Menorca Freilichtmuseum unter Naturschutz

Mit Wucht krachen die Wellen an der Bucht von San Esteban gegen die Küste und gurgeln in den Furchen des weißen Kalks. Ich liege auf einem Felsklotz über dem tiefblauen Meer und lausche dem Wasserkonzert. Hinter mir ragt die Ruine des 200 Jahre alten Verteidigungsturms Torre d’en Penjat in den Himmel. Die Sonne wärmt - ideal für eine Siesta.

Meine Wanderung an der südöstlichen Spitze Menorcas bietet genau das, was ich liebe: einsame Landschaft mit Meerblick, kleine Buchten zum Felsenhüpfen, duftende Kamillesträucher, Steinmäuerchen, hinter denen üppige Gärten blühen, und hinter jeder dritten Kurve ein mehr oder weniger zerfallenes Gemäuer, das historisches Kopfkino auslöst: Spähten von hier im 18. Jahrhundert die französischen oder englischen Eroberer nach feindlichen Flotten? Lockten die Leuchtfeuer einst Handelsschiffe auf die Klippen?

Mallorca bietet Ballermann und Berge, Ibiza hippe Clubs. Menorca, die "kleine Schwester" in Form einer Saubohne, wie sie der Geograf Paul Fallot charmant beschrieb, hat nichts davon. Dafür wurde das gesamte Eiland 1993 dank seiner ursprünglichen Natur als Unesco-Biosphärenreservat ausgezeichnet. Mehr als 40 Prozent der Fläche stehen unter Naturschutz. Und die Insel ist ein riesiges Freilichtmuseum: Schon vor rund 4000 Jahren errichteten hier Menschen unvergängliche Steinbauten. So viele, dass man in manchen Gegenden auf einem einzigen Quadratkilometer gut 60 archäologische Stätten findet.

Auf der Inselstraße, die Mahón mit der ehemaligen Hauptstadt Ciutadella verbindet, weisen mich pinkfarbene Schilder in die frühe Geschichte. In Trépuco etwa ragt inmitten einer Olivenbaumplantage eine rund 3000 Jahre alte Taula vier Meter in die Höhe: zwei große Steinplatten, die wie ein gigantisches T aufeinandergestapelt sind, von einer hufeisenförmigen Mauer umringt - eine Kultstätte, die an Stonehenge erinnert. Was trieben die Vorfahren der Menorquiner an diesem gigantischen "Stehtisch"? War er ein Opferaltar?

Menorca schützte sich mit Beobachtungstürmen vor Feinden

30 Stück haben Archäologen inzwischen entdeckt; was sie bedeuten, ist indes noch immer nicht klar. Bekannter ist der Zweck der Talayots, der rechteckigen Beobachtungstürme, die wie Pyramiden aus Steinquadern aufgeschichtet wurden. Überall auf der Insel standen diese wuchtigen Stelen einst, in Sichtweite voneinander. Drohte ein Angriff vom Meer, entzündeten die Menschen darauf ein Feuer, um sich gegenseitig zu warnen - und um Feinden vorzutäuschen, ganze Landstriche würden brennen. "Nuria", Insel des Feuers, tauften die Phönizier sie um 1000 vor Christus.

Vom Ferienort Cala Galdana wandere ich am nächsten Tag in Richtung Westen über den Cami de Cavalls, einen alten Pferdeweg, der knapp 180 Kilometer um das gesamte Eiland führt. Der Kalkstein glänzt wie Marmor, Kiefern und Rosmarin parfümieren die Luft. Das türkisblaue Meer weicht mir nicht von der Seite, und ein Aussichtspunkt ist beeindruckender als der andere. Himmel, ist das schön! Schweigend genieße ich diese "Bellavistas" und steige schließlich in die Bucht von Macarella hinab: weißer Strand, glasklares Wasser. Im "Café Suzy" wird Pizza serviert, ich setze mich in den warmen Sand, beiße hinein und muss selig lächeln: Alles ist hier purer Genuss.

Nach dem Essen bleibt Zeit für die Nordküste mit dem Naturpark S’Albufera d’es Grau. Dort stehe ich im milden Nachmittagslicht am Ufer der gleichnamigen Salzwasser-Lagune, Heimat ungezählter Vogelarten. Das Wasser glänzt wie ein dunkler Spiegel, nur der Flügelschlag eines Reihers durchbricht die absolute Stille. Und von sehr weit her höre ich das Rauschen des Meeres. Kein Zweifel: Dies ist ein magischer Ort.

In der Dorfkneipe "Can Bernat" in Es Grau geht es dagegen real zu und gemütlich: An der Bar klönen alte Männer in Hausschuhen, Großfamilien auf Sonntagsausflug knabbern die letzten Gräten ab, es riecht köstlich nach gegrilltem Fisch. Hinter dem Tresen nehmen drei junge Mädchen die Bestellungen entgegen, freundlich und lässig. Die Wirtin begrüßt mich, erst im Inseldialekt, der verwandt ist mit dem Katalanischen, und, weil ich so gespannt schaue, noch mal auf Englisch. Als Drink empfiehlt sie mir Pomada: einen Mix aus Gin von der Insel-Destillerie und Limonade. Der Cocktail ist ein Erbe aus britischer Besatzungszeit, die 1802 endete, und hat sich als das Nationalgetränk von Menorca etabliert.

Hügelig und grün ist die Landschaft - fast wie in Schottland

Das Highlight meines Inselurlaubs erwartet mich am nächsten Tag in Gestalt von Tolo. Er hat schwarze Haare, dunkle Augen, ist Pächter der Farm "Santa Rita" - und Besitzer von 27 Pferden, darunter auch sechs tiefschwarze Menorquiner. Jene einheimischen Rassepferde, mit denen die Inselbevölkerung am Johannistag ihre legendäre Prozession durch die verwinkelten Gassen von Ciutadella feiert. Ich darf auf der freundlichen Violetta durch Tolos Latifundien reiten, immer entlang der typischen Natursteinmauern, welche die Insel in Parzellen aufteilen und terrassieren.

Als es anfängt zu regnen, fühle ich mich fast nach Schottland versetzt, so hügelig und grün ist die Landschaft. Am höchsten Punkt angelangt, sehe ich das Blau der Südküste schimmern, etwas weiter öffnet sich die Sicht bis zur Nordküste. Ein toller Ausritt!

Zum Abschluss stellt mir Tolo seine Schafherde vor. Als erster Menorquiner produziert er Schafskäse. "Auf meiner Insel gleicht das einer Revolution! Bislang wurde hier ausschließlich der berühmte Kuhmilchkäse Mahón hergestellt", sagt er nicht ohne Stolz. Der Wind weht von ferne einen feinen Ton heran. Wir folgen ihm über die Weide, und da steht der "Sänger" auf wackeligen Beinchen neben seiner Mutter: ein winziges Lämmchen.

Inselhopping

Sie wollen mehr von den balearischen Inseln sehen? Menorca lässt sich wunderbar mit Mallorca und Ibiza verbinden. Wandern und Schlemmen sie auf Menorcas "großer Schwester" oder entspannen Sie an Ibizas schönsten Stränden.

Autor

Katja Trippel