Larven haben sollen", erzählt er, und ich stelle fest, wie nah das Computerspiel an der Realität ist. Auch dort wählt man zwischen roten, blauen, gelben und grünen Larven.

Am Haken einer kleinen, gelben Angel befestigt, überlassen wir das rote Krabbelvieh seinem Schicksal und schicken es vier bis fünf Meter in die Tiefe. Dann beginnen wir mit der Bewegung, die zu Hause die rechte Hand an der Maus ausgeführt hat: die Angel in regelmäßigen Abständen ein Stück hochziehen und wieder runterlassen. "In dieser Gegend leben vor allem Barsche. Die Bewegung der Larve löst ihren Jagdinstinkt aus und lässt sie zuschnappen." Ich will wissen, wie wahrscheinlich es ist, dass wir einen Fisch erwischen. "Ehrlich gesagt sind die Chancen an einem kalten, sonnigen Tag im aufkommenden Frühjahr größer als Anfang Januar", sagt Antti. Aber es komme beim Hobbyeisangeln eh nicht darauf an, ob was anbeißt oder nicht. "Es geht darum, für ein paar Stunden Urlaub zu machen, raus in die Natur zu fahren, warmen Tee – oder auch mal Rum – mit einem guten Freund zu trinken. Und darum, die Ruhe hier draußen zu genießen."

Kalter Wind haucht ins Ohr, ab und zu knarzt das Eis

Dann, zum ersten Mal an diesem Tag, sprechen wir nicht miteinander. Wir sitzen einfach auf unseren Rucksackhockern, jeder vor seinem Eisloch. Der rechte Arm macht die bekannte Bewegung, der Rest macht nichts. Ich horche. Es ist tatsächlich fast mucksmäuschenstill. Der kalte Wind haucht einem manchmal ins Ohr, ab und zu knarzt das Eis. Aber ansonsten: nichts. Absolute Stille. Wie schön.

Antti gießt Tee in einen Pappbecher und reicht ihn herüber. Ich nicke zum Dank und zeige auf undefinierbare Konstrukte, die ich weiter hinten auf dem Eis entdeckt habe. Äste, die aus dem Eis ragen, drum herum orangefarbene Leinen – mehr erkenne ich nicht. "Das sind Lochmarkierungen von den echten Profis", sagt Antti. "Von denen, die das ganze nicht nur als Hobby betreiben."

Professionelle Eisfischer bedienen sich anderer Methoden und Werkzeuge, da sie für ihre Arbeit teils viel größere Löcher benötigen. Da kommt auch schon mal die Kettensäge zum Einsatz, um anschließend mit weiterem Werkzeug ein Fischernetz unter der Eisfläche zu verlegen und das andere Ende an einem zweiten Loch wieder an der Wasseroberfläche zu befestigen. Anschließend gehen sie nach Hause und checken nach einem oder sogar erst mehreren Tagen das Resultat.

Es tut sich etwas: ein Ruckeln an der Angelrute

Bei uns tut sich was: An meiner Angelrute wird gezogen. Ein unkontrolliertes Zucken. Ich löse die Sicherung der Angel und beginne, die Schnur aufzurollen. Hoffentlich ist der Fisch nicht so groß, dass er nicht durch das Loch passt, denke ich kurz. Dann kommen der Blinker und eine halbe Larve am Haken zum Vorschein. "Da war einer dran", stellt Antti fest. "Aber er ist offenbar nochmal davon gekommen."

Wir zucken mit den Schultern, spießen eine neue Fliegenlarve auf den Haken, und das Spiel beginnt von vorne. Schließlich haben wir – im Gegensatz zu den PC-Männchen – den ganzen Tag Zeit. "Möchtest du noch Tee?", fragt Antti. "Sehr gerne", sage ich und reiche ihm meinen Pappbecher. Dann schauen wir wieder hinaus auf die weiße Ostsee – und hören schweigend der Ruhe zu. 

INFO: 

Als lokales Tourunternehmen bietet Go Arctic! zahlreiche Winteraktivitäten in und um Oulu an und stattet seine Gäste auch mit dem nötigen Winterequipment aus: www.goarctic.fi.

Autor

Christoph Pfaff