Barcelona Ein Roman als Fremdenführer

"Diese Stadt ist eine Hexe. Sie setzt sich einem auf der Haut fest und nimmt einem die Seele, ohne dass man es überhaupt merkt." Schaurig schön, aber auch mit unendlicher Heimatliebe und Ehrfurcht beschreibt Carlos Ruiz Zafón das Prächtige, Mythische und Einmalige seiner Geburtsstadt. Der Journalist, Werbetexter und Drehbuchautor aus Barcelona  ist im Windschatten seines Romans "La sombra del viento" 2001 zu Weltruhm gekommen. Von seinem Historien-Krimi "Der Schatten des Windes" sind seitdem in 36 Ländern rund elf Millionen Exemplare verkauft worden.

Stellt sich die Frage: Wäre es auch ein Weltbestseller geworden, wenn Zafón seine spannenden und brillant geschriebenen Handlungsstränge in Alicante, Málaga oder Bilbao angelegt hätte statt in Barcelona?

Die Antwort kennt nicht nur der Wind, sondern jeder Leser, der sich auf die Spur der Romanhauptfigur Daniel Sempere begibt. Als Zafón am 25. September 1964 in einem gutbürgerlichen Haus in der Nähe von Gaudís Sagrada Família) geboren wird, hat der Autor dieses Buches gerade sein Abitur an der damals noch an der Avinguda del Tibidabo no 36 gelegenen deutschen Schule San Alberto Magno gemacht. Nur wenige Meter entfernt, Haus Nummer 32, steht die mysteriöse schlossähnliche Villa der Industriellenfamilie Aldaya, die als "Nebelburg" eine wichtige und schreckenerregende Rolle in "Der Schatten des Windes" spielt.

In den 80er-Jahren, als Zafón nach dem Besuch der Jesuitenschule Sant Ignasi, das Vorbild des Colegio San Gabriel im Roman, im Stadtteil Sarrià für seinen Vater, einen Versicherungsvertreter, die Policen und Rechnungen zu den Kunden ins ärmliche Barri Gòtic und Raval sowie zu den Villen der Reichen unterhalb des Tibidabo-Berges trägt, entdeckt er jeden Winkel seiner Geburtsstadt. Das ist die ortskundige Grundausstattung für seinen Weltbestseller.

Zafón nimmt damals schon Schreibkurse im Künstler- und Gelehrtenverein Ateneu Barcelonès in der Carrer de la Canuda 6. Eben dort, wo er gleich nebenan im Roman seinen Friedhof positioniert. Er schreibt erste Jugendbücher, und mit 29 Jahren zieht es ihn nach Los Angeles, wo er einige Jahre als Drehbuchschreiber und als Korrespondent für die spanischen Zeitungen "El País" und "La Vanguardia" arbeitet.

Dann hat Zafón die Idee seines Lebens. Er schreibt einen Stadtroman, einen Historien-Krimi über den moralischen Verfall und die Verbrechen aus der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges (1936-1939) und der darauf folgenden Franco-Diktatur. Die Schatten dieser Zeit begleiten den Protagonisten von "Der Schatten des Windes", den jungen Daniel Sempere. Dessen Vater führt ihn in ein labyrinthartiges Gebäude in der dunklen Gasse Carrer de la Canuda zum "Friedhof der vergessenen Bücher".

Hier werden alle Bücher aller Autoren aus allen Zeiten aufbewahrt, um der Vernichtung durch das Vergessen zu entgehen. Daniel sucht sich den Roman "Der Schatten des Windes" des unbekannten Autors Julián Carax aus und erfährt von Buchhändler Gustavo Barceló, dass dieses das allerletzte Exemplar sei. Das fasziniert Daniel und führt ihn auf die Spur von Julián. Damit beginnt ein Drama um tot geborene Kinder, verbrannte Bücher, um Mord und Totschlag in eben diesem mysteriösen Palast an der Avinguda del Tibidabo.

Ein Spaziergänger, der gut erzählen und noch besser schreiben kann, ist für eine traditionsbewusste Stadt ein Ehrenbürger. Carlos Ruiz Zafón ist so einer. Wir folgen ihm beziehungsweise den Textausschnitten seines Bestsellers zu interessanten Punkten Barcelonas und beginnen mit dem Friedhof der vergessenen Bücher. Im Roman schreibt Zafón über Daniel: "Gegen Abend, als es noch um 30 Grad war, zog ich mit meinem Buch unter dem Arm und einem Schweißvorhang auf der Stirn los, Richtung Calle Canuda und Athenäum zur Verabredung mit Barceló. Das Athenäum war - und ist - einer der vielen Winkel Barcelonas, wo das 19. Jahrhundert noch nichts von seiner Pensionierung mitbekommen hat. Die steinerne Vortreppe führte von einem höfischen Patio zu einem geisterhaften Netzwerk aus Galerien und Lesesälen empor, wohin neumodische Erfindungen wie Telefon, Eile oder Armbanduhr noch nicht vorgedrungen waren."

Eine antiquarische Buchhandlung mit labyrinthischen, gewölbten Gängen

Tatsächlich steht gleich neben dem heute auch noch mit Literaturkursen und Ausstellungen sehr lebendigen Ateneu in Haus Nr. 4 das Vorbild des Bücherfriedhofs, die Librería Canuda. Eine antiquarische Buchhandlung mit labyrinthischen, gewölbten Gängen, deren unzählige hölzerne Buchregale die alten Decken zu stützen scheinen. An der nächsten Ecke zieht die Haupteinkaufsstraße mit größeren Allerweltsboutiquen von Zara oder H&M vorbei, die Avinguda Portal del Àngel.

"Ich ging zum Balkon und lehnte mich hinaus, bis ich den dunstigen Schein sah, den die Straßenlaternen in der Puerta del Àngel aussandten. Die Gestalt hob sich von einem Stück Schatten ab, das reglos auf dem Straßenpflaster lag. Das schwache rötliche Glimmen einer Zigarettenglut spiegelte sich in den Augen ... Dieser Fremde war vielleicht irgendein Nachtschwärmer, eine gesichts- und belanglose Gestalt. In Carax ̓ Roman war der Fremde der Teufel."

Die Laternen stehen auch heute noch da. Wer aber teuflisch schöne und verrückte Boutiquen, avantgardistische Galerien und spezielle baskische Tapas-Bars sucht, der findet die besser in den Àngel-Nebengassen wie Carrer d'en Bot, C. de Ferran, C. del Duc de la Victòria, C. dels Boters, C. Portaferrissa oder C. Petritxol.

Die berühmteste Milchbar der Stadt

"Clara setzte sich liebend gerne hin, um dem Murmeln der Leute im Kreuzgang zuzuhören und das Echo der Schritte in den umliegenden Gässchen zu erraten. ... Oft fasste sie mich unter, und ich geleitete sie durch unser persönliches Barcelona, das nur sie und ich sehen konnten. Immer landeten wir in einer Milchbar in der Calle Petritxol, wo wir einen Teller Schlagsahne oder eine heiße Schokolade mit Rahm und Honigpfannkuchen teilten."

Die berühmteste Milchbar, in der man neben den von Zafón beschriebenen Leckereien auch die Mandelmilch "horchata" genießen kann, ist die Granja Dulcinea  in der Carrer de Petritxol no 2. Und in Hausnummer 5 gibt es immer noch die Galería Sala Parés, in der Picasso 1901 erstmals ausstellte.

In diesem Gassengewirr liegt gleich hinter der Kathedrale ein erstaunlich ruhiges Plätzchen, das auch Antoni Gaudí auf seinen abendlichen Spaziergängen aufsuchte: die Plaça de San Felip Neri mit einem Brunnen und einem grünen Baum in der Mitte: "Die hinter den alten römischen Stadtmauern versteckte Plaça de San Felipe Neri ist nur gerade ein Luftloch im Labyrinth der Sträßchen des Gotischen Viertels. Die Mauern der Kirche sind übersät mit Einschusslöchern des Maschinengewehrfeuers aus den Tagen des Krieges."

Geschichtlich noch weitere 500 Jahre zurück, aber nur 500 Meter entfernt von diesem Platz erhebt sich jenseits der Via Laietana in Richtung Hafen die beeindruckendste Kirche der katalanischen Gotik, die Kathedrale Santa María del Mar, für und von Seefahrern, Steinmetzen und Fischern in Rekordzeit zwischen 1329 und 1383 erbaut und von Ildefonso Falcones in seinem Roman "Die Kathedrale des Meeres" überirdisch schön verewigt. Ein mystisches, verzauberndes Licht durchflutet das breite Mittelschiff mit seinen Säulen, Bögen und Gewölben. Vielleicht besucht die Bernarda aus Zafóns Roman deswegen hier täglich den Acht-Uhr-Gottesdienst und geht dreimal in der Woche beichten.

Die historische Straßenbahn Tramvía Blau

Wer genug von Hafen und Gòtic-Viertel hat, sollte sich für zehn Euro ein Taxi Richtung Oberstadt leisten und bis zur Plaça John Kennedy fahren. Hier ruckelt die historische, blau bemalte Straßenbahn Tramvía Blau die ganze Avinguda del Tibidabo hoch. Von den Holzbänken oder der windigen Plattform kann man all die Türmchen, geschwungenen Balkone und putzigen Fassaden sehen, die die Stadtpaläste der früheren katalanischen "Indios", der durch die Kolonien reich gewordenen Industriellenfamilien, schmücken.

Über die gruseligen Entdeckungen von Zafóns Figur Daniel Sempere in der Aldaya-Villa no 32 liest man in "Der Schatten des Windes": "Im Schritttempo fuhr die Trambahn die Baumallee bergauf, und man sah über die Mauern hinweg schlossähnliche Villen in Gärten liegen ... Unter ihnen erhob sich inmitten der gezausten Bäume einsam der dunkle Turm des Aldaya-Hauses ... Ich schlüpfte durch das Türchen auf das Grundstück. Zwischen dem Unkraut erahnte man die Sockel roh entthronter Statuen. Als ich mich dem Haus näherte, sah ich, dass eine von ihnen, ein Engel der Läuterung, zuoberst im Park verloren in einem Bassin lag... Die Hand des Feuerengels ragte aus dem Wasser; ein anklagender Zeigefinger, spitz wie ein Bajonett, wies auf den Haupteingang. Die gearbeitete Eichentür war angelehnt. Ich stieß sie auf ..."

Wer Barcelonas Geschichte des Mittelalters und seiner jüngerer Vergangenheit, der Franco-Diktatur, noch besser kennenlernen und verstehen möchte, sollte beide Romane lesen, Ildefonso Falcones "Die Kathedrale des Meeres" und Carlos Ruiz Zafóns "Der Schatten des Windes". Einige dieser Paläste an der Avinguda del Tibidabo sehen heute noch verwunschen verfallen aus. Die meisten jedoch sind von ihren neuen Eigentümern aus der Werbe-, PR-, Designer- und Kosmetikbranche renoviert worden und künden wieder vom Stolz und dem selbstdarstellerischen Wohlstand der bekanntesten Familien Barcelonas.

Es heißt, dass Zafón seit 2009 an einer Fortsetzung des "Schatten des Windes" schreibt. In den letzten Jahren hat er sich des Öfteren gegen die Kritik des Plagiats verteidigen müssen. Tatsächlich sind einige Figuren seines Bestsellers denen aus dem vergessenen Roman "Der zerbrochene Spiegel" von Mercé Rodoreda sehr ähnlich.

Sei’s drum. Zafón ist zugutezuhalten, dass er die Düsternis der Schatten Francos und der vergessenen Bücher wie einen Albtraum beschreibt. Denn die Erinnerung ist die schärfste Waffe gegen das Vergessen des Bösen.

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Die Geschichte ist ein Auszug aus dem Buch "Barcelona - Eine Stadt in Biographien", erschienen in der neuen Reihe MERIANporträts. 20 ausgewählte Biographien geben einen facettenreichen Einblick in Vergangenheit und Gegenwart, Kultur und Lebensgefühl von Barcelona.
MERIANporträts stellen berühmte Bewohner der schönsten Metropolen vor. Charles Dickens etwa führt durch das viktorianische London, Peggy Guggenheim wandelt auf ihrer venezianischen Dachterrasse oder bummeln mit Sarah Jessica Parker durch New York. In jedem Städteband werden 20 faszinierende Personen vorgestellt. Dazu gibt es konkrete Adressen, wie man auf deren Spuren wandeln kann und eine Karte zur Orientierung. 
 
Weitere MERIANporträts gibt es für Dublin, Berlin, London, München, New York, Paris, Prag, Rom, Venedig, Zürich, San Francisco, Hamburg, St. Petersburg, Stockholm und Wien.
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Autor:
Wolfhart Berg