Palma Mallorcas Adel

Wurde Doña Joana-Adelaida mit Arsen vergiftet, wie man munkelte? Oder erlag die Gräfin einer Lungenentzündung? Vergiftet war auf alle Fälle die Familienatmosphäre, denn die Verblichene hatte ihr sagenhaftes Vermögen perfiderweise den Neffen ihres Mannes, dem Hause Truyols, vermacht und nicht den Erben in direkter Linie. Die bekamen lediglich klangvolle Titel wie Comtessa de Zavellà. Daraufhin stritten sich die erlauchten Familien vor Gericht so wenig nobel, dass mit der Urteilsverkündung zugleich eine moralische Abmahnung an Mallorcas gesamte noblesa erging: "Vor mehr als einem Jahrhundert wurde die Grundherrschaft abgeschafft. Die moralische und gesellschaftliche Herrschaft war Euch geblieben. Setzt Ihr alles daran, auch diese noch zu verlieren?"

Das war im Oktober 1901. "Dass wir überhaupt je etwas verlieren könnten, daran haben wir nicht im Traum gedacht", sagt Doña Mariángela García i Truyols im Oktober 2002 und deutet mit einer weit ausholenden Handbewegung auf die Bucht von Palma. "Wir hatten so viel, dass wir dachten, das würde immer so weitergehen." Doña Mariángela, polyglott belesen, weit gereist, pflegt Hof zu halten in der planta noble ihres Palais in Palmas Altstadt. Von den Ölgemälden an den Wänden blicken die Verwandten herunter, auf dem Flügel stehen sie als Fotos silbern gerahmt. Doña Mariángela ist mit Gott und aller Welt befreundet, auch mit Bürgerlichen.

Die Beziehung zur spanischen Königsfamilie allerdings, die wünscht nicht nur sie, sondern die gesamte Aristokratie Mallorcas sich etwas enger. Wer einen Vicomte Dalmau II. de Rocabertí zu seiner Familie zählen kann, der sein Leben anno 1229 in captione maioricarum aushauchte, darf sich zum alten Adel der Insel rechnen: "Eine Aristokratie, die aus Wirtschaftskalkül heraus entstand.

Man wollte ein islamisches Land der Krone von Aragonien eingliedern, um den Mittelmeerraum zu kontrollieren", so sieht es der adlige Historiker Pere de Montaner i Alonso. Den Plan, den moros (Mauren) die Insel nach mehr als 300 Jahren wieder abzujagen, hatten Adel, Geistlichkeit und die reiche Kaufmannschaft schon im Jahre 1228 ausgeheckt. Und dabei auch gleich die Beute (Mallorca) säuberlich untereinander aufgeteilt. Viele Eroberer kehrten allerdings aufs Festland zurück und überließen die ihnen zustehenden Ländereien ihren Verwandten aus der katalanischen Aristokratie. Oder reichen Kaufleuten aus dem Roussillon. Als Bollwerk gegen die Muselmanen waren Neusiedler dringend erwünscht.

Natürlich sähe heute jeder in seiner Ahnentafel am liebsten jene, die mit dabei waren, als Jaume der Eroberer am 31. Dezember 1229 in die Medina Mayurqa einzog - so hieß Palma während der Besetzung der Mauren. Und doch ist ein Muselmane der direkte Vorfahr etlicher großer Adelsfamilien: Joan Abennàsser Arrom. Der kollaborierte mit den christlichen Eroberern und wurde zum Dank zum primerísimo civis maioricarum ernannt. Das Geschlecht der Abennàsser ging schließlich in dem der Santacília auf. Pere de Santacília, der würdevoll aus seinem Goldrahmen auf die Touristen im Herrenhaus von Alfàbia herabschaut, hat in 25 Jahren 325 Menschen ermorden lassen. Er war einer der Anführer der verfeindeten Adelsfamilien, die mehr als hundert Jahre hinweg aus Mallorca ein einziges Schlachtfeld gemacht hatten.

Zu diesen Raufbolden gehörte auch Ramón Zaforteza, dessen Leichnam bei der Totenwache in dichten Schwefelwolken entschwand. Schon zu seinen Lebzeiten hatte Don Ramon mit der Hölle paktiert: Der Teufel persönlich hatte ihm geholfen, neben seinem Wohnhaus in Palma einen Turm zu bauen, von dem aus er eine Nonne im Kloster Santa Clara beobachten konnte. Auch pflegte er Bräute vor der Hochzeitsnacht auf einem grünen Pferd zu entführen. Da er auch seine eigene Frau Doña Francina nicht eben galant behandelte, muss er nun für alle Zeit auf seinem grünen Pferd am Berg Galatzó herumgeistern. Eine dunkle Kammer seines Landgutes heißt denn auch heute noch Geisterkammer; Gäste finden das spannend, denn besagte Kammer ist Teil einer Finca, die sich heute dem Agrotourismus verschrieben hat.

Diesem dunklen Punkt in der Geschichte der Inselaristokratie, ihren jahrhundertelangen Fehden hat die blaublütige Aina Le-Senne ein Buch gewidmet. Denn gerade die Familie Zaforteza ist ein gutes Beispiel für den Ursprung der Inselaristokratie: die Verschmelzung einer Familie von Rittern mit Kaufleuten, den Zaforteza. Schließlich durfte der Adel sein Geld nicht mit Handel verdienen, deshalb war man erfinderisch. Mit Kaperbriefen versehen und mit Strohmännern in offiziösen Handelsgesellschaften hat sich manch Edler ein Zubrot verdient. Wie sonst hätte man seinen Lebensstil aufrechterhalten und all die Maulesel, Kutschen, Pferde, Bedienstete bezahlen sollen?

Die Einkünfte aus Grundbesitz reichten dafür bei weitem nicht aus. Also handelte man mit Saubohnen und Satin, bekam Perücken aus Paris, schickte 276 Stück Käse nach Marseille oder 13 Sklaven nach Genua. "Wir sind eben Phönizier", kommentiert Aina Le-Senne heute lachend, "ein Volk von Händlern". Die lebhafte "Phönizierin" hat ihre inzwischen acht erwachsenen Kinder liberal erzogen. "Wir wissen, wer wir sind", sagt sie schlicht. "Wir leben mehr nach innen als nach außen." In ihrer Familie gibt es durch Heirat inzwischen Engländer und Deutsche und Schweden. Die Kinder haben längst ganz normale Berufe - Architekten, Banker, Flugkapitäne. Hochfliegende Pläne hatte auch Joaquín Gual de Torrella, der Großvater ihres gestorbenen Mannes. Besagter Großvater war Präsident der Compañía Aeromarítima Mallorquina, der ersten Luftfahrtgesellschaft Mallorcas. Nach zwei wörtlich zu verstehenden Bruchlandungen geriet auch das Unternehmen in Turbulenzen, die es schließlich nicht überstand. Aber was macht das schon, wenn man über ganz andere Kontakte zum Himmel verfügt. "Mit dem Bischof von Girona hat unsere Familie schon im Jahr 875 vor Gericht gestritten", erzählt Joaquín "Xim" Gual de Torrella, der Schwager von Aina Le-Senne und seit 1979 der Chef des Hauses Gual de Torrella.

Ramón de Torrella, ein direkter Vorfahr, wurde 1239 zum ersten Bischof von Mallorca geweiht, sein Grabmal befindet sich neben der Fronleichnamskapelle in der Kathedrale. Und ein Papst, Alexander VI., gehört ebenfalls zur Familie. "Wir lebten jahrhundertelang in einer absolut fabulösen Pracht", sagt Doña Margarita Gual de Torrella i Masanet, Xims Tochter, die Nichte von Aina Le-Senne und Cousine von Mariángela. "Und das alles ist in nur 50 Jahren einfach irgendwie weggesackt." Diese Entwicklung hat Llorenç Villalonga in seinen Romanen "Mort de Dama" (1931) und "Bearn" (1956) vorweggenommen: Der Adel Mallorcas, eine marginierte Gruppe bis in die heutige Zeit hinein, ihr etwas verschlafenes Leben, aus dem sie durch die ersten Touristen des europäischen Geld- und Blutadels der zwanziger Jahre jäh aufgeschreckt wurde, weil lautstarke Partys und unanständige Tänze dieses Leben störten. Schon ein Jahrhundert zuvor, bei den Freiheitskriegen gegen Napoleon, hatte man sich ausgesprochen molestiert gefühlt durch das neumodische Gedankengut vom Festland oder, schlimmer noch, aus Frankreich. Zumal einige Töchter aus bestem Hause den Aufstand probten. Für die war es schließlich spannender, mal von Fremden hofiert zu werden als immer und ewig die eigenen Verwandten heiraten zu müssen.

Doch die Eltern waren keineswegs geneigt, die wohlgefügte Welt der Endogamie aufzugeben, hatte man damit und mit dem Fideikommiss schließlich über Jahrhunderte hinweg Macht und Moral, Politik und Pekuniäres bestimmen können. Und nun drangen plötzlich Ausländer in ihre Welt voller archaischer Inselbräuche, in eine Welt, die nie Interesse für das Außenleben gezeigt hatte. Selbst Brautwerber mit höchsten Adelstiteln wurden von der Inselaristokratie verschmäht. Und dann war in Theater und Literatur plötzlich von Gefühlen die Rede, von der Freiheit, seinen Partner selbst zu wählen. Da vermählte ein aufgeklärter Bischof schon mal Söhne des Adels mit einer Metzgermeisterstochter oder der Tochter eines Flickschusters. Ein Jahrhundert zuvor noch meinte ein Pere de Dezcallar, seine Schwester ermorden zu müssen, weil sie heimlich einen Notar geehelicht hatte.

Die Dezcallars waren steinreich, sie besaßen nicht nur das Salzmonopol, sondern auch die Münze samt Besenrecht: Was beim Münzen an Gold abfiel, durften sie für sich persönlich zusammenkehren lassen. Und dann, im 20. Jahrhundert, stellten wiederum Fremde alles auf den Kopf. "Damals besaßen wir so viel, dass es auf ein bisschen doch gar nicht ankam. Grundbesitz am Meer war völlig uninteressant, da wuchs ja kaum etwas. Aber er war strategisch wichtig für die Militärs. Also haben wir ihn ihnen geliehen. Ohne Vertrag. Und dann rückten sie es nicht mehr raus. Die Kaufleute waren schlauer. Die haben sich immer alles Schwarz auf Weiß geben lassen", sagt Doña Margarita.

Die Krise war da

Die Inselaristokraten verschliefen die Entwicklung, überließen die Industrialisierung dem reichen Bürgertum. Und mussten ohnmächtig zusehen, wie mit der neuen Tourismuswelle der sechziger Jahre der völlig uninteressante Landbesitz am Meer sich als Tischleindeckdich samt Goldesel entpuppte. Ihre Ländereien im Innern warfen nicht mehr genügend ab - die Landarbeiter konnten sich ohnehin ihr täglich Brot in den Küstenhotels leichter verdienen. Die Krise war da, der Zug abgefahren. Einige konnten noch aufspringen.

Wie die Dezcallars. Sicherlich würde Pere de Dezcallar die Ehe seiner Schwester mit dem unerwünschten Notar heute diplomatischer handhaben. Die Söhne seiner Nachfahren wurden Diplomaten; Jorge Dezcallar ist Chef des spanischen Geheimdienstes; das ehrwürdige Altstadtpalais, wo seine Altvorderen die Münzen des Königreichs Mallorca prägten, ist noch heute Familienresidenz. Wenn schon kein Gold mehr, dann wenigstens Perlen, muss sich ein weiteres Familienmitglied, Guillem Dezcallar, gesagt haben. Sein dickes Aktienpaket an den vom Nodkap bis nach Feuerland in Duty-Free-Shops und an Bord unzähliger Airlines vermarkteten perlas majórica hat er rechtzeitig mit ebenso dickem Gewinn verkauft, bevor die Nachfolger das Unternehmen fast in den Ruin trieben. Auch José und Neffe Pere de Montaner Cerdà hatten eine gute Idee; noblesse oblige, und so inszenierten sie auf einem ihrer Landsitze mittelalterliche Ritterturniere, Abendessen inklusive, und die Touristen kamen in Scharen.

Hingegen beschäftigt sich Cousin Pere de Montaner i Alonso als Historiker streng wissenschaftlich mit der Vergangenheit. Als Chef des Archivs der Stadt Palma ist er Herrscher in Can Bordils, einem Adelspalast aus dem 16. Jahrhundert, doch auch zu Hause kann der zum Uradel der Insel zählende Archivar aus dem Vollen schöpfen. Sein Vater, der Conde de Zavellà, bewohnt den Can Vivot. Das unter Denkmalschutz stehende Anwesen mit dem größten Patio Palmas birgt neben Waffensaal und Musiksalon, neben einer bedeutenden Pinakothek und Gesellschaftsräumen auch die in der Zeit Philipps V. errichtete Bibliothek mit etwa 10.000 Bänden vom 13. bis zum 19. Jahrhundert, Inkunabeln, Stichen, Landkarten. Eine der schönsten der Welt.

Die Pflege ihrer Bibliotheken lag der Aristokratie besonders am Herzen. Xim Gual de Torrella hegt die Dokumente des Hauses Gual de Torrella, beginnend mit dem Jahr 1230, im Archiv des Königreichs Mallorca. Was Wunder, Don Xim, Jahrgang 1916, ist ohnehin ein wandelndes Geschichtsbuch. "Von Jaume dem Eroberer wurde zu Hause nur in der Gegenwart gesprochen, wir lebten mit der Geschichte und in der Geschichte, für uns war das alles völlig natürlich", sagt seine Tochter Doña Margarita.

Und ihre drei erwachsenen Kinder? Welche Werte vermittelte sie ihnen? "Liebe. Respekt. Traditionsbewusstsein. Eine gepflegte Sprache. Höflichkeit." Was ihnen Mallorca bedeutet? Doña Margarita und ihre Cousine Mariángela lieben die Insel. Aber hin und wieder müssen sie raus, meinen sie. Sie genießen es, sich mehrsprachig in der Welt zu bewegen - nicht unbedingt ein Charakteristikum der übrigen Inselbevölkerung. Machísmo - gibt es den noch? "Aber ja", nur lasse man sich einfach nicht mehr alles bieten. Schließlich lebe man nicht mehr zur Zeit des Conde de Ayamans. Der überfiel das Kloster, in dem seine Frau wegen seiner schlechten Behandlung Schutz gesucht hatte, wobei die in strenger Klausur lebenden Nonnen in der Nacht und nur mit Nachthemd bekleidet flüchten mussten", wie die Chronik missbilligend anmerkt. Wie die zwei Cousinen sind es heute die Frauen, die sich von ihren Männern trennen, ihre Kinder allein erziehen. Beide haben bürgerlich geheiratet. "Statistisch gesehen gehen solche Ehen schneller auseinander", kommentiert Dona Mariángela trocken ihre gescheiterte Ehe. Also beim Adel mehr Edles? "Natürlich nicht. Auch da gibt es alles. Drogen, Schulden, sogar Armut." Was es für sie bedeutet, zum Adel Mallorcas zu gehören? "Es ist alles in dem Wort Dekadenz begriffen", sagt Margarita und wirkt so ästhetisch wie Cousine Mariángela energisch, "ich fühle mich, als gehörte ich einer seltsamen Rasse an. Ich weiß nicht - vielleicht wie die gitanos, die Zigeuner."

"Wir sind kein elitärer Verein", versichert José Francisco de Villalonga y Morell, Sekretär der Unión de la Nobleza del Antiguo Reino de Mallorca. Er ist so entwaffnend unprätentiös, dass man es ihm aufs Wort glaubt. Don José Franciscos Vorfahren haben bei der Conquista mitgekämpft, ihnen gehörte das heutige Museu de Mallorca und der Palau Solleric, in dem sich nunmehr die Schickeria und wer sich dafür hält ein Stelldichein gibt. Aber Jet-Set und Schickeria interessieren die meisten Aristokraten der Insel ganz und gar nicht. Dahin geht man nicht.

Der Adel Mallorcas, eine geschlossene Gesellschaft? "In einige dieser Kreise dringt kein Außenstehender ein", bestätigen Margarita und Mariángela. Nur wenn es um die eigene Geschichte geht, sucht man freiwillig den Kontakt mit der Welt draußen. Ziehen beispielsweise am 31. Dezember beim Festzug der Festa de l' Estendard zur Erinnerung an die Eroberung Mallorcas plötzlich Reiter mit, die sich fälschlicherweise nach Sant Jordi, dem Heiligen Georg, benennen (eine Bruderschaft, die früher ausschließlich dem Adel vorbehalten war), dann meldet sich Romà Pinya Homs in der Presse. Der ist Professor für historisches Recht und Präsident der Reial Acadèmia Mallorquina d'Estudis Genealògics, Heràldics i Històrics, einer Gesellschaft öffentlichen Rechts, der nicht nur der Adel, sondern auch Historiker angehören.

Ansonsten trifft man sich jede Woche in der Acadèmia und plaudert über Gott und die Welt "Ich bin hier so was wie ein Faktotum", amüsiert sich der 86-jährige Don Joaquín Xim und rasselt mit dem Schlüsselbund. "Manchmal mache ich auch den Pförtner." Sagt's und schließt die Tür ab.

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Brunhild Seeler-Herzog