Spanien Das Castell de Montjuïc in Barcelona

Früher war sie der Schrecken der Stadt. Heute liegt Barcelonas Festung hoch oben auf dem Hausberg Montjuïc friedlich da wie ein versteinerter Dinosaurier, von dem keine Gefahr mehr ausgeht. Das Castell de Montjuïc wirkt mittlerweile geradezu heimelig, mit Efeuranken am Gemäuer und Zierhecken im alten Graben. Und die Nachgeborenen tanzen ihm längst auf der Nase herum. Denn wer über die heruntergelassene Zugbrücke zur massigen Ringmauer hochsteigt, dem liegen Barcelonas City und der Hafen zu Füßen. Damit ist das einstige Bollwerk des Bösen inzwischen zu einem Stück Freizeitvergnügen geworden. Zweifellos ein Niedergang - und ein Triumph zugleich.

"Barcelona hat eine Burg!" heißt, mit Ausrufezeichen, die aktuelle Dauerausstellung im Inneren, fast so, als wäre die Burg früher niemandem aufgefallen. Doch der Nachdruck hat andere Gründe: Erst seit 2007 befindet sich der Bau ganz und gar in Barcelonas Besitz. Die längste Zeit wurde das Kastell ferngesteuert, jedenfalls nach Meinung der Katalanen: Die bourbonischen Herrscher in Madrid hatten Katalonien 1714 unterworfen und hielten die Burg seitdem mit Truppen besetzt. Im 19. Jahrhundert ließen die Befehlshaber vom Berg die aufmüpfige Stadt sogar mehrmals bombardieren. Und nachdem Franco das republikanische Barcelona 1939 in die Knie gezwungen hatte, wurde Kataloniens Präsident Lluís Companys im Kastell hingerichtet. Später brachte der Diktator in der Festung ein Militärmuseum unter - auch keine sympathische Geste.

Jetzt aber gehört die Burg endlich zur Stadt. Damit ist im Grunde die Eroberung des Montjuïc durch die Barceloniner abgeschlossen. Fehlt höchstens noch, als i-Tüpfelchen gewissermaßen, das "Informationszentrum Montjuïc", das irgendwann im Kastell eröffnet werden soll. Die Barceloniner bräuchten das Infozentrum dringend, weil sie den Berg noch immer nicht im Griff haben. Sie kennen Flecken davon, einzelne Zonen, Aussichtspunkte, manchen Sportplatz, bestimmte Museen. Aber die wenigsten wissen auf dem Montjuïc wirklich Bescheid. Für sie ist der Berg genauso eine Wundertüte und manchmal auch ein Irrgarten wie für die Touristen, die kurz des Ausblicks wegen hinauffahren.

Hin und wieder gibt es Kampagnen für die Einheimischen nach dem Motto "Komm und entdecke Montjuïc". Die Resonanz bleibt mau. Bis heute existiert nicht einmal eine ordentliche Karte des Bergs. Um zum Mirador Miramar, dem Aussichtspunkt Miramar, zu finden, braucht man keine Karte. Er ist vom hafennahen Ende der Altstadt leicht zu Fuß zu erreichen und liegt weit unterhalb der Burg.

Estanislau Roca nennt ihn den "Balkon der Stadt"; er gehört zu seinen Lieblingsorten. Roca ist Architekt und Stadtplaner und Barcelonas führender "Montjuïcologe". Für ein Mineralwasser setzt er sich auf die Café-Terrasse des Mirador in die Sonne des späten Nachmittags, blickt einmal lange zum Häusermeer und zum Hafen hinunter und sagt dann: "Der Montjuïc ist ein Teil von Barcelonas Skyline. Insofern verlieren wir ihn nie aus dem Blick. Doch für viele Barceloniner ist er auch ein ferner, unbekannter Berg."

Eine volle Dröhnung Kitsch

Roca arbeitet seit den achtziger Jahren am und über den Montjuïc. Als ehemaliger Marathonläufer hat er rund 12.000 Kilometer auf dessen Wegen zurückgelegt; als Forscher hat er ihm einen großformatigen, nahezu enzyklopädischen und überreich illustrierten Wälzer gewidmet, der die Beziehung zwischen Berg und Stadt bis zu ihren Urgründen zurückverfolgt. Einst war der Montjuïc eine vorgelagerte Insel. An deren Ufern blieben Sedimente hängen. So entstand schließlich jenes Stück Ebene, auf dem sich Millionen Jahre später die Römer niederlassen konnten. "Barcelona ist eine Tochter des Montjuïc", sagt Roca, "sogar zweifach: Zuerst hat die Insel für den Boden unter der Stadt gesorgt, dann hat der Berg den Stein für ihren Aufbau geliefert."

Mittlerweile ist der Abbau auf dem Montjuïc verboten. Die übrig gebliebenen Steinbrüche sind mit der Zeit "resozialisiert" worden. Manchen sieht man ihr Vorleben kaum noch an. Einer hat sich zum Beispiel in ein wunderbares Open-Air-Theater verwandelt, das die Katalanen kurz "Grec" nennen, "das Griechische", wegen des zur Bühne hin stark abfallenden Halbrunds. Jeden Sommer finden hier vor einer steilen Felswand Aufführungen und Konzerte in idyllischer Atmosphäre statt. Noch eine Spur entrückter fühlt man sich im Jardí Botànic Històric, dem Alten Botanischen Garten. An exotischen Pflanzen bietet die geradezu grubenartige Senke, in der er liegt, nur wenig. Dafür steigt man in sie hinab wie in ein winziges, aus der Zeit gefallenes Schattenreich. Über manche Wege spannen sich sogar Spinnweben, so selten wird der Park besucht. Gäbe es Elfen in Barcelona, hier müssten sie leben.

"Barcelona und Montjuïc", sagt Estanislau Roca, "das ist wie die Geschichte einer schicksalhaften Hassliebe. Man lässt sich scheiden, heiratet erneut, lebt sich wieder auseinander und braucht einander doch." Als Ironie der Geschichte darf gelten, dass die Militärs in der Burg zwar viel Hass auf den Berg zogen, ihn aber ganz nebenbei vor unkontrollierter Besiedlung bewahrten. Denn in der Reichweite der Gewehr- und Kanonenkugeln war Bauen untersagt. "Zwei große Reconquistas hat der Montjuïc erlebt", sagt Roca - Rückeroberungen des Bergs im Namen des Gemeinwohls. Beide sind mit Großereignissen verbunden, die Barcelona im 20. Jahrhundert nach vorn brachten: die Weltausstellung 1929 und die Olympischen Spiele 1992. Ohne sie sähe der Berg heute anders aus.

Der erste majestätische Beweis dafür ist der Blick hinauf von der Plaça d'Espanya. Aussichten hinunter, die ordentlich was hermachen, gibt es einige. Aber aus der Gegenrichtung kann nur dieses gigantische, für die Weltausstellung entworfene Fluchtpunkt-Panorama mithalten, das gerahmt von fernöstlich anmutenden Türmchen entlang der mächtigen, umgrünten Treppe hinaufführt zum über allem thronenden Palau Nacional. Der Nationalpalast ist zweifellos ein eklektisches Tschingderassabumm, eine volle Dröhnung Kitsch. Doch dieses dick Aufgetragene muss man einfach genüsslich über sich ergehen lassen - und sich dann gleich Nachschlag holen im Inneren des Palasts, im Ovalen Saal, den ein Hauch von Kolosseum umweht. Die Architekten zogen den Monumentalbau damals im festen Glauben hoch, er würde nach Ende der Weltausstellung abgerissen. Das brachte allerdings niemand übers Herz.

Multikulti-Projekt zwischen Legoland und Las Vegas

So zog schließlich das Museu Nacional d'Art de Catalunya (MNAC) ein, immerhin eine Institution, die eines Nationalpalastes würdig ist. Geschleift wurde stattdessen (durchaus nach Plan) der modernste Bau der gesamten Ausstellung, Mies van der Rohes Deutscher Pavillon, ein erhaben minimalistischer Riegel aus Marmor, Stahl, Beton und Glas. Heute steht er wieder, rekonstruiert, am alten Platz etwas abseits zu Füßen des Palasts und beißt sich nach wie vor heftig mit aller architektonischen Ornamentik ringsum. Das bizarrste Stilgewitter des ganzen Berges erlebt man allerdings im Poble Espanyol, dem Spanischen Dorf, einem weiteren Weltausstellungs-Clou, der gegen die ursprüngliche Absicht überlebt hat. Hier stehen auf 49.000 Quadratmetern und in massivem Stein traditionelle Bauten aus allen Regionen Spaniens dicht an dicht beieinander. Hinter der aragonesischen Kirche beginnt das andalusische Gässchen, das wiederum zu einem katalanischen Plätzchen führt und so fort. Ein faszinierendes frühes Multikulti-Projekt zwischen Legoland, Las Vegas und Museumsdorf.

Was von dem Olympischen Spielen 1992 übrig blieb, hat nicht den gleichen Charme wie die Extravaganzen von 1929 - oder noch nicht. Das weite, säulengesäumte Feld zwischen dem Sportinstitut und dem Stadion, dem Estadi Olímpic, löst beim streunenden Besucher spontane Erschöpfungszustände aus, besonders in der Hitze des Sommers. Und Santiago Calatravas 136 Meter hoher weißer Telefónica-Turm ist ähnlich wie das Ensemble rundum zwar monumental, aber nicht wirklich ergreifend. Immerhin spürt man erneut die Größe des Montjuïc, seine Unüberschaubarkeit. Auch wenn man heute kaum mehr glauben mag, dass zu Francos Zeiten jenseits des Stadions zeitweise rund 15.000 Menschen in Barackensiedlungen auf dem Berg lebten. Sogar das Stadion selbst, seit der Erstnutzung 1929 schwer heruntergekommen, bot zahlreichen armen Familien vorübergehend Unterschlupf. Erst in den achtziger Jahren waren endlich alle Barackenbewohner umgesiedelt und das vorolympische Großreinemachen konnte beginnen.

Den Freiraum Montjuïc nutzten nicht nur die Armen, sondern auch die jeweiligen Bürgermeister für Dinge, die unten in der Stadt keinen Platz mehr fanden, darunter Baseball-, Rugby-, Hockey- und Modellflugplätze, Pferdeställe oder Fahrschul-Versuchsgelände. Außerdem wurden mit der Zeit eine Menge Denkmäler großzügig über die Grünanlagen verteilt. Eines der kuriosesten Stücke ist sicher die fußballgroße Bronzekugel mit draufgegossenem Frauenakt, die an Deutschlands verstorbene Grüne Petra Kelly erinnern soll. Die Kugel ruht inmitten der städtischen Baumschule und hat dafür gesorgt, dass deren neuerer Teil nun etwas großsprecherisch Jardí de Petra Kelly heißt. Der "Kelly-Garten" ist eine kleine Mogelpackung, zum Flanieren ungeeignet. Aber natürlich kann man stattdessen durch ein knappes Dutzend anderer Parks streifen. Am schönsten - vom Alten Botanischen Garten einmal abgesehen - sind die Jardins de Laribal, wohlgeordnet und doch schon leicht überwachsen, mit Anklängen an die maurischen Gärten Südspaniens.

Wildwuchs gibt es nur wenig am Montjuïc. Hinter der Burg steht noch ein Pinienwäldchen. An dessen Rand liegt die Caseta del Migdia, ein sommerliches Open-Air-Café mit Grill und gemütlichem DJ-Betrieb. Hier geht es ländlicher zu als auf den übrigen Terrassen. Wer allerdings vom Hang hinabblickt, hat Barcelonas Container- und Kreuzfahrt-Piers unter sich. Diese Mischung aus Chillout unter Pinien und mediterranem Hafenbetrieb ist eine weitere Einzigartigkeit des Montjuïc, eine von vielen auf diesem patchworkartigen Zauberberg, der sein labyrinthisches Wesen hoffentlich nie ablegen wird. Ein letzter Besuch. Ein Labyrinth im Labyrinth. An die Caseta del Migdia schließt sich der Mirador del Migdia an. Von dort führt ein kleiner Querfeldeinweg zum Hintereingang des Cementiri de Montjuïc, des Zentralfriedhofs, Barcelonas Totenstadt mit Meerblick. Der Besucher verläuft sich leicht in dieser von Zypressen bestandenen Mehrklassen-Nekropole, in der es Quartiere voller Blockbauten gibt, die mehrstöckig mit Grabnischen besetzt sind, und Viertel voller Paläste, Kathedralen und Tempel.

Am Rande des Friedhofs liegt noch ein weiterer alter Steinbruch. Sein Boden ist von Gras überwachsen. Darunter befinden sich die Überreste von 4.000 Opfern des Franco-Regimes. Dies ist der stillste Ort am Montjuïc. Vielleicht muss man ihn nicht besuchen. Aber man sollte wissen, dass es ihn gibt.

Schlagworte:
Autor:
Merten Worthmann