Palma Urlaubsstress auf Mallorca

Es ist wie einer dieser Abende, die man erlebt, wenn man schon lange eine schöne Frau liebt. Man kennt sich, man weiß um die Schwächen des anderen, Streit gab es noch nie. Und dann kommt man nach Hause, und sie sagt: "Du verstehst mich nicht!" - "Aber du hast gestern doch gesagt, dass …?" - "Siehst du, das hab ich ganz anders gemeint. Du hörst mir nicht zu", und so weiter. Beziehungskrach, der erste Sprung im Porzellan der Liebe. Vielleicht fliegen Teller, geht einer wütend fort, vielleicht verträgt man sich im Morgengrauen wieder, und im ersten Tageslicht schaut man die Frau an - und dann ist sie noch immer die Schönste, die Begehrenswerte.

So wie diese Liebesgeschichte muss man sich die Beziehung zwischen Mallorca und seinen deutschen Besuchern und Bewohnern vorstellen. Denn zum ersten Mal nach fast 45 Jahren inniger Liebe gibt es Knatsch. Beziehungsprobleme. Es wäre übertrieben, sich nicht mehr willkommen zu fühlen, wenn man auf dem Flughafen Palma landet. Niemand steht dort, der uns Deutsche zum Teufel wünscht. Die Luft ist warm, die Palmen ragen in den blauen Himmel, und die Bus- oder Taxifahrer sind so freundlich oder brummig wie immer.

Man spürt es erst später: Im Hotel wird im Schnitt ein Euro pro Kopf und Tag Ökosteuer kassiert. Wer sich im Leihwagen nicht anschnallt, muss 300 Euro Buße zahlen, wer falscht parkt, bekommt ein dickes Ticket. Wer Hausbesitzer ist und seine Mauer einen Meter höher bauen oder außen ein Kabel verlegen will, muss zum Rathaus und dies genehmigen lassen. Am Ballermann muss die Musik außen um Mitternacht abgeschaltet werden. Eine simple Paella kostet 20, eine lächerliche Autoreparatur 200 Euro - sobald der Mechaniker das deutsche Nummernschild gesehen hat.

Sicher, vieles davon ist in Deutschland nicht anders: Es gibt in jedem Nordseebad die Strandsteuer "Kurtaxe", und Mauern darf hier auch niemand willkürlich hochziehen. Doch es sind die Regeln und Zwänge einer einst zwangslosen und sich selbst regelnden Insel, die das schöne erholsame Leben auf einmal sperrig machen.

Die schlechteste Antwort darauf ist: "Was soll das? Ihr lebt doch von uns!" Denn welchen Einheimischen würde es nicht kränken, wenn man ihn nicht als Bewohner seiner Heimat respektiert. Sondern eben nur als Kellner,Vermieter, Dienstleister - als notwendiges aber gesichtsloses Personal in einem Land, in das andere das Geld bringen? Genauso missverständlich war die Liebe zwischen Deutschen und Mallorquinern der vergangenen Jahre.

Die Insel hat gerade mal 700.000 Einwohner. Sieben Millionen Touristen kamen im Jahr 2001, 50.000 Deutsche haben sich in Apartments und Fincen niedergelassen, sind zwischen die Bauernhöfe und in die alten Gassen der Dörfer gezogen. Nicht als Einwanderer, nicht als Gäste - sondern als Deutsche. "Geben Sie mir ein Viertel Hack, por favor", hört man noch heute in den Schlachtereien auf dem Land, wenn die Frau des Düsseldorfer Autohausbesitzers persönlich einkauft. Und: "Nee, euch spanischen Heimwerkern trau' ich nicht, da muss mal deutsche Wertarbeit her", wenn Finca-Besitzer dem mallorquinischen Klempner erklären, warum ein deutscher Meister mit seinen polnischen Gesellen eingeflogen werden muss. Welche Frau lädt schon gern einen Geliebten ein, der sich einen eigenen Stuhl, sein eigenes Essen mitbringt, den ganzen Abend nur seine Sprache spricht? Und nur am Busen - am Strand - der Gastgeberin liegen will? Dies belastet die größte Liebe.

Mallorca, die Geliebte, wehrt sich. Sie faucht, sie schreit; sie will, dass man sich die Schuhe an der Tür auszieht und auch mal abwäscht. Der Geliebte wundert sich, denn es war doch alles so schön und so einfach. Hatte man ihr nicht jeden Abend genügend Geldscheine auf den Tisch gelegt? Hatte man nicht die besten Freunde mitgebracht und bis zum Morgengrauen gefeiert, um allen zu zeigen, wie wohl man sich hier bei ihr fühlt?

Interessant ist: Jahrelang duldete der Mallorquiner die Saufgelage am Ballermann. Betrachtete die Deutschen ein wenig ratlos und distanziert zweifelnd, wie eine fremde Ethnie. Bis Bernd Eichinger mit seinem Film "Ballermann 6" öffentlich und ganz Europa zeigte, welche Hottentotten da am weißen Strand in Sangría-Eimer rülpsen. Das ist so, als ob man im Wohnzimmer der Geliebten eine Orgie feiert, Rotwein in die Blumen gießt, alles filmt und es anschließend ins Internet stellt.

Wer heute nach Mallorca fährt, sollte wissen, wie dünn die Nerven sind. Wie sehr der Stolz verletzt wurde. Claudia Schiffer beispielsweise hat versucht, den Mallorquinern einen Wanderweg zu enteignen. Sie wollte, ganz verständlich, Privatheit. Aber die Mallorquiner auch - ein öffentlicher Wanderweg in einer von Deutschen eingekauften Gegend ist ihre Privatheit, auch dies ganz verständlich. Sie protestierten, wer täte das nicht? Die Geliebte Mallorca ist verletzt, gekränkt, schmeißt Teller an die Wand und brüllt. Vielleicht auch mal "Raus!"

"Der Pauschaltourismus soll um 20 Prozent sinken", sagte Tourismus-Minister Alomar im Jahr 2002. Buchungen für Mallorca gingen um bis zu 15 Prozent zurück, viele Kellner wurden arbeitslos, die andalusischen Saisonarbeiter wurden erst gar nicht gerufen, manch einer zog wieder auf das heimatliche Festland, und über Winter werden viele Hotels geschlossen bleiben: Bulgarien und die Türkei bieten billigeres Urlaubsvergnügen. Doch die Wirtschaft der Insel ist zu 80 Prozent vom Tourismus abhängig, eine fatale Situation. Jetzt wird nach Sündenböcken gesucht, ist jeder an der Krise schuld: Die Regierung, die Touristen, die Residenten, die Presse. Absurd, denn alle kommen gern, haben gern Gäste, die sich gut benehmen und ebenso gut zahlen. Eine klassische Beziehungskrise eben.

Und dass ein paar in Deutschland gescheiterte Handwerker - die schlechten Maurer, die müden Klempner und teuren Maler, die mit deutschem Qualitätssiegel werben - nun endlich pleite gehen und wieder davonziehen, ist auch eine gute Nachricht. Denn mein mallorquinischer Klempner kommt noch abends um zehn Uhr, um mit Klebeband und einem Draht die Heizung zu reparieren. "Ist nicht ganz nach Vorschrift, aber sagen Sie es keinem weiter", lacht er, raucht eine Zigarette und trinkt noch ein zweites Glas herbes. So kann man sich auch wieder vertragen. Wie mit einer schönen Frau, wie mit Mallorca. Der Geliebten.

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