Spanien Der Kiez von Barcelona

In der Stadt ist vor der Stadt. Menschen, die schon lange in Gràcia leben, sagen "Ich fahre nach Barcelona", wenn sie ihr Viertel verlassen, als sei es noch immer ein Dorf vor den Toren der Stadt. Dass sie 1897 von Barcelona einverleibt und zu einem Teil der Stadt erklärt wurden, passte den selbstbewussten "Gracianos" gar nicht - bereits damals hatten sie einen besonderen Bürger- und Eigensinn kultiviert. Schon die Straßennamen sagen viel über ihre aufmüpfigen Bewohner, sie heißen Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit, Platz der Revolution. Seit 1993 gibt es auch einen John-Lennon-Platz, dort hängt an einer der Hausfassaden eine Plakette in Form einer Schallplatte mit der Aufschrift "Give Peace A Chance".

Die Plätze Gràcias bestimmen das Leben im Viertel, am frühen Abend etwa, wenn die Einheimischen sich nach der Arbeit dort bei einem Kaffee oder einem Bier entspannen. Hier treffen sich alle, vom kleinen Kind bis zur Großmutter, man kennt sich. Das Leben spielt draußen, denn die Wohnungen sind oft winzig klein, viele Gassen eng und verwinkelt. Im unteren Teil des Viertels lebten bis ins 20. Jahrhundert Textilarbeiter, ihre niedrigen, gedrungenen Häuser stehen heute noch. Wo die Straßen etwas breiter werden, ragen Jugendstilgebäude mit stuckverzierten Erkern und schmiedeeisernen Balkongittern in die Höhe, und im oberen Teil des Viertels, um Gaudís Märchenpark Güell herum, träumen kleine Villen mit Gärten, einst Sommersitze von wohlhabenden Bürgern Barcelonas.

Vom traditionellen Arbeitermilieu in Gràcia ist heute wenig übrig, viele Ausländer sind zugezogen, Deutsche, Engländer, Franzosen oder Amerikaner - das hat das Viertel belebt, verjüngt und verwandelt. Gràcia ist zum Anziehungspunkt für Akademiker und Alternative geworden, ein kuscheliges Biotop für unangepasstes Leben. Studenten aus aller Welt suchen hier ihre Zimmer in Wohngemeinschaften, und Hippies, die schon Hippies waren, als John Lennon in Indien beim Yoga seine Beine in Brezelform brachte, dürfen hier jung bleiben. Gràcia ist eine Alternative für Alternative.

Cafés, Szenekneipen, Kleinkunstbühnen, Bodegas, Buch- und Bioläden, Teestuben, Kooperativen, Eine-Welt-Lokale, Modeshops, eine bunte Mischung aus Bohème, Bürgerinitiativen und Nachbarschaftsvereinen: Beim Stadtteilfest im August machen alle mit und dekorieren ihre Straßen, die schönste bekommt einen Preis. In Gràcia eröffnete in den achtziger Jahren das erste Programmkino der Stadt; schon zu Zeiten Francos war das Viertel ein Fluchtpunkt für Linksintellektuelle, Künstler und Studenten.

Besonders beliebt ist die Plaça de la Virreina, von dem Terrassencafé unter uralten Platanen hat man freien Blick auf die kleine Kirche Sant Joan aus dem 19. Jahrhundert. Einmal im Monat findet hier ein Tauschmarkt statt, eine Packung Taschentücher geht für einen Blumentopf über den Tisch. Sicher, das ist noch keine Revolution der Finanzmärkte, aber ein fröhlich-trotziges Ritual gegen den Konsumwahn. Manchmal sonntags wird sogar auf offener Straße getanzt. Swingmusik ertönt unter freiem Himmel, organisiert von einem Kulturverein, und die Nachbarn machen spontan mit.

Der Kiez von Barcelona

Lange waren die Einheimischen zumindest im unteren Teil Gràcias, dem alten Dorfkern, unter sich. Inzwischen tummeln sich auch dort Touristen auf den Plätzen, aber es sind noch lange nicht so viele wie in der Altstadt. André und Monique nennen Gràcia "den Kiez von Barcelona". Vor neun Jahren zogen sie aus Berlin hierher, damals war das Leben im Viertel beschaulich, sagen sie. Es gab die Geschäfte noch nicht, die heute an jeder Ecke professionelles Hippie-Equipment wie Räucherstäbchen, Kerzen und bunte Klamotten anbieten. Außerdem eröffnen immer mehr libanesische Lokale und asiatische Takeaway-Restaurants, und die pakistanischen Lebensmittelgeschäfte, in denen man rund um die Uhr einkaufen kann, verdrängen die alteingesessenen Läden.

Die alternative Szene ist in die Jahre gekommen, Gràcia ist ein Familienviertel geworden. Nach und nach entstanden Spielplätze und Kitas, jetzt schauen die Eltern nachmittags ihren Sprösslingen beim Spielen auf der Plaça de la Vila de Gràcia zu. Hier stehen das historische Rathaus und Gràcias legendärer Glockenturm, der viele Revolten im Viertel einläutete, drumherum Bänke und Cafés zum Verweilen - der Platz ist das Herzstück Gràcias.

Seit ein paar Jahren donnern auch endlich keine Autos mehr vorbei - Verkehrsberuhigung dank europäischer Fördergelder. Die Szene ist gesetzter geworden, neue Themen kommen aufs Tapet, besser gesagt, aufs Transparent: Von einigen Balkonen hängen große Banner mit dem Hinweis "Hier leben und schlafen Menschen", das wird manchmal vergessen, wenn in den hippen Bars auf der Plaça del Sol nachts die Post abgeht. Oft sind es Teenager, die sich dort nachts mit Hochprozentigem amüsieren und dabei zwar nicht das System, aber die Mülleimer umstürzen.

Ganz anders sieht die Umgebung der Plaça Raspall aus, sie wirkt wie ein Ort aus einer langsameren, stilleren Welt. Vor hundert Jahren stand hier eine Bürstenfabrik, die rustikale Kneipe am Platz könnte gut noch aus dieser Zeit stammen. In den bescheidenen Häusern leben seit über zweihundert Jahren katalanische Gitanos, für manche Leute sind sie einfach Zigeuner, doch sie selbst sehen sich als Katalanen, betrachten sich als sozial völlig integriert, darauf legen sie Wert: "Wir waren die ersten Siedler in Gràcia, die payos kamen nach uns", sagt Antoni Carbonell stolz, und damit meint er die Nichtzigeuner, die sich hier ansiedelten. Sogar einen Platz hat man nach dem Volk der Roma benannt, die Plaça del Poble Romaní.

Die Musik der alteingesessenen Gitanos heißt Rumba Catalana, eine explosive Mischung aus Flamenco, afrokubanischen Rhythmen und Rock 'n' Roll. Ein eigener Musikstil, entstanden in den fünfziger Jahren. Antoni Carbonell, genannt Sicus, Gründer der Gruppe "Sabor de Gràcia", gehört zu einer Generation junger Musiker, die die Rumba gerade erfolgreich modernisieren, auf der Suche nach einer eigenen Identität als Gitanos und Katalanen. Auch das Centro Artesano Tradicionàrius in der Travessia de Sant Antoni mitten in Gràcia hat Anteil am Erfolg der Rumba Catalana.

Die Musik macht Furore, man hört den neuen Sound inzwischen auch schon in London oder Berlin. Die Menschen dort sagen, das sei ein neuer Trend aus Barcelona. Die Gracianos wissen es besser. Sie mögen längst zur Stadt gehören, aber sie sind immer noch etwas Besonderes.

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Autor:
Dorothea Massmann