Barcelona Hotspot Barceloneta

Pere und seine Freunde sind stolz. "Das ist doch ein schöner Strand, den wir hier haben", freut sich Pere, "dafür kommen wir gern um sieben aus den Federn." Jeden Morgen machen sich die Rentner auf den Weg in die Wellen, auch im Winter, das hält fit. Bis Ende der achtziger Jahre standen hier schäbige Industrieschuppen, der kurze Strandabschnitt war dreckig, das Wasser oft eine stinkende Kloake. Doch für die Olympischen Spiele 1992 wurde die Stadt auf Vordermann gebracht, seither hat sich viel verändert in der Barceloneta: Das Wasser ist sauber, der Strand breit und gepflegt, ausgestattet mit Palmen, Papierkörben und Duschen. Pere und seine Jungs legen ihre großen Badelaken an den Strand und tauchen ab.

Auf der anderen Seite der Landzunge grenzt die Barceloneta an den alten Hafen 1, die Häuser am Kai sind saniert, im Wasser liegen die Segelboote und Luxusyachten. Wer heute die Hafenpromenade, den Passeig Joan de Borbó 2, zum Meer hinunterschlendert, kommt vorbei an edlen Lounge Bars, pakistanischen Imbissen und beschürzten Türstehern, die die Touristen in gebrochenem Englisch oder Deutsch in ihr Restaurant locken. Skater donnern gern über die gepflasterte Strandpromenade 3, die sich bis zum Port Olimpic 4 hinzieht.

Ganz neu war La Barceloneta, vom Militäringenieur Juan Martín Cermeño entworfen. Einheitlich zweistöckige Häuser für die Fischer und ihre Familien, dazwischen Straßen in rechtem Winkel. Das war weniger gute Tat als Notwendigkeit: Cermeños Vorgänger Prosper de Verboom hatte 1715 die Zitadelle für Bourbonenkönig Philipp V. zu bauen, und dafür musste er erst einmal den Stadtteil La Ribera schleifen, in dem die meisten Fischer lebten. Es wäre den neuen Herrschern zwar leicht gefallen, die Einwohner zu vertreiben, aber die Stadt brauchte Nahrung aus dem Meer. So bot man den Fischern eine neue Siedlung, die allerdings erst ab 1753 verwirklicht wurde. Mit der Industriellen Revolution machten sich hier die Werften der Nueva Vulcano und das Eisenwerk La Maquinista breit, die Fischereiflotte schrumpfte. Heute leben weiter südlich noch etwa 400 Fischer, die rund zehn Tonnen Fisch pro Tag einholen, aber ihre Zahl schrumpft von Jahr zu Jahr.

Wehmut nach den Chiringuitos

So war die Barceloneta mit der Zeit etwas schläfrig geworden, und mancherorts hat sich diese Stimmung erhalten. Über die Gassen strecken sich Wäscheleinen, die Häuser sind schmal, von den Fassaden bröckelt der Putz, in die Fenster fällt selten Licht. Im Sommer stellen die Nachbarn Stühle vor die Haustür, die Straße wird zur Verlängerung des Wohnzimmers, drinnen ist wenig Platz für die ganze Familie - die durchschnittliche Wohnungsgröße liegt bei 32 Quadratmetern.

"Darin haben früher achtköpfige Familien gelebt", erinnert sich Encarna, die energische Mittsechzigerin wurde schon in der Wohnung geboren, aus der ihre Kinder nun ausgezogen sind. "Niemand wäre früher auf die Idee gekommen, seine Tür abzuschließen", sagt sie. "Die Frauen flickten Netze, die Kinder spielten auf der Straße, wir waren eine große Familie, Fischer oder Hafenarbeiter, mit dem Meer verbunden. María, ihre Nachbarin, erzählt von der Selbsthilfegruppe "Barceloneta Alerta", das heißt "Alarm Barceloneta". Hier legen Nachbarn zusammen, kaufen ein für alte und bedürftige Bewohner, helfen, reparieren und trösten, wo es Not tut.

Morgens riecht es auf der Landzunge nach Salz und Meer, gegen Mittag wird die Brise überdeckt vom Essengeruch, der aus den Restaurants auf die Gassen und Plätze dringt. Seitdem das stadtnahe Strandviertel in Mode ist und junge Leute und Ausländer zuziehen, eröffnen ständig neue Lokale. Aber noch immer haben die Einheimischen ihre eigenen Restaurants mit Neonbeleuchtung und schmucklosen Resopaltischen, in denen man günstig und gut Gambas oder Anchovis essen kann. Die Menschen in der Barceloneta, die schon länger hier leben, erinnern sich wehmütig an die Chiringuitos, die Holzbaracken unten am Strand, da gab es den frischesten Fisch und die besten Paellas der Stadt, sagen sie. Die Tische standen im Sand, man saß am Meer. Dann baute man für die Olympischen Spiele, die Chiringuitos wurden abgerissen.

Das Miami Europas

Die typischen Eckkneipen und urigen Lokale der Barceloneta findet man heute um die modern renovierte Markthalle 5 herum. In der Casa Ricardo 6 trifft man sich zum Morgenkaffee oder auf ein erstes Bier. Hier sitzen die Fischer und rauchen und erzählen von früher, diskutieren, wie es hier weitergehen soll. Nachbarschaftsvereine und Bürgerinitiativen wehren sich gegen Investoren und Immobilienbüros, inzwischen gehören die Wohnungs- und Mietpreise hier zu den höchsten der Stadt, für Einheimische nicht mehr bezahlbar. Gerade entzünden sich an der "Fahrstuhldebatte" heftige Diskussionen: Im Rahmen des städtischen Renovierungsplans sollen die Wohnhäuser moderner und sauberer werden, aber mit dem Schmutz soll auch ein Teil der Bewohner verschwinden: Viele von ihnen sollen umziehen, um Platz für Fahrstühle zu schaffen.

Doch vor allem die Alten wollen nicht raus aus den Wohnungen, in denen sie meist ihr ganzes Leben verbracht haben. "Dahinter stecken doch die Spekulanten", ereifert sich Vicente, Mitte vierzig, Fischer wie sein Vater und sein Großvater. "Die Reichen wollen ans Meer, die wollen die Barceloneta zum Miami Europas machen!" Mit einem kräftigen Schluck Bier spült er seinen Ärger runter.

Julián García gehört zu denen, die das anders sehen. Der Tourismus schaffe schließlich Arbeitsplätze, und ohne Fahrstuhl kommen die Alten nur noch einmal auf die Straße, sagt er, und zwar auf dem Weg zum Friedhof. Der Rentner ist stolzer Präsident des Schwimm-Sportclubs Atlético Barceloneta, Traditionsverein der Viertelbewohner in Toplage am Strand, mit moderner Ausstattung. Sport- und Nachbarschafts-Kontakte, und das für bescheidene Monatsbeiträge - Julián García sprudelt nur so über. Warum können die Medien nicht mal Positives über die Barceloneta berichten, immer hacken sie rum auf Spekulanten, Touristen und Taschendieben, schließlich hat das Viertel doch so viel zu bieten.

Die Nachfahren der Verlierer

Und tatsächlich ist die Barceloneta bei allem Umbruch noch immer ein lebendiger, charmanter, liebenswerter Stadtteil. Hier reihen sich in Spaniens einzigem spezialisierten Krimibuchladen die Verbrechen in den Regalen, bei "Negra y Criminal" 7, "Schwarz und Kriminell" finden Buchfreunde mit Hang zur Straftat alles rund um Mord, Verschwörung und Komplott. Samstagmittags gibt es dazu Miesmuscheln und Wein, gratis, ein liebenswerter Kundenservice der Besitzer Montse und Paco. Sie wohnen gleich nebenan, für die Barceloneta haben sie sich bewusst entschieden, als sie vor acht Jahren nach Barcelona zogen.

"Das hier ist ein Viertel mitten in der Großstadt, wo sich die Nachbarn noch mit Vornamen begrüßen", sagt Paco. "Wo sonst gibt es das?" Die Menschen der Barceloneta lieben ihr Viertel, sie sind kämpferisch, und das waren sie schon seit Hunderten von Jahren. "Wir sind die Nachfahren der Verlierer", sagt Pilar, deren Familie der Zeitungskiosk an der Promenade gehört. Sie denkt dabei an die Zeit der Militärdiktatur, in der Barceloneta war man natürlich gegen Franco. "Hier im dunklen Gassengewirr ist so mancher Widerständler seinerzeit untergetaucht."

Pilars Kiosk hat den schönsten Panoramablick auf Strand, Hafen und den Hausberg Montjuïc. An dieser Ecke kamen früher alle Hafen- und Werftarbeiter vorbei, auch die Fischer. Die kommen immer noch, wenn auch nicht mehr so viele wie früher. Die Kutter löschen ihre Ladung an den Kais um den alten Leuchtturm 8, wo sich die Netze in der Abendsonne zu weichen Hügeln auftürmen. In der Hochsaison legen bis zu siebzig Schiffe an. Gambas, Sardellen, Seehechte oder Tintenfische werden gleich in der Auktionshalle nebenan versteigert, morgens gegen sieben und nachmittags gegen vier. Danach treffen sich die Fischer im "El Rincon del Marineiro", dem "Seemannseck" am Kai. Den fangfrischen Fisch bringen sie gleich mit, den lassen sie sich in der Kneipenküche braten. Das haben sie schon immer so gemacht, genau wie ihre Väter, damals.

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Autor:
Dorothea Massmann