Prag Die Allerheiligenkirche von Kutná Hora

Totenköpfe als Touristenattraktion: Die Allerheiligenkirche von Kutná Hora, 70 Kilometer östlich von Prag, ist voll mit menschlichen Schädeln und Knochen – ein makaber-morbides Kunstwerk.
Allerheiligenkirche in Kutna Hora nahe Prag

Muffiger Geruch wabert durch das Gewölbe, das Licht schimmert düster, und aus allen Seiten starren einen die leeren Augenhöhlen der Totenköpfe an. Vor dem Altar hängt ein monströser Kronleuchter, gefertigt aus fast allen Knochen, die es im menschlichen Körper gibt, hinter einem Gitter sind tausende von Gebeinen und Schädeln zu einem meterhohen Haufen gestapelt. Nicht berühren, mahnt das Schild.

Allerheiligenkirche in Kutna Hora nahe Prag
Andreas Leicht
Kunstwerk aus Schädeln und Knochen
Als ob jemand dazu Lust hat, in diesem Gruselkabinett, gespenstischer als jede Geisterbahn auf dem Rummelplatz. Beruhigend, dass es früher Nachmittag ist, mit mir noch andere Besucher schaudernd-staunend durch die stickige Kapelle schleichen und man bei Bedarf schnell wieder ans Tageslicht und ins Leben zurück gelangt.

Andreas Leicht
Die Allerheiligenkirche in Kutná Hora
Doch die kleine Überwindung lohnt sich: Das Beinhaus (Ossarium) im tschechischen Sedlec, einem Ortsteil von Kutná Hora, ist eine äußerst sehenswerte Skurrilität. Hier, eine gute Zugstunde von der Hauptstadt Prag entfernt, mitten in der beschaulichen Provinz, werden im Untergeschoss der Allerheiligenkirche die Skelettteile von rund 40.000 Toten aufbewahrt. Viele Knochen davon hat der gelernte Holzschnitzer František Rint in der Mitte des 19. Jahrhunderts künstlerisch verarbeitet und so ein makaber-morbides, gleichwohl auf seltsame Art anmutiges Kunstwerk geschaffen.

Allerheiligenkirche in Kutna Hora nahe Prag
Andreas Leicht
Makaber und faszinierend zugleich: der Kronleuchter aus Totenschädeln und Knochen
Fast alle Knochen und Schädel, die sich an manchen Stellen wie aschfahle Faschingsgirlanden von Wand zu Wand spannen, stammen aus dem Mittelalter, als die Hussitenkriege und Pestepidemien unzählige Opfer forderten. Zu dieser Zeit war Kutná Hora dank ihrer Silberminen eine bedeutende Stadt. In ihrer Umgebung wurden immer wieder blutige Schlachten geschlagen. Zudem galt der Friedhof als begehrter Bestattungsort in Mitteleuropa, nachdem hier einst Abt Heinrich heilige Erde aus Jerusalem verstreut hatte. Als schließlich die heutige Allerheiligenkirche auf dem Gelände des Friedhofs errichtet wurde und die Begräbnisstätte selbst auch noch verkleinert werden sollte, wurden die Überreste der Toten exhumiert und im Kirchengebäude eingelagert.

"Das Beinhaus", so informiert ein Handzettel in einer DIN-A4-Plastikhülle, "wurde eingerichtet, damit sich die Besucher bewusst sind, wie kurz unser Leben ist". Ich denke eher drüber nach, wie lang doch unsere Knochen halten.

Mehr Informationen zur Allerheiligenkirche (auf Englisch): www.sedlec.info

Autor

Andreas Leicht