Interview mit Dr. Christine Wehrhahn Fliegende Ärzte

MERIAN.de: Frau Dr. Wehrhahn, hat Ihr Alltag eigentlich viel mit TV-Action zu tun? Ich erinnere mich an die australische Serie "Die fliegenden Ärzte" oder "Flying Doctors" ...

Dr. Christine Wehrhahn: Ja, natürlich geht es bei uns manchmal turbulent zu. Bei so großen Katastrophen wie dem Tsunami in Thailand zum Beispiel waren wir auch im Einsatz. Im Sommer 2006 retteten wir während der WM-Ausstrahlung drei große Reisegruppen, die in Litauen und Weißrussland mit Bussen unterwegs waren.

MERIAN.de: So viele auf einmal, was ist passiert?

Wehrhahn: Die Reisegruppen hatten in einem Hotel eine russische Spezialität gegessen - Eier, die drei Jahre eingelagert waren. Das Ergebnis war eine Salmonellen-Infektion. Das Tragisch-komische daran: Alle fanden den Geschmack schon beim Essen seltsam, aßen aber dennoch brav ihre Teller leer, weil die nette Reiseleiterin ihnen vorher eingebläut hatte, dass es unhöflich wäre, etwas stehen zu lassen. Leider verfügte das Krankenhaus in Vilnius nur über eine Infektionsstation, die lediglich für zehn Patienten ausgelegt war. Die Erstversorgung lief deswegen zunächst nach dem Rotationsprinzip. Nach drei Tagen haben wir ein Flugzeug mit medizinischer Ausrüstung gechartert und alle in ein Krankenhaus nach Dresden geflogen.

MERIAN.de: Gerade ist Skisaison. Da muss ja bei Ihnen auch einiges los sein. Holen Sie einen Skifahrer mit einem gebrochenen Bein auch direkt von der Piste in den Hubschrauber?

Wehrhahn: Nein, wir fischen auch verletzte Patienten nicht direkt aus dem Pazifischen Ozean. Das sind sogenannte Primärtransporte. Unsere Arbeit müssen Sie sich ganz anders vorstellen. Wir organisieren im Schwerpunkt Krankentransporte über längere Distanzen mit speziellen Ambulanzjets, aber auch mit ganz normalen Linienflugzeugen und Charterflügen.

MERIAN.de: Linienmaschinen? Sitzt man dann etwa als leidender Patient mitten unter den Zeitung lesenden Passagieren?

Wehrhahn: Ja, Patienten mit einer Verletzung am Bein oder an der Wirbelsäule transportieren wir durchaus in der Business-Class mit hoch gelagerten Beinen oder auf einem sogenannten Stretcher, einer Liege oder in der First-Class. Für Patienten mit schweren Verletzungen bietet zum Beispiel die Lufthansa in der Boeing 747 oder im Airbus 340 auch eine eigene Transport-Kabine an. Von außen mutet sie wie eine Bordtoilette an. Innen befindet sich eine Art fliegende Intensivstation mit einem Bett, zwei Beatmungsgeräten, Monitoren und einem Notfall- Schrank mit allen entsprechenden Medikamenten.

MERIAN.de: Ist solch ein Flug nicht eine enorme Belastung?

Wehrhahn: Unser Organismus muss sich während des Fliegens mit mehreren Veränderungen auseinandersetzen. Da der Luftdruck niedriger ist als am Boden, schwellen die Beine an, innere Organe wie die Leber, die Milz und vor allem das Gehirn dehnen sich aus. Das ist problematisch bei Patienten, die zum Beispiel eine Gehirnerschütterung, eine Blutung oder einen Schlaganfall hatten. Zudem ist die Luft extrem trocken, was eine erhöhte Thrombosegefahr bewirkt, auch die Schleimhäute und die Lunge können stark austrocknen.

MERIAN.de: Das hört sich nicht ungefährlich an …

Wehrhahn: Ein Flugzeug ist kein fliegender Teppich. Man kann nicht jeden Patienten einfach so von A nach B transportieren. Es hängt stark von der Erkrankung oder Verletzung ab, ob man es verantworten kann, einen Patienten Belastungen wie den Schwerkräften bei Start- und Landung oder den Druckunterschieden auszusetzen. Wir haben es leider oft mit Patienten zu tun, die nicht einsehen, warum sie nicht einen Tag nach der OP nach Hause fliegen können.

Das lebende Waffenarsenal

MERIAN.de: Wahrscheinlich weil diese vielleicht mutterseelenallein in einem einfachen Tropen-Krankenhaus liegen, in dem zudem niemand ihre Sprache spricht …

Wehrhahn: Natürlich sind wir uns darüber im Klaren, dass ein einfaches Krankenhaus in Asien oder Afrika unter den medizinischen Möglichkeiten in Deutschland liegt, aber wir müssen immer im Rahmen einer Risikoabwägung entscheiden. Einen Herzinfarktpatienten kann ich in keinem Fall vor dem siebten Tag auf einer Langstrecke transportieren. Und mit einer eventuell blutenden Milz fliege ich nicht zwölf Stunden durch die Gegend, da ich im Flugzeug keine Bluttransfusion und keine OP machen kann. Unser oberstes Gebot als Arzt ist: Wir dürfen keinen Schaden zufügen, auch nicht durch einen Transport.

MERIAN.de: Stecken Sie in einem Dilemma, wenn ein langer Transport für den Patienten aus medizinischen Gründen zu gefährlich ist und das Krankenhaus andererseits für eine Behandlung nicht gut genug ausgestattet ist?

Wehrhahn: Nein, wenn die Lage wirklich ernst ist, fliegen wir unseren Patienten mit einem Ambulanzjet in das nächstmögliche bessere Krankenhaus und nehmen unter Umständen auch ein höheres Transportrisiko in Kauf. In der Karibik fliegen wir die Patienten meist nach Miami, in Südostasien nach Bangkok oder Singapur. In Extremsituationen kann man in einem Ambulanzflieger sogar die Druckverhältnisse justieren, um die Belastung für den Organismus zu verringern. Für so einen Flug braucht man allerdings wesentlich mehr Sprit, das bedeutet auch häufigere Zwischenlandungen und verlängerte Flugzeiten. Das würde dann bei einem Transport von den USA nach Deutschland keinen Sinn machen.

MERIAN.de: Sie sprechen von Risikoabwägung beim Transport: Haben Sie manchmal Angst die falsche Entscheidung zu treffen?

Wehrhahn: Wir treffen sämtliche Entscheidungen im Vieraugenprinzip, nach dem Motto: Vier sehen mehr als zwei. Derzeit machen wir pro Jahr etwa 1000 Linientransporte und zusätzlich noch 200 Ambulanzflüge und hatten während eines Fluges bisher zum Glück noch nie Komplikationen.

MERIAN.de: Worauf achten Sie am meisten beim Flugzeugtransport eines Kranken?

Wehrhahn: Ich versuche zu jedem Patienten ein persönliches Verhältnis aufzubauen. Denn es ist sehr wichtig, dass der Patient ruhig ist. Natürlich kann ich einen Patienten auch mit starken Beruhigungsmitteln zudröhnen, aber je weniger er mit mir spricht, desto höher ist die Gefahr, dass er einen instabilen Blutdruck hat, das Herz zu langsam schlägt oder dass er nicht genug atmet.

MERIAN.de: Gibt es am Flughafen eigentlich einen gesonderten Bereich für medizinische Transporte?

Wehrhahn: Das wird leider unterschiedlich gehandhabt. In Deutschland gibt es eine gesonderte Kontrolle. In Südamerika gibt es auch extra Abfertigungen. In den USA hingegen müssen Patienten vor den Augen aller durch die ganz normalen Sicherheitskontrollen. In dieser Situation schwitze ich immer Blut und Wasser. Die Beatmungsschläuche meines Patienten werden von medizinisch ungeschultem Personal abgenommen und untersucht, er wird alleine durch die Röntgenschranke gefahren. Seit den Anschlägen vom 11. September hat sich die Kontrolle extrem verschärft. Für die Flughafen-Security bin ich ein lebendes Waffenarsenal. Mein ganzes Arztgepäck - inklusive Spritzen, Scheren, Stethoskop, Infusionsflüssigkeit - wird unter die Lupe genommen, manchmal muss ich die einzelnen Geräte auch erklären, während der Patient in der Aufsicht eines unter Umständen nicht qualifizierten Flughafensanitäters auf mich warten muss.

Krankentransport auf dem Lama

MERIAN.de: Sind Sie als Flugärztin nur für die Betreuung während des Transports zuständig?

Wehrhahn: Nein, es geht nicht nur darum, dass ich einfach ins Flugzeug einsteige und Händchen halte - der Rücktransport ist schon ein komplexeres Thema. Vor der Rückführung steht erst einmal Recherche und schnelle Organisation. Wir lassen uns Bilder und Befunde vom erstbehandelnden Krankenhaus im Ausland schicken, stehen in telefonischen Kontakt zu dem Patienten oder seinen Angehörigen, wir sprechen in Deutschland mit den Hausärzten, um alles über Vorerkrankungen oder Vormedikation zu erfahren. Wenn wir uns in der Diagnose nicht sicher sind, haben wir Berater in Deutschland, zum Beispiel im Traumazentrum in Hannover.

MERIAN.de: Wie funktioniert die Abwicklung bei ihnen konkret?

Wehrhahn: Wir haben eine große Notrufzentrale, die 24-Stunden im Schichtdienst besetzt ist. Jeder Notfall wird innerhalb von Minuten an den ärztlichen Koordinator weitergeleitet. Manchmal muss es sehr schnell gehen…

Merian.de: Zum Beispiel?

Wehrhahn: Ein Mann ist irgendwo in Nepal auf dem Weg zum Himalaya, plötzlich ruft seine Frau an und sagt, er sei gerade ohnmächtig geworden. In so einem dringenden Fall setzen wir sofort unseren Korrespondenten in Nepal ein, der eine Primärrettung zum nächsten Krankenhaus veranlasst. Manchmal lassen wir die Patienten auch auf Kamelen oder Lamas transportieren, weil im Hochgebirge nicht einmal mehr der Hubschrauber ab einer gewissen Höhe fliegen kann.

Merian.de: Klingt so, als ob man für diesen Beruf auch eine gewisse Fantasie braucht ...

Wehrhahn: Zweifelsohne muss man auch mal improvisieren können. Dazu muss man die Lokalitäten kennen, mit guten Korrespondenten in den jeweiligen Ländern zusammenarbeiten, flexibel sein und sich über politische Veränderungen auf dem Laufenden halten. Unser Arbeitsprofil unterscheidet sich vom Rettungswesen in Deutschland. Da rufe ich die 112 und innerhalb von drei Minuten ist der Notarzt da. So einfach ist unser Job nicht.

MERIAN.de: Wie oft haben Sie es mit Extremfällen zu tun?

Wehrhahn: Im Durchschnitt haben wir einen Extremfall pro Monat. Zuletzt betreuten wir eine Dame mit einem zerfetzten Bein auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik. Sie war bei einem Tauchgang unter die Schiffsschraube eines vorbeifahrenden Motorboots geraten. Da muss man schnell agieren, die Schiffe sind natürlich medizinisch für einen solchen Notfall nicht so gut gerüstet wie Krankenhäuser.

MERIAN.de: Ist die Geschichte gut ausgegangen?

Wehrhahn: Das Bein wurde wahrscheinlich gerettet. Wir haben sie mit einem Schnellboot und einem Ambulanzjet in das Jackson Memorial nach Miami bringen lassen. Mittlerweile wurde sie von uns in ein deutsches Krankenhaus mit plastischer Chirurgie transportiert. In Deutschland findet in der Regel nach einer guten Versorgung im Ausland das Feintuning statt.

MERIAN.de: Gibt es auch länderspezifische oder kulturelle Eigenheiten im Erstversorgungsland, auf die man unterschiedlich reagieren muss?

Wehrhahn: Sehr oft. Ein asiatischer Arzt würde zum Beispiel nie nein sagen. Wenn ich ihn am Telefon frage: Können Sie morgen eine Computertomografie machen, antwortet er "Machen wir!". Obwohl vielleicht weit und breit kein CT zur Verfügung steht. Dann sage ich aber nicht: "Wissen Sie was, Sie lügen mich an." Dann würde er sein Gesicht verlieren. Ich sage: "Wie wäre es denn, wenn wir den Patienten sobald als möglich abholen?" Man muss sich schon auch mit der Mentalität auskennen und den diagnostischen Möglichkeiten der Krankenhäuser weltweit. Auch die Möglichkeiten in der Pflege sind von Land zu Land unterschiedlich.

MERIAN.de: Wie meinen Sie das?

Wehrhahn: Im Ausland ist es nicht selbstverständlich, dass ein Patient im Krankenhaus gepflegt wird. In Italien beispielsweise übernimmt die Familie die Pflege, konkret das Füttern oder Waschen. Manchmal scheitert die Betreuung auch an physischen Faktoren. In Asien brauchen die Krankenhäuser fünf Krankenschwestern um einen 150 Kilogramm schweren deutschen Patienten umzulagern. Deshalb wird das nur einmal am Tag gemacht. In Deutschland wird er vorschriftsmäßig alle zwei Stunden umgelagert.

Kreative Buschkrankenhäuser

MERIAN.de: Sind eigentlich die Krankenhäuser in geringer besiedelten Regionen prinzipiell weniger vertrauenswürdig?

Wehrhahn: Da kann man nicht alles über einen Kamm scheren. In einfachen afrikanischen Buschkrankenhäusern ist die Notfall-Medizin manchmal kreativer als in deutschen Krankenhäusern. Bei Malaria gibt zum Beispiel einen einfachen Test, der "dicker Tropfen" heißt. Ein Tropfen Blut wird untersucht und der Arzt sieht sofort die Malariaerreger. In diesem Fall kann man sich auf die Primärversorgung verlassen, bis wir den Patienten verlegen.

MERIAN.de: Was kostet so ein Transport, zum Beispiel aus Asien?

Wehrhahn: Ein Ambulanzjet aus Thailand würde etwa 120.000 Euro kosten. Ein Transport in einer Krankenkabine im Linienflieger kostet nur die Hälfte. Deswegen versuchen wir, möglichst viele Patienten darüber zu transportieren. Wir sind zwar unabhängige Ärzte, müssen aber auch die Wirtschaftlichkeit im Auge behalten.

MERIAN.de: Dürfen Angehörige mit zurück nach Deutschland fliegen?

Wehrhahn: Das kommt darauf an, wie der Patient transportiert wird. Im Ambulanzjet können Angehörige meist aus Platzgründen nicht mitfliegen, in der Patientenkabine im Linienflieger kann ein Angehöriger immer mitfliegen. Kinder dürfen in der Regel natürlich auch mit.

MERIAN.de: Zahlt die Auslandskrankenversicherung immer den Transport?

Wehrhahn: Es gibt in den Versicherungen zwei Formulierungen: "medizinisch sinnvoll" und "medizinisch notwendig". Darauf sollte man achten. Notwendig bedeutet, dass man nur dann rücktransportiert wird, wenn die Versorgung im Ausland so schlecht ist, dass sie weit unter dem deutschen Standard zurück bleibt. Wenn man eine kleinere Verletzung hat und im Ausland behandelt werden kann, weil man nur den Gips braucht, dann muss man den Transport selbst bezahlen.

MERIAN.de: Viele Leute denken ja, sie seien über ihre örtliche Krankenkasse auch im Ausland abgesichert ...

Wehrhahn: Ja, das gilt - in eingeschränktem Rahmen - für die Länder Europas, aber eben nicht darüber hinaus. Wir haben schon Notfälle erlebt, in denen Reisende nicht versichert waren und sich die Kosten für Behandlung, Aufenthalt und Transport selbst nicht leisten konnten. Da muss sich manchmal am Ende die Deutsche Botschaft einschalten und die meistens sehr teure Rechnung begleichen. Deutschland ist vergleichsweise ein Billiglohnland, was Medizin betrifft.

MERIAN.de: Bei all Ihren Erlebnissen im Ausland - fahren Sie privat überhaupt noch in Urlaub?

Wehrhahn: Ich persönlich überlege mir zum Beispiel schon, wo ich in den Winterurlaub hinfahre. Ich würde nicht nach Weißrussland oder in die rumänischen Karpaten fahren. Die Versorgung in Innsbruck ist schon eine andere als in Rumänien.

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Autor:
Bettina Hensel