Wales Edward und Snowdon - eine Reise durch den Norden von Wales

Wales hat mehr zu bieten als Starfußballer Gareth Bale, Bodenschätze und Schafe. Wie verbringt man am besten die Tage im Norden des kleinsten Landes in Großbritannien?

Es riecht nach Fritteusenfett und frischem Fisch. Die 61-Jährige Sheila Jones steht in der engen Küche des urigen Fish and Chips-Ladens. Sheila trägt weiße Socken, Sandalen und sieht eher aus wie eine Krankenschwester als Imbiss-Besitzerin. Seit 25 Jahren steht sie hier an der Fritteuse und serviert das dampfende Essen. Kommen Kunden rein, spricht sie mit ihnen Kymrisch, die traditionelle Sprache der stolzen Waliser. Rund 600 000 der 3 Millionen Einwohner von Wales sprechen sie noch – vor allem hier im Norden. Ende 2010 wurde die Sprache neben dem Englischen zur zweiten Amtssprache des Landes ernannt. Das Land tut viel für ihre Erhaltung. Jede fünfte Schule unterrichtet in der Sprache und viele Schilder sind in Kymrisch geschrieben.

Wales in Großbritannien

Der längste Ortsname Europas

Auch das Ortschild am Bahnhof der 3000-Einwohner-Gemeinde, in dem sich der Imbiss von Sheila befindet.  „Llanfairpwll­gwyngyllgogery­chwyrndrobwll­llantysilio­gogogoch“ steht auf dem Blechschild des eingleisigen Bahnhofs des Orts. Das heißt so viel wie „St. Marys Kirche am Teich mit dem weißen Haselbusch über dem Strudel und bei St. Tysilios Kirche in der Nähe der roten Höhle“. Ein Schuhmacher hatte den außergewöhnlichen Namen erfunden, damit die kleine Gemeinde an das Eisenbahnnetz angeschlossen und mehr Leute in die Geschäfte des Orts strömen würden. Das war im 19. Jahrhundert – noch lange bevor sich Marketingexperten in Meetings mit Stadt-Branding beschäftigten. Bis heute sind die 58 Buchstaben des Namens europäischer Rekord.

Fährt man mit dem Auto an der schroffen Nordküste entlang, vorbei an windschiefen Schieferhäusern, saftigen Wiesen und unzähligen Schafen, landet man in der quirligen Gemeinde Conwy. Dort wartet ein anderer Rekord auf Besucher. Am Rande der Stadt steht ein kleines, rotes Haus. Es ist das kleinste in Großbritannien. Die stolzen Maße: 3 x 1,80 Meter.

Über Conwy wacht eine imposante Burg aus dem 12. Jahrhundert. Edward I. ließ die massive Festung mit Stadtmauern in nur fünf Jahren bauen. Auf den breiten Mauern lässt sich bis heute die rund 14 000-Einwohner-Gemeinde umrunden. Im kleinen Souvenir-Shop der Burg gibt es Anleitungen zum “richtigen” Köpfen. Derber Humor gehört für die Waliser zum guten Ton.

Wales in Großbritannien

Das Aquädukt lässt sich mit dem Boot oder zu Fuß überqueren

Die Festung ist eine von vier Weltkulturerbe-Burgen in der Region. Aber nicht nur Festungen finden sich auf der berühmten Unesco-Liste, sondern auch das Pontcysyllte Aquädukt, das sich seit über 200 Jahren über grüne Koppeln und den wilden River Dee spannt. Das Szenario sieht unwirklich aus.

Besucher können in schmalen Booten auf dem Aquädukt über das Tal gleiten. Man sitzt also in einem Boot und fährt in 40 Metern Höhe über den darunter fließenden Fluss. Weniger Verrückte können das Bauwerk auch zu Fuß überqueren.

Wenn die Sonne im Meer vor der rauen Küste Wales versinkt, sollte man dieses Schauspiel am besten an der Küste von Holy Island beobachten. Ganz im Westen der dünn besiedelten Insel zeigt der South Stack Leuchtturm Schiffen den Weg entlang der zerklüfteten Küste. Auf den Felsen über dem persil-weißen Turm hat man die beste Sicht auf die untergehende Sonne. Mit ein bisschen Glück sieht man auch, wie die hier heimischen Papageientaucher brüten.

Für die Abendstunden empfiehlt sich besonders die Hafenstadt Llandudno. Früher lebten hier Bergarbeiter. Heute ist die Stadt eines der schönsten Seebäder in Großbritannien. Große, stolze Hotels stehen Seite an Seite an der breiten Uferpromenade mit dem flach abfallenden Strand. In den hell erleuchteten Fenstern der viktorianischen Häuser sitzen vornehm gekleidete Menschen, unterhalten sich, essen oder spielen Gesellschaftsspiele. Besonders wohlhabende Engländer haben den Charme des Seebads für sich entdeckt.

Wales in Großbritannien

Sonnenuntergang in Wales

In einer unauffälligen Gasse befindet sich The Cottage Loaf. In dem rustikalen Pub werden deftige Speisen serviert und  leckeres Craft-Bier ausgeschenkt. Man sollte allerdings nicht zu spät kommen: Um halb 12 nachts läutet hinter dem holzverkleideten Tresen die Glocke zur letzten Runde. Nicht wenige der Pub-Besucher bestellen sich dann gleich mehrere Biere, um nicht auf dem Trockenen zu sitzen.

Danach sollte man unbedingt auf dem Pier von Llandudno einen nächtlichen Spaziergang machen. Der Pier ragt 700 Meter ins wilde Irische Meer hinaus und bietet einen wunderbaren Kontrast: düstere Wellen vorn, beleuchtetet Strandpromenade im Rücken.  Besonders erhaben schläft man im prächtigen Imperial Hotel direkt am Ufer. Im Inneren des Hotels wirkt es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Hier lohnt es sich, ein Zimmer mit Meerblick zu buchen. Morgens die schweren Vorhänge zur Seite zu ziehen und auf die wilde See schauen - unbezahlbar.

Leuchtturmfans sind besonders gut im The Lighthouse aufgehoben. Das kleine Hotel wird von einem Ehepaar geführt, das vor 12 Jahren aus London hierher kam, um das ungewöhnliche Hotel auf den Klippen über dem Meer zu betreiben. Dort, wo früher die Leuchtturmlampe hing, stehen heute gemütliche Sessel mit Meerblick. Wer dort übernachten will, sollte im Voraus planen; die Zimmer sind über Monate hinweg meist ausgebucht.

Im Landesinneren rund um den Snowdon, dem höchsten Berg in Wales, tummeln sich vor allem Wanderer und Outdoor-Sportler. Je höher man auf den schmalen Wanderpfaden oder den kurvigen Straßen nach oben kommt, desto mehr weicht der dichte Wald einer kargen Felslandschaft. Auf dem Weg durch die Berggegend sollten Hungrige unbedingt einen Stopp im Ugly House einlegen. In der kleinen Steinhütte aus dem 15. Jahrhundert gibt es warme Sandwiches und deftiges Essen. Der Name “Ugly House” ist jedoch eher irreführend; Hexenhaus hätte besser gepasst. Nach einem langen Tag entlang an kleinen Bergbächen und Steinhütten sollte man sich ein Zimmer im Broneifon Country House Hotel nehmen.

Wales in Großbritannien

Die Lobby des Broneifon Country House Hotels

In dem schicken Hotel kann man nachfühlen, wie sich der kleine Lord aus gleichnamigen Roman gefühlt haben muss. Glänzende Holzverkleidungen schmücken die Wände; der Boden ist mit edlem Teppich ausgelegt; an den Wänden hängen große Romantikbilder. An der Bar sollte man eine der unzähligen Gin-Sorten versuchen. Ein würdiger Abschluss für eine Reise durch das abwechslungsreiche Nord-Wales

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Autor:
Jan Werum