Mallorca Welterbe Tramuntana-Gebirge

Dumpf dringen Schritte und Worte durch die Mauern. Zu sehen ist niemand, der Innenhof der Einsiedelei ist leer. Aus einem Kamin steigt Rauch. Der Wind wirbelt um die kleine Kapelle und saust über den Platz mit den handbemalten Fliesen, einem Quellwasserbecken und üppigen Rosmarinsträuchern.

Da läutet im Kapellturm ein Glöckchen. Sechs Uhr, Feierabend für die drei Mönche der Ermita de la Trinitat. Die Schritte werden lauter, ein alter, schmaler Mann in brauner Kutte tritt durch eine Holztür neben der Kapelle und überquert den Hof. Er stellt sich neben das große Tor und wartet, bis die Besucher nach draußen gehen. Dann schiebt er von innen den Riegel vor. Bis zum nächsten Morgen sind die Einsiedler nun unter sich. Sie leben von den Almosender Besucher und von dem, was ihr ordentlich angelegter Gemüsegarten abwirft. Ihre Wohnräume sind karg, doch der Blick, der sich ihnen eröffnet, ist spektakulär: über die Steilküste und in die Welt der Serra de Tramuntana.

Seit über 4000 Jahren ist die Gegend besiedelt

Lang gezogen wie der Rücken einer Echse liegt das Tramuntana-Gebirge zwischen Andratx und  Pollença, eine 90 Kilometer lange, karstige Gebirgskette. Seit über 4000 Jahren ist die Gegend besiedelt. Bauern, Landarbeiter, Mönche haben dort Hänge und Täler erschlossen, Terrassenfelder angelegt, Bewässerungskanäle gezogen – und Stätten der Besinnung geschaffen wie die Einsiedelei von Valldemossa, eine halbe Stunde Fußweg von der Küstenstraße Ma-10 entfernt. Gegründet hat die Ermita de la Trinitat Ramon Llull. Der Philosoph, Theologe und Universalgelehrte war eine der schillerndsten Figuren des Mittelalters und lebte hier im 13. Jahrhundert. Danach war der Ort lange verwaist. Erst 1646 zog ein junger Mönch ein, der quer durch die Berge gekommen war, auf der Suche nach dem idealen Platz für die Einheit mit Gott. Gefunden hat er ihn in der verlassenen Einsiedelei. Vielleicht knarzte das Tor, vielleicht war das Quellwasserbecken versiegt, das Dach der Kapelle undicht. Doch sicher war da schon dieser Aussichtspunkt, wo sich vor ihm das offene Meer, nur begrenzt vom Horizont, erstreckt. Wo sich der Himmel über Wasser und Land dehnt, links und rechts die bergige Küste mit ihren versteckten Buchten und bizarren Landspitzen das Bild säumt. Ein Bild voll Frieden und Schönheit. Als stünde die Zeit still. Das tat sie im Tramuntana-Gebirge auch jahrzehntelang.

Während sich auf der anderen Seite der Insel der Badetourismus entwickelte, trafen sich in den steinigen Buchten der Berge nur Einheimische und Hippies. Mallorca vermarktete 40 Jahre lang Strände und Sangría, baute austauschbare Urlaubsorte. Die Berge waren das Hinterland, in das sich kaum ein Tourist verirrte. Mehr als eine Busfahrt nach Valldemossa war selten im Programm. Der normale Mallorcabesucher wollte schnell braun werden und möglichst viel Spaß haben. Bis in die 1990er Jahre interessierten kaum einen Urlauber die "herausragenden Beispiele traditioneller, menschlicher Besiedelung", die den Ausschlag dafür gaben, dass die Unesco die Tramuntana 2011 zum Welterbe ernannte.

Wer heute ein Gefühl dafür bekommen möchte, was die Unesco damit meint, der sollte einmal die Ma-10 entlangfahren, zumindest den bekanntesten Abschnitt, die 20 Kilometer von Valldemossa über Deià nach Sóller. Hier zeigt sich das Erbe der Araber: 902 eroberten sie Mallorca. Sie legten die Terrassen an, die Dörfer wie Banyalbufar so besonders machen, pflanzten Olivenbäume, Zitrusfrüchte und Gemüse. Später, nach der Eroberung durch den katalanischen König Jakob I. im 13. Jahrhundert, kamen Weinstöcke und Mandelbäume dazu. Die getreuen Ritter des Königs erhielten zum Dank einen possessió. Sie pflegten die Reben und die Bäume, bauten Herrenhäuser, Stallungen, Weinkeller, Ölpressen, Kapellen. Alles wurde selbst produziert, von der Seife übers Kinderspielzeug bis zu den Würsten.

Gipfel mit bis zu 1500 Metern Höhe

Über 50 Tausendergipfel durchziehen die tausend Quadratkilometer große Serra. Berge wie der Puig Major, der Tomir oder der Galatzó ragen von Meereshöhe bis knapp 1500 Meter in den Himmel. Die Landschaft ist hier nicht mehr lieblich, sie zeigt sich vielmehr dramatisch: graue, kaum bewachsene Massive, schroff abfallende Felswände, tiefe Schluchten. Die Natur prägt von jeher die Mentalität der Bewohner. Sie sind das Leben in der Abgeschiedenheit der Täler und in der Isolation der  Berghöfe gewohnt.

Bergdorf Valdemossa
Arthur Selbach
Das Bergdorf Valdemossa ist bei Touristen beliebt
In der Serra de Tramuntana werkeln die Menschen bis heute gern für sich, sprechen wenig, teilen nur in der Not. Nun aber müssen sie zusammenarbeiten, um das gemeinsame, von der Unesco geadelte Erbe zu bewahren. Bartomeu Deyà will dabei helfen. Er leitet in der Inselregierung eine Abteilung, die sich darum bemüht, die Auszeichnung der Unesco rentabel zu machen. "Noch wissen die Einheimischen nicht, was sie ihnen bringen soll", sagt Deyà in seinem Büro in Palma. Er versucht, Bewohnern wie Besuchern die Bedeutung zu vermitteln. Der Titel ziehe die Aufmerksamkeit auf Mallorcas  Westküste, verhelfe zu Subventionen," zeigt, wie wertvoll unsere Heimat ist". Nur, wie lässt sich der neue Status vermarkten, wie an ihm verdienen, ohne dass das Erbe Schaden nimmt? Es sind vor allem die Bewohner der Tramuntana selbst, die eine Antwort finden müssen. Mehr als 90 Prozent der Fläche ist in Privatbesitz. Und laut Deyà sind sich die Eigentümer nur in einem Punkt einig: "Sie wollen Geld sehen."

Anfang 2015 hat er eine Studie zur wirtschaftlichen Nutzung der geschützten Berge vorgelegt. Bauen kann man dort nicht, weder Hotels noch Sporthäfen oder Golfplätze. Die Studie definiert Touristen vielmehr als Besucher eines Kulturraums, die diesen sportlich nutzen – beim Radeln, Wandern, Klettern oder Laufen – und danach in Landgütern, Dorfläden oder auf Bauernmessen Orangenmarmelade, Olivenöl oder Mandelpaste aus dem Welterbe kaufen. Das könnte neues Leben in die Berge bringen: Nicht mehr nur Wanderer und Sportler würden sie bevölkern, sondern auch wieder Hirten, Imker oder Bauern.

Die meisten Erben sind mit der Erhaltung der Fincas überfordert

Deyà ist in Sóller aufgewachsen, dem größten Ort der Tramuntana. Seine Familie erntet Oliven und Orangen, stellt mit einer Presse aus dem 16. Jahrhundert hochwertiges Olivenöl her. Das kauften vor allem Deutsche, so Deyà, ebenso wie die Orangen, die ein Unternehmer aus Sóller kistenweise nach Deutschland schickt. "Leider bevorzugen viele Mallorquiner immer noch billig importierte Orangen im Supermarkt statt Produkte von der eigenen Insel", seufzt er. "Man braucht viel Geduld." Die meisten Erben der Bergbauern sind mit der Erhaltung der Fincas überfordert. Bewirtschaftet  werden nur noch die wenigsten dieser großen Ländereien mit Häusern, Feldern und Wegen. Handgeschichtete Trockenmauern bröckeln, Olivenbäume sterben, wilde Ziegen fressen junge Bäume.

Küstenstraße auf Mallorca
Arthur Selbach
Die Küstenstraße offenbart tolle Ausblicke über Gipfel und Meer
40000 Menschen leben im Kulturraum Serra de Tramuntana, der ein Drittel der Insel bedeckt. Sie lieben ihre Heimat, und, ja, sie versuchen, alte Rituale zu erhalten, zelebrieren in einem Schuppen Hausschlachtungen, setzen Kräuterschnaps an. Aber richtig Lust auf Bergwirtschaft, Mandelernte und Schafscheren hat kaum einer. Die meisten Terrassenfelder sind für Maschinen zu klein und unzugänglich. Das bedeutet mühsame, teure Handarbeit. Bequemer ist es, die Mandeln hängen und die Schafe ungeschoren zu lassen. Vor allem, wenn man als Kellner oder Rezeptionistin mit sechs Monaten Arbeit und sechs Monaten Arbeitslosengeld über die Runden kommt.

Und doch hat sich in den Köpfen etwas verändert. Auslöser dafür war der größte Brand in der Geschichte Mallorcas: In den Bergen bei Andratx loderte das Feuer im Sommer 2013 fast drei Wochen lang. Über 2000 Hektar Wald verkohlten damals. Der Brand rüttelte die Menschen wach. Die Flammen konnten sich so schnell ausbreiten, weil der Wald nicht mehr beforstet worden war. Trockenes Gestrüpp und abgestorbene Bäume fingen sofort Feuer. Tausende Freiwillige halfen bei den Löscharbeiten, Hunderte boten sich zur Wiederaufforstung an. Deyà sagt: "Der Waldbrand hat gezeigt: Die Serra geht uns alle an."

Zum Leben zu wenig, zum Aufgeben zu schön

Amador Morell ist einer der Landbesitzer in der Tramuntana, sein Herz hängt an diesen Bergen. Ihm gehören das Restaurant "Ca’n Costa" an der Straße zwischen Valldemossa und Deià und ein bewaldetes Gebiet mit demselben Namen. Arabische Mauern und Wasserkanäle finden sich auf seinem Grund, Olivenhaine, Eichenwälder, Hütten aus aufgeschichteten Steinen, in denen bis in die 1950er Jahre noch Köhler lebten. Morell ist Mitte sechzig, er bewirtschaftet das Land, so gut er kann. Lammfleisch, Holz und Olivenöl kommen seinem Restaurant zugute, aber für einen florierenden Handel produziert er zu wenig. Schon oft hat er daran gedacht, alles zu verkaufen. Aber er hängt an dem Erbe: "Wer hier Tag für Tag lebt, sieht immer wieder ein neues Schauspiel.
Und dieses Licht: mal gleißend, mal diffus, mal überzieht es die Natur mit einem goldenen Schimmer."

Mirador Colomer auf Mallorca
Arthur Selbach
Beliebter Fotostopp: Mirador Colomer auf dem Weg zum Cap Formentor
"Alle Mallorquiner lieben die Serra", sagt Bartomeu Deyà. Das Problem ist nur, "dass kaum jemand hilft, ihre Schönheit zu bewahren". Er meint damit auch die Wanderer. Wo früher nur Hirten, Fischer oder Schmuggler entlanggingen, laufen an den Wochenenden Großfamilien aus Palma und Wandergruppen aus Deutschland. Viele Grundbesitzer fühlen sich von ihnen gestört – und versperren Wege, die über ihr Land führen. Immer wieder kommt es zu Konflikten: Zornige Wanderer reißen Gatter nieder, erboste Besitzer werfen Steine nach nicht angeleinten Hunden. Der Wanderführer Frank Mittelbach ist Gebietsleiter bei einem großen deutschen Veranstalter. Er lebt seit 24 Jahren auf der Insel und kennt das Problem mit dem Wegerecht aus eigener Erfahrung. "Selbst auf dem bekannten, überall beworbenen Fernwanderweg GR221 ist nicht überall freier Durchlass garantiert", sagt er. Um seinen Gästen die schönsten Flecken zeigen zu können, paktiert er immer häufiger mit den Besitzern: offenes Gatter und ungestörter Naturgenuss gegen Wegezoll. Oder er wählt wenig besuchte Routen über weitläufige Anwesen aus, deren Eigentümer den Wanderern wenigstens an einem Tag in der Woche Durchlass gewähren.

"Wer durch die Berge geht, ohne Spuren zu hinterlassen, ist immer willkommen", sagt Torneu Pizà. Der Bergführer koordiniert bei Valldemossa ein Projekt für nachhaltige Nutzung und Pflege der Landschaft. Er und seine Mitarbeiter ziehen Zäune gegen die wilden Ziegen, forsten Eichen und Oliven auf und kümmern sich um den Erhalt der Wege. Seine Auftraggeber sind vier Grundbesitzer, Amador Morell und drei seiner Nachbarn. Eine der beliebtesten Routen, der Camí del Arxiduc, führt über ihre Anwesen. Bis zu 400 Menschen gehen ihn täglich, das haben Pizà und seine Mitarbeiter von der Stiftung Vida Silvestre Mediterránea schon gezählt. Der Weg beginnt am Ortsrand von Valldemossa. Dort stehen die Umweltagenten, führen Strichlisten, zeigen den Wanderern alternative Wege zu den bekannten Pfaden und bitten um Respekt für Natur und Eigentümer.

In der Ermita de la Trinitat läutet wieder das Glöckchen. Die letzten Besucher machen sich auf den Rückweg. Ein paar Hundert Meter entfernt liegt "Ca’n Costa", Morells Restaurant. In der Küche schmort schon das Essen im Topf. Gleich wird seine Tochter den Gästen auf der Terrasse Mallorquinische Leckereien servieren. Und ihr Vater wird wie immer zwischen den Tischen umherlaufen, zufrieden in die glücklichen Gesichter schauen und den Gästen dann von seinen Bergen erzählen. Und von den Zeiten, als er hier mit den Einsiedlern noch allein war.

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Autor:
Brigitte Kramer