Mallorca Gärten von Alfàbia

Der hortus beatus - der schöne, gesegnete Garten - ist für die Mehrheit der Mallorquiner allenfalls Ausflugsziel am Wochenende. Das Klima der Insel hat ihnen die Sensibilität für die Poesie der Natur in Gestalt von Gärten ausgetrieben. Gartenkunst und Gartenlust waren und sind deshalb auf Mallorca vor allem Sache der Invasoren. Die der Mauren, die von 902 bis 1229 die Insel beherrschten, und die der Deutschen und Engländer, die sie heute fest im Griff haben. Den Mauren - Wüstenexperten allesamt - verdanken die Mallorquiner die Kunst, Wasser zu finden, zu speichern und effektiv durchs Gelände zu leiten.

Die Finca-Aufkäufer von heute legen großen Wert auf gärtnerische Professionalität. Sie geben oft auch an die Einheimischen weiter, wie der Boden aufbereitet werden muss, welche Pflanzen passen und wie der Sommerhitze und dem Winterregen zu begegnen ist. Kenntnisse, ohne die jede Gartenliebe auf Mallorca im wahrsten Sinne des Wortes verdorren würde.

Ein glänzendes Beispiel maurischer Bewässerungstechnik und Wasserromantik sind die Jardíns d'Alfàbia bei Bunyola an der Straße von Palma nach Sóller. Hier, wo etliche Bergbäche der Tramuntana für einen - auf Mallorca seltenen - hohen Grundwasserspiegel sorgen, die felsigen Höhenrücken der Serra die rauen Nordwinde abhalten und eine nie versiegende Quelle sprudelt, beschloss im 12. Jahrhundert der Wesir Ben Abet, einen maurischen Mustergarten anzulegen. Ein Arboretum, ein Biotop der Extraklasse. Die windgeschützte Lage und der Wasserreichtum sorgten für das ungebremste Wachstum eines einmaligen Baumsammelsuriums, in dem neben den heimischen Oliven-, Steineichen- und Johannisbrotbäumen bis heute auch viele botanische Raritäten leben: Arten, die hier eigentlich nichts zu suchen haben. Skandinavische Tannen zum Beispiel, die Zeder, morgenländische Platanen, Aleppokiefern oder der aus China stammende Palisander. Eine immergrüne, von zahlreichen Palmenarten durchsetzte Oase in der kargen Bergwelt der Tramuntana.

Der eigentliche Reiz dieser wohltemperierten grünen Enklave aber ist das Wasser. Es spiegelt in Alfàbia nicht nur das Leben, es ist das Leben. Nützlich und lustvoll zugleich durchströmt, schmückt, strukturiert, erhält es das seit Jahrhunderten bewunderte muselmanische Paradies. Heute - ausgezeichnet als "Jardíns Histórico Artísticos" - ist es ein Teil des mallorquinischen Kulturerbes, verzaubert die Besucher mit bemoosten Wasserfällen, eleganten Springbrunnen, stillen Teichen, verspielten Grotten, versteckten Zisternen und funkelnden Kaskaden.

Ein Netz kaum sichtbarer, kleiner Kanäle verbindet all das untereinander. In den Wasserläufen fängt und spiegelt sich nicht nur das flirrende Licht, das durch die Baumkronen rieselt, sie erfüllen auch jeden Ort des Parks mit feinem melodischen Rauschen oder fröhlichem Plätschern: einst eine tönende Aquaschau für die maurischen Feingeister, heute ein Touristenmagnet. Eine Wasserpergola wird aus 24 barocken, steinernen Wasserspeiern gespeist und bildet einen langen, glitzernden Tunnel. Allerdings nicht mehr rund um die Uhr wie zu Zeiten der Mauren. Heute müssen die Besucher die Wasser per Knopfdruck zum Sprühen bringen.

Wasser ist auch das Thema jener Frau, die der unbestrittene Superstar der mallorquinischen Gartenkunst ist: In den Bergen bei Pollença liegt der weitläufige Garten von Heidi Gildemeister, im Jahr 2000 wurde er zum besten Spaniens gekürt. Anders als die Mauren in Alfàbia kultiviert die Schweizerin nicht den Überfluss des Wassers, ganz im Gegenteil - seit sie auf Mallorca gärtnert, treibt sie der Wassermangel um. Jahrelang hat sie sich mit den Überlebenschancen von Pflanzen unter wasserarmen und trockenheißen mediterranen Bedingungen beschäftigt. Hat geforscht und experimentiert, gepflanzt und wieder ausgegraben, Geduld geübt und nie aufgehört zu lernen. Und zwei kompetente Bücher zum Thema veröffentlicht.

Heute ist ausgerechnet ihr Garten der "mallorquinischste" der Insel. Einer, der die Natur dieses mediterranen Paradieses beispielhaft versammelt und dabei eher den Eindruck eines gepflegten Landschaftsschutzgebietes als den eines mit Sorgfalt angelegten Gartens macht. Denn das, was hier wächst, blüht und sogar auf und zwischen den Felsen so prächtig gedeiht, sind bis auf ein paar Palmen und einige Zypressen fast ausschließlich Pflanzen heimischer Provenienz.

Bis Heidi Gildemeister ihren rauen Tramuntana-Gipfel in einen immergrünen Garten Eden verwandelt hatte, vergingen harte Lehrjahre, sagt sie: "Als ich ans Mittelmeer zog, brachte ich all die Erinnerungen an meine Gärten in anderen Ländern mit ... In meinem Fall waren es Peru und die Schweiz. Was ich mir hier vorstellte, war ein tropischer Dschungel - weiße Blüten vor einer dunklen exotischen Blätterwand, schwere Düfte in der Luft."

Die zierliche Gartenkünstlerin machte sich daran, ihren Traum zu verwirklichen und arbeitete den ersten Winter über nonstop. Im Frühjahr sah der Garten fabelhaft aus. Aber als der Sommer kam, verdörrte die Sonne den Boden, über Wochen blieb der Regen aus. Als der Rasen braun wurde und das Wasser in der Zisterne nur noch 15 Zentimeter hoch stand, musste sie sich der Realität stellen: "Das Mittelmeerklima war etwas Neues für mich. Welche Pflanzen konnten derart lange Hitzeperioden und Dürre überstehen? Wo konnte ich sie finden, wie sie auswählen und pflegen? Auf welche Weise konnte ich Wasser sparen?"

Ordnung und Chaos im Gleichgewicht

Nach über Jahre währenden Versuchen mit mehr als tausend Pflanzen aus fast 500 Gattungen hatte Heidi Gildemeister nicht nur Antworten auf diese Fragen gefunden und die resistentesten Pflanzen herausgefiltert, sondern war zur weltweit geachteten Expertin für mediterranes Gärtnern geworden. Sie ist Gründungsmitglied und eine der ersten Präsidentinnen der Mediterranean Garden Society, die Gärtner und Gartenfreude aus vergleichbaren Klimazonen rund um den Globus betreut. Heute ist ihr eigener Garten längst nicht mehr nur ein Trainingscamp für die Härtesten der Harten, sondern ein Beispiel für die Vielfalt der mediterranen Flora, die in schier unendlichen Grünvarianten die einst kahlen Felsen üppig bedeckt.

Pflanzen, die auf Mallorca groß werden und blühen wollen, müssen wahre Asketen sein, denn das, was Millionen Touristen auf die Insel lockt, - die vom Himmel brennende Sonne -, ist für sie eine harte Herausforderung, der nur die robustesten Arten auf Dauer gewachsen sind.

Vor allem drei botanische Schwergewichte sind es, die in fast allen Gärten Mallorcas im Fokus stehen: ein paar möglichst alte, mächtige, immergrüne Johannisbrotbäume, dazu einige ebenfalls immergrüne knorrige, dickstämmige Steineichen und natürlich silbrig schimmernde Olivenbaumgreise, in wilder wie kultivierter Form. Der Wurzelbereich wird geschützt von Büschen und Sträuchern. Vor allem von solchen, die viele Küstenstreifen als Macchie begrünen wie Kreuzdorn und Mastixstrauch. Beide werden auf Mallorca gerne für Formschnitte genutzt, wobei die Gärtner den natürlichen Drang dieser kompakten Pflanzen zu runden Formen nutzen. In diese Orgie aus Grüntönen setzen Gärtner, die Gildemeisters Schule folgen, fast expressionistische Farbtupfer: in roten Wolken leuchtende Wolfsmilchsträucher, dichte hochgeschossene Lavendelkissen, blau strahlende Agapanthus und gelb blühende Kronwicken.

Eine Meisterin solcher Pflanzenmalerei ist die Hamburgerin Caroline Menzel - 15 Jahre lang Autorin einer Gartenkolumne in einer deutschen Sonntagszeitung - nicht erst seit sie auf Mallorca gärtnert. An früheren Wohnorten, in Washington und London, hatte sie bereits ihre sensible Farbenlehre verwirklicht. Hier, auf Mallorca, hat die Gartendesignerin - ähnlich wie Gildemeister - einfach ein Stück der hügeligen Tramuntana-Wildnis zum Garten erklärt, in den sie einen überschaubaren, puristisch strengen Poolgarten kontrastreich implantiert hat.

Das bewaldete Grundstück - eine Rarität auf Mallorca - hat Menzel lange gesucht, um in zehn Jahren ihre ungewöhnliche Bildidee von Ordnung und Chaos, Schönheit und Wildheit zu verwirklichen. Rund um das Haus steht eine Vielzahl immergrüner Sträucher: Klebsame, Bleiwurz und Kreuzblume, farblich aufgehellt von rosafarbenem Oleander und lila blühenden Bougainvilleen. Das Zentrum des weiten Landschaftsgartens bildet ein großer rechteckiger Pool mit einer breiten Marmoreinfassung. Der helle Wasserspiegel, umgeben von hohen Lavendel- und Rosmarinstauden, verschiedenen Agaven, exakt geschorenen Buchs-, Rhamnus- und Mastixkugeln, ist zugleich der Schnittpunkt verschiedener Sichtachsen in den umgebenden Steineichenwald.

Auch in Menzels geometrisch strukturierter Landschaft fehlen nicht die Musts der mallorquinischen Gartenseligkeit: der Johannisbrotbaum - sie ist stolz auf ein riesiges Exemplar direkt vorm Haus -, die Yucca-Palmlilien mit ihrem verwirrenden Farbspiel auf den Lanzen ähnlichen Blättern und - eine besondere Rarität - die zu stattlichen Bäumen gewachsenen, uralten Mastixsträucher, die sich zwischen den starken Steineichen nach oben, zum Licht hin gearbeitet haben. Aber nicht nur den Umgang mit Farben beherrscht Menzel virtuos, auch ihr Sinn für Formen hat sie zu einer der erfolgreichsten Gartendesignerinnen gemacht. Die Proportionsidee, Garten und Haus gestalterisch als Einheit zu behandeln, stammt von den Römern, sie hat die Renaissancegärten in Italien ebenso beeinflusst wie die Barockgärten Frankreichs; Caroline Menzel hat dieses Prinzip stilsicher aufgenommen, und so eine dreistufige, harmonisch ausgewogene Einheit von Haus, Garten und umgebender Landschaft geschaffen. Derart klar gestaltete Gärten findet man auf Mallorca nur sehr selten, denn häufig überwuchert die Pflanzenfülle hier die mit viel Mühe angelegte Gartenstruktur.

Gefühl, Gespür und Geduld Wenn man die eleganten Damen Heidi Gildemeister und Caroline Menzel durch ihre Gärten streifen sieht, könnte man meinen, sie seien auf dem Weg zu einem Afternoon Tea im Freien. Dabei sind die beiden die grünen Eminenzen der mallorquinischen Gartenszene. Und sie sind nicht allein. Auch Profis wie die auf Sukkulenten spezialisierte Deutsche Renate Goldberger oder die Südafrikanerin Dianne Levinson, die in ihrem Garten extravagante Formen kombiniert, haben grüne Meisterwerke geschaffen. Sie alle beweisen, dass Frauen die wahren Sachwalter der Gartenkunst sind.

Das zeigte in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts schon die Engländerin Vita Sackville-West mit ihrem streng nach Farben aufgebauten Garten im südenglischen Sissinghurst. Und das zeigen ihre legitimen Nachfahren Gildemeister und Menzel, zwei Pflanzenflüsterinnen, die ihre immergrünen Naturgärten dem schwierigen Klima und dem kargen Boden Mallorcas abgetrotzt haben. "Wenn Wasser und Erde stimmen, verwandeln sich die jungen Pflanzen in einen Dschungel aus Schönheit", sagt Caroline Menzel. Die beiden Frauen wissen, dass Fachkenntnis allein nicht reicht, um einen Garten zum Leben zu bringen, es braucht Gespür, Gefühl, Geduld. "Die Pflanzen sprechen zu einem", sagt Gildemeister. "Man muss nur zuhören, um zu wissen, wie es ihnen geht."

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Autor:
Nicolaus Neumann