Spanien Porträt des Künstlers Salvador Dalí

Maler Salvador Dalí 1973 im Hotel Meurice in Paris

Kein anderer Maler hat seine Kunst und sich selbst so verrückt und gleichzeitig genial inszeniert wie er. War das alles nur ein kalt berechnendes Marketing, oder lebte er den Surrealismus im Selbstversuch? Man mag es nicht glauben, aber alles ist wahr. Die Geschichten über den Meister, seine Kunstwerke. Sofern Surrealismus wahr sein kann. Traumhaft Unwirkliches – mit Öl, Kohle oder Wasserfarbe aufs Papier gebannt – ist für Sehende natürlich wirklich.

Surreal ist da schon eher der Mann, der am 11. Mai 1904 geboren wird und im Städtchen Figueres nahe der Costa Brava wohlbehütet aufwächst. Es geht um den verrücktesten, gleichzeitig genialen und geldgierigsten Maler des vergangenen Jahrhunderts. Um jenen Größenwahnsinnigen, der mit stechendem Blick, dandyhafter Samtjacke, vergoldetem Spazierstock sowie mit Wachs hochgezwirbeltem Schnurrbart weltweit sein eigenes Marketing-Label kreiert. Salvador Felipe Jacinto Dalí, von König Juan Carlos 1982 zum "Marquès de Dalí de Púbol" geadelt. Da ist er bereits an Parkinson erkrankt, malt mit zittriger Hand sein letztes Gemälde "Der Schwalbenschwanz" und reagiert auf den Tod seiner als Göttin verehrten Frau Gala mit Nahrungsverweigerung. Bis zu seinem Tod 1989 muss er per Sonde künstlich ernährt werden.

Dalí: Sohn eines wohlhabenden erzkonservativen Nationalisten


Der geniale verrückte Künstler Salvador Dalí ist der Typ zwischen Wahn und Wirklichkeit, ein typischer Katalane mit der extremkaufmännischen "seny"-Seite einerseits und dem intensiv-küstlerischen "rauxa"-Leben andererseits. Sein Vater Salvador Dalí-Cusí gilt im ländlich-katholischen Figueres als erzkonservativer katalanischer Nationalist, als Notar ist er wohlhabend und höchst angesehen. Sein Sohn zeigt bereits als Zehnjähriger selbstinszenatorische Neigungen. Sein Onkel, ein Buchhändler in Barcelona, muss ihm anspruchsvolle Jugendbücher und Kunstbücher schicken, die er unter den Arm klemmt und so zur Schule geht. Die Mitschüler halten ihn für verrückt.

Seine ersten Bilder malt er noch ganz realistisch im elterlichen Sommerhaus Es Llané. Noch vor dem Abitur geht Dalí auf Konfrontation zu seinem gestrengen Vater, gründet die anarchistische, marxistisch orientierte Arbeitsgruppe "Renovació Social" und lässt nun die Ausgaben der kommunistischen Zeitschrift "L'Humanité" provokativ im Elternhaus herumliegen. Er fährt immer häufiger ins nahe gelegene Barcelona, verbrüdert sich mit der anarchistischen Szene in der Altstadt, übernachtet bei Freunden oder bei seinem Onkel. Anfang der 20er-Jahre verkehrt er in der Musikhalle El Molino auf der damals noch Das Teatre-Museu Dalí in Figueres, der Heimatstadt des Künstlers. In Figueres ließ sich der Exzentriker auch bestatten.

Dalí knüpft Kontakt zu Barcelonas Avantgardisten

Dalí fühlt sich zu Barcelonas Avantgardisten hingezogen, verehrt den Franzosen André Breton als Theoretiker des Surrealismus und versucht in den intellektuellen Zirkeln des Gotischen Viertels
durch Auftreten und revolutionäre Reden Bourgeoisie und Surrealisten gleichermaßen zu schockieren. Breton wird später erzählen, wie Salvador Dalí auf die Frage antwortete, wer nach ihm
der größte bekannte Künstler sei. Dalí nennt spontan Josep Pujol, der zu Beginn des 20. Jh. im Moulin Rouge als "Le Petomane" Berühmtheit erlangt. Dieser Pujol kann mit seinen Schließmuskeln
die Marseillaise und aktuelle Schlager intonieren.

Noch mehr begeistert er sich bei seinen Streifzügen durch Barcelona für die skurrilen Arbeiten von Antoni Gaudí. Auf Dalí wirken "die Türme der Sagrada Família sehr sinnlich, wie die Haut einer Frau". Nach dem Tod von Gaudí schlägt er vor, die unvollendete Kathedrale so zu belassen und ihr eine gewaltige Glaskuppel überzustülpen. Dalí lobt die Bauten Gaudís überschwänglich, weil "dieses Genie den Stein in Fleisch und Starre in Weichheit verwandelt und weil die bronzenen Wasserspeier aussehen wie prächtige Brüste". Immerhin erkennt Dalí da noch einen anderen als
Genie neben sich an.

Er malt sehr viel, nicht nur im Atelier an der Costa Brava, sondern auch in den Studios von Freunden in Barcelona. Er ist fleißig, diszipliniert, übt sich in impressionistischer, dann kubistischer Malerei. 1922 hat er in der Galería Dalmau 15 seine erste Ausstellung, verkauft die ersten Surrealen nach USA. Die Galería Dalmau in der Carrer Consell de Cent no 349 in der Nähe des Passeig de Gràcia hat damals schon einen internationalen Ruf als Förderer moderner Gegenwartskunst und
gilt als Begründer der Kunstmeile dieser Straße mit heute einem Dutzend angesehener Galerien. Dalí wird hier jahrelang eigene Ausstellungen haben.

1923: Dalí studiert an der Madrider Akademie Kunst, Bildhauerei und Malerei

Bei seinem aufwändigen Lebensstil reicht Dalí das erste Galerie-Honorar nicht lange, sein Vater zwingt ihn, sein chaotisches Barcelona-Leben zu beenden und ab 1923 in der Madrider Akademie
San Fernando Kunst, Bildhauerei und Malerei zu studieren. Wegen ungebührlichen Benehmens wird er mehrfach gefeuert, wegen genialer Arbeiten aber wieder zugelassen. Der Narziss Dalí hält seine Professoren für unfähig, ihn zu beurteilen, und weigert sich deswegen Ende 1926, am Schlussexamen teilzunehmen. Lieber fährt er nach Paris und besucht Pablo Picasso. In den
drei Madrider Jahren allerdings lernt er im Studentenwohnheim zwei für seine Entwicklung entscheidende Freunde kennen: den Filmregisseur Luis Buñuel, mit dem er 1929 gemeinsam das
Drehbuch zum surrealistischen Film "Ein andalusischer Hund" schreibt. Noch inspirierender für Dalí wird sein Zimmergenosse Federico García Lorca. Den andalusischen Schriftsteller lädt er regelmäßig zu Sommerferien ins elterliche Ferienhaus Es Llané nach Cadaqués ein. Sie malen, dichten und träumen gemeinsam.

Salvador Dalí; Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Erwachen; 1944
Gamma-Rapho via Getty Images
Salvador Dalí; Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Erwachen; 1944
Lorca bedrängt Dalí des Öfteren sexuell, kommt aber nicht ans Ziel, weil sein Freund Salvador ("Erlöser") meint, er sei "von Geburt an impotent". Dafür lebt er seine surrealistische Kraft in ersten Bildern aus: "Blut ist süßer als Honig", "Sitzendes junges Mädchen von hinten", "Der große Masturbator" oder "Die Anpassung der Begierden" mit den Löwenköpfen werden auch in den USA ausgestellt.

Salvador Dalí lernt seine zukünftige Ehefrau Gala kennen

Er pendelt zwischen Barcelona und Paris, wo er sich Bretons Surrealisten-Gruppe anschließt und mit Künstlern wie Max Ernst, Man Ray, Hans Arp und dem Poeten Paul Éluard inspirierende Diskussionen führt. Als Max Ernst, Luis Buñuel und Paul Éluard im August 1929 ihre Ferien in Cadaqués verbringen, wird das ein schicksalhafter Sommer. Der 25-jährige Dalí verliebt sich in die zehn Jahre ältere Éluard-Gattin und Salondame Helena Diakanoff Devulina, genannt Gala. Buñuel sagt später, dass bei Dalí von Impotenz keine Spur mehr sei und dass der sich von einem Tag
auf den anderen "total verändert hat". Dalís erzkatholischer Papa ist über die neue Liebe empört. Aus seiner Sicht sind alle Russen Kommunisten und fremdgehende Frauen Huren. Er enterbt seinen
Sohn, Dalí zieht mit Gala nach Paris und heiratet sie 1934. Dort werden die beiden zum "Dreamteam" des surrealen Weltmarktes. Die Muse Gala macht aus Dalí eine lukrative internationale Einnahmequelle, organisiert weltweit seine Ausstellungen, leitet Verkaufsgespräche, bereitet ihn auf Interviews vor. Eines seiner berühmtesten Werke, "Die Beständigkeit der Erinnerung", zeigt seine Todesängste, zerfließende Taschenuhren.

Am liebsten porträtiert er nun – nackt oder halbnackt – seine als "Göttin" verehrte Gala. Sie betrügt ihn mit Max Ernst, mit ihrem Ex und unzähligen Jünglingen. Dalí toleriert alles, erklärt das im New Yorker MoMA bei einem Vortrag über "Der gespenstische Surrealismus des Ewigweiblichen". In London spricht er aus einem Tiefseetaucheranzug heraus über "Das paranoide Unterbewusstsein". Sigmund Freud, den er in London trifft, erklärt er an seinem Bild "Metamorphose des Narziss" das Unbewusste. Dalí bleibt während des Zweiten Weltkriegs mit Gala in den USA, entwirft für Alfred Hitchcock Traumsequenzen im Film "Spellbound" und verarbeitet die Hiroshima-Bombe in Bildern wie "Melancholische Uranidylle". Um schneller zu noch mehr Geld zu kommen, signiert Dalí manchmal 1000 weiße Blätter blanko an einem Tag.

Rückkehr nach Spanien an die Costa Brava nach Portlligat

1948 zieht Salvador Dalí mit seiner Gala wieder an die Costa Brava nach Portlligat. Ein Fischerdorf-Idyll nahe dem Künstlerort Cadaqués mit weiß gekalkten Häusern nördlich von Barcelona. Wenn im Sommer die Urlauber kommen, flüchten Dalí und Gala alljährlich für einen Monat ins Fünf-Sterne-Hotel Maurice nach Paris. Dort lässt er sich schon mal zwecks Motivsuche eine
Schafherde in die Suite treiben. Oder er schießt aus einer alten Jagdbüchse Farbpatronen auf die Leinwand und erkennt dann Engelsflügel auf dem Bild.

Salvador Dalí hat den Surrealismus geprägt
JAVIER SORIANO / Staff/ Getty Images
Salvador Dalí hat den Surrealismus geprägt
Kunstkritiker sind sich bis heute nicht einig: Will das Genie nur auffallen und sich vermarkten? Das wäre ein typischer Charakterzug eines typischen Katalanen. Oder lebt da einer den Unwirklichen, den Surrealisten, in sich selbst aus? Dalí im Selbstversuch seiner Idee? Er ist wie er ist, bis zum Tod seiner vergötterten Gala 1983 malt er noch. In den Jahren danach vegetiert er nur noch unwirklich dahin, bis zu seinem Herzversagen 1989.

Doch ein Genie stirbt nicht. Die geldorientierten Katalanen an der Costa Brava bauen ihm gleich drei Museen: Das Schlösschen in Pubol, das er seiner Gala schenkte, ist heute ein kleines Museum mit spinnenbeinigen Elefanten am Pool, den Couture-Kleidern Galas und bizarren Möbeln. In Portlligat zeigt sein Haus die bizarre Welt des Künstlers, mit Atelier, Pool und Eier auf dem Dach. Freunde des Surrealismus kommen im Teatre-Museu-Dalí in Figueres am besten auf ihre Kosten: Unter der blau schimmernden Glaskuppel fasziniert viel verrückte Kunst wie ein Mae-West-Gemälde, ein biegsames Metallkruzifix, das beruühmte "Regentaxi" und kitschige Wandgemälde.

Unter einer Bodenplatte ist der einbalsamierte Salvador Dalí bestattet, in eine Tunika gehüllt. Testamentarisch hat er festgelegt, dass sein Leichnam mindestens 300 Jahre überdauern müsse.

Merian porträts: Barcelona - Eine Stadt in Biographien.
Merian porträts: Barcelona - Eine Stadt in Biographien.
Der Text stammt aus dem literarischen Reisebuch "Barcelona - Eine Stadt in Biographien" MERIAN porträts. Das Buch führt auf den Spuren berühmter Persönlichkeiten durch die Metropole.
 
In der Reihe MERIAN porträts sind 22 Titel im Handel. Im Mai 2014 sind ganz neu "Amsterdam - Eine Stadt in Biographien" und "Florenz - Eine Stadt in Biographien" erschienen. Für alle, die nicht nur gerne reisen, sondern auch schöne Bücher lieben!

 

INFOS zu Museen über Salvador Dalí

Museum CASA-MUSEU CASTELL GALA DALÍ
Pubol, 120 km auf der C66 Richtung Girona
www.dali-estate.org
CASA-MUSEU SALVADOR DALÍ
Portlligat bei Cadaqués
www.dali-estate.org

GALERÍA SALA DALMAU in Barcelona
Carrer del consell de Cent 349, Eixample, Barcelona
www.saladalmau.com
Metro: Passeig de Gràcia

TEATRE-MUSEU DALÍ
Pujada del Castell
Figueres
www.dali-estate.org

Autor

Wolfhart Berg