Palma Ein Kurztrip nach Mallorca

Freitag, 17 Uhr

Tür zu, Schlüssel rum. Im Nieselregen zum Hamburger Flughafen. Es ist 13 Grad feuchtkalt.

Freitag, 21.20 Uhr

Das Essen ist angerichtet: pa amb oli, mit Olivenöl beträufeltes Weißbrot, Krabben-Curry mit Koriander, dazu ein heimischer Jaume Mesquida Cabernet Sauvignon. Der Leihwagen parkt bereits vor der Tür, vor dem Swimmingpool des Hotel Portixol direkt am Meer spielen drei spanische Mädchen Fangen. Auf Mallorca hat die Dinnerzeit gerade begonnen. Statt Nieselregen draußen sitzen im Oktober. Es ist 20 Grad warm, doch die gefühlte Temperatur liegt weit höher, so etwa am Siedepunkt der Entspannung. Wie schnell das doch geht. Mit nicht mehr Zeitaufwand, als wir gebraucht hätten, vom Büro nach Hause zu fahren, zu kochen und den Tisch zu decken, sind wir im Mittelmeer gelandet. Wollen für 72 Stunden Sonnen-Feeling dort auftanken, wo eine perfekte Infrastruktur solche Kurztrips leicht und lohnend macht. Mallorca: Nirgendwo sonst kann man sich so schnell so weit weg fühlen.

Es ist ein neues Mallorca-Phänomen: Erst Putzfraueninsel, dann wiederentdecktes Luxus-Revier der Schönen und Reichen, jetzt Wochenend-Destination. "Die Insel wird für Kurzurlaube immer beliebter", sagt Brita Schleinitz vom Spanischen Fremdenverkehrsamt in Deutschland. Durchschnittliche Verweildauer: 7,6 Tage. Auch Freizeit braucht ein wenig Logistik, so planen wir beim Abendessen die nächsten 72 Stunden. Oh, privilegiertes Fachsimpeln! Wer am Donnerstagabend anreist (und den Freitag frei hat), kann den Einstiegstag als Strandtag nutzen und sich erst einmal fallen lassen. Wer am Freitagabend loskommt, wird den Samstag vielleicht schon zum Shoppen oder für eine Kunst-Tour ansetzen wollen. Los ist immer was und an diesem Wochenende: Weinfest in Binissalem, Van Morrison in der alten Stierkampfarena von Palma, virtuelle Shows im neuen Kulturzentrum von Michael Douglas in Valldemossa. "Stopp", sagt da plötzlich eine Stimme, die wir als unseren Inneren-Stress-Beobachter (ISB) schätzen lernen, und nuschelt in den zweiten Rotwein trivialen Unsinn von Salz, Haut, Biokurve und "bloß keine Termine".

Freitag, 23 Uhr

ISB kann sich nicht durchsetzen. Vom Hotel Portixol am östlichen Rand Palmas sind es nur fünf Autominuten zum Hostal Corona, einer hundert Jahre alten Villa im Viertel Es Terreno zwischen Yachthafen und Castell de Bellver. Spanische Szene drängt sich zwischen indischen Lampions und Terrakotta-Öfen im Garten des mallorquinischen Künstler-Ehepaars Cristóbal und Margarita Navarro, die aus dem Familienerbe einen Treffpunkt für Studenten, Künstler, Wissenschaftler, Airline-Crews und Urlauber gemacht haben. Déjà-vu als Entspannungsmoment: Cristóbal selbst steht am Tresen, Margarita zaubert Couscous und sopas mallorquinas in der Küche. Allabendlich ist das Bistro mit Weingarten und acht Zimmern für jeden geöffnet, noch im Dezember schließen die Besitzer ihr Haus und ziehen für zwei Monate um die Welt. Im Corona hat schon so mancher kein Ende finden können - für uns ist es ein fröhlicher Start ins Insel-Wochenende.

Samstag, 10 Uhr

Die Füße ertasten den Wollteppich der ganz in Weiß gehaltenen Zimmer des Portixol, die Hände öffnen dunkelblaue Jalousien, Fischer im Hafen von Portixol rufen sich Kommandos zu, im zimmereigenen CD-Spieler schlummert Van Morrisons "Spanish Rose". Zwei Jahre lang haben Johanna und Mikael Landström, ein Hotelier- und Designer-Ehepaar aus Stockholm, den Hafen-Kubus mit 23 Zimmern restauriert und aus einer traditionellen Fischerkneipe der sechziger Jahre ein trendiges Hotel gemacht - ein Haus am Meer, dekoriert in skandinavischer Schlichtheit und den Farben des Mittelmeers.

Bereits seit seiner Eröffnung 1999 wird es zu den schönsten internationalen Design-Hotels gezählt. Das Portixol, am Kai des gleichnamigen Viertels zwischen Palma und S'Arenal gelegen, ist aber auch ein Beweis dafür, dass Mallorca, obwohl bis ins letzte Sandkorn durchforscht, immer noch die Fähigkeit hat, sich neu zu erfinden. Die Gegend mit den gedrungenen Häusern gilt als kommendes In-Viertel. Wir erkunden sie auf Leihfahrrädern bis zum Stadtstrand Ciutat Jardí, könnten noch bis S'Arenal weiterstrampeln. Wer Naturstrand liebt, mag den Strand Es Trenc vorziehen, doch dafür brauchen wir das Auto. Mein ISB ist bereits happy und streckt bei 26 Grad selig die Zehen in den Sand.

Samstag, 16 Uhr

Was ist nur aus Miró geworden? Der Kultur-Trip am Spätnachmittag beginnt skandalös: 22 kahle Flächen gähnen im einstmals schönen Miró-Museum, das jetzt in die Mühlen eines Zwists zwischen der Familie des berühmten katalanischen Künstlers und der Stadtverwaltung geraten ist. Erfrischend international dagegen die mediterranen Motive junger Künstler in der Galerie L'unico von Sabine Broekmann und Volker Heiner hinter dem Parlament. Apfelbilder des Berliner Künstlers Andreas Schiller sind dabei, der seine Stillleben in altmeisterlicher Technik bereits in New York ausgestellt hat; Eisentiere und Pergamentlampen des Argentiniers Carlos Matesanz, der auf Mallorca lebt. Endlich ein gelungener Designfund auf der Insel. Ab 80 Euro gibt es Originale, die an die Heimatadresse geschickt werden.

Samstag, 20.30 Uhr

Zum Glück! Die neu erstandene Pergamentlampe unterm Arm hätte den Sprint in die Nacht doch erheblich beschwert: Am Castell de Bellver, dem Wahrzeichen Mallorcas hoch über der Stadt, wollten wir eigentlich nur den Sonnenuntergang bewundern und geraten in der gotischen Festungsanlage in eine Hochzeitgesellschaft. Zur Mitternacht bezaubern uns die Logen der antiken Stierkampfarena fast noch mehr als Van Morrison, aber ohne ihn wären wir nie in eine Stierkampfarena geraten! Ein südafrikanisches Skipper-Pärchen, das Yacht-Touren rund um Mallorca organisiert (vielleicht beim nächsten Mal), empfiehlt das klitzekleine Jazz-Café Barcelona hinter der Börse. Ein Kenner-Tipp: Plüschpuffs, Tischleuchten, zuvorkommende Bedienung - nie würde man hier ahnen, dass es auf Mallorca überhaupt Massentourismus gibt.

Sonntag

Die Kommunikation mit ISB erreicht trotz leichter Angeschlagenheit philosophischen Level. Statt des Wie-lange-haben-wir-noch-Syndroms - bei 14 Tagen Urlaub etwa ab der Halbzeit üblich - tritt das Sind-wir-wirklich-erst-36-Stunden-hier?-Phänomen auf. Und erhärtet unsere These, dass die ersten Urlaubstage ohnehin die intensivsten sind, deren inspirierende Wirkung mindestens ebenso lang hält wie der Erholungseffekt nach zwei Wochen Faulenzen. Shut up, sagt ISB und verlangt nach einem Ausflug. Kann er haben: Valldemossa, Chopin-Zufluchtsort, Bergpanorama und neuerdings auch Wirkungsstätte des US-Schauspielers Michael Douglas, der im Ort ein Kulturzentrum geschaffen hat. Noch ein wenig unausgereift wirkt die Disney-Version einer Reise in die Geschichte, Flora und Fauna des Landes. Treibende Kraft des Unternehmens ist ohnehin nicht Douglas, sondern seine Ex-Frau Diandra, die Vorgängerin von Catherine Zeta-Jones. Als Tochter amerikanischer Bohemiens auf Mallorca aufgewachsen, ist sie eine beliebte und einflussreiche Öko-Botschafterin der Insel geworden. Dass sie ein großes Herz hat, hat sie den Mallorquinern ebenfalls bewiesen: Auch nach der Scheidung teilt sie mit ihrem Ex-Gatten die gemeinsame Luxus-Residenz S'Estaca an der Nordküste.

Doch der spektakuläre Blick auf Bergrücken, die hier ins glitzernde Meer fallen, ist nicht der Privatbesitz des Douglas-Clans allein. Den bietet auch das Bens d'Avall, ein Feinschmecker-Klassiker ganz in der Nähe zwischen Sóller und Deià; erwachsen aus einer bocadillo-Bude, die der Vater des jetzigen Küchenchefs Benito Vicens Mayol hier betrieb. Genau der richtige Platz für ein Edel-Lunch, genau der richtige Tag, um damit wie die Mallorquiner aufs Angenehmste den ganzen Sonntagnachmittag zu vertrödeln. "Benito wollte einfach mal was anders machen als Sandwiches", erzählt seine Frau Catalina Cifre Llado, während wir schmausen. Der Autodidakt ging auf Reisen, um Köchen der Welt in die Töpfe zu schauen. Das Ergebnis: Selten verlässt jemand vor 17 Uhr sein Sieben-Gänge-Mittagsmenü, um schließlich - wir diesmal mit offenem Verdeck - über die Serpentinenstraße in einen geruhsamen Abend davonzugleiten.

Montag

ISB meckert. Wir haben noch nicht eingekauft, wollen noch mal an den Pool. Was soll die Aufregung, bis zum Abflug um 20.05 Uhr liegt noch ein Drittel des Urlaubs vor uns! Zeit genug, das Traumkleid im Laden des spanischen Designers Angel Schlesser zu erstehen, der durch sein Herrenparfüm "Angel Schlesser Homme" international bekannt wurde; Zottelfellmantel und Cordjacket im Modehaus Zara am Born für den daheim gebliebenen Nachwuchs (das hiesige Angebot ist größer als zu Hause); eine ägyptische Glastraubenlampe im Antik-Laden Ross von Rosa Garcia, einer Fundgrube für Antiksammler am Markt von Santa Catalina, wo wir schließlich auch noch den gewichtigsten aller Einkäufe tätigen: zwei Kilogramm (!) Gambas für 18 Euro. Sie werden uns helfen, das Mallorca-Gefühl nach Hamburg mitzunehmen - für mindestens weitere 72 Stunden.

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