Wales Stadtrundgang durch Cardiff

Die roten Drachen haben die Stadt eingenommen. Sie schieben sich Fahnen schwenkend durch die Fußgängerzone;besetzen die Pubs, belagern die Straßencafés. We have been exploited, raped, controlled and punished by the English and that’s who you’re playing this afternoon, steht auf dem Sweatshirt eines Fans, der seinen roten Drachen auf den Wangen trägt. Krieg? Nein, Rugby!

Der Nationalsport der Waliser. Und heute ist das Auftaktspiel des Six Nations-Turniers. Heute kämpfen die Drachen gegen England. Gegen den alten Erzfeind. Die Masse drängelt, lacht, trinkt und wälzt sich hoch über die Eingangsschneise ins Millennium Stadium. Die Arena ist bis auf den letzten Platz besetzt. Über 74.000 Zuschauer. Ein Menschenmeer in grün und weiß mit roten Drachen auf Jacken, Schals und Mützen.

Chips zur Linken, Bier zur Rechten sitzen sie jetzt, während unten auf dem Rasen ein ältlicher Chor in Schwarz plus Dirigent auftritt, dem als Pult eine mitgebrachte Bierkiste dient. Gigantische Gasflammen zischen in den Himmel, und als dann noch "Delilah" von Tom Jones aus den Lautsprechern dröhnt, die heimliche Nationalhymne der Waliser, und alle im Stadion mitsingen, hallt ganz Cardiff davon wieder. Ein großes Gefühl von Stolz und Freude breitet sich aus.

Wenn Wales gegen England Rugby spielt, ist die Hauptstadt für ein paar Stunden zutiefst walisisch. Am nächsten Tag aber kommt sie wieder gewohnt kosmopolitisch daher, englischer, reicher. Dann wird es wieder deutlich: Cardiff ist anders als der Rest von Wales. Eine richtige Stadt, wenn auch erst seit 1905. Die erste Hauptstadt von Wales, wenn auch erst seit 1955.

Multikulti in der Queen Street 

Selbstbewusster, obwohl doch auch wieder erstaunt darüber, dass tatsächlich Touristen hierher reisen. In der Queen Street, der großen Einkaufsstraße mitten in Cardiff, wimmelt es nur so von Menschen aus aller Welt: Pakistani, Italiener, Somalier, Iren - eine internationale Stadt, ein New York en miniature, eine riesige Einkaufsstadt. Alle bummeln, essen, trinken, lachen. Schieben sich durch die supermodernen Einkaufspassagen: St. David’s Centre, Queens Arcade, Capitol Shoppingh Centre, John Lewis, St. David 2. Gleiten über Marmor, die Rolltreppen rauf und runter, vorbei an verspiegelten Ladenzeilen.

Draußen Cafés, Eisstände, Bistros, auch Jamie Oliver ist glücklich, sein Restaurant hier eröffnen zu dürfen. Fast vier Hektar groß ist allein das St. David’s Centre mit etwa 20 Millionen Besuchern jährlich, eine Million wöchentlich zur Weihnachtszeit, und es werden immer mehr. Swinging Cardiff. Was macht die Menschen so euphorisch? Um die Begeisterung zu verstehen, muss man in die Geschichte eintauchen. Es gab eine Zeit, und ältere Cardiffians konnte sich noch gut daran erinnern, als diese Stadt stank. Nach Kohle, Rauch und Asche, unerträglich.

Die gigantische Eisenhütte East Moors, nicht weit entfernt vom Zentrum, verpestete die Luft, und aus den nahen Tälern im Norden, in denen die Kohle abgebaut wurde, trieb der Wind den Staub bis zum Hafen. Noch in den sechziger Jahren war Cardiff ein Ort, in dem der Himmel selbst bei Sonnenaufgang dunkel blieb. Eine Arme-Leute-Stadt mit Pubs und Musikklubs. Die Sängerin Shirley Bassey ist für viele Cardiffians ein Symbol dieser Zeit, der sie immer noch nachtrauern. Shirley, berühmt geworden mit "Big Spender", die Tochter einer Engländerin und eines Nigerianers. Nach Cardiff kamen die Menschen schon damals von überall her, Kohle und Eisen brauchte viele Arbeiter.

Marquess of Bute machten die Stadt groß

Shirley Bassey wurde in der Bute Street geboren. Das ist jene endlos lange Straße, die auch heute vom Zentrum schnurgerade zur Cardiff Bay führt. Damals standen hier triste Arbeitersiedlungen. Die sind längst abgerissen wie die meisten Gebäude aus dieser Zeit. Aber der Name "Bute" ist immer noch überall präsent, denn richtig groß machten erst die Marquess of Bute die Stadt. Sie besaßen riesige Teile von Cardiff und der angrenzenden Täler und wurden durch ihre Kohlefunde zu einer der wohlhabendsten Familien Großbritanniens. Die Butes waren gute Ökonomen: Sie hatten nicht nur Kohle, sie wussten auch was daraus zu machen. Der 1. Marquess baute 1794 den Glamorganshire Kanal zum Abtransport der Kohle, der 2. Marquess 1839 die Hafenanlagen. Mit der Bahn kam schließlich der ganz große Erfolg.

1913 exportierte die Stadt über zehn Millionen Tonnen Kohle, war Cardiff wichtigster Kohleexporthafen der Welt. Das waren die goldenen Zeiten der Stadt. In dieser Zeit verwirklichte der 3. Marquess seinen Traum, der heute die größte Attraktion der Stadt ist: Cardiff Castle. Die Burg gab es schon vor den Butes - ihre Geschichte ist die von Bauen und Zerstören, Hinzufügen und Verändern. Als der 3. Marquess die Anlage übernahm, galt er als reichster Mann Großbritanniens. Er hatte sehr, sehr viel Geld, aber noch mehr Bildung - ein ernster, konservativer, katholischer und vor allem manischer Mittelalterfreak, der sich zusammen mit dem ebenso manischen Architekten William Burges ab 1865 hier sein walisisches Neuschwanstein inszenierte.

Cardiff Castle, zentral gelegen, ist pure Augenlust, eher Kulisse als Wohnort. Exzentrisch, eklektisch, maßlos und voller Anspielungen auf Literatur, Geschichte, Kunst. Der pleasure dome des viktorianischen Zeitalters - in Worte kann man soviel optischen Pomp nur schwer fassen. Einen ganzen Tag läuft man durch das Schloss und weiß danach immer noch nicht, ob man es lieben oder hassen soll. Heute gehört Cardiff Castle der Stadt - 1947, als die Kohle verstaatlicht wurde, das Geschäft sich nicht mehr lohnte, zogen die Butes wieder zurück nach Schottland, auf ihren Familiensitz.

Civic Centre: Relikt aus goldenen Zeiten

Auch das Civic Centre ganz in der Nähe der Burg ist noch ein Relikt der goldenen Jahre. Schon von weitem leuchtet das "Weiße Haus" der Stadt. Die imperiale, historistische Selbstdarstellung mit Justiz-, Verwaltungs-, Universitäts und Kunstgebäuden ist die helle, saubere Zuckerbäcker-Antwort auf das viele Geld, das man in dieser Zeit mit dreckig schwarzer Kohle gemacht hatte. Das Land, auf dem die Gebäude stehen, hatten die Butes der Stadt mit der Auflage verkauft, dass dort nur öffentliche Gebäude von repräsentativen Charakter errichtet werden dürften, alle aus weißem Portland-Stein. Gleich daneben steht das kunsthistorisch wichtige Museum der Stadt, das National Museum Cardiff. Highlight aber ist nicht die teure zeitgenössische Kunst von Lucian Freud, David Hockney und Rachel Whiteread, sondern die Impressionisten-Sammlung der Damen Davies, Enkelinnen des Kohlemagnaten David Davies.

Breathtaking, atemberaubend, murmelt ein Besucher. Wer vermutet schon die ganz Großen, Renoir, Pissarro, van Gogh, Cézanne, die Seerosen von Monet in Cardiff? Und so ist es auch eines der kleinen Bilder von Alfred Sisley, das besonders bezaubert: "Die Klippe bei Penarth", eine Landschaft südwestlich von Cardiff Bay. Sisley war fasziniert von dem riesigen Tidenhub, einer der höchsten der Welt. Zwölf Meter beträgt der Unterschied vor der Bucht, die sie hier immer noch Tiger Bay nennen. Die Bay ist dort, wo einst der Hafen war, die Güterwagen an Land Schlange standen, um entladen zu werden und bis zu 1000 Schiffe in der Woche abgefertigt werden konnten. Hier ist die Suche nach der Geschichte zu Ende hier beginnt das neue Cardiff: Sonne glitzert über dem See, lustige kleine Wassertaxis durchpflügen die Wellen, Segelboote zischen durch das Blau, und in der Ferne riegelt ein tausend Meter langer Staudamm die Tiger Bay zum Meer hin ab. Seebadidylle.

Wer die alten Fotos nicht kennt, kann das Wunder nicht verstehen: Der azurblaue riesige Binnensee deckt die alte stinkende Schlicklandschaft gnädig zu. Cardiff ist - wie New York, London, Kapstadt, Hamburg - ans Wasser zurückgekehrt. Etwa 278 Millionen Euro hat der Staudamm gekostet, das ganze Regenerationsprojekt des Hafens mitsamt vorgelagertem Hightech-Damm insgesamt gut 3,2 Milliarden. In den neunziger Jahren war es eines der teuersten Bauvorhaben Europas und hat den Tourismus entscheidend vorangetrieben. Cardiff ist wieder auferstanden. In den postindustriellen Unternehmen, in Verwaltungen, Versicherungen, in Callcentern und Universitäten muss sich heute keiner mehr die Hände dreckig machen.

Mermaid Quay ist an schönen Tagen voller Menschen

An schönen Tagen ist der Mermaid Quay vor der Tiger Bay voller Menschen, man amüsiert sich, sitzt in Cafés, Szenekneipen, in umgebauten Lagerhallen und hat Spaß. Am Ende des großen Platzes, der mal Hafenbecken war, steht das Millennium Centre, das Symbol dieser Erneuerung. Ein riesiger Bau wie ein Schlachtschiff aus vielfarbig schattiertem Schiefer, gekrönt von einem vorkragenden bronzefarbenen Dach, dessen Fenster als Buchstaben Worte der in Cardiff geborenen Dichterin Gwyneth Lewis zitieren, zweisprachig: Creu Gwir Fel Gwydr o Ffwrnais Awen, Wahrheit erschaffen wie Glas aus der Esse der Inspiration, und In These Stones Horizons Sing, In diesen Steinen singen Horizonte. Für so kluge und emotionale Architektur wird jeder die Cardiffians beneiden.

Montagabend, einige Tage nach dem Rugby-Spiel (Wales hatte übrigens verloren), als das Stadion wieder still wie eine Riesenauster daliegt, findet gleich dahinter im Vereinshaus des Rugby Clubs die Chorprobe des Cardiff Arms Park Male Choir statt. Der übt hier, seit die Mitglieder vor vielen Jahren beschlossen haben, dass sie nach den Matches noch zusammenbleiben wollten. An die 60 Männer sitzen auf harten Stühlen und singen, rein, stimmgewaltig von ihrem Wales. Zwei Stunden lang. Manchmal setzt einer aus, um ein Bier zu trinken, macht ein anderer einen Witz, lacht ein Dritter. Und zum Schluss rücken sie ihre Stühle nach hinten, stehen auf, genauso wie die 74.000 Tage zuvor im Rugby-Stadion, und stimmen ihre Nationalhymne an. Mae hen wlad fy nhadau yn annwyl i mi, Das alte Land meiner Väter ist mir teuer.

Autor

Charlotte von Saurma

Ausgabe

Wales 10/2012