Palma El Arenal auf Mallorca

Nach ein paar Tagen ist der Zustand erreicht, hat sich das Lebensgefüge verschoben. Alles ist anders. Die Zeit zum Beispiel: Man schaut nicht mehr auf die Uhr, um zu wissen, wie spät es ist. Man schaut auf die Tische, den Boden des Mega Park, einer dieser großen offenen Trinkstationen.

Morgens um 11 Uhr etwa stehen auf den Tischen kaum Gläser. Um 15 Uhr ragen die ersten neonfarbenen Trinkhalme wie Antennen in die Luft, liegen einige schon auf dem Boden - gelb, grün oder pink, 70 Zentimeter lang, - gleich geheimen Signalen von Außerirdischen. Um 19 Uhr abends dann sind es schon Dutzende, und manche Tische sehen aus wie bunte Nadelkissen. Nachts endlich, wenn sie im Mega Park auf den Tischen tanzen, leuchten die Halme auf dem Boden wie ein grellbuntes Mikadospiel. Und wenn nirgendwo mehr ein Plastikröhrchen hinpasst, ist es Mitternacht, wird auch die Musik ausgedreht. Zeitansage per Halm, alles Gewöhnungssache. Man gewöhnt sich auch daran, dass an der Strandpromenade bei McDonald's zehnjährige Mädchen mittags zwischen den Stühlen hopsen und laut singen: "Du hast niemals 75 D, denn du bist flach wie der Bo-o-odensee !" Das singen hier alle an den Strandschänken, den Ballermännern. Manche der Kinder können auch noch "Wir wollen Party, geile Weiber und n' Bier!!" Dabei kichern sie in ihre Plastikbecher mit den Gemüsesuppen von McDonald's.

Man gewöhnt sich auch daran, dass die "Bild"-Zeitung mittags ausverkauft ist, der kleine Stapel "Die Zeit" aber eine Woche nicht angerührt wird. Und man schaut schon gar nicht mehr auf die Aufsteller mit den Ballermann-Postkarten, auf denen ein sonnenverbrannter Penis auf einem Teller Paella liegt oder ein Mann ..., na ja. Man blickt auch nicht mehr auf die Verendeten, die wie Walrösser auf der Strandmauer liegen, schlafend mit offenem Mund, den Bauch wie einen Hügel nach oben gewölbt. Plumps, fallen manche zur Sandseite runter, schlafen weiter. Auch die zur harten Straßenseite fallen, wachen nicht auf.

Nach ein paar Tagen ist all dies Normalität, und man fragt sich, wo das andere Leben geblieben ist. In der Ferne, am anderen Ende der Bucht, sind schemenhaft die Häuser einer großen Stadt, die sandfarbenen Türme ihrer Kathedrale zu sehen, "müsste wohl Palma mit dieser Kirche sein", sagt einer, ganz sicher, dass er da nicht hin muss. Warum auch? Würde doch nur verwirren. Die Ordnung der Zeit, die Sprache, das Essen, Mallorca, - nee, warum soll einer hier weg, wenn er eine Woche Flug-Hotel-Halbpension für 399 Euro gekauft hat? Hier in Arenal, im Revier, zwei Hauptstraßen, neun Nebenstraßen, mehr nicht, und das reicht auch.

Man kann Arenal nicht probieren. Kann nicht eine Stunde ein bisschen herumwandern, sich wundern, den Kopf schütteln und wieder gehen. Angucken erklärt nichts. Man muss es leben, ein paar Tage wenigstens. Oder gar nicht herkommen. Natürlich ist Arenal auf Mallorca, liegt ja hier, aber nichts in Arenal hat mit Mallorca zu tun und umgekehrt auch nichts.

Arenal ist perfekt, Mallorca nicht. Arenal hat einen blitzsauberen feinen Sandstrand, und der Einstieg ins Meer verläuft sehr sachte, gemütlich. Das Wasser ist klar, nur am Abend schwimmen darin ein paar Plastikhalme oder Dosen. 30 Kilometer weiter südöstlich dagegen fängt der Stolz Mallorcas, der Sandstrand Es Trenc an, ein echt naturbelassener, wie jeder Reiseführer schwärmt. Und? Meterdicke Hügel angeschwemmter Algen, am anderen Ende der Bucht, sind schemenhaft die Häuser einer großen Stadt, die sandfarbenen Türme ihrer Kathedrale zu sehen, "müsste wohl Palma mit dieser Kirche sein", sagt einer, ganz sicher, dass er da nicht hin muss. Warum auch? Würde doch nur verwirren. Die Ordnung der Zeit, die Sprache, das Essen, Mallorca, - nee, warum soll einer hier weg, wenn er eine Woche Flug-Hotel-Halbpension für 399 Euro gekauft hat? Hier in Arenal, im Revier, zwei Hauptstraßen, neun Nebenstraßen, mehr nicht, und das reicht auch.

Arenal ist perfekt, Mallorca nicht. Arenal hat einen blitzsauberen feinen Sandstrand, und der Einstieg ins Meer verläuft sehr sachte, gemütlich. Das Wasser ist klar, nur am Abend schwimmen darin ein paar Plastikhalme oder Dosen. 30 Kilometer weiter südöstlich dagegen fängt der Stolz Mallorcas, der Sandstrand Es Trenc an, ein echt naturbelassener, wie jeder Reiseführer schwärmt. Und? Meterdicke Hügel angeschwemmter Algen, sehen, wie sich sonnenverbrannte Jungs die Haare zu Stacheln hochgelen. Lauscht dem Surren der Haarföne der Mädchen und spürt dabei dieses besondere Gefühl von Erwartung.

Zwischen jenen beiden Augenblicken des Luftholens ist Arenal immer in Hochbetrieb, immer in Bewegung. Ist die Musik immer an, liegen immer Bratwürste auf dem Grillrost, gibt es immer irgendwo eine Schaum-Party, kann man sich immer auf einer großen Plastikbanane durchs Wasser ziehen lassen. Hinter all dieser Jahrmarkt-Fassade braucht es viel Konzentration, um an den Giebeln der Häuser die seltenen Reste alter Architektur zu entdecken. Dort findet man Spuren eines Arenal, das einmal klein, verschlafen und auch ein wenig reich war.

Vor 150 Jahren gab es nur eine holprige Straße. Sie kam aus dem zehn Kilometer entfernten Llucmajor, und an den Wochenenden kamen von dorther einige Spanier an den Strand. 1872 wurde das erste Haus in Arenal gebaut, Anfang 1900 dann galt der Ort als feines Strandbad. Baden durften Männer und Frauen nur getrennt, die lange Promenade war nach balnearis, nach Kurbädern, aufgeteilt - eine Art Badeclub mit exklusiver Klientel, Holzhütten und Umkleidekabinen.

Das erste Hotel wurde in den fünfziger Jahren gebaut. Vom nahen Flughafen gespeist, wuchs der Landstrich in Rekordgeschwindigkeit zur heutigen Hotelburgen-Meile, der Platja de Palma. 161 Hotels und noch mehr Bars, Bodegas und Restaurants liegen an der 5,5 Kilometer langen Strandstrecke. In den vergangenen Jahren versuchte die Insel-Administration des touristischen Wildwuchses Herr zu werden und begann, das anarchische Bau- und Ballermann-Treiben zu reglementieren.

Seit Beginn ihrer Amtszeit im Jahr 2000 müht sich die rotgrün-nationale Regierung, Arenal sogar noch feiner zu machen: also teure Apartment-Anlagen statt Hotels, Musikverbot unter freiem Himmel nach Mitternacht, erhöhte Polizeipräsenz und täglich gefegte Straßen. Doch nichts ist so schwer zu vertreiben wie Vergnügungskultur und -sucht. Warum auch? Selbst Kritiker des Ballermann-Tuns sehen das Treiben lieber ghettoisiert als über die ganze Insel verteilt: Der kurze Weg vom Flughafen verhindert jeden Verkehrskollaps - die Busparade rollt routiniert auch dann, wenn an Wochenenden bis zu 10.000 Besucher die Betten wechseln. Die meisten Gäste sind Wiederholungstäter.

Das Geheimnis des Hierseins - Sehnsucht

Arenal hat Suchtcharakter, sagen sie hier. Abends ab 20 Uhr, wenn sie in ihren Duschdas-Wolken aus den Hotels strömen und kurz überlegen, ob sie lieber "gegrillte Fich" oder "Spaghetti Fleischsoße" essen und auf welchem Stuhl sie sitzen wollen, spürt man das Geheimnis ihres Hierseins: Sehnsucht.

Die Erwartung, dass es heute Nacht vielleicht, hoffentlich oder ganz sicher passiert. Was? Das Glück, neue Freunde, die Liebe, der Sex, irgendwas. Hauptsache, ein Erlebnis. Man kann die Sehnsucht sehen - egal ob Rentner, Schüler, Bundeswehrsoldat oder Postbeamtin - sie alle haben diesen Blick. Nach links, nach rechts, nach oben, nach unten, die Augen nie im Stillstand. Jeder ist immer in Bewegung, auch nachts bleibt nie jemand stehen, es sei denn, es stellen sich die Werbejungs der Discos in den Weg, um den Strom der Suchenden ins RIU, ins Paradies, den Mega Park zu lenken. Und so sind auch die einschlägigen Biertanken nicht Orte, sondern Strecken: "Bierstraße", "Schinkenstraße" oder ganze Landstriche wie "Oberbayern", durch die man karawanengleich hindurchwandert.

Und hört man bei Tageslicht noch spanische Wortfetzen, hat in der Nacht die deutsche Sprache alles besetzt, lässt der Alkohol schließlich alle Schranken fallen. Dann wird Arenal ein Ort der Glückssucher. Denn was hier im Lärm der Ballermann-Schlager "Es gibt nur einen Rudi Völler, einen Rudi Vöööller ..." oder "Pack ihn wieder rein, er ist zu ..." orchestriert wird, ist in Wahrheit die leise Suche nach eben dem Erlebnis.

Man kann dabei zuschauen, auf den Bierbänken im Palmenhaus zum Beispiel, wo die weibliche Belegschaft einer Reinigung aus Wattenscheid sitzt, Betriebsausflug, und daneben die Stammtisch-Besatzung "Kerlsrunde" aus Frankfurt. Eine halbe Stunde wird schüchtern gelächelt, werden harmlose Witzchen ausgetauscht. Dann wechseln die ersten Gläser die Tische, und eine Stunde später tanzt der Hartmut mit der Sabine, die Heike mit dem Sven. Dann leuchten die Augen, wird nicht mehr hin- und hergeschaut. Hat das Hiersein endlich sein Ziel gefunden.

Es kann aber auch traurig sein in Arenal. Morgens um zwei beispielsweise, wenn die Übriggebliebenen und Ziellosen verzweifeln und meterweise Sangría trinken. Sangría ist jene in Tanks gequirlte Mischung aus Rotwein, Limonade und Orangen. Sangría ist Treibstoff, Droge und Pöbeldiesel der Spaßgesellschaft, der tatsächlich meterweise serviert wird: In den Lokalen stellt man ein oder zwei Meter hohe Plexiglas-Röhren voller Sangría auf den Tisch, die unten einen Hahn haben. Trunken zapft sich jeder, was noch rein geht. Im Bierkönig führt das zu dröhnenden Stillleben. Macht einer den Hahn nicht zu, überschwemmt die rote Suppe den Tisch, auf dem andere schon ihren Kopf zum Schlaf gelegt haben - Mund offen, rot aufgeweichte Zigarettenkippen davor.

Auf anderen Tischen thronen Literkrüge mit dem roten Saft, umringt von Jungs mit Strohhalmen im Mund, mancher schon schlafend. Dem läuft dann die Brühe aus dem Mund wieder in den Krug zurück. Einem anderen flippt der Halm aus dem Mund, sein Gegen über bekommt rote Flecken aufs Hemd. Viele hässliche rote Flecken. Der Bölkstoff Sangría führt unweigerlich zur Anarchie der Sinne. Und so fängt der Frohsinn ab 2 Uhr an zu kreischen, gerät alles aus den Fugen, weil zur Freiheit auch die Freiheit des Entgleisens gehört. Am Strand sieht man die ersten nackten Hinterteile, die versuchen, sich auf kichernde Frauen mit Piercing am Babyspeck-Bauch zu legen, was von der Polizei sofort mit "aquí no, no!", "hier nicht !" verhindert wird. In den Nebenstraßen schieben sich Torkelnde schrumpelige "Mallorca-Grillwurst 60 Zentimeter lang !" mit Senf und Ketchup in den Mund, die eine schmierige Rosette bis hinunter zum Kinn hinterlassen.

Noch später nachts oder besser früher morgens bekommt die Unschuld der Glückssucher einen Schatten. Schieben sich in den Kellern von Oberbayern die ersten Mädchen ihre T-Shirts hoch, weil zur Wahl der Miss Oberbayern eben fast nur das Oben eine Rolle spielt. In einer Ecke sitzt ein schwitzender Jürgen Drews, der dort immer seinen "König von Mallorca" krächzt. Wenn man dann über die Treppe wieder an die Arenal-Oberfläche steigt, macht das gegenüberliegende Meer leise "schlurp". In den Hinterstraßen hört man Lachen und Singen aus den Hotelzimmern, sieht durch die Fenster, wie Mädchen ihren BH öffnen und Jungen "Danke" rufen. Wenn man dann weitergeht, und an einem der letzten Stehtische Jungs mit Fußballer-Frisuren und spanische Kellner Bier trinken, die rufen "komm her, wie heißt du, die letzten Biere sind umsonst", dann, ganz komisch, fühlt man sich in Arenal zu Hause. Dann fällt es schwer, sich wieder an die andere Welt da draußen zu gewöhnen.

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