Mallorca Kunstsammlungen auf der Insel

FUNDACIÓN ES BALUARD

Es Baluard ist das katalanische Wort für "Bollwerk". Es ist auch der Name von Palmas einzigem öffentlichen Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Wer meint, dass dort die Werke zu dicht hängen, hat nicht das Büro von Pere A. Serra gesehen. An den Wänden drängen sich Originale von Joan Miró, Pablo Picasso und anderen bedeutenden Künstlern: Hier wacht Mallorcas größter Medienunternehmer über die Geschicke seines Konzerns.

Und hier befindet sich die Wiege des Museums Es Baluard. Dessen Geschichte beginnt mit einem beeindruckten Politiker in besagtem Büro. Ob Serra schon einmal über ein Museum nachgedacht habe, fragte 1996 der Stadtrat Carlos Ripoll. Natürlich hatte er das, schließlich habe ihm König Juan Carlos bereits vor 20 Jahren gesagt: "Pere, diese Stadt braucht ein Museum!" Der Politiker zeigte zum Fenster hinaus auf die Bastei von Sant Pere, die im 16. Jahrhundert dem Schutz vor Piraten und jetzt als wilde Müllhalde diente. Er erkundigte sich, ob der Verleger für ein Museum an dieser Stelle einen Teil seiner Kunstsammlung abtreten würde. Serra sagte zu. Seine Kunststiftung bildete mit der Stadt Palma, Mallorcas Inselrat und der Regierung der Balearen eine Stiftung zur Verwaltung von Es Baluard. Als deren Vorsitzender konnte Serra dem König bei der Eröffnung am 30. Januar 2004 melden: "Majestät, hier ist das Museum." Auf 5000 Quadratmetern fügen sich Beton und Glas in das alte Gemäuer ein, über der alten Stadtmauer erhebt sich das museale Wahrzeichen, eine Skulptur von Santiago Calatrava - Serra hat sie gegen den Widerstand der Denkmalschützer durchgesetzt.

Ohne internationale Künstler kommt auch Es Baluard nicht aus. Doch der Schwerpunkt liegt auf Arbeiten, die einen Bezug zu den Balearen haben, von postimpressionistischer Landschaftsmalerei bis zu postmodernen Installationen von gebürtigen, Wahl- und Teilzeit-Mallorquinern - von Antoni Tàpies und Miquel Barceló über Rebecca Horn bis Fabrizio Plessi. Und natürlich Miró, mit dem Serra befreundet war.

Dem Museum hat Serra mehr als 400 Arbeiten geschenkt und weitere 600 geliehen. Doch in den Konkurrenzmedien hagelte es Kritik: Man bemängelte, dass ein Privatunternehmer einem öffentlichen Museum vorsitze; dass der Fundus des Museums auf nur einer, nämlich seiner, Privatsammlung gründe; dass deren Wert weit überschätzt werde. "Wäre ich nicht Medienunternehmer, sondern Textilfabrikant, hätten mich alle mit Lorbeeren überschüttet", kontert Serra. 2007 legte er den Museumsvorsitz nieder. Politiker, die im Stiftungsrat saßen und in einen Skandal verwickelt waren, hätten ihn darum gebeten, nicht darüber zu berichten. "Das konnte ich nicht tun." Da waren ihm seine Medien wichtiger als das Museum. "Sie sind alle meine Kinder, aber Es Baluard ist - sagen wir, von einer anderen Frau."

FUNDACIÓN YANNICK Y BEN JAKOBER

Fernab vom Tourismustrubel liegt im Norden bei Alcúdia in einem einsamen Tal am Meer die Stiftung des Bildhauer- und Sammlerpaares Yannick und Ben Jakober. Ein Duo mit weltumspannenden Wurzeln: Yannick Vu ist Tochter einer französischen Pianistin und eines vietnamesischen Künstlers und wurde 1942 in der Nähe von Paris geboren, ihr Mann, der ehemalige Bankier Ben Jakober ist Brite ungarischer Abstammung, geboren 1930 in Wien. Die beiden kamen in den sechziger Jahren nach Mallorca.

1978 erwarben sie als Teilhaber eines Konsortiums das 16 Hektar große Anwesen Sa Bassa Blanca auf der Halbinsel hinter Alcúdia. Dort schufen sie eine Oase der Kunst mit einer einzigartigen Sammlung von Kinderporträts aus dem 16. bis 19. Jahrhundert: Europas Noblesse und Bourgeoisie in Windeln und Kleidchen, mit Silberrassel und Kinderdegen. Über Jahrzehnte haben sie gut 150 Werke zusammengetragen, von denen, immer im Wechsel, ein Teil in einer ehemaligen unterirdischen Zisterne ausgestellt ist. Bittere Ironie des Schicksals: Die eigene Tochter, Maima, starb 1992 bei einem Autounfall. Ihr Tod, so Yannick Vu, habe dem prächtigen Rosengarten der Stiftung "die Dimension eines unendlichen Gebetes" gegeben.

An diesen Garten grenzt das Stiftungshaus, das Ende der siebziger Jahre im maurisch-mediterranen Stil erbaut wurde, es ist eines der schönsten Häuser Mallorcas. Das Gebäude ist die einzige europäische Arbeit des ägyptischen Stararchitekten Hassan Fathy (1900-1989). Zu den Kostbarkeiten im Inneren zählt eine Deckenvertäfelung im Mudéjar-Stil aus dem 15. Jahrhundert, ein Steinbrunnen mit wasserspeiendem Löwenkopf sowie eine Fenstergruppe, die aus dem Wohnhaus des Dichters Federico García Lorca stammt.

TEPPICHGALERIE SAILER

"Weltwunder" nennt Franz Sailer seine schönsten Stücke aus Kette und Schuss. Gewebte Kunststücke. "Ich kann keinen Teppich oder Kelim verkaufen, der mir nicht gefällt." Die Namen Franz und Ingrid Sailer sind bei Liebhabern und Sammlern von Teppichen, Kelims und präkolumbischen Textilien ein Begriff. Ihre Galerie im Palais Küenburg in Salzburg war weltweit eine der besten Adressen für Textilkunst, auch der Aga Khan war Kunde. Im Jahr 2002 zogen sie nach Mallorca, der Arzt hatte ihnen das milde Mittelmeerklima empfohlen. Eigentlich hätten sie sich auf der Insel zur Ruhe setzen können, wäre da nicht das Haus in Santanyí gewesen.

Eine Ruine aus dem 17. Jahrhundert, übersät mit Taubendreck. Aber Sailer hatte nur Augen für die acht Meter hohe Wand: "Ich sah da schon die Kelims hängen und sagte zu meiner Frau: Das ist es!" Im Jahr 2004 eröffneten sie in dem sanierten Haus ihre Galerie. "Wir führen jetzt vorwiegend Kelims. Die lagen uns schon immer besonders am Herzen", sagt Ingrid Sailer. Die jüngsten Stücke im Sortiment sind 50 oder 60 Jahre alt, die ältesten stammen aus dem 18. Jahrhundert - und wirken doch in Muster und Farbgebung sehr modern.

Ob die Monochromie eines Mark Rothko oder die Streifenbilder eines Jasper Johns - in den Textilien anatolischer oder persischer Nomaden sind viele zeitgenössische Kunsttendenzen vorweggenommen. Bereits in den siebziger Jahren haben die Sailers begonnen, diese Textilien auf Rahmen zu ziehen.

Die Preise liegen je nach Größe bei 2000 bis 50.000 Euro. Doch nicht nur über Käufer freuen sich die Sailers: "Uns ist jeder willkommen, der einfach nur schauen und sich überzeugen will, dass diese Textilien etwas ganz Besonderes sind."

STUDIO WEIL

Wovon viele Künstler träumen, Barbara Weil hat es getan. Die Amerikanerin, die 1933 in Chicago geboren wurde und seit 1972 auf Mallorca lebt, hat sich für ihre Arbeiten ein eigenes Museum bauen lassen: das Studio Weil in Port d'Andratx. Um all ihre Skulpturen und Gemälde ausstellen zu lassen. Die Hülle wurde zum Hauptwerk, das Haus ist sich selbst Kunst genug.

"Ein Weltklasse-Gebäude", sagt die Besitzerin nicht ohne Stolz, denn der Entwurf stammt vom international renommierten Architekten Daniel Libeskind. Ihm gefiel der Auftrag: Ein Stück Großstadt auf das schmale Grundstück zu setzen, das einst der Tennisplatz der Künstlerin war. "Daniel hatte gerade das Jüdische Museum in Berlin beendet und war froh, eine Kundin wie mich zu haben", erzählt sie.Was sie damit meint? Der Bau ist vielgliedrig, erinnert ein wenig an das Guggenheim- Museum und ist so komplex, dass ein Foto nicht reicht, um es erklärlich zu machen. Ein wenig irrational, geheimnisvoll - also ähnlich den Arbeiten der wenig bekannten Künstlerin Barbara Weil.

"Meine Formen sind Ausschnitte aus Lebenserfahrungen", hat Weil einmal geschrieben. Doch diese Erfahrungen gibt sie nicht preis. Auch wen ihre Arbeiten nicht ansprechen, kann erfassen, dass sich Architektur und Kunstwerke des Studios aufeinander beziehen. "Ich habe Besucher aus aller Welt, und jeder versteht das."

CENTRO CULTURAL ANDRATX

Eigentlich sollte es Südfrankreich sein, dort verkaufte der Jazzpianist Jacques Loussier sein Anwesen. Und das dänische Galeristenpaar Patricia und Jacob Asbæk war interessiert. Ihr Traum: ein Zentrum für zeitgenössische Kunst, ein Ort der Arbeit und Zusammenkunft für Künstler und Kunstliebhaber aus aller Welt. Man schied sich am Preis. Die Asbæks kauften stattdessen auf Mallorca.

Im Jahr 2001 eröffneten sie das Centro Cultural Andratx (CCA) mit vier Ateliers, acht Gästeapartments, einer Ausstellungshalle und einer Galerie auf 4000 Quadratmetern; dazu ein Raum für Kinder, ein Café und ein Museumsshop.

Ohne Investoren wäre das Projekt gescheitert, ohne die unterschiedlichen Charaktere der Asbæks auch. Er, 1943 in Jütland geboren und in behüteten Verhältnissen aufgewachsen, ist der Visionär, der den großen Wurf wagt, der gut mit Künstlern und Käufern kann, aber die Öffentlichkeit scheut. Sie, in Casablanca geboren, Tochter einer französischen Mutter und eines dänischen Vaters, wuchs in Internaten auf, schreckt vor großen Projekten zurück, kümmert sich dann aber um ihren Erhalt. Sie gewinnt namhafte Kuratoren und hat einen guten Riecher bei der Wahl der Künst ler, die oft vor ihrem internationalen Durchbruch als "Artist in residence" einige Zeit im CCA leben und dem Zentrum eine Arbeit überlassen, Künstler wie Cosima von Bonin, Gregor Hildebrandt, Peter Ruehle.

Das CCA ist eine der größten privaten Kunstinstitutionen Europas, die sich mit Avantgarde befassen. Im Ausland hat sich das herumgesprochen, auch, dass man hier mit Künstlern bei der Arbeit sprechen kann. Die Mallorquiner dagegen wissen das CCA bis heute nicht recht zu würdigen, sagt Patricia Asbæk. "Aber wenn ich sehe, wer hier gearbeitet und ausgestellt hat, erfüllt mich das mit Stolz."

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Autor:
Martin Breuninger