Mallorca Wandern auf der Trockensteinroute

Tramuntana-Gebirge auf Mallorca

Auf alten Köhler-, Post- und Pilgerwegen von einem Ende des Tramuntana-Gebirges zum anderen: Acht Tage dauert diese Wanderung vom Yachthafen von Port d'Andratx bis zur 2000 Jahre alten Römerbrücke nahe Pollença. Eine anspruchsvolle Tour, 140 Kilometer zu Fuß vorbei an Stränden, an Luxusvillen, Gutshöfen, Felsklippen, an einem Friedhof voller Künstlergräber, an einem Stausee, an der Nato-Radaranlage fürs westliche Mittelmeer und an Mallorcas heiligstem Kloster. Der GR 221 (Gran Recorregut - große Route) ist auch als Ruta de Pedra en Sec bekannt, die Trockensteinroute. Er führt durch steiniges Hügelland, verwunschene Eichenwälder, Postkartendörfer, Ölbaumhaine und über Berge, die nach Alpen riechen, und ist der erste Weitwanderweg Mallorcas.

1. Tag: Port d'Andtrax-Sant Elm

Das Wunder ereignet sich bereits nach 30 Minuten. Nach einem hässlichen Schotterweg durch einen vom Immobilienboom zerlöcherten Kiefernwald überschreite ich eine unsichtbare Schwelle und finde mich schlagartig mitten in unberührter Natur wieder. Allein die Jetskis, die vor der Küste vorbeijammern, erinnern daran, dass die Trockensteinroute im Millionärswinkel Mallorcas beginnt. Die erste Etappe ist denn auch trügerisch einfach, mehr Spaziergang als Wanderung. Zielort: das schmucke Feriennest Sant Elm.

2. Tag: Sant Elm-Estellencs

Der Aufstieg führt durch einen Wald, später über einen Felspfad direkt an einem Abgrund, unter dem eine Bucht funkelt, Hier lässt sich zum ersten Mal die Großartigkeit der Küste entlang der Serra de Tramuntana ahnen. Gegenüber ragt wie ein Drache die deshalb so genannte Insel Dragonera aus dem Meer; sie war 1977 Schauplatz der ersten Revolte gegen den Bauboom und ist heute Naturschutzgebiet. Ich mache eine Pause im Kloster Sa Trapa, erbaut von französischen Trappistenmönchen und genieße das beeindruckende Panorama. Über struppige Höhen geht es weiter zu einem Abschnitt, ab dem die Küste ihre Zähne zeigt: Es wird wildromantisch, aber auch unwirtlich, die Route ist kaum noch markiert. Zehn Prozent Wahrscheinlichkeit von Regen sind angesagt, sie treten hundertprozentig ein. Es schüttet, es gewittert. Steinmännchen weisen den Weg durchs Regengrau, bis plötzlich überall nur noch Felshänge oder Buschland dräuen, sich jede Ahnung von Weg im Gelände verliert. Nach einem mühsamen Aufstieg reißen die Wolken auf, ich stehe auf einem Berg, sehe bis Palma, bis Dragonera, weit unter mir wähne ich den Pfad, verlaufe mich dann aber vollends. Über rutschiges Felsgelände kämpfe ich mich nach unten, um noch bei Licht zur Straße zu gelangen. Der Rest des Weges ist unromantisch, aber mir bleibt eine Übernachtung im Steilhang erspart.

Wanderwetter: Februar bis Mai und September bis November werden als beste Wandermonate empfohlen. Längere Schlechtwetterphasen sind möglich, aber selten. Im Schnitt ist der Herbst regenreicher. Der spanische Wetterdienst bietet relativ zuverlässige Sieben-Tage-Prognosen, die auch Sprachunkundigen verständlich sind. Wichtig: Mallorca hat viele Mikroklimata, man sollte auf Regen wie auf brennende Sonne vorbereitet sein!

3. Tag: Estellencs-Esporles

Im Vergleich zum Vortag ein Spaziergang. Kalte Dusche gleich am Start: Ein Schild informiert, dass die Eigentümer der Finca Es Rafal das Recht erstritten haben, den Durchgang zu verbieten. Eine Teilstrecke führt daher über die Straße. Dafür geht es später von Banyalbufar über den romantischen alten Postweg nach Esporles.

4. Tag: Esporles-Deià

Zwei Schilder verwirren mich. Eines zeigt den GR 221 an, das andere verbietet mir in der angegebenen Richtung den Durchgang. Ich überwinde Unbehagen und Barriere und stoße im "verbotenen Wald" neuerlich auf ein offizielles Schild des Weitwanderwegs - mediterrane Ambivalenz in ihrer ganzen Pracht. Diese Etappe ist die wohl anstrengendste des GR 221, manche Wanderer überspringen deshalb die Strecke Esporles-Valldemossa.

Der folgende Abschnitt ist dann in jedem Sinn ein Höhepunkt: Aufstieg auf einen dramatisch schönen Bergrücken, hinter dem das Dorf Deià an der Steilküste klebt. Der Abstieg ist pure Meditation: Waldpfade, Ölbaumterrassen, Landgüter, eine Burgruine. Trotzdem bin ich niedergeschlagen, zweimal habe ich mich an diesem Tag verfranzt. In der Wanderherberge Can Boi in Deià (Abendessen, Übernachtung, Frühstück für weniger als 25 Euro) wird mein Selbstwertgefühl wieder aufgerichtet: Zwei Touristenpaare, routinierte Wanderer, berichten über Irrgänge auf derselben Strecke. Der winzige Friedhof von Deià gilt als schönster der Insel, viele Künstler liegen hier begraben. Der geplante Besuch fällt jedoch wegen Erschöpfung flach.

5. Tag: Deià-Sóller

Der GR 221 beschert nach jeder anstrengenden Etappe die nachfolgende zum Entspannen. Die Strecke zwischen Deià und Sóller ist ein Vergnügen, führt über lauschige Waldpfade, man hat Zeit zum Schauen und Ausruhen.

6. Tag: Sóller-Els Tossals Verds

Mallorcas Berge rufen nicht, sie brummen - so kommt es mir zumindest vor. Die Tramuntana wirkt auf mich wie ein gigantischer Zen-Garten. In der Schlucht von Biniaraix bündelt sich das Großartigste an Berglandschaft und Menschenwerk zur Kulisse der Königsetappe. Die Route führt über einen Steinweg, dann durch Hochwald, man passiert einen Stausee, wandert am Fuß des höchsten Berges der Insel vorbei, dem Puig Major mit seiner markanten Radarkuppel. Es ist Sonntag, im Gegensatz zur stillen Einsamkeit der letzten Tage herrscht heute Picknickrummel. Das letzte Wegstück führt durch einen vermoosten Wald, hier ließe sich gut der vierte Teil des "Herrn der Ringe" drehen. In einer Talsenke taucht Els Tossals Verds auf wie eine Fata Morgana: die einsamste Wanderherberge der Insel.

7. Tag: Els Tossals Verds-Lluc

Fern aller Zivilisation geht es durch ein wildes Tal, über eine Passhöhe, dann vorbei an Ruinen von Schneehäusern: riesige Bauten aus Trockensteinmauern in rund 1000 Metern Höhe. In diesen Häusern wurde ab dem 16. Jahrhundert Eis gesammelt, um die Hauptstadt mit Kühlstoff zu versorgen. Es folgt der Abstieg zum Kloster von Lluc, ein Weg aus glattem Naturstein windet sich einen Steilhang hinunter - bei Feuchtigkeit oder Schnee ist er einer der gefährlichsten Abschnitte der Trockensteinroute.

8. Tag: Lluc-Pollença

Zauberwälder umgeben das Kloster Lluc, die wichtigste Pilgerstätte der Insel. Von hier gelangt man an einem halben Tag nach Pollença, die Route führt zwischen Bergen hindurch in ein anderes Mallorca: das der Wiesen, Laubbäume, Wassermühlen. Ich begebe mich auf die endlose Zielgerade über Nebenstraßen, am Ende wartet das zur Herberge umgebaute alte Schlachthaus; der Name "Pont Romà" weist auf die nahe Römerbrücke hin, die seit 2000 Jahren hier ihre Funktion erfüllt. Eine anstrengende Strecke von 140 Kilometern ist zurückgelegt. Doch sobald die Füße sich erholt haben, jucken sie auch schon wieder. Gut, dass der Inselrat bereits am GR 222 arbeitet: Er soll von Lluc Richtung Osten nach Artà führen. Ein neues Abenteuer.

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Autor:
Thomas Fitzner