Wanderung durch die Mancha Auf den Spuren des Don Quijote

Die Mancha in Spanien ist das Land des Don Quijote, seiner Kämpfe, seiner Fantasien. Den Spuren des bekannten Romans kann man heute noch folgen. Am besten zu zweit auf Wanderschaft. 

Gleich südlich von Madrid tauchen wir in die Meseta ein – die weite Hochebene Kastiliens, baum- und schattenlos, durchzogen von Schluchten und Talsenken. Wilde Unkrautfluren mit Löwenzahn, Klatschmohn und Margeriten blühen neben der schnurgeraden Asphaltstraße, auf der wir unter blassblauem Himmel in Richtung Süden wandern. In unseren Rucksäcken steckt nur das Nötigste: Kleidung, Schlafsack, Zelt, gute Geländekarten und Miguel de Cervantes’ Buch "Don Quijote". Seinetwegen sind mein Sohn Aaron und ich nach Zentralspanien gekommen. Wir wollen den Spuren des »Don Quijote von der Mancha« folgen, eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur. Vielen Menschen gilt Don Quijote als Sinnbild für Träumerei und Abenteuer. Besonders sein Kampf gegen die Windmühlen ist ein Symbol dafür, Vergebliches zu wagen. Vier Wochen haben wir eingeplant, um Orte, Landschaften und Schauplätze dieses geliebten Buches in Augenschein zu nehmen. Zu Fuß. Auf einer Strecke von tausend Kilometern.

Landschaft in der Meseta

Landschaft in der Meseta

Schon aus der Ferne sehen wir Toledos Kirchen und Häuser, hoch auf einem Granitfelsen über dem Tajo erbaut, dem Fluss, der die Stadt in einer Schleife umschließt. Als wir die Gassen der Altstadt erreichen, färbt sich der Abendhimmel in wechselnden zartesten Pastelltönen. Stimmungen, wie sie Toledos berühmtester Maler El Greco wie kein anderer in seinen Bildern eingefangen hat. Augenblicke, in denen ich verstehen kann, warum Toledo für Cervantes die schönste aller spanischen Städte war. Mehr noch. Spaniens Dichter Gustavo Bécquer (1836-1870) hatte sich sogar einst gewünscht, dass nur "Dichter und Träumer" die Stadt betreten dürfen. Allen anderen müsse verboten werden, "auch nur einen dieser kostbaren Steine Toledos zu berühren".
Bemerkenswert ist auch, was sich in Cervantes’ großem Werk auf einem Marktplatz in Toledo zugetragen haben soll: Die Erzählerfigur kauft einem Jungen etliche Papiere in arabischer Schrift ab, die von den »Erlebnissen des Junkers Don Quijote von der Mancha« berichten, geschrieben von Sidi Hamét Benengelí, einem arabischen Geschichtsschreiber – dann muss ja wohl alles stimmen, was hier berichtet wird.
Cervantes erzählt die Geschichte des "Ritters von der Traurigen Gestalt", der, nach der Lektüre zahlreicher Ritterromane, eine verrostete Rüstung aus einer Truhe kramt, seinen alten Klepper aus dem Stall zerrt, ihn Rosinante tauft, sich in das Bauernmädchen Dulcinea verliebt und den stämmigen, kleinen Sancho Panza zu seinem Knappen macht, ehe beide zu einer abenteuerlichen Reise durch die kastilischen Ebenen aufbrechen, um "das Unrecht und die Unterdrücker zu bekämpfen".

La Mancha: Heimat von Don Quijote und Sancho Panza
Südlich von Toledo wandern wir durch die Heimat von Don Quijote und Sancho Panza: la Mancha. Dieses Wort ist die hispanisierte Form des arabischen Wortes al-Mansha, "trockenes Land", und erinnert an die heißen, trockenen Sommer. Im Herbst dagegen leuchtet das Land des Weins und der Oliven im Licht der Sonne von safrangelb bis eisenrot. Schmale Pfade und sandige Fahrwege zerschneiden und rahmen die Erde in riesige Rechtecke und Quadrate. Es ist eine überwältigende Kulisse aus archaischer Landschaft, gemustertem Kulturland und grenzenloser Weite. Als Gäste einer Manchego-Familie, so heißen die Bewohner der Mancha, spüre ich, dass das rote Leuchten der Erde – entgegen farbpsychologischen Erkenntnissen – hier keinen Menschen aus der Ruhe bringt. "Wir müssen hart arbeiten, aber niemals würden wir die Mancha verlassen. Nirgendwo gibt es so viel Freiheit", sagt der Landwirt Alejandro, der von den Früchten dieser Region lebt. Und während wir gemeinsam zu Abend essen, es gibt Käse, Schinken, Brot, Wasser und Rotwein, spüre ich, dass sich diese Menschen seit Jahrhunderten Würde und Bescheidenheit angeeignet haben.

Die prächtige Kathedrale in der Altstadt von Toledo

Altstadt von Toledo mit prächtiger Kathedrale

Dann wieder: gehen, gehen, gehen mit Cervantes’ Ritterroman im Rucksack. Orte und Landschaften, die uns der spanische Dichter sporadisch in seinem Werk an die Hand gibt, weisen uns den Weg zu den literarischen Abenteuern des Don Quijote. Abenteuer fand er zur Genüge, "sie liefen ihm nach. Er suchte sie nicht", heißt es. So auch in Consuegra, wo auf einem kargen Hügel elf Windmühlen stehen. Der arabischen Ingenieurkunst verdanken die Spanier diese technischen Meisterwerke, die noch im 16. Jahrhundert, als Cervantes lebte, in gleicher Weise erbaut wurden. Die Glanzzeit der windbetriebenen Kornmühlen ist aber längst vorbei. Gleichwohl ist Consuegra noch heute einer von mehreren Orten, die für sich beanspruchen, Schauplatz der berühmtesten Episode des "Don Quijote" zu sein. Wohl jeder kennt Cervantes’ Buchpassage, in der die windbetriebenen Mühlen in der Fantasie des Don Quijote zu Riesen werden. Hier ruft der selbsternannte Ritter: "Dort siehst du, Freund Panza, wie dreißig Riesen oder noch etliche mehr zum Vorschein kommen; mit denen denke ich einen Kampf zu fechten und ihnen allen das Leben zu nehmen." Dann prescht Don Quijote zum Angriff voran. Doch als der Wind die Flügel herum dreht, zerbricht die Lanze. Ross und Reiter werden zu Boden geschleudert. Im Buch füllt diese Episode nicht einmal zwei Seiten. Dennoch wurde Don Quijotes Windmühlenabenteuer weltweit zur Redewendung. Es ist der Kampf des Idealisten gegen die Lebenswirklichkeit.

Schauplätze aus dem Roman in der Mancha: Tavernen und Gasthöfe

Romanschauplätze für sich zu beanspruchen, ist in der Mancha weit verbreitet. Fast in jedem Ortseingang ziert eine Silhouette aus schwarzem Eisenblech die Gestalt des glücklosen Ritters und seines bauernschlauen Dieners. So auch, zwanzig Kilometer weiter, in Puerto Lápice. Dem Roman zufolge wird Don Quijote hier in einem Wirtshaus, das er für einen Adelspalast hält, vom Wirt zum Ritter geschlagen. Während der Nacht kämpft er erneut gegen Riesen. Es sind die Weinschläuche über seinem Bett, die in seiner Fantasie zu gefährlichen Gestalten werden. Tatsächlich entdecken wir eine Taverne, die sich "Venta de Don Quijote" nennt, und die sich als angeblicher Ort des Cervantes-Roman präsentiert. Dort essen wir Cochifrito, Lamm mit Tomate, Ei und Safran. Zum Nachtisch gibt es Alajú, eine Paste aus Honig und Nüssen, die, zwischen zwei Oblaten gestrichen, die Form einer Torte hat. Auch ein arabisches Vermächtnis.

Wie Don Quijote und Sancho Panza schlafen wir oft im Freien und betrachten die tausend kleinen Schweißbrenner am blauschwarzen Himmel. Hin und wieder übernachten wir auch in Pensionen oder Gasthöfen. Dann sitzen wir beim Abendessen zwischen den sich munter unterhaltenden Manchegos, von denen wir in Bruchstücken hören, was ihr Dorf beschäftigt. Wenn ich in die freundlich-abgespannten Gesichter schaue, kommt mir unwillkürlich ein Satz von Miguel de Cervantes in den Sinn: "Ersehne nichts, so wirst du der reichste Mann der Welt sein." Anderntags erreichen wir Villanueva de los Infantes, eine kleine Stadt mit viel Renaissance und Barock, die der Heimatort von Don Quijote sein soll. Bei Ruidera, wo sich - überwältigend schön - mehr als ein Dutzend blaugrüner Seen aneinanderreihen, steigen wir in die Höhle von Montesinos hinab. Ein unterirdisches Labyrinth, in das Cervantes seinen Helden an einem Seil in die finstere Tiefe schickt. Don Quijote entdeckt einen unterirdischen Kristallpalast und begegnet Gestalten aus der Artus-Sage. Wir sehen fantastische Felswände in schillernden Farbvariationen und schrecken Fledermäuse auf.

Dunkle Wolken über einem goldenen Feld in der Meseta

Dunkle Wolken über einem Feld in der Meseta

In Argamasilla de Alba, einem 2000-Seelen-Dorf, soll Cervantes eine Zeitlang in einem unterirdischen Höhlengefängnis eingesperrt gewesen sein. Angeblich begann er damals den "Quijote". "War es wirklich hier?", frage ich, und die Antwort des Museumführers ist eindeutig: "Ja, hier war es!" Gleichwohl weiß ich, dass es keine verlässliche Quelle gibt, die belegt, das Cervantes in diesem Kerker saß. Bislang gibt es kein Dokument, das über die drei Jahre von 1600 bis 1603 Auskunft gibt, in denen der Schriftsteller am "Don Quijote" arbeitete. Aber so genau will ich das auch gar nicht wissen. Denn hier, in dem weiß geschlämmten Kellergewölbe sehe ich, was vielleicht Cervantes sah – den Holztisch mit Kerzenhalter, den Schemel, die Steinbank mit einer Strohmatte und das kleine Fenster, durch das schwaches Sonnenlicht dringt Und plötzlich ist mir egal, was wahr ist und was nicht. Viel lieber möchte ich der sogenannten Wirklichkeit entfliehen, möchte nicht, dass irgendwelche Mutmaßungen historischer Gegebenheiten die Macht meiner Fantasie eintrüben. Ich will einfach glauben, dass alles wahr ist.

Stopp in El Toboso: einer der hübschesten Orte der Mancha 

Weiter geht es über borstige Stoppelfelder und Viehtriften, über Felder und Wiesen, durch ausgetrocknete Flussläufe oder auf dem Seitenstreifen der Asphaltstraßen, die uns nach El Toboso führen, in einen der hübschesten Orte der Mancha. In der Fantasie des Dichters soll hier Dulcinea, die Herzensdame des Don Quijote, gelebt haben. Als reales Vorbild der Schönen gilt Ana Zorca de Morales, die, so heißt es, mit Cervantes ein amouröses Abenteuer hatte. Das Haus, in dem ihre Familie lebte, ein mehrstöckiges Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, ist heute Museum und heißt "Museo Casa Dulcinea". Wir besichtigen die Küche, das vornehm eingerichtete Schlaf- und Arbeitszimmersowie den großzügigen Garten.

Nur ein paar stille Straßen weiter hat man Cervantes zu Ehren ein kleines Museum eingerichtet, die "Biblioteca Cervantina". Neben Gemälden und Karikaturen, die von den Abenteuern des "Don" erzählen, sind hier mehr als 300 Buchausgaben in 50 Sprachen ausgestellt, darunter Bände auf Gälisch, Arabisch, Chinesisch, Persisch, Hebräisch, Französisch, Russisch, Deutsch und Esperanto. Viele Ausgaben sind von bekannten Persönlichkeiten signiert: König Juan Carlos, Margaret Thatcher, Ronald Reagan, Richard von Weizsäcker und Paul von Hindenburg. Auch Franco, Mussolini und Hitler haben sich hier eingetragen.

Die Windmühlen sind die berühmtesten Gegner Don Quijotes

Die wohl bekanntesten Gegner Don Quijotes: Windmühlen

Weiter nach Nordosten überraschen uns heftige Gewitter und sintflutartige Regengüsse. Völlig durchnässt treffen wir Frederico, einen älteren Bauern mit geflickter Baskenmütze und gekrümmtem Schnauzer, der uns einen Schuppen als Nachtquartier anbietet. Später bringt er uns einen Krug Rotwein und einen großen Teller mit gebratenem Huhn und Kartoffeln, während die Abendsonne, wie ein Versprechen von Wärme, durchs dunkle Gewölk blinzelt.

Von der Bilderbuchburg Belmonte, die auf einem kahlen Bergrücken thront und als Schauplatz des Duells zwischen Don Quijote und dem "Spiegelritter" gilt, wandern wir durch trockene Sonnenblumenfelder, steigen über kieferbestandene Hügel und erreichen die casas colgadas, die hängenden Häuser von Cuenca. Durch Gebirgslandschaften mit mächtigen Schluchten kommen wir nach Ocana, mit einer Plaza Major in ländlich-derber Architektur, und schließlich nach Aranjuez. Es ist die Stadt der Lust- und Sommerschlösser der spanischen Könige, die in einem bewaldeten Tal am Ufer des Tajo liegt.
Nach vier Wochen endet unsere Wanderung in Madrid auf der Plaza de Espana. Ein prachtvolles Standbild erinnert an Cervantes und seine abenteuerlich irrenden Figuren. Mit müden Beinen sitzen wir auf einer Bank, laufen in Gedanken noch einmal durch die Weite der Mancha. Dort reiten der Ritter von der traurigen Gestalt und sein gutmütiger Gefährte immer weiter – besonders in den Herzen der Manchegos.

Veranstaltung Moser
Achill Moser und Don Quijote Wanderung
Veranstaltungstipp: In einer Multivisionsshow erzählt Achill Moser von seiner Reise, Schauspieler Sebastian Rudolph spielt und liest Szenen aus dem Buch "Don Quijote". Karten für die Veranstaltung am 14. April 2016 gibt es hier: www.thalia-theater.de

 

 

 

 

Sie haben Lust aufs Wandern bekommen? Wie wäre es mit dem Jakobsweg? Die Reportage darüber lesen Sie hier: http://www.merian.de/magazin/spanien-jakobsweg-wandern.html

Autor

Achill Moser

Ausgabe

Madrid 10/2015