Mallorca Wandern und Schlemmen auf der Baleareninsel

Salva rasselt mit dem Schlüsselbund. Dabei ist weit und breit kein Haus zu sehen - unterhalb des Stausees Gorg Blau, in der Serra Tramuntana. Ringsum recken Steineichen ihre knorrigen Äste wie Finger in die Luft. Silbrig schimmern Olivenblättchen im Sonnenlicht. An den Orangen- und Zitronenbäumen leuchten Früchte in Popfarben: Hier gibt es nur die Natur und uns - eine Wanderergruppe aus Deutschland mit mallorquinischem Bergführer, der uns auf unserer Tagestour das mächtige Kalksteingebirge "erschließt". Denn viele Wanderwege auf Mallorca - einst Eselspfade oder Köhlerrouten - führen über Privatgrundstücke. Und deren Gatter aufsperren darf nur ein autorisierter Führer.

Die passenden Schlüssel zu Mallorcas Hinterland zu finden, das hatte ich gehofft. Denn ich wollte weder an Pools und Stränden Handtuchfehden führen, noch per Partyboot die Gewässer unsicher machen. Mein Plan lautete, lauschige Dörfer zu entdecken, zu Fuß, per Rad oder per Mietwagen, und dabei die ursprünglichen Seiten der Insel kennenzulernen, die mir bisher verschlossen geblieben waren.

Salva stößt das Gatter auf - und wir betreten eine Wiese mit blökenden Schafen. Wenig später laufen wir durch einen Olivenhain. Über uns ragt der felsige Gipfel des Puig Major auf wie das kahle Haupt eines Riesen. Unter uns glitzert das Meer, als spüle es Kristalle an Land. Auf halber Höhe blitzen zwischen dem Grün von Orangenplantagen die beigen Natursteinhäuser des Bergdorfs Fornalutx, wo Salva geboren wurde: Fantastische Treppengässchen gäbe es dort zu entdecken, schwärmt er. Und vor allem den Dorfplatz mit alten Platanen! Mehrfach sei der Ort zum schönsten der Insel gekürt worden.

Klingt toll, im Moment interessiert uns allerdings das Gehöft, dem wir uns nähern, mehr. Es gehört Salvas Familie, Zeit für eine Rast, und was für eine: Auf der mit Wein überwucherten Terrasse serviert Koch Joan saftige Paella vom Feuerofen und hauchdünne Paprikacoca, eine Art Flammkuchen. Wir trinken hell schimmernden Landwein aus Tonkrügen. Ringsum zwitschern Blaumeisen. Dann breitet über uns ein Mönchsgeier seine Schwingen aus - kein alltäglicher Anblick -, und Salva erklärt, dass die geschützten Raubvögel sich ein Leben lang die Treue halten.

Das Flair der Vergangenheit ist heute in Sóller noch zu finden

Der Koch Joan nimmt mich auf seinem Moped mit ins Tal, im Mietwagen fahre ich weiter nach Sóller. "Stadt hinter den Bergen" wird das 13.000-Einwohner-Städtchen genannt. Denn auf drei Seiten umfrieden Berge den Ort, ein Burgwall der Natur. Nur auf der vierten dehnt sich der Ortsteil Port de Sóller aus zum Naturhafen Richtung Meer.

Kein Wunder bei dieser Lage, dass die Stadt sich für ihren Handel mit Seidenraupen und Zitrusfrüchten vor Jahrhunderten Partner suchte, die leicht per Schiff erreichbar waren, vor allem Frankreich. Heute leben fast 2000 Zugezogene in Sóller - dennoch ist der Ort dörflich geblieben. Wer sich mehrmals auf die Placa Constitution setzt, wird angesprochen: "Wieder einmal hier?" Das Flair der Vergangenheit, es ist noch heute zu finden, wenn man durch die Kopfsteinpflastergassen flaniert. 

Ich spähe durch die Fenster der französisch inspirierten Herrenhäuser. Sehe hinter Spitzengardinen dunkle Eichentruhen, schwere Standuhren, die im Takt vergangener Zeiten ticken - und fühle mich wie in den Kulissen eines Historienfilms. Der Eindruck verstärkt sich, als ich im neu eröffneten Jugendstilmuseum "Ca'n Prunera" über antike Fliesen schreite, die wie gewebte Teppiche aussehen, und in der Boutique "La Boheme" zauberhafte Vintage-Kleider aus Filmproduktionen entdecke.

Dazu passt, dass von meinem Balkon im Hotel "Ca'l Bisbe", ehemals Bischofssitz im Ortskern, die Grandezza Sóllers wie eine Theaterkulisse vor mir liegt. Die halboffene Bimmelbahn, frisch saniert, rumpelt zum Hafen. Im Abendrot glühen die Felsen der Tramuntana - fehlt nur noch der Bühnenvorhang.

Nie wäre ich in Moscari, einem 200-Seelen-Dorf am Fuße des Gebirges unweit der Lederstadt Inca, gelandet, hätte ich nicht Jaume und Joan kennengelernt. Rund um den Ort lässt Mallorca seine üppigen Hügel tanzen, zeigt stolz seine sinnlichen Formen. Hier haben die ehemaligen Fischer Jaume Vives, 36, und Joan Caspar Benassar, 39, mit ihren Frauen zwei Bauernhöfe zu schmucken Hotels umgebaut. Wenige Zimmer, terrakottafarbene Terrassen, bequeme Liegen am Pool. Die Männer gehören zur modernen, weltoffenen Generation der Hoteliers: Als der Fisch immer weniger wurde, sattelten sie um - und holten sich Einrichtungsideen für ihre Fincas auf Reisen nach Bali.

Santanyí – der Hippie-Markt ist Kult

Durch die grünen Hügel von Moscari radle ich ins Dorf Selva, wo auf dem Mittwochsmarkt Flechtkörbe verkauft werden. Verkoste den Herbes-Schnaps - typisch mallorquinischen Anislikör mit Kräutern, der hier der beste sein soll. Strample weiter durch Rebenland: trete mal schnaufend bergauf, rolle juchzend hinunter, eine Weinberg-Achterbahnfahrt. Später kehren wir bei Maria Morro ein, 28 Jahre, Meisterköchin. Es gibt Paprika-Soufflé in Salsa verde. Ich lange kräftig zu.

Cala S'Amonia bei Santanyí
Gregor Lengler
Cala S'Amonia bei Santanyí
Nun geht's nach Santanyí. Steinmäuerchen begrenzen Felder, Fincas, klappernde Windmühlen. Das Land rund um die Gemeinde an der Südspitze der Insel ist flach und jede Bucht ein Strand. Berühmt ist vor allem der lange, unbebaute Es Trenc, kein Geheimtipp mehr, aber noch urig. Doch heute, am Samstag, gibt es für alle nur eine Attraktion: den Hippie-Markt von Santanyí.

Ich stöbere mich durch die Stände und lande zufällig im "Annagramma"-Lädchen von Marzia Glisenti: Die Italienerin näht romantische Kleider im India-Ibiza-Stil mit fließenden Stoffen aus Asien. Ich probiere 20 an, kaufe drei und freue mich, wie bezahlbar sie sind. Von der Kirche Sant Andreu schlägt die Glocke alle 15 Minuten, schneller, als ich meinen Rosado vor der "Marktwirtschaft" - ja, so heißt das Lokal - auf der Placa Mayor leeren kann. Um in Santanyí zu shoppen und gut zu essen, speziell im "Es Coc", reisen Mallorquiner seit Kurzem sogar aus Palma an. Gegründet im Jahr 1300, ist der Ort mit dem Schaf im Wappen nun wirklich aus dem Dornröschenschlaf erwacht.

Artà, der Fels in der Brandung

Die letzte Station meiner Reise ist Artà. Der britische Folksänger Donovan ist großer Fan des kleinen Ortes mit den imposanten Palästen von Großgrundbesitzern und trutzigen Festungen. Sein Ferienhaus steht gegenüber vom Hotel "Sant Salvador", wo ich mit Wanderführerin Alicia Vanrell, 38, einkehre. Hotelbesitzer Christoph Heufken, Schauspieler aus Köln, hat das Palais mit Plüsch und Pomp herausgeputzt, serviert Biofleisch von freilaufenden Mallorca-Schweinen und brasilianische Jazz-Bands zur Abendunterhaltung. "Artà hat sich stets erfolgreich dagegen gestemmt, von Touristen überrannt zu werden", erzählt er. Das Abwehr-Gen haben die 8000 Bewohner im Blut: Ihre Vorfahren stemmten sich generationenlang gegen Piratenangriffe. Ihrem Widerstandsgeist ist auch zu verdanken, dass die Gemeinde die längste unbebaute Küstenlinie der Insel hat.

Ginster blüht, zitronig duftet Johanniskraut, als ich mit Alicia auf die Serra de Llevante zuhalte, mit 561 Metern längst nicht so hoch wie das Tramuntana-Gebirge. Dafür gibt es Wanderwege, etwa von der Cala Torta nach Arenalet D'al Barca, die Stunden an der Küste entlang führen. Und auf denen ich leichtfüßig vorankomme - ohne Schlüssel.

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Autor:
Andrea Tapper