Mallorca Deutsche auf den Balearen

Wie es um das Verhältnis von Deutschen und Mallorquinern steht? Wolfram Seifert hört missmutig auf, seinen in Salzkruste gebackenen Loup de Mer auf die Gabel zu schaufeln. "Es gibt kein Verhältnis", sagt er. Der Mann muss es wissen. Fast 30 Jahre lang, von 1981 bis 2009, leitete der ehemalige Springer-Journalist das "Mallorca Magazin", lange Zeit die einzige deutschsprachige Wochenzeitung auf der Insel. Kraft seines Amtes war er eigentlich mit der Vermittlung zwischen Zugereisten und Einheimischen betraut.

Knapp 29.000 deutsche Staatsbürger waren Ende 2007 in mallorquinischen Gemeinden gemeldet. Mindestens noch einmal so viele scheuen den Gang zum Rathaus. Aus steuerrechtlichen Gründen tun besonders Rentner häufig so, als ob sie noch in Deutschland lebten. Bei einer Gesamteinwohnerzahl, die - auch andere "illegale" Ausländer auf Mallorca eingeschlossen - bei rund einer Million Menschen liegen dürfte, ergibt das einen Deutschen-Anteil von etwa sechs bis sieben Prozent. Die mehreren Millionen, die Jahr für Jahr auf der Insel ihren Urlaub verbringen, nicht mitgerechnet. Es gibt 53 Gemeinden, und in nur einer von ihnen - Escorca in der Tramuntana - ist kein Deutscher gemeldet. Besonders viele leben an der Südwestküste, an der Ostküste, der Platja de Palma. Dort ist dann Mallorca, wie es der auf der Insel lebende Schriftsteller Ulrich Magnus Hammer schon vor Jahren formulierte, "wie Kreuzberg. Nur umgekehrt".

Deutsche und Spanier - in diesem Fall: Mallorquiner - ticken anders. Sie singen andere Kinderlieder, necken und beleidigen sich anders, schauen andere Fernsehprogramme, essen zu anderen Zeiten zu Mittag und zu Abend, haben einen anderen kleinbürgerlichen Geschmack, gehen anders mit Tieren um, haben andere Vorstellungen von einem geselligen Sonntag, verbringen ihren Lebensabend in anderen Altenheimen - und selbstverständlich sind das alles eigentlich unzulässige Verallgemeinerungen. Zumindest, wenn die Spanierin oder der Spanier nicht als Lebenspartner im häuslichen Bett nächtigt, ist der Druck, die kulturellen Gräben zu überwinden, gering: Allein die Zahl der Insel-Deutschen erübrigt häufig die mühselige Integration. Das ist der Vorteil an Landsleuten: Man weiß, an wem man ist. Oder glaubt zumindest, es zu wissen.

Deutsche werden geduldet, selten gemocht

Vor 40, 50 Jahren, als mit den Anfängen des Pauschaltourismus ein erster Schub Deutscher auf der Insel hängen blieb, mag das noch anders gewesen sein. Den deutschen Urresidenten blieb nichts anderes übrig, als sich anzupassen. Heute aber steht die deutschsprachige Infrastruktur. Lückenlos - vom Versicherungsvertreter über den Kinderflohmarkt bis hin zur Eisdiele. Sehr vieles ist so wie in Deutschland, nur besser, weil am Mittelmeer. Nach Mallorca zu ziehen, das ist Auswandern light. Und in spätestens einer Stunde geht ja wieder die nächste Air-Berlin-Maschine in die Heimat.

Wobei die Kulisse schon stimmen sollte, sonst würde das ja alles keinen Sinn machen. Der gute Café con leche auf dem Dorfplatz, der sonnenbebrillte Blick aufs Meer, der Olivenverkäufer mit seiner Kelle, das romantische Gässchen, der urige Weinkeller, der schreiende Esel - wie schon zu Zeiten des österreichischen Erzherzogs Ludwig Salvator tragen die Nordeuropäer viel zum Erhalt mallorquinischer Landschaften, Dörfer und Städte bei. "Wir müssen den Deutschen für die Wiederbelebung der Altstadt von Palma dankbar sein. Sie haben mit Geschmack und Augenmaß eine Gegend aufgewertet, die von der einheimischen Bevölkerung längst abgeschrieben worden war," sagt Stadthistoriker Gaspar Valero.

Die Kehrseite davon ist, dass die Insel manchmal wie ein für die Deutschen hergerichteter Themenpark wirkt - und von den Einheimischen auch so wahrgenommen wird. Denn für die durchschnittlichen Mallorquiner, die hinzugezogenen Festlandspanier oder die Einwanderer aus Lateinamerika, Asien oder Afrika, die zum Arbeiten auf die Insel kamen, sind Natursteinmauern entweder Alltag oder Nebensache. Viele von ihnen wohnen durchaus zufrieden in eher unansehnlichen Neubauten, treffen sich zum Nachmittagsplausch lieber in der Ikea-Kantine als im Traditionscafé - und haben häufig mit Niedriglöhnen, Hypothekenzahlungen und Kindererziehung viel zu viel um die Ohren, als sich noch über Mittelmeerflair den Kopf zu zerbrechen. Es ist nicht so, dass sie die Schönheit der Insel nicht genießen würden. Aber sie sind nicht deswegen hier.

Die Deutschen schon, und das ist nicht zu übersehen. In deutscher Hand sind unter anderem: das beste Restaurant, der gepflegteste Golfplatz, das luxuriöseste Hotel, die exklusivste Immobilienagentur, der nobelste Yachthafen, die wichtigste Fluggesellschaft und gleich reihenweise millionenschwere Anwesen. Das zeugt von Reichtum - tatsächlich hat ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Wirtschaftselite ein Haus auf der Insel -, dabei sind auch alle anderen Gesellschaftsschichten vertreten, bis hin zu den Obdachlosen. Es gibt zwei deutsche Wochenzeitungen und einen deutschen Radiosender, es gibt einen voll gepackten Veranstaltungskalender mit Trainingslagern, Autopräsentationen und Fernsehaufzeichnungen, es gibt einen Marathonlauf mit größtenteils deutschen Läufern, ein Klassik-Festival mit größtenteils deutschen Zuhörern und ein Sommerfest auf der Finca von Peter Maffay mit größtenteils deutschen Besuchern. Es gab auch mal eine Kunstmesse mit größtenteils deutschen Galerien, Sammlern und Besuchern, aber das war dann doch zu viel des Guten. Sie wurde wieder eingestellt.

Die Deutschen werden geduldet

Und die Mallorquiner? Sie nehmen das alles nur am Rande wahr. Mit dem deutschen Nachbarn mag Freundschaft geschlossen werden, warum auch nicht, aber ansonsten interessiert die Mallorquiner eher wenig, was die Insel-Deutschen als Kollektiv so treiben. Viele von ihnen haben ohnehin keine sonderlich hohe Meinung von der größten Ausländergruppe auf der Insel. Die Deutschen werden geduldet, aber nicht unbedingt gemocht. "Sie gelten als überheblich, arrogant und besserwisserisch", sagt etwa der spanische Geschäftsführer eines großen Unternehmens, in dem auch Deutsche arbeiten.

Er steht mit seiner Meinung nicht allein. Es gibt auf der Insel, gerade auch links von der politischen Mitte, tatsächlich so etwas wie eine latente Deutschenfeindlichkeit. Sie tritt nur selten offen zutage - etwa wenn die Intellektuellen-Rock-Band "Rock & Press" und ihre Fans zum Refrain "Mallorca, zu verkaufen / Mallorca, libre ya / Raus, raus, raus " Pogo tanzen - und kommt eher am Rande zum Ausdruck, etwa in kleinen verächtlichen Kommentaren. "Was machen die denn hier? Wie haben die das bloß gefunden?", zischt es beispielsweise, als eine Gruppe von Deutschen eine Kneipe in der Altstadt von Palma betritt, die als solche nicht erkennbar ist.

Aber dabei bleibt es dann auch. Angesichts der Deutschendichte auf der Insel gibt es bemerkenswert wenig Konflikte. Das mag mit historisch gewachsener Toleranz zusammenhängen - Mallorquiner verweisen gerne auf die Jahrhunderte des Kommens und Gehens auf der Insel -, mehr noch aber mit wirtschaftlichen Realitäten: Die zuvor eher ärmliche Insel ist mit dem Ansturm der Urlauber wohlhabend geworden; knapp die Hälfte des Bruttosozialprodukts hängt direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Mit den Deutschen sollte man es sich also keineswegs verscherzen. Leute, alle mal herhören, rief nicht umsonst der Deutsch-Spanier, Air-Berlin-Spanien-Chef und Fremdenverkehrsverband-Präsident Álvaro Middelmann bei einem feierlichen Abendessen Ende 2008 der versammelten Insel-Elite zu: todos somosturismo, "wir alle sind Tourismus!"

Nur in einer Frage tun sich dann doch Spannungen, ja Abgründe auf. Denn noch etwas anderes, ganz Grundlegendes und bislang hier noch gar nicht Erwähntes, trennt beide Gruppen: Deutsche und Mallorquiner sprechen andere Sprachen. Das nun ist zwar ein Sachverhalt, der im Verhältnis von Ausländern und Einheimischen häufiger vorkommt. Auf Mallorca aber gibt es eine nicht unerhebliche Komplikation: Viele Deutsche glauben zwar, zumindest ansatzweise die Sprache der Mallorquiner zu sprechen - es ist aber die falsche. Denn auf der Insel wird nicht Spanisch, sondern Mallorquinisch gesprochen, und das ist nicht, wie häufig irrtümlich und manchmal auch böswillig angenommen, ein spanischer, sondern ein katalanischer Dialekt, und Katalanisch wiederum ist eine eigenständige Sprache, die mit dem Spanischen in etwa so viel zu tun hat wie Französisch mit Italienisch.

Zwar sprechen alle Mallorquiner auch Spanisch - und tun das höflicherweise gegenüber den Ausländern meist auch. Spontan, wenn sie unter sich sind, aber reden sie Katalanisch. Man mag das als Identitätsstiftung und Abgrenzung gegenüber den Zugereisten interpretieren. Muss man aber nicht. Es ist schlicht und einfach ihre Muttersprache. Und sie legen Wert darauf, dass sie das auch bleibt. Es gibt auf der Insel unterschiedliche Auffassungen darüber, wie stark das Katalanische in Schule, Behörde und öffentlichem Leben zuungunsten des Spanischen gefördert werden soll. Dass es jedoch gefördert werden soll, das ist parteiübergreifender Konsens.

Die weitaus meisten Deutschen (und auch einige Spanier) auf der Insel halten das für gänzlich überflüssig. Die Weltsprache Spanisch reiche doch vollends aus, um sich zu verständigen. Wozu dann so ein Minderheitenidiom, das international gerade mal von 11,4 Millionen Menschen gesprochen wird. Es gibt kein anderes Thema auf Mallorca, das die deutschen Gemüter so in Wallung geraten lässt, keines, das die interkulturellen Wogen so hoch schlagen lässt. Die Art und Weise, wie es diskutiert wird, zeigt, dass die meisten Deutschen doch noch nicht ganz auf der Insel angekommen sind. Dass es dazu mehr braucht, als sich einen arròs brut, einen Reiseintopf, bestellen zu können. Dass Jahre vergehen, Kinder geboren und auf der Insel aufwachsen müssen. "Nein, Mutti, so spricht man rondalles doch nicht aus", sagt Franceska, elfjährige Tochter der Kulturmanagerin Petra Lütje in einem Gespräch über mallorquinische Märchen - und lacht sich scheckig.

Bis auf weiteres aber bleibt man lieber unter sich. Bereiche, zu denen die Zugereisten noch keinen Zutritt gefunden haben, von der Großfamilie über die traditionellen Schlachtfeste bis hin zu wilden Junggesellenabschieden, gibt es genug. Sie werden ebenso lange bleiben wie die korrespondierenden Welten der deutschen Mallorca-Liebhaber. Und so hat er am Ende vielleicht sogar recht, der Herr Seifert mit seiner These des Nicht-Verhältnisses zwischen Deutschen und Mallorquinern, er, der als Herausgeber einer deutschen Wochenzeitung ebenso wie der Autor dieser Zeilen mit für dieses Nebeneinanderherleben verantwortlich ist. Schon richtig. Parallelgesellschaften heißen deswegen Parallelgesellschaften, weil sich ihre Wege nicht kreuzen.

Aber die eine oder andere Schneise ließe sich ja schlagen.

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Autor:
Ciro Krauthausen