Spanien Barcelonas Altstadt wehrt sich

Halt, was war das? Klappern da Hufe übers Pflaster, poltern Wagenräder durch die Gasse, wiehert ein Pferd unter dem Knallen der Peitsche? Im Gewirr der Gassen, Plätze und mittelalterlichen Gemäuer von Sant Pere kann die Phantasie schon mal über die Stränge schlagen, und tatsächlich sind hier früher viele Kutschen durch die Straßen gerumpelt: Alte Keramiktafeln an den Straßenecken zeigen Droschken mit dem Hinweis salida für Ausfahrt oder entrada für Einfahrt.

In der Abenddämmerung wirkt die Plaça Sant Agustí Vell wie eine Kulisse aus alter Zeit, historische Häuserfassaden, Brunnen, schmiedeeiserne Laternen, die das Gefühl vermitteln, die elektrische Straßenbeleuchtung sei eben erst erfunden worden: Nachts tauchen sie alles in ein fahles Licht, als befinde sich der nächtliche Spaziergänger in einem alten Gruselfilm. Hier gibt es weder Sitzbänke noch Terrassen, so behält der Platz seine magische Stille, ohne von trinkfreudigen Nachtschwärmern belagert zu werden.

Es gibt viele Orte, an denen sich in Sant Pere die Gegenwart vergessen lässt. Die versteckte Plaça de L'Academia gehört dazu, sie liegt verborgen in der gotischen Klosteranlage Sant Agustí mit ihrem wunderschönen Kreuzgang, unter dessen Arkaden der Besucher sich in einer kleinen Bar in die Vergangenheit zurückträumen kann. Oder die Plaça de Sant Pere mit der romanischen Kirche Sant Pere de Puelles, die dem Viertel seinen Namen gab. Der Platz mit dem Jugendstilbrunnen und den mittelalterlichen Fassaden wirkt wie verwunschen, trotz der kleinen Bar, deren Gäste in warmen Nächten unterm Sternenhimmel sitzen.

Schon ein paar Gassen weiter treffen Geschichte und Gegenwart weniger sanft aufeinander, am Forat de la Vergonya, dem "Schandloch", einem von den Anwohnern verwalteten Park, der eigentlich als gepflasterter Platz vorgesehen war. Wo heute Fußball oder Basketball gespielt wird und die Nachbarn ihre Feste organisieren, standen bis vor ein paar Jahren Wohnhäuser.

Die sanierungsbedürftigen Gebäude wurden abgerissen, ein unterirdisches Parkhaus sollte gebaut werden, aber die Anwohner leisteten heftigen, mitunter handfesten Widerstand gegen die ungehemmte Spekulation und legten auf dem Bauloch ihren Hof an, mit viel Phantasie und Baumaterial aus zweiter Hand. Man sparte an Erde und Brettern, nicht aber an Ideen. So kamen eine Menge Steine ins Rollen, inzwischen ist das Parkhausprojekt vom Tisch und die Initiative rechtlich anerkannt. Es gibt sogar einen ökologischen Nutzgarten, den die Nachbarn gemeinschaftlich bewirtschaften. Die Saat ist aufgegangen.

Das kleine Altstadtviertel Sant Pere liegt wie sein Schwesterquartier Santa Caterina im Norden des Carrer de la Princesa, südlich davon beginnt der Stadtteil La Ribera. Sant Pere und Santa Caterina sind durch ihre Lage und ihre Geschichte verbunden, im 12. und 13. Jahrhundert machten Handwerker und Händler die beiden Viertel zum blühenden Zentrum Barcelonas.

Modernisieren: ja - aber bitte mit Gefühl!

Reiche Kaufleute bauten hier ihre Paläste. Mit der Industrialisierung im 18. Jahrhundert wurden die ersten Textilfabriken Kataloniens in diesem Teil der Stadt errichtet. Einheimische und zugezogene Arbeiter kamen ins Quartier, die Einwohnerdichte gehörte bald zu den höchsten in Europa. Die Wohnverhältnisse waren katastrophal, und erst im 19. Jahrhundert zog, wer es sich leisten konnte, ein paar Straßen weiter in die Prachtbauten des neu errichteten Eixample. Bis heute sind über die Hälfte der Bewohner Immigranten, vor allem Südamerikaner, Marokkaner, Araber, Chinesen und Pakistaner.

Vor ein paar Jahren begann die Sanierung der verfallenden Viertel, zunächst in Santa Caterina: Die historische Markthalle wurde renoviert und nach Plänen des Architekten Enric Miralles mit einem spektakulären neuen Dach aus großen bunten Wellen versehen; bei den Umbauten stießen die Arbeiter auf Reste eines alten Klosters, die hinter Glaswänden in die sanierten Markthallen eingebunden wurde. In den umliegenden Gassen haben neue Lokale eröffnet, Galerien, Cafés, Boutiquen und Bioläden. Freiberufler und Künstler haben sich in der Nachbarschaft eingerichtet und sie damit wohlhabender und sicherer gemacht.

Noch stärker hat sich La Ribera im Süden der Altstadt gewandelt. Der Name bedeutet auf deutsch "Ufer", vielleicht weil hier schon seit Jahrhunderten so viel Strandgut landete - im Mittelalter bauten Seefahrer und wohlhabende Kaufleute ihre Häuser im Viertel und investierten dazu eine Menge Geld in eine große Kirche. Die gotische Kathedrale Santa Maria del Mar entstand in der beeindruckend kurzen Zeit zwischen 1329 und 1383. Vielleicht wollte man sich mit der Namensgebung die Mutter Gottes bei Laune zu halten, deren Segen auf See ganz nützlich sein konnte. Nur einige Straßen weiter, in der Carrer Montcada, treffen zwei Epochen in aparter Weise aufeinander: Das Museu Picasso erstreckt sich über mehrere mittelalterliche Paläste, rund 3000 Gemälde, Zeichnungen und Skizzen sind hier in einer der größten Picasso-Ausstellungen der Welt zu sehen.

Der deutsche Architekt Hubert Pöppinghaus ist vor 20 Jahren nach La Ribera gezogen, viel hat sich hier seitdem verändert; manches ging dabei verloren. "Ich finde es richtig, ein Viertel zu erneuern, solange die alten Läden und Lokale nicht verschwinden", sagt er. "Aber Modernisierung darf nicht bedeuten, dass die Infrastruktur zerstört wird." In der Ribera geben heute Touristen und wohlhabende Einheimische den Ton an; Bars, Restaurants und Modegeschäfte prägen das Straßenbild.

Hubertus Pöppinghaus zieht jetzt mit seiner Familie in die Oberstadt, in eine Wohngegend, die langsamer und gleichmäßiger gewachsen ist. Damit sich die Fehler in Sant Pere nicht wiederholen, engagiert er sich in der Bürgerinitiative "Nachbarn zur Verteidigung der Altstadt". Und zu bewahren gibt es eine Menge. Zwar sind die traditionellen Tuchläden im Viertel inzwischen fest in chinesischer Hand. Aber an vielen Ecken sieht es immer noch so aus wie früher: rau, mittelalterlich, düster. Der Phantasie bleibt eine Menge Raum, sich zu entfalten.

Der Palau de la Música Catalana ist der überreichen Vorstellungskraft eines phantastischen Architekten zu verdanken. Lluís Domènech i Montaner schuf ein Bauwerk, dessen Opulenz kaum zu fassen ist. Der 1908 fertiggestellte Konzertsaal ist eines der beliebtesten Ziele bei den Besuchern Barcelonas, ein märchenhafter Palast für die klassische Musik, üppig, überbordend verziert, allein die kunstvoll bemalten Glasfenster sind eine Sensation. Heute gehört das Bauwerk zum Weltkulturerbe der Vereinten Nationen.

Daneben wirkt das Antic Teatre in der Gasse Verdaguer i Callís recht bescheiden, es liegt nur wenige Minuten zu Fuß vom Palau de la Música entfernt, ein alternatives Kulturzentrum hinter historischen Theatermauern. Der Verein kümmert sich mit Lesungen, Ausstellungen und Konzerten um Barcelonas zeitgenössische Avantgarde - junge Künstler, deren Namen vielleicht mal weltbekannt werden. Bis dahin treffen sie sich im Café des Antic Teatre im Hinterhof an den gemütlichen Tischen. Bunte Lichterketten hängen in den Bäumen, und die Stammgäste ahnen, dass Sant Pere schon bald in ganz anderem Licht strahlen wird.

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Autor:
Dorothea Massmann