Spanien Kreatives Barcelona

"Barcelona ist wie ein großer Karneval, Barcelona hört nie auf, die Welt mit Ideen zu bewerfen." Kein Werbeslogan der Stadtverwaltung: So sehen Designer diese Stadt. Erfinderische Köpfe wie der Konzeptkünstler Martí Guixé, die Modedesignerin Rosa Cortana, der poetische Möbelbauer Carles Riart, die Teppichherstellerin Nani Marquina und der Chefdesigner von Seat, Steve Lewis, tun alles, damit sie und die Stadt in Bewegung bleiben. Hier werden die kommenden Drucker-Generationen einer amerikanischen Firma entworfen und ein japanischer Konzern lässt seine neuen Fernseher stylen und das komplette Corporate Design gleich dazu.

Steve Lewis
Der Brite Lewis zum Beispiel experimentiert hier am Auto der Zukunft. Er ist für Seat-Modelle wie Altea, Tango und Salsa verantwortlich. Und die werden immer sinnlicher. "Ich beziehe die Struktur des Autos mit Metallflächen, als würde ich Muskeln und Haut mit eleganten Stoffen bekleiden", erklärt der Mann, der von sich behauptet, dass Autos ihn kirre machen. Um Lewis schart sich ein junges Team. Ernst eilt der Chefdesigner in grauem Cordsamtanzug über die Treppenaufgänge. Er reißt die Tür auf, pfeffert seine abgewetzte Ledertasche in die Ecke, tauscht sich hier auf Englisch, da auf Spanisch aus. Sobald er einen Stift in der Hand hält wie ein Maler seinen Pinsel, entspannt sich sein Gesicht, fliegen die Linien über das Papier. Lewis mag das mediterrane Flair, "in dem man sich vorkommt, als gehöre man zu einer großen Familie". Es ist, als arbeite hier eine fröhliche Schar hochkonzentrierter Kinder. Kein Wunder, dass die Autos aussehen, als wollten sie tanzen und das Leben genießen. Mit Scheinwerfern wie Raubtieraugen und Metallflächen, die zu leben scheinen. "Der Salsa ist ein emotionsgeladener Wagen, der aber auch den Ansprüchen einer Familie gerecht wird", sagt Lewis und streicht über die Rundungen des hinteren Kotflügels. "Wir beweisen, dass das Design emotional sein kann und trotzdem funktionstüchtig. Wie gut gemachte Mode: schön und faszinierend."

Martí Guixé
Der Mann, der sich als Ex-Designer bezeichnet, weil ihm das, wie er sagt, Freiraum verschafft, drehte seiner Stadt 1993 den Rücken zu. "Barcelona ist wie ein Sofa, auf dem man einschläft und erst am nächsten Morgen wieder aufwacht", sagt Martí Guixé. "Allerdings mit Rückenschmerzen." Er ging nach Berlin und ist erst seit kurzem wieder da: Das Enfant terrible der katalanischen Designer sitzt an einem gigantischen Metalltisch vor dem Computer, den er mit einem Zeichentableau bedient. Er tüftelt gerade leidenschaftlich an einem Projekt, verschmitzt schaut er dabei aus den grünen Augen. Seine Arbeit ist abstrakt und eher in Galerien und Museen zu betrachten als in einem Designer-Shop zu kaufen. "Wenn du eine gute Idee hast", meint er, "ist das Materielle sekundär."

Immer wieder geht es bei seinen Arbeiten um Nahrung. Vor kurzem hat er mit "Camper FoodBall" einen Präzedenzfall für eine neue Esskultur geschaffen. Nicht Bar, nicht Restaurant, eine Art Health Food Shop. Die Gäste sitzen auf Matten und schauen auf Fresken mit künstlichen Landschaften. Urbane Nomaden finden das cool. "Wir essen dreimal am Tag und nach wie vor nicht zeitgemäß. Unser Leben ist von Bewegungsfreiheit und Geschwindigkeit geprägt. Ich zeige Wege einer neuen Esskultur auf, zeige, dass es schnell geht und dass man keinen Tisch, keinen Stuhl und keinen Löffel braucht."

Nani Marquina
Für die abenteuerlustige Teppichdesignerin Nani Marquina geht es darum, "Funktion und Form in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen, ohne dabei den Humor zu verlieren". Sie spricht nicht nur Seat- Chefdesigner Lewis aus dem Herzen, wenn sie sagt: "Designerphantasie und Industrie müssen miteinander ausgesöhnt werden." Nach den Olympischen Spielen war sie kurz davor, ihr Studio zu schließen, "aber ich habe die Kurve noch bekommen, indem ich mich intensiv mit Unternehmensstrategie beschäftigt habe".

Heute werden ihre Teppiche in Barcelona entwickelt, geknüpft jedoch in Marokko und Indien. "Wir katalanischen Designer haben unseren eigenen Stil, aber wir haben es nicht geschafft, eine Industrie aufzubauen.Wir müssen heute nicht nur mit Mailand, Paris und London konkurrieren, sondern mit der ganzen Welt. Es geht nicht nur um Talent, es geht um Preise und Qualität. Ein knallhartes Geschäft, in dem die Leichtigkeit der Improvisation nicht mithalten kann." Marquina unterstreicht ihre Worte mit den Händen, die silbernen Armbänder klappern dabei. "Ich bin stolz, dass ich gerade drei Leute eingestellt habe und darauf, dass die indische Teppichfabrik, die für mich arbeitet, heute gut funktioniert. Und weniger stolz auf mein Design", schiebt sie hinterher. Dabei wurde die elegante Gestalterin für ihren fröhlichen Ideenreichtum weltweit ausgezeichnet.

Marquina arbeitet mit Designern wie Mariscal und Sybilla zusammen, scheut sich aber nicht, auch Hitzköpfe wie Ana Mir und Diego Fortunato mit ins Boot zu holen. Sie hat Bodenstoffe aus alten Fahrradschläuchen entworfen und auch die farbenfrohen "Topissimos": knuddelige Wollstoffe, aus denen voluminöse Kreise herausragen, die je nach Lichteinfall den Eindruck von Bewegung vermitteln. Manchmal entstehen ihre Teppiche ganz zufällig: als zum Beispiel Joaquim Ruiz, der die wichtigste Designer-Galerie H2O in Barcelona führt, mit seinem Romanfragment ankam und die Idee geboren wurde, man könne auf dem Werk auch gehen. "Manuscrit" - so heißt der literarische Teppich - "erinnert uns daran, dass es immer einen Grund gibt, aufzustehen, zu kreieren, zu lachen."

Rosa Cortana
Rosa Cortana erschafft die Welten ihrer Träume für die "Idealfrau, die ich im Kopf habe". Aber auch für die international bekannte Theatergruppe "Els Comediants": So entstehen voluminöse Stoffarrangements sowie zarte Kompositionen aus luftiger Seide. Die grazile Mallorquinerin sieht aus wie eine Fee mit den großen Augen und der gelockten Haarpracht, die sie meist zum Pferdeschwanz zusammengebunden hat. Sie hat in London gearbeitet, in Bangladesch und beim Modeguru Antonio Miró, bevor sie ihre eigenen Kollektionen entwarf: verspielte Pullover, Schal-Mäntel, Kleider, die sich in Röcke verwandeln lassen,Tüllhosen, die sich wie eine zweite Haut anfühlen. Cortana spannt interessante Bögen zwischen zeitloser, verspielt jugendlich wirkender und eleganter Mode. "Schon als Kind musste ich zu einer Schneiderin gehen und ihr meine Ideen erzählen, sonst wäre mir der Kopf vor lauter Mode zerplatzt."

Für ihr Lieblingsspiel - Verkleiden - bediente sie sich aus dem Schrank ihrer Großmutter. Solche Kindlichkeit hat sie sich bewahrt: "Ich träume von einer Firma, wo Show, Laufsteg und Saison keine Rolle mehr spielen, sondern das Kleidungsstück an sich. Es ist absurd, dass wir alle sechs Monate unseren Look wechseln. Ich weiß, ich darf solche Dinge nicht sagen. Am liebsten würde ich auf die Insel zurückgehen und dort mit vielen kreativen Frauen in ländlicher Idylle arbeiten." Cortanas Handschrift dagegen ist urban. So bleibt sie auch erst einmal in der "kreativsten Stadt Spaniens".

Carles Riart
Stardesigner Carles Riart bezeichnet sich bescheiden als Möbelbauer. Er lebe wie ein Einsiedler, behaupten die, die von einer Party zur nächsten tanzen und imaginäre Paradiese entwerfen, die spätestens dann wieder verschwunden sind, wenn das Licht ausgeht. Und er sei ein Kommerzgegner, der noch immer ausschließlich gestalte, was ihm am Herzen liegt. Bei klassischer Musik steht er in seinem Studio. Er zeichnet. Am Reißbrett, mit Bleistift. Computer mag er nicht, Mobiltelefone auch nicht, Visitenkarten hat er nie besessen. "Ich bin Autodidakt", sagt der studierte Designer, "es ging mir nie darum, reich zu werden oder berühmt." Erzählend geht er durch das kleine Studio, umgeben von seinen Lieblingsmöbeln wie dem extra großen Bett "Llit Sol", die berühmte Lampe "Colilla" hängt an der Wand und der Prototyp des Sessels "Fernando" steht dort auch: abgewetzt und bequem. "Man sitzt gerade und wird nur an einer Stelle am Rücken sanft angetippt, fast, als würde man dort geküsst." So sieht Riart seinen Dienst am Menschen. Liebevoll betrachtet er seine Umwelt als die von Menschen, die ein Objekt brauchen. Einige seiner Kreationen stehen mittlerweile im Museum.

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Autor:
Anuschka Seifert