Wales Im Königreich der Bücher

Der König ist da. Zwar hat ihn noch niemand gesehen und keiner weiß, ob er sich am Ende überhaupt blicken lässt. Doch schon die Nachricht sorgt für dezente Euphorie. Der etwas verblichene Hermelin aus Kunstpelz liegt im Schaufenster des Ladens bereit, daneben ein Zepter. "Heute Abend wird er hier Bücher signieren", sagt strahlend eine Dame, "zumindest hoffen wir es!"

Die Bürger des Städtchens Hay-on-Wye sprechen von ihrem König, denn dazu hat Richard Booth sich 1977 offiziell selbst gekrönt. Es war der erste April. Sogar der Premierminister war zugegen: Booths eigenes Pferd, das er "Prime Minister" getauft hatte. Und die Bewohner mimten den jubelnden Hofstaat. Richard Booth ist inzwischen in seinen Siebzigern und für seine Verhältnisse ein wenig ruhiger geworden. Doch es ist seinem Grad an Exzentrik zu verdanken, dass sich ein schlecht erreichbares 1500-Seelen-Örtchen auf der Grenze zwischen England und Wales Ende der 1970er Jahre offiziell die erste Bücherstadt der Welt nennen durfte. "Ich kaufe Bücher aus aller Welt und hole damit Leute aus aller Welt nach Hay", erklärte der in Oxford ausgebildete Waliser seinen frühen Marketingcoup, der bis heute Traumzahlen liefert: Hay begrüßt rund 500.000 Touristen jährlich, von Thüringen bis Tokio.

Denn mit der Energie eines hitzigen Motivationscoaches brachte Booth eine ganze Gemeinde dazu, ein fest verbundenes Netz aus fast 30 Secondhand-Buchläden und Antiquariaten zu spinnen, in deren staubiger Ware sich Besucher genussvoll verfangen. Etwa zwei Millionen Bücher soll es hier geben. Am Tag fasst man sicher ein Dutzend mal ein Buch an, schmökert in "Rose's Books" melancholisch durch vergilbte Mickey-Mouse- und Grimm-Unikate oder verirrt sich in den Gängen des "Hay Cinema Bookshop".

Literatur von Wolkenbildung bis Yves Saint Laurent

Bei Chris Prince wiederum dreht sich alles um Dichtkunst, fesselnde Hexameter-Epen, bezaubernde Sonette, um Rilke oder Lord Byron. Der ruhige Mann mit der Nickelbrille hatte es nicht einmal geplant, einen der wichtigsten Läden für Dichtkunst zu besitzen. "Ich bin in Hay gelandet, weil ich einen Ort suchte, in dem es alte Platten und Bücher gab." Er fand zwar wenig Vinyl, wurde aber nach kurzer Zeit Besitzer einer riesigen Poesiesammlung. "Mein Vorgänger wollte sie nicht. Ich schon." Dass eine ganze Welt in den Zeilen einer fesselnden Geschichte liegen kann, weiß Prince selbst am besten: Seine Mutter war eine der Sekretärinnen des bedeutenden Lyrikers und Dramatikers T. S. Eliot.

Gemütliches Lesen in
Walter Schmitz
Seit 1962 gibt es den "Richard Booth's Bookshop" in Hay-on-Wye.
Es sind Menschen wie Chris Prince, von denen der Charme Hays lebt. Solche, die das Buch zu ihrem treuen Komplizen gemacht haben. Oder, wie Elizabeth Haycox, sogar noch ein bisschen darüber hinaus denken. Die Amerikanerin, deren Großvater die Kurzgeschichte für den John-Wayne-Klassiker "Stagecoach" (auf Deutsch "Ringo") schrieb, kaufte 2007 Richard Booths legendären Buchladen: eine knarzende, nun perfekt restaurierte Schatzkammer mit Literatur von Wolkenbildung bis Yves Saint Laurent.

Dass hier neben Bildbänden und Monografien nun auch Bloody Mary und Mittagessen den Umsatz steigern, liegt an Haycox: "Im Buchladen kaufen viele Touristen. Doch im Café sitzen 50 Prozent aus dem Ort." Königin von Hay will sie nicht werden, doch Haycox wirbelt durch die Gassen wie ein kräftiger, frischer Wind. Gerade haben die Bewohner sich an ihr Café gewöhnt, da eröffnet Haycox schon das nächste Vergnügen, ein kleines Kino. Das letzte schloss vor 30 Jahren, wurde seitdem allerdings auch nicht sonderlich vermisst.

Viel lieber nämlich kultiviert man mit Literatur ein Doppelleben: Buchbinder Chris Bradshaw hat gerade ein 646 Seiten starkes Opus über Wales fertiggeschrieben. Bei "Pembertons Books" helfen schon mal Lehrer und Bauarbeiter aus. Und die Besitzerin des Bioshops ist eigentlich preisgekrönte Kinderbuchautorin. "Wir genießen diese Gleichzeitigkeit", sagt Jenny Valentine und wiegt noch ein wenig Konfekt ab.

Alte Bücher sind nicht staubig, sondern sexy

Dass es in Hay fast nur Literatur zu kaufen gibt, die bereits durch viele Hände gegangen ist, wirkt wie eine logische Konsequenz. "Sie bewegt sich außerhalb des Marktdrucks von Neuerscheinungen", erklärt Derek Addyman und zieht eine schöne Version von "Dracula" aus dem Regal. Sein Laden "Murder and Mayhem" ist spezialisiert auf Verbrechen und Mysterien. Auch Addyman ist ein Booth-Jünger. "Ich habe früher für ihn gearbeitet, dabei war ich nie eine Leseratte." Heute besitzt Addyman drei Läden, betreibt sie mit Leidenschaft und ohne Stress. "We are not in a hurry."

Hay-on-Wye - das erste Bücherdorf der Welt.
Walter Schmitz
In Hay-on-Wye gibt es etwa zwei Millionen Bücher.
Der zelebrierte Unwille zur Hektik scheint den Bewohnern in jeder Pore zu stecken. Zumindest 355 Tage im Jahr, die restlichen zehn Tage aber vibriert Hay, als hätten die Götter plötzlich an der Uhr gedreht. Wo gestern noch der Wind über den leeren Asphalt fegte, bummeln jetzt Besuchermassen über einen Markt aus bunten Ständen mit Büchern und Batiktüchern. Das "Hay Festival" hat begonnen, eines der legendärsten Literaturfestivals der Insel. Nachbarn verkaufen selbstgebackenen Apfelkuchen, der Pub-Besitzer poliert seine Butzenscheiben, Derek Addyman stellt einen Papp-Grabstein ins Schaufenster - Gruseldeko mit kritischem Unterton. "Hier liegt das E-Book begraben!", sagt er. "Alte Bücher sind nicht staubig, sondern sexy!"

Und im Schutz des reizvoll verfallenen Hay Castle gibt es sie sogar fast umsonst, dort steht Lesestoff in Regalen unter freiem Himmel: Wer ein Golflexikon oder eine Liebesschnulze mitnehmen will, lässt ein paar symbolische Pennies in eine Box fallen. Ein Ehrlichkeits-Konzept, das damals von Booth eingeführt wurde.

Zum Literaturfestival kommen eine Viertelmillionen Besucher

Auf der anderen Straßenseite verziehen Touristen derweil genussvoll die Gesichter, der lokale Eisladen hat zum Festival eine Spezialsorte mit Champagner kreiert. Auch Rhoda Florence will sie später unbedingt probieren. Als die elegante Dame das Literaturspektakel am Küchentisch mit Sohn Peter und dessen Vater Norman gründete, war sie euphorisch, als über 400 Menschen kamen. Heute kommen eine Viertelmillionen Besucher, Leseratten aus allen Teilen der Erde, die das Festival in ihrem Kalender festhalten wie andere den Karneval von Venedig.

Auch Elizabeth Haycox ist heute Chefin von Richard Booths ehemaligem Laden, weil sie sich als Festivalbesucherin in das Örtchen verguckte. Die Liste der Stars, die hier auf der Bühne standen, liest sich wie eine Traumbesetzung der Bücherwurm-Oscars: Arthur Miller war einer der ersten, Zadie Smith kam, Simon Rattle, Harry Belafonte und Salman Rushdie mehrfach. Das Festival begann im Ort Hay, doch irgendwann platzte es aus den Nähten. "Seitdem thront es als Zeltstadt auf einem Feld und umgeben von Hügeln", sagt Florence. Bill Clinton kam 2001 kurz nach seiner Zeit als US-Präsident und taufte es das "Woodstock für den Geist".

Freigeist und Toleranz geht hier so weit, dass sich Touristen und Schreiberstars nicht nur die Gedanken, sondern am Abend auch den Tresen im Pub und das Bed & Breakfast teilen. "Viele Künstler sind zunächst irritiert", grinst Florence, "doch dann lieben sie es!" In diesen zehn Tagen schaut man fast in jedem Privathaus auf liebevoll gedeckte Tische mit dem Hinweis: "Wir vermieten Zimmer!" Es ist eine Gastfreundschaft mit Strategie, denn bevor die Bewohner sich einen Hotelkasten vor die Nase setzen lassen, vermieten sie lieber ihre eigenen vier Wände. "Wir sind vielleicht ein bisschen verrückt, aber auf eine gute Art", versichert Buchbinder Bradshaw und tätschelt seine Maschinen.

Doch nur, weil man in Hay alte Bücher liebt, E-Books für seelenlos hält und keine Hotelburgen wünscht, ist die Zeit hier nicht stehen geblieben. "Eher ist Hay wie eine Pflanze, die nie geschnitten wurden", erklärt ein Buchverkäufer. "Sie wächst in ihrem eigenen Tempo." Und manchmal haben die guten alten Dinge auch etwas Praktisches. Denn ein E-Book könnte selbst der König nicht signieren.

Hay Festival of Literature and the Arts

Zehntägiges Festival von Mai bis Juni mit Lesungen, Workshops, Diskussionen und Konzerten. Informationen unter www.hayfestival.com

Autor

Julia Grosse

Ausgabe

Wales 10/2012