Mallorca Die Geheimnisse der Altstadt Palmas

Im Sommer steigt die Sonne über Palma schnell empor, die Steine werden heiß, Staub flimmert wie Kristalle, und Palmen knistern, als würden sie brennen. Jetzt muss man in der "Bar Cristal" an der Plaça Espanya eine leche fria trinken, das Insel-Sorbet. Am besten nachmittags, damit die Sonne auf das an Pariser Cafés erinnernde grüne Vordach aus gezacktem Blech und in die steinernen Jugendstil-Wellen der Fassade scheint. Dann sitzt man da und überlegt: Sollte man hier Vivaldis gmoll- Sonate hören oder Tony Bennett unplugged mit "The Good Life"? Was passt besser hierher, wenn man die Gavarrera hinaufgeht zum Viertel um das Kulturzentrum Misericòrdia? Hinaufstolpert über Katzenkopfpflaster und die zwei Meter langen Stufen einer 1,50 Meter breiten und sanften Treppe, tagsüber dekoriert und abends illuminiert von einer windschiefen Eisenlaterne, der man um 1920 das Gas auspustete zugunsten einer Glühbirne?

Was das Gebäude-Ensemble attraktiv macht, ist der Umstand, dass es sich um Gewachsenes handelt, ähnlich einem Wald. Dass es von den An- und Umbauten der Jahrhunderte seiner Wirkung nicht beraubt wurde. Der französische Regisseur Henri-Georges Clouzot hat das 1956 in seinem berühmten Picasso-Film gezeigt: So sehr sich Vollkommenes im Laufe des Schöpfungsaktes auch verändert - es bleibt in jeder Phase vollkommen. Dafür hat in dieser Stadt Gaspar Bennazar (1869-1933) gesorgt, der letzte Stadtplaner des Jugendstils in der Palma-Variante "Modernismo". Bennazar schuf das heutige Stadtbild, auf ihn gehen die Avingudes zurück, er plante die Neustadt jenseits des achtspurigen Schutzwalls aus Asphalt: eine

Wucherung der Moderne, zehnmal so groß wie die Altstadt - ihre Rettung. Denn draußen wurde Platz geschaffen für die Scheußlichkeiten, die Altstadt aber blieb alt. Welche Stadt hat denn heute noch eine Seele, die man erwandern kann?

Jetzt führt man sogar die Straßenbahn wieder ein, ein paar Schienen sind eh übrig geblieben aus den Jahren 1891 bis 1959, als sie fuhr. Damals herrschte in Palma noch Linksverkehr und die Gehsteige waren Einbahngeläuf: links in die eine Richtung, rechts in die andere. Die Tram ist besser als Busse und Autos - immerhin hält die Altstadt von Palma zwei Rekorde. In Europa ist sie, so haben es die Stadtväter festgelegt, die größte in einem Stück, unverbaut, unverändert, dicht wie einst und mit fast allen Originalstraßen, -dächern und -höfen. Und weltweit besitzt sie die schlimmste Verkehrsdichte, ein Motorfahrzeug pro Kopf! Das schlägt sogar Singapur.

Viel bedeutsamer aber ist meiner Ansicht nach die Zahl der Verlage, zwischen 50 und 60, das dürfte pro Kopf der Bevölkerung der zweite Weltrekord sein. Darunter gibt es schon mal den einen oder anderen Verlag seit 1530, meist seit der Gründung im Besitz derselben Familie. Für mich bedeutet das Kultur. Und ist es nicht auch ein Zeichen von Kultiviertheit, dass in Palma die Müllbeutel nur von 19 bis 23 Uhr in die Container geworfen werden dürfen wegen des Gestanks, den die Hitze produziert? Oder wenn man im Restaurant "Parlament" zur Paella frische Radieschen serviert, weil man hofft, dass sie beim Verdauen das Fett wegzaubern? Das "Parlament" ist übrigens eine wunderbar museale Gaststätte, in der Politiker verkehren, die das Lokal durch eine Hintertür vom Sitzungssaal aus betreten.

Das ist undemokratisch privilegiert, aber Palmas Altstadt ist im Herzen adlig. Eine eigenwillige Aristokratie ist es, hochmütig und eingemauert. Unwirsch gegen Unbekannt, zugänglich nur auf Empfehlung. Nehmen wir den Grafen Zavella, wohnhaft im Palau Vivot, Can Savellà, 2 - so steht er im Telefonbuch. Pedro, der junge Conde, führte mich einmal

durch seine 800 Quadratmeter antiker Wohnfläche hinauf in jenen Turm, den alle Adelshäuser besitzen. Sein Sinn? "Immer, wenn ein Schiff erwartet wurde, stieg ein Dienstbote hinauf. Wenn es in Sichtweite war, wurde eine Kutsche zum Hafen geschickt, denn irgendjemand kam immer aus Barcelona, den man kannte." Wurde ein Feind gemeldet, etwa ein Pirat, verbarrikadierte man sich. Die Türme waren ein Frühwarnsystem.

Normal ist so ein Besuch im Palast nicht, denn heutzutage sind die neuen Residenten die alten Piraten. Gegen Besucher igelt sich die Altstadt ein. Man lässt uns in Patios schauen, unsere Nasen durchs Schmiedeeisen stecken. Aber blicken wir hinauf zu den geschnitzten, bemalten Dachsparren, hört man ein Stimmchen: "Wir haben viel gesehen, könnten

viel erzählen. Aber nicht dir!" Warum nicht? "Weil du einer von denen bist, die uns seit 2000 Jahren nichts Gutes bringen!" Das ist unfair. Doch so haben die Mallorquiner überlebt, die Palmesaner ihre Eigenart erhalten. Durch das Ausgrenzen alles Fremden. Dabei leben heute nur 3992 amtlich gemeldete Deutsche in Palma, gerade mal jeder Hundertste ist ein alemany.

Als ich die 800 Meter von der Kathedrale zur Plaça Quadrado schlendere, behindern mich 44 Baustellen. Termitengleich höhlen hier Bauarbeiter die prächtigen Palais aus für die Errungenschaften des 21. Jahrhunderts: für Lifte, Spas, Klimaanlagen, Fußbodenheizungen. "Entkernen" nennt man das, denn die Fassade der Renaissance bleibt erhalten. Außen ehrwürdig, innen cool - Mallorquiner sind Meister der Illusion. So ein Palais ergibt bis zu 14 Wohnungen, keine kostet selbst in der schlimmsten Finanzkrise weniger als eine Million Euro. 14 mal 1.000.000 Euro - das ergibt in etwa die Summe des Reichtums aller 15 Generationen, die dieses Haus besessen haben. Ein gerechter Preis. Freilich zahlt der mehr, der die oberste Etage mit dem ins Penthouse integrierten Turm kauft. Arribistes nennt die alte Society jenen neuen Geldadel, der es von unten nach dort oben geschafft hat. Emporkömmlinge.

In den verwinkelten 50 Hektar Altstadt sollte man einige Male verharren: vor Corderia Nr. 17 zum Beispiel, einem Eckhaus mit dem Laden "Ca la Seu", an dessen Fassade eine Marmortafel mit der Inschrift "Desde 1510" steht. Die Werkstatt eines Korbflechters und Bürstenbinders. An seiner Kasse steht eine seltsame Waage, denn einst wurden die Handarbeiten nach Gewicht verkauft, nicht nach Aussehen. Jetzt aber kleben an seinen Fenstern mit ihren spätbarock geschwungenen Holzrahmen jene neonschrillen, gestanzten Spruchbänder. "Se traspasse", steht darauf, "wir geben auf". Nach 498 Jahren.

Die Altstadt wird schick, noch eine Bürgerfamilie geht. Mich stimmt das traurig, und die Begeisterung von Jean Cocteau gilt es zu relativieren: "À Palma de Majorque tout le monde est heureux" - "In Palma ist die ganze Welt glücklich". Die ganze Welt sicher nicht, aber immer mehr Menschen vertrauen darauf: Palma explodiert, von 217.000 Einwohnern 1997 auf über 390.000 im Jahr 2009. Und wie alt ist die "Ciutat"? Da hat man sich jetzt ziemlich willkürlich auf eine Jahreszahl geeinigt: 123 v. Chr. Gründer? Die Römer. enn's dem Image dient.

Das spannende Konglomerat maurisch-mediterraner Kultur

Man muss ja nicht immer jubeln wie die Stadtführer beim Rundgang; im Requiem steckt oft mehr Wahrheit. Was sie mit der Villa Schembri in der Infanta Nr. 15, drüben im Stadtteil El Terreno westlich der Altstadt, gemacht haben, ist auch so eine Sünde. Ein unfassbar schöner Modernismo-Bau, Gaspar Bennazar zugeschrieben. Was hat er sich da eigentlich gedacht um 1910? Als hätte man dem Maler Henri Rousseau einen Lego-Kasten gegeben und ihn gebeten, etwas zu schaffen, was noch nie da war - mit Balkönchen, Erkerchen, Blümchenstuck, Girlandchen, Eisen in allen gebogenen Förmchen, Treppchen, Türmchen, und alles aus ladrillo, der ockerbraunen Kombination aus Ziegel und Naturstein. Und dann klatschten sie den hässlichsten, giftgrünen Wohnblock Palmas daneben, lehnten ihn an die Traumvilla, die heute eine Schule ist, montierten Bahnhofsuhren an die Jugendstilfassade, einen Basketballkorb ins Mauerwerk und andere Scheußlichkeiten.

Erholung, bitte, etwas Schönes, per favor! Ja, danke, da steht sie, zufällig, aber genau im rechten Moment: Maruja García, schönste Frau von Palma auch noch mit 64, die einzige Mallorquinerin, die es je zur "Miss Europa" brachte, 1962. Ich grüße, aber sie blickt mich nur erstaunt an, was sie noch schöner macht. Man prügele mich, aber beim Anblick dieser ewig attraktiven Frau, der lebenden Allegorie der Stadt, denke ich daran, dass es sechs Jahreszeiten gibt: Zu den üblichen kommt im Januar, Februar eine sonnige Periode von etwa zwei Wochen, die man "Ruhige Tage" nennt, dies calms. Und auf die heißen Sommer folgt im September ein zweiter Frühling mit Regen und erneutem Aufbrechen der Blüten und des Grüns. Maruja ist der wandelnde Frühling.

Auch wenn's in jedem Reiseführer steht: Um 17.30 Uhr müssen Sie in der "Bar Bosch" an der Ecke Plaça Rei Joan Carles I. und Unió sitzen! Hier ist es laut, eng, scharlatanisch. Wird der Gast zum Chirurgen bei der Betrachtung des offenen Herzens der Stadt. Erfahrene suchen einen Tisch an der Hauswand, Anfänger sitzen mit dem Rücken zum Platz. Kürzlich stellte ein Literat fest, dass auf der Terrasse der Bar noch nie eine Frau kellnern durfte. Warum? "Tameteix" hieß die brutale Antwort auf Mallorquin, "was geht's uns an." Ein Priester, der nebenan heiße Schokolade schlürfte, erwiderte: "Dominus providebit", "der Herr wird für uns sorgen". Eine Prise Inselhumor.

Der Geistliche war glosador, wie er flüsternd gestand, ein Volksreimer. Nur hier gibt es diese Männer und Frauen, die seit rund 350 Jahren auftreten und spontan, oft auf Zuruf, Gedichte und Lieder verfassen, die gloses. Auch zu zweit oder in Gruppen sieht man sie, dann werfen sie sich verbale Bälle zu, veranstalten Dichterduelle zum Gaudium der Zuhörer.

Die Stadt ist voll von solchen Originalen. Carlos Garrido zum Beispiel, Archäologe, Rockmusiker und Schriftsteller, der sonntags Interessierte versteinertem Ton, handtellergroß, mit rund 4600 Jahren die älteste weibliche Figur Mallorcas. Die "Venus von Willendorf" der Insel, nur schlanker.

Zum Schluss aber sollten Sie Mut beweisen und an der Avinguda Gabriel Roca, im Volksmund Passeig Marítim genannt, gegenüber dem Yachthafen des "Club de Mar" in einem der Hochhäuser jenen um einen Blick von seiner Terrasse bitten, der ganz oben wohnt. Von dort sähen Sie hinunter auf Schiffe für eine Milliarde Euro - von der "Lady Moura" des saudischen Unternehmers Ar-Raschid bis zum blauen Segler der Familie Gucci. Reichtum, der im Meer versinkt, weil jedes Schiff pro Jahr zehn Prozent dessen verschlingt, was es neu gekostet hat. Da versteht man, wieso Damen des leichten Gewerbes in Palma ihren Service erweitert haben auf "Haus-, Hotel- und Yachtbesuche".

Ich saß einmal mit einem Steuerbeamten im Hafen. Der fragte mich: "Was siehst du?"- "Viele große, teure Yachten." - "Ich sehe nichts", sagte er, "nur Löcher im Wasser." - "Löcher im Wasser?" - "Ja", sagte er und deutete auf die Riesenpötte. "Fiskalisch existieren die Yachten nicht, denn fast alle wurden mit Schwarzgeld bezahlt." Und wenn schon. Nichts ist schöner, als auf einem Schiff vor Sonnenuntergang hier einzulaufen, mit dem Schloss Bellver und der Kathedrale als goldgelbe Koordinaten. Das ist schier unfassbar. So müsste eigentlich jede Begegnung mit Palma beginnen.

Aber was sage ich jetzt meinem 29-jährigen Sohn, der meint, in den Straßen von Palma an Langeweile zu sterben und lieber nach New York will? Vielleicht, dass die eine die anderen Städte nicht ausschließt. Dass er nur nicht im Sommer nach Palma kommen darf, weil er 2500 Touristen in kurzen Hosen in den engen Straßen wohl nicht verkraften würde. Aber dass er unbedingt diesen Safaripark der europäischen Geschichte und Kultur kennen muss, der sich nur eine Stunde und 50 Minuten Flugzeit entfernt auf dieser Insel Stein für Stein erhalten hat. Ach, ich könnte hier eine ganze Ciutat aus Argumenten bauen.

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Autor:
Axel Thorer