Tschechien Unterwegs in Karlsbad und Umgebung

Der Straßenzug Alte Wiese ist ein romantisches Plätzchen. Hier im Tal des Flüsschens Teplá schlägt das Herz von Karlsbad, dem heutigen Karlovy Vary. Beide Uferseiten sind von frisch renovierten Kurhotels und Wellness-Tempeln gesäumt. Pferdehufe klackern auf dem Kopfsteinpflaster, ein Urlauberpaar fängt aus der Kutsche heraus die dekorativen Fassaden mondäner Jugendstilbauten mit der dahinter aufragenden Hügellandschaft ein. "Wir haben viele russische Gäste", erzählt die Fremdenführerin Šárka Koštálová und deutet dabei auf die beiden in der Kutsche, die über eine Digitalkamera gebeugt ihre Fotos kommentieren.

An der Sprudelfontäne spritzt das heilsame Mineralwasser mehr als zehn Meter in die Höhe. Nebenan, in der historischen Trinkhalle, fließt Quellwasser unterschiedlicher Temperaturen in die dekorativen Schnabeltassen, die es überall in Karlsbad zu kaufen gibt. Auch in der historischen Mühlbrunn-Kolonnade führen Kurgäste ihre Schnabeltassen spazieren. Vor der Trinkkur legt ein Arzt fest, welches Heilwasser Besucher mit spitzem Mund schlürfen sollen, um ihre Magen-, Gallen oder Stoffwechselkrankheiten zu kurieren: Sprudel ist ein warmes, etwas muffiges Gesöff, das den erwähnten Leiden nicht gerade mit Wohlgeschmack, dafür aber mit einer geballten Ladung Mineralien begegnet.

Kurbad mit Geschichte: Schon Zar Peter der Große erholte sich hier

Die deutschen und russischen Kurgäste, die sich heutzutage hier behandeln und verjüngen lassen, sind in guter Tradition: In das weltbekannte Kurbad reisten schon Zar Peter der Große und Kaiser Franz Joseph. Die Fremdenführerin weiß zu berichten, dass Österreichs Monarch im Kaiserbad schwelgte, während Ehefrau Sissi stundenlang durch die Kurwälder streifte und gern einmal ihre nicht so ausdauernden Begleiter abhängte. "Ich möchte nur in drei Städten leben: Weimar, Karlsbad und Rom", hat Johann Wolfgang von Goethe einmal geschrieben. Dem Dichter hatten es nicht nur die gesundheitsfördernden Effekte der zwölf brodelnden Thermalquellen, sondern auch blutjunge Kurschatten wie Sylvie von Ziegesar und Ulrike von Levetzowangetan, die er in Gedichten besang, erläutert Guide Šárka Goethes Begeisterung. 

Überall im Kurviertel stehen Karlsbader Oblaten, exklusives Moser-Kristall und Trinkbecher zum Verkauf. In den Schaufenstern werden die Souvenirs mit lateinischen und kyrillischen Schriftzügen präsentiert, die Ladenbesitzer sprechen neben Tschechisch und Englisch auch Russisch und Deutsch. Den besten Blick aufs Geschehen haben Reisende im Café Elefant an der Promenade. In dem Lokal ließ sich nach der Trinkkur angeblich schon Geheimrat Goethe böhmischen Kuchen oder frisch gezaptes Pils schmecken, während er junge Damen ins Visier nahm. Am Ende der Alten Wiese, Karlsbader nennen die älteste Straße der Stadt Stará Louka, liegt das exklusive Grandhotel Pupp. In der aufwendig renovierten Nobelherberge wurden berühmte Filme gedreht, darunter "Casino Royale" mit Daniel Craig. Besucher aus aller Welt kommen wegen des einzigartigen Flairs hierher, aber auch, um sich selbst einer Verjüngungskur in Form einer Falten- oder Cellulitis-Behandlung zu unterziehen.

Es gibt jedoch noch erschwinglichere Wellness-Angebote im Zentrum von Karlsbad, das eine beachtliche Dichte an schicken Vier- und Fünf-Sterne-Hotels mit eigenen Spas aufweist, in denen Salzgrotten und Dampfbäder zu Wohlfühlzonen ausgebaut wurden. Auf Gesundheits- und Verwöhnprogramme sind außerdem geschichtsträchtige Kurhäuser wie das 1909 erbaute und knapp 100 Jahre später komplett restaurierte Schlossbad eingestellt, dessen Ambiente ebenso wie die wohltuenden Aromamassagen und Kneippkuren Stressgeplagte den Alltag vergessen lassen. Mit einer Kombination aus Trink- und Badekur sowie mit dem Versprechen, den Körper zu entgiften und zu verjüngen, lockt das an der Alten Wiese gelegene Bierkurbad Gäste an: Die Badenden werden in ein mit warmem Bier gefülltes Eichenfass gesteckt und dürfen dabei so viel Bier trinken wie sie vertragen, um auf diese Weise den Stressabbau noch zu beschleunigen.

Traditionsreicher Schnaps: Karlsbader Kräuterlikör

Außer Sprudel und Pils gibt es ein äußerst schmackhaftes Getränk, das die sonstige Trinkkur wunderbar abrundet: Becherovka, auch Karlsbader Edel-Becher genannt, ist ein Kräuterlikör, dessen geheime Rezeptur seit knapp 200 Jahren wie ein Schatz gehütet wird. Die Karlsbader sind stolz auf ihren in ganz Tschechien bekannten Schnaps, der früher an den Wiener Hof geliefert wurde und wegen seines unvergleichlichen Aromas schon diverse Likörpreise ergattert hat. "Wir nennen ihn Karlsbads 13. Quelle" sagt die Fremdenführerin und Lokalpatriotin, bevor sie ihre Gruppe am Becher-Museum absetzt. Natürlich gibt es nach dem Rundgang durch die alten Produktionsstätten des Apothekers Josef Becher, heute Jan Becher genannt, das eine oder andere Gläschen Becherovka zum Probieren. Eine Melange aus Café und Cocktailbar ist das gleich um die Ecke gelegene Zig Zag, populärer Treffpunkt aller Nachtschwärmer (Adresse: Dr.DavidaBechera 24). Der Barkeeper mixt einen ausgezeichneten Beton, so der Name des stadtbekannten Longdrinks auf Basis von Becherovka, den er mit prickelndem Tonicwater aufgießt.

Ein Wallfahrtsort vieler Karlsbad-Urlauber liegt oberhalb des Grandhotels Pupp, in dem Bond-Darsteller Daniel Craig zumindest während der Dreharbeiten lieber Martini-Cocktails geschlürft hat. Der Legende nach soll Karl IV hier anno 1368 einen Hirsch gejagt haben, der verletzt ins Wasser fiel und umgehend geheilt wurde. Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt: Die nach dem Kaiser benannte Sprudel-Stadt wurde gegründet. Hoch über Karlsbad erinnert die Bronzestatue eines Bocks an die Gründung. Touristen pilgern über ausgeschilderte Wanderwege zum Hirschsprung oder nehmen die Standseilbahn, die nicht so wanderfreudige Stadtbesucher anschließend gleich noch zum 550 Meter hohen Aussichtsturm Diana fährt. In den umliegenden Kurwäldern steht Spaziergängern ein großes Streckennetz ausgeschilderter Wanderwege von insgesamt 130 Kilometern Länge zur Verfügung.

Wer "Casino Royale" gesehen hat, wird nicht nur das Grandhotel Pupp, sondern auch die auf einem Felsen thronende Burg Loket wiedererkennen. Aktivurlauber erreichen die gut erhaltene Trutzburg über einen Radweg entlang des Flusses Eger – auf der rund 16 Kilometer langen Route zwischen Karlsbad und Loket verkehren außerdem Busse. Turm und Befestigungsanlagen sind sehenswert, Zartbesaitete sollten bei ihrer Besichtigungstour jedoch nicht zu den Folterkammern in den Verliesen hinabsteigen. Loket ist ein stimmungsvoller Ort, während des Kultursommers werden am Fuße der Burg Opern aufgeführt. Eine gute Kulisse gibt natürlich auch Karlsbad ab, wo jedes Jahr im Juli Rucksacktouristen aus Ost und West zum Internationalen Filmfestival strömen, um in gediegener Atmosphäre künstlerisch wertvolle Filme anzuschauen und um einen Blick auf die Hollywood-Stars zu erhaschen, für die hier der rote Teppich ausgerollt wird (www.kviff.com).

Infos über Karlsbad über die Tschechische Tourismuszentrale: www.czechtourism.com

Autor

Claudia Piuntek