Wales Walisische Gärten sind ein Genuss

Bäume wie Kunstwerke, die Terrassen ein Farbrausch: Die walisischen Gärten sind wie das Land: manchmal wild, oft malerisch und meistens sehr alt.
Bodnant Garden in Wales

Zuerst die schlechte Nachricht: In seinem renommierten Handbuch "Gardens of Europe" fällt Charles Quest-Ritson über walisische Gärten kein freundliches Urteil. Über den 2000 eröffneten National Botanic Garden of Wales mit dem spektakulären Glashaus von Norman Foster ist etwa zu lesen: "Er konzentriert sich auf die Mittelmeerflora, die billiger im Unterhalt ist als tropische Pflanzen. Denn das Problem dieses Gartens besteht darin, dass er nicht genügend Besucher anzieht, um Unterhalt und Weiterentwicklung zu bestreiten. Das ist schade..., aber nicht untypisch für die walisische Einstellung zu Gärten und Gartenarbeit." Quest-Ritson schreibt da mit englischer Hybris.

Bodnant Gardens

Von der Front Lawn zeigt sich Bodnant Gardens ganze Pracht. Über ein Gewimmel von Sonnenbraut-Stauden schaut man auf die Ausläufer des Snowdon-Massivs.

Denn, und das ist die gute Nachricht, die walisischen Gärten sind fast jedem Gartenliebhaber und Botaniker ein Begriff. Allen voran Bodnant: Es ist nicht nur einer der größten mit 32 Hektar, sondern auch der vielfältigste Garten in Wales. Weil hier fünf Generationen von Pflanzenliebhabern residierten, die ihrerseits drei Generationen derselben Gärtnerfamilie beschäftigten. Die Lords Aberconway kümmerten sich nicht nur um ihren eigenen grandiosen Park, sondern waren auch Pfeiler der Royal Horticultural Society, finanzierten Expeditionen bedeutender Pflanzenjäger und züchteten selbst mit Leidenschaft.

Das Publikum, ja, auch die Waliser, kommt in Strömen, weil Bodnant für jeden etwas bietet. Den berühmten Goldregentunnel. Wogende Narzissen-Wiesen und Cosmea-Felder. Die Terrassen im italienischen Stil mit dem enormen Seerosenbecken und den filigranen Pergolen, an denen Rosen und Clematis ranken. Wer weniger formale Gärten mag, gerät in "The Dell" in Verzückung. Denn am Flüsschen Hiraethlyn wachsen sich die Spezialitäten des Hauses - Rhododendren, Azaleen, Magnolien, Hortensien - zum Farbrausch aus.

 

Bodysgallen Hall in Wales
Walter Schmitz
Leuchtkraft: schöne Farben in Bodysgallen Hall.

Ganz in der Nähe von Bodnant, aber weitaus weniger bekannt, liegt Bodysgallen Hall. Ein luxuriöses Country-Hotel, dessen Garten es an Charme und einfallsreicher Pflanzung mit dem berühmten Nachbarn aufnehmen kann. Allein der wunderbare Küchengarten mit dem Spalierobst an den Mauern, den Gemüsebeeten für die Restaurantküche und den Schnittblumen für den Vasenschmuck im Hotel bleibt als Sehnsuchtsort in Erinnerung. Im versunkenen Garten, ebenfalls ummauert, befindet sich ein raumfüllendes, kompliziert gemustertes Buchs-Parterre, bepflanzt mit Duftkräutern wie Lavendel, Rosmarin und Thymian. Es gibt einen Rosengarten ohne vorlaute Farbtöne, amüsante Follies und einen Felsengarten mit Wasserfall. Der Glücksfall von Bodysgallen heißt Robert Owen. Als der Obergärtner vor 30 Jahren engagiert wurde, fand er eine grüne Hölle vor. Inzwischen hat der aus dem Dornröschenschlaf erweckte Garten mehrere Preise eingeheimst.

Powis Castle

Wie ein Schaumgebilde thronen die Eiben auf der Terrasse von Powis Castle, das pralle Gegengewicht zu der verspielten Gestaltung.

Powis Castle - blühende Terrassen mit Arkaden, Nischen und Statuen

Auf Powis Castle wurde in 1680er Jahren mit der Anlage eines Barockgartens begonnen. Von 1688 bis 1703 aber unterbrach man die Arbeiten aus politischen Gründen. Vielleicht gar nicht so schlecht fürs Gartendesign. Denn der Marquess of Powis musste mitsamt dem abgesetzten König James II. nach Frankreich fliehen, wo man sich im Schloss von Saint-Germain-en-Laye niederließ, dessen Gärten von André Le Nôtre mitgestaltet waren.

Bei ihrer Rückkehr nach Powis brachte die Familie einen französischen Gärtner mit und vermutlich die Idee für die blühenden Terrassen mit ihren Arkaden, Nischen und Statuen, die dem Südhang unterhalb des Schlosses italienisches Flair verleihen. Auf alten Stichen sieht man auf der obersten Terrasse eine Reihe zierlich gestutzter Eiben. Die haben sich im Verlauf von etwa 300 Jahren zu buckligen Kolossen entwickelt und zur Hauptattraktion von Powis. Vier Gärtner sind jährlich drei Monate lang nur damit beschäftigt, die Ungetüme zu stutzen. Die Eiben-Giganten, die dem Garten "eine plumpe Zufriedenheit" geben, wie ein Fachautor mal vorsichtig formulierte, waren so nicht geplant, sondern der Not geschuldet.

 

Powis Castle in Wales
Walter Schmitz
Auf Powis Castle ist die Natur in einer bestechenden Form.

Fast das ganze 18. Jahrhundert herrschte auf Powis Castle ein Spieler, Spekulant und Schuldenmacher nach dem anderen, Haus und Garten verfielen. "Das Obst verfault an den Bäumen, und Pferde grasen in den Rabatten", schrieb ein entsetzter Besucher. Erst eine Geldheirat sorgte für Abhilfe. Doch es sollte bis Anfang des 20. Jahrhunderts dauern, ehe sich mit Gräfin Violet endlich wieder jemand mit Lust, Liebe und Verstand des Gartens von Powis annahm und die klaren Strukturen schuf, die wir heute sehen.

Die 300-jährigen Eiben von Powis sind im übrigen noch junge Spunde verglichen mit der Eibe von Llangernyw in der Grafschaft Conwy. Die soll 4000 Jahre auf dem Geäst, ihr Stamm einen Umfang von bis zu zehn Metern haben. Allesamt Europäische Eiben, Taxus baccata, eine der langlebigsten Pflanzen Europas und Kultbaum der Kelten. Auch in Deutschland gab es große Bestände, die im 16. Jahrhundert fast vollständig abgeholzt wurden - Eibenholz war und ist das Material der Wahl für Bogen und Speer. Erst das Aufkommen der Feuerwaffen beendete den Raubbau, und die Eibe konnte ihren Siegeszug als Gartenornament antreten.

 

Chirk Castle in Wales.
Walter Schmitz
Die mittelalterliche Festung Chirk Castle.

Auf einem einsamen Hügel trotzt Chirk Castle dem Wind und den Zeiten. Eine mittelalterliche Festung mit Kerkerverliesen, in denen Touristen mit den Ketten rasseln oder Brustpanzer und Helm anlegen dürfen. Wie solide die Herrschaften an der Grenze zu England um 1300 zu bauen verstanden, lässt sich schon an der Tatsache ablesen, dass Chirk seit 700 Jahren durchaus komfortabel zu bewohnen ist. Weswegen sich auch hier die Damen des Hauses dem Gartenbau widmeten, mit großem Geschmack und Geschick.

Unweit von Chirk Castle liegt noch ein Garten - Erddig

Die Eiben von Chirk, im späten 19. Jahrhundert gepflanzt, wiederholen das Muster der Burgzinnen und werfen im Sonnenuntergang lange Schatten. Im Waldgarten ist der Taxus zu 20 Meter hohen Obelisken geformt, im Blumengarten zu eleganten Kegeln oder Laubengängen. Ein Schild erklärt die Totalrasur auf der einen Seite: "Die radikale Verjüngungskur ist alle paar Jahrzehnte notwendig; nur so lassen sich die durchdachten Proportionen erhalten ..." Auf Chirk möchte man keine außer Rand und Band geratenen Methusalems wie in Powis. Allein der jährliche Fransenschnitt der zarten Triebspitzen bringt zwei Tonnen Eibennadeln - die einer Firma gespendet werden, die daraus Taxane, ein natürliches Krebsmedikament, herstellt.

Das Eingangstor von Chirk Castle

Kostbar: Chirks Prachtgitter, ein Werk der Waliser Kunstschmiede-Brüder Davies.

Erddig unweit von Chirk Castle wurde vom National Trust zunächst verschmäht, weil weder das in 1680er Jahren erbaute Herrenhaus noch der Garten besondere Qualitäten aufwiesen. Erst auf den zweiten Blick dämmerte der Prüfungskommission, dass Erddig auch ohne rare Himalayapflanzen das Zeug zum Publikumsliebling hat. Denn die Gentleman-Farm mit großen Ländereien war 240 Jahre lang im Besitz derselben Familie - und die Yorkes hatten zwei besondere Eigenschaften. Erstens brachten sie ihrem Personal eine ungewöhnlich hohe Wertschätzung entgegen; über Generationen wurden Diener in Öl gemalt, und die Herrschaften schmiedeten ihnen Dankes-Verse.

Zweitens konnten die Yorkes nichts wegwerfen. Weder Kochtöpfe noch die alte Mangel, die mit einer Kiste Steine auf Walzen das Linnen bügelte. Nicht die transportable Dusche aus dem 19. Jahrhundert und nicht die gesammelten Haushaltsbücher, von den Werkzeugen der Schmiede, Tischler, Sägewerker gar nicht zu reden. Strom aus der Dose hatte nie Einzug gehalten auf Erddig, so dass der letzte Yorke, völlig verarmt, noch um 1970 bei spärlicher Gasbeleuchtung las und sein Fernseher von einem Generator betrieben wurde.

Der National Trust übernahm Erddig im Jahr 1973 und öffnete das wundersame Museum nach vier Jahren Renovierung für die Öffentlichkeit. Und die Gärten erstrahlen in neuer Blüte: Man parkt und picknickt in der Apfelplantage, lustwandelt entlang der Kanäle im ummauerten Garten mit seinen grünen Alkoven und den gestutzten Linden-Spalieren aus ineinander verflochtenen Bäumen, bewundert Taubenturm, viktorianische Gewächshäuser und die stattliche Efeu-Kollektion.

 

Plas Brondanw in Wales
Walter Schmitz
Plas Brondanw ist der kleinste Garten in Wales.

Der kleinste, wohnlichste und fantasievollste Garten in Nordwales aber ist Plas Brondanw. Er ist so privat und intim geblieben wie zu Zeiten seines Schöpfers. "Portmeirion ist vielleicht Clough Williams-Ellis' bekanntestes Werk. Aber sein Garten in Plas Brondanw, wo er sein ganzes Leben verbrachte, ist zweifellos sein schönstes", schrieb Anna Pavord, die amtierende First Lady der englischen Gartenschriftstellerei. Der Architekt von Portmeirion wusste, warum: "Um einen gelungenen Garten hinzukriegen, muss ein Mann absurd jung anfangen und absurd alt werden", meinte Clough Williams-Ellis. Er selbst hatte 70 Jahre Zeit, um Brondanw mit seinen wie zu Schachfiguren gedrechselten Eiben zu vollenden. Und zu einem Juwel zu machen, das die Zeitung "The Independent" zu einem der zehn besten Gärten Großbritanniens kürte.

Gärten in Wales:

Aberglasney Garden: Der "verlorene Garten" aus der Mitte des 17. Jh., der erst vor 20 Jahren seinem Dornröschenschlaf entrissen wurde, zählt heute zu den beliebtesten des Landes. Das Herzstück ist ein Klostergarten mit Wehrgang; dazu viele eindrucksvolle Steinmauern. Mehr Info: www.aberglasney.org

Bodnant Garden: Wales bekanntester Garten und mit 32 Hektar einer der größten. Mehr Info: www.nationaltrust.org.uk/bodnantgarden

Bodysgallen Hall: Geheimtipp, mit wunderbarem Küchengarten. Mehr Info: www.bodysgallen.com

Chirk Castle: Prachtvoll geformte Eiben. Mehr Info: www.nationaltrust.org.uk/chirk-castle

Erddig: Apfelplantagen, Kanäle, Lindenspaliere. Mehr Info: www.nationaltrust.org.uk/erddig

Llanerchaeron: Musterbeispiel für einen autarken Wirtschaftsgarten. Seit mittlerweile 200 Jahren werden die Blumen-, Obst- und Gemüsegärten bearbeitet. Es gibt alte und neue Sorten, erstaunliche Bodenverbesserungen und viele freiwillige Helfer. Mehr Info: www.nationaltrust.org.uk/llanerchaeron

 

Der National Botanic Garden of Wales
Walter Schmitz
Voller Blüten: das Gewächshaus im National Botanic Garden.

National Botanic Garden of Wales: Die erste Neugründung eines Botanischen Gartens in Großbritannien seit 200 Jahren ist sowohl Touristenattraktion wie auch Zentrum für botanische Forschung: eine Kombination aus Gärten, Seen und dem größten freitragenden Glashaus der Welt, entworfen von Sir Norman Foster. In dem Gewächshaus, das einer riesigen Trockenhaube gleicht, wachsen Pflanzen aus allen mediterranen Zonen der Erde. Mehr Info: www.gardenofwales.org.uk

 

Plas Brondanw Gardens: Private, intime Anlage. Mehr Info: www.brondanw.org

Plas Newydd: Mildes Klima, Wege mit Blick auf die Meerenge, auf Segelboote, die Bergspitzen Snowdoniens: ein idealer Platz für Waldpflanzen gemäßigter Zonen, unterbrochen von vielen Rasenflächen. Im Frühling sind die wilden Rhododendren eine Augenweide, im Sommer die Hortensien. Mehr Info: www.nationaltrust.org.uk/plas-newydd

Powis Castle: Blühende Terrassen und kolossale Eiben. Mehr Info: www.nationaltrust.org.uk/powis-castle

Autor

Paula Almqvist

Ausgabe

Wales 10/2012