Karelien Ein Kloster mit trauriger Geschichte

Abends, wenn wieder Stille einkehrt im Kloster, schleichen die Mönche von Uusi Valamo über Moos und Rentierflechten den schmalen Pfad am Ufer entlang. Sie kichern und flüstern hinter vorgehaltener Hand, sie dürfen den Abt nicht wecken und die Sommergäste, die im Hotel unter Schlafmasken dämmern. Ihr Tag war lang. Nach dem Morgengebet um 6 Uhr kamen die ersten Busse. Die Mönche führten durch die Werkstatt der Ikonenmaler, die Bibliothek, die Weinkellerei. In der Kirche trugen sie Kutten und hohe, schleierverzierte Hüte, hielten Mittags- und Abendgottesdienst, sangen Psalmen und Choräle. Jetzt haben sie Feierabend, und Feierabend in Finnlands einzigem orthodoxen Männerkloster heißt: saunen und tratschen am See. Alle halbe Stunde rennen sie nackt und dampfend aus dem Holzhäuschen mit dem Bullerofen, hüpfen ins moorige Wasser, wickeln Badetücher um die Hüften und kreischen und fuchteln herum - weil sie nicht mal perkele, den Teufel, so sehr fürchten wie Bienen und Bremsen.

Gegen Mitternacht sitzen sie am Lagerfeuer. Die Sonne hinterlässt rötliche Streifen am Horizont, langsam wird es dunkler. Juha, der schöne Diakon 29 Jahre alt, schnippt Zigaretten in die Glut, schickt einen Segen hinterher, grinst. Er lästert über die "Schwesternschaft", seine Klosterbrüder, von denen die meisten homosexuell seien und - wie er - keinen Hehl daraus machen. Mönch Antipa, 28, flachsblonder Pferdeschwanz, am Kinn ein spärliches Bärtchen, grillt Würstchen. Sein Mönchsname ist griechisch, eigentlich heißt er Andrej und kam vor drei Jahren aus Russisch-Karelien. Seine Brüder nennen ihn "Antipasti", "Vater Vorspeise".

Nora, die Küchenhilfe, denkt an ihren Verlobten. Er starb vor ein paar Monaten, sein Herz war krank. Seine Familie verstieß Nora, zur Beerdigung durfte sie nicht. Sie sehnte sich nach einem Ort, an dem sie trauern konnte und neuen Lebensmut schöpfen. Der Abt gab ihr Arbeit und eine Zelle. Sie sagt, einen besseren Ort als diesen hätte sie nicht finden können. Bis zum Morgengrauen lauscht man den hohen, hellen Stimmen der Mönche, ihrer Mundart, Karelisch, die weich wie Finnisch klingt und einen harten, russischen Einschlag hat. Sie sind so anders, als man erwartet hatte, temperamentvoll wie Neapolitaner, weltoffen, vergnügt und gar nicht asketisch. Ihre Geschichten aber klingen traurig. Sie handeln von ihrer Heimat Karelien, diesem urwüchsigen Grenzland voller Wälder, Bären und Seen, das Jahrhunderte lang Zankapfel war zwischen Schweden im Westen und Russland im Osten. Sie handeln von Verlust und Vertreibung und dem Glauben an Gott, der Völker verbindet, auch die zerrissenen. Die Mönche lachen viel, manchmal weinen sie auch. Damit man versteht, warum das so ist, klappt Juha sein Handy auf, schreibt Namen und Nummern von Freunden auf einen Zettel und wünscht gute Reise.

Nachts hörte man Kanonendonner

Die Reise durchs Land der Mönche beginnt an einer Tankstelle, ein paar Kilometer östlich. Rauno und Tyynne, ein altes Ehepaar, sitzen auf der Veranda ihres Hauses, das früher mal Gasthaus und Post war. Tyynne hat Piroggen gebacken, mit Milchreis gefüllte Fladen, eine karelische Nationalspeise. Sie bestreicht sie mit Eierbutter, und Rauno, Sommersprossen, rotes Haar, erzählt von seinen Freunden, den Mönchen, und manchmal laufen auch ihm Tränen übers Gesicht, und er tröstet sich mit ein paar Gläsern Beerenwein. Es war im Winter 1939, sagt Rauno.

25 Kilometer von hier verlief die Front, nachts hörten sie Kanonendonner, immer mehr Flüchtlinge bettelten um Unterschlupf und eine Mahlzeit. Dann kamen 200 Mönche aus dem Kloster Walaam, im 14. Jahrhundert auf einer Insel im Ladogasee gegründet. Rauno setzte sich auf seinen Kutschbock und brachte Pakete, die man ihnen aus aller Welt geschickt hatte. Brüderlich teilten sie Speck, Butter, Trockenfisch und wärmende Felle. In nur einer Nacht waren die Mönche vor der Roten Armee geflohen. Trotz Nichtangriffspakt hatte Stalin das Land überfallen, und Finnland musste drei Viertel Kareliens, darunter die Hauptstadt Wyborg, abtreten. Die Mönche wollten nicht sowjetisch werden, heimlich fuhren finnische Soldaten sie in Lastwagen über den zugefrorenen See. In Kisten versteckt hatten sie Kandelaber, golddurchwirkte Gewänder und mehrere Tausend Ikonen. Nach dem Winterkrieg versuchte Finnland, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern, die Kämpfe dauerten bis 1944, Zehntausende starben auf beiden Seiten, fast eine halbe Million Karelier mussten in Sicherheit gebracht werden.

Nach ihrer Flucht bezogen die Mönche den kleinen Gutshof am See, einst Sommersitz des Brandmeisters der Eremitage von St. Petersburg. Sie gründeten Uusi Valamo, Neu-Walaam, das geistige Zentrum der orthodoxen Diaspora. Rauno sagt, er habe oft daneben gestanden, als sie ihre Schätze in die ehemalige Scheune hängten, einen Bollerofen aufstellten und einen langen Tisch - ihre Exilkapelle samt Refektorium für viele Jahre. 1977 bauten sie eine zweite Kirche, ein Hotel mit 110 Zimmern, Restaurant, Souvenirshop. Heute sind sie zu elft und leben vom Tourismus. Die karelischen Nonnen hatten weniger Glück. Weil sie an eine baldige Rückkehr glaubten, flohen sie mit nichts außer ein wenig Geschirr. Später zogen sie in die Nähe der Mönche, ins bescheidenere Kloster Lintula auf der anderen Seite des Sees. Sie sind nur noch 14, im Winter ziehen sie Kerzen aus Bienenwachs, im Sommer kommen ein paar Pilger.

In Russisch-Karelien herrscht die Mafia, Kriminalität und Armut

Es war eine schlimme Zeit damals, sagt Rauno, die Teilung Kareliens sei bis heute Trauma seines Volkes. "Wie wir damals überlebten? Wir haben weiter Piroggen gebacken, ein wenig geweint", sagt er und weint ein wenig, "und am nächsten Tag neuen Teig geknetet." Jetzt sei drüben alles hinüber. In Russisch-Karelien herrsche Kriminalität, Drogenmafia, Armut. "Reisen Sie rüber", sagt Rauno."Wir bleiben hier, denn wir wollen den schlafenden russischen Bären nicht unnötig wecken."

Der einzige Bus nach Sortawala fährt von Joensuu. An Bord fünf Russinnen, sie sind mit Finnen verheiratet oder haben einen Aushilfsjob, zu ihren Füßen Plastiktüten mit Geschenken für die Familie. Anderthalb Stunden dauert die Fahrt bis zur Grenze, dann steigen Soldaten zu, kontrollieren, bellen in Walkie-Talkies, lassen grußlos passieren. Plötzlich sind die Straßen voller Schlaglöcher, auch hier sind die Wälder dicht und verwunschen, die Holzhäuser mit den karelischen Schnitzereien verziert - und doch wirkt alles vergessen und verwahrlost.

Einst war Sortawala eine blühende Hafenstadt am Ladogasee. Von hier aus ruderten junge Karelier nach Walaam, zur Wallfahrt an Ostern oder zum Beten in die Einsiedeleien, kurz bevor sie sich vermählten. Heute tauschen Männer in löchrigen Unterhemden Euro gegen Rubelscheine und verkaufen Wodka und Nippes made in China. Sie hocken vor Plattenbausiedlungen, an den Häuserwänden prangen vergilbte Mosaike, "Fortschritt" steht drauf, und Arbeiter schwenken rote Fahnen. Kaum einer von ihnen spricht noch Karelisch, viele kamen aus Straflagern und wurden in den fünfziger Jahren zwangsangesiedelt. Am Ufer des Sees raffen orthodoxe Pilger ihre Gebetsumhänge und besteigen ein Schnellboot.

Mächtig erhebt sich die Kirche mit den himmelblauen Zwiebeltürmen in der Mitte der Insel. Man kann die alte Pracht nur erahnen, 50 Jahre lang ließen die Kommunisten das Kloster verrotten, erst 1989 wurde es russischen Mönchen zurückgegeben. Mit den finnischen Brüdern bestand all die Jahre kaum Kontakt. Längst haben sich die Finnisch-Orthodoxen liturgisch und kirchenrechtlich von den Russen getrennt. "Für die sind wir Ketzer", sagt der Abt aus Uusi Valamo, "viel zu liberal." Im Sommer 2005 reiste er trotzdem her. Gemeinsam feierten sie die Heilige Liturgie, ein erster Schritt der Annäherung. Die Rückfahrt durch Finnland, die Via Karelia entlang, versöhnt mit russischer Tristesse. Durch Fichten- und Birkenwälder blitzt die Sonne, lila Lupinen und bunt angemalte Briefkästen säumen den Straßenrand. Gegenüber der Kirche des heiligen Elias in Ilomantsi wartet Pfarrer Rauno Pietarinen.

Sein Haus hat eine große Eingangshalle, einmal die Woche speist er hier Arme und Alkoholiker. Pietarinen, 50, ist Vater von sechs Kindern, auch er wirkt wie ein Neapolitaner unter den Finnen. "Wir sind halt sehr emotional. Wir lachen trotz Tragik, sind dankbar für das, was uns geblieben ist, und besinnen uns auf unsere Wurzeln - Glaube und Tradition. Wie kann man Kultur bewahren, wenn man nicht mal die eigene kennt?", fragt er und schickt uns zu Tochter Martta ins Museumsdorf.

Unterschriften für die Rückgabe Kareliens

Martta, 18, trägt Tracht, weißes Pluderhemd, darüber ein Schürzenkleid. Sie zupft an den Saiten der Kantele, einer Art finnischer Zither, von Touristen bekommt sie dafür ein paar Euro. Neben ihr sitzt Saimi Talvivaara, eine Frau Mitte 60, ihre Stimme klingt tief und geheimnisvoll. Saimi singt die alten Sagen der Karelier, sie ist eine Runensängerin, auch sie hat damals ihre Heimat verloren. Olipa kerran, es war einmal, so beginnen ihre Geschichten, für Saimi sind sie Trost und Erinnerung. Sie handeln von der Tochter der Luft. Eine Taucherente legt Eier in ihren Schoß, als sie zerbrechen, entstehen Erde, Himmel, Sonne, Mond und Wolken. Ihr Sohn wird gezeugt von Wind und Wasser. Es ist Väinämöinen, der zauberwissende Held des Nordlands.

Mitte des 19. Jahrhunderts hat Elias Lönnrot diese Geschichten zu Papier gebracht. 15 Jahre lang war er durch die Liederdörfer bis ans Weiße Meer gereist und hatte sich die Volkssagen erzählen lassen. "Kalevala" nannte er sein Werk, es hat weit über 20.000 Verse und gilt heute als finnisches Nationalepos, berühmt wie das Nibelungenlied. Saimi wechselt jetzt die Stimme, spricht wieder Finnisch und zieht ein Foto aus der Handtasche. Da steht sie im Unkraut zwischen Mauerresten und lächelt tapfer. "Hier war damals unsere Küche", sagt sie, "hier brachte mich Mutter zur Welt und lehrte uns das Runensingen." Das Foto entstand Anfang der neunziger Jahre. Nach mehr als 50 Jahren war Saimi in ihr altes Dorf gereist. Es war geplündert worden und abgebrannt. Saimi sagt, sie wolle nie mehr zurück, trotz der Sehnsucht, die zu meistern ihr selten gelingt. Neulich sammelte eine Bürgerinitiative Unterschriften für die Rückgabe Kareliens. Saimi unterschrieb nicht. "Wir wollen Karelien nicht wiederhaben. Nicht einmal leer, ohne Russen. Wie könnten wir all das zum Blühen bringen, was sie zerstört haben - und vor allem, wer soll das bezahlen?"

Die Via Karelia führt weiter Richtung Norden, vorbei an verrosteten Kanonen und Schützengräben zum östlichsten Punkt im Norden der Europäischen Union. Die Grenze ist nah, doch man sieht sie nicht, keinen Stacheldraht, keinen Wachturm. Nur zwei Grenzpfähle in einem See, einer blau-weiß gestreift, der andere grünrot. Für viele Finnen ist hier das Ende der Welt, Grund für Arbeitslosigkeit, Landflucht, Schwermut. Reisende aber wähnen sich an ihrem Anfang. Sie durchwandern die menschenleere Wildnis, begreifen, was Stille ist, fühlen sich frei. Nur ab und zu, da steht ein Schild mitten im Nichts. Eine erhobene Hand ist abgebildet, "seis", "stopp", steht darauf und "Eintritt verboten".

Heute stehen Bären unter Schutz

Nördlich vom Patvinsuo-Nationalpark schlängelt sich ein schmaler Waldweg, 133 Kilometer lang. Man nennt ihn Karhunpolku, den Bärenpfadt. Er führt über Sümpfe, Hügel, vorbei an torfigen Seen. Manchmal kommt ein Beerensammler des Weges oder ein Wanderer mit Fotoausrüstung. Ein Bär kommt nicht. Auf einer Lichtung aber, zwischen Obstbäumen und Pferdewiesen, sitzt Väinö Heikkinen im Schaukelstuhl am Fenster seiner Hütte. Früher war er Bärenjäger. Jetzt ist er klapprig, 81 Jahre alt, und hat sich den Wald ins Haus geholt.An der Wand eine Uhr aus dem Gebiss eines Elchs, weiße Knöchelchen sind die Zeiger. Daneben ausgestopfte Biber, Wölfe, Elche und ein Braunbär, rote Schnauze, die krummen Krallen dick wie Bleistifte. 36 Bären habe er erlegt, "sowie ein paar Russen während des Winterkriegs", sagt Väinö und zeigt auf sein Soldatengewehr. Weil sie zu dicht an die Häuser kamen und Vieh und Hühner rissen, bekam er für jeden erlegten Bären 6000 Finnmark.

Heute stehen Bären unter Schutz, und Väinö selbst ist die Attraktion. Im Sommer besuchen ihn Schulklassen und fragen ihn Löcher in den Bauch. "Bären kennen keine Grenze", sagt er, "es sind noch gut 100. Sie wandern hin und her. Im Winter kommen sie rüber, im Sommer ziehen sie nach Russland, dort ist es noch einsamer." Zurück nach Lieksa am Pielinensee. Eine Fähre setzt über zum Berg Koli, 347 Meter hoch, Finnlands berühmtester Aussichtspunkt. Von sanft geschwungenen Felskuppen geht der Blick hinunter über den See, ein blauer Teppich mit grünen Tupfern. Seit Jahrhunderten lassen sich Künstler von der Mystik dieses erhabenen Ortes inspirieren.

Jean Sibelius, so geht ein modernes Märchen, habe seinen Flügel hinauftragen lassen, er war auf Hochzeitsreise und spielte seiner Braut Improvisiertes. Am nächsten Tag ist Mittsommernacht, die Sehnsucht nach Weltlichem wächst, und vielleicht soll es so sein: Die Reise durch Karelien beginnt in Uusi Valamo, und sie endet hier. In der längsten Nacht des Jahres ist das Kloster ausgebucht und der Parkplatz voller Busse. Abt Sergei, 40, empfängt in der Wohnstube unter Ölbildern seiner Vorgänger, seine Haushälterin bringt Heidelbeerkuchen. Gott, sagt er, habe ihn auf eine harte Probe gestellt. Damals, als er Novize war und man ihm den Posten an der Hotelrezeption zuwies.

Fünf Jahre lang checkte er Gäste ein, verkaufte Souvenirs, hatte Stress und litt sehr, denn er suchte nach Stille und Abgescheidenheit. "Bis Gott mir half, unsere Gäste wie Gäste Gottes zu behandeln. Denn wer weiß, vielleicht ist auch mal ein Engel unter ihnen." Abends, zum Vespergottesdienst steht der schöne Juha am Altar, singt Herra, armahda, Herr, erbarme dich unser, kniet nieder, bekreuzigt sich und küsst die "Wundertätige Ikone". Es ist die Maria von Konewitz, sie trägt den Heiland im Arm und lächelt milde. Dann schlüpft er aus der Kutte und schleicht mit den Mönchen zum See. Zur Feier des Tages gibt es selbstgebrautes Bier, sie tanzen ums Sonnenwendfeuer, und Antipa,Vater Vorspeise, grillt Marshmallows. Um Mitternacht räuspert sich Juha: "Liebe Schwestern, liebe Liebende - und jetzt die Nationalhymne." Sie reichen sich die Hände, singen Oi maamme, Suomi, synnyinmaa, Oh Heimat, Heimat, unser Land, sind gerührt und wischen sich Tränen aus den Augen. "Kommen Sie im Winter wieder", sagen sie zum Abschied. "Dann wird Schnee liegen, die Sonne geht unter zur Mittagszeit, und wir werden wieder stiller sein."

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Fiona Ehlers