Fuerteventura Eine Oase in der Wüste der Zivilisation

Die meisten Touristen reisen in den Süden der windigen Kanareninsel Fuerteventura, doch der Norden hat weitaus mehr Charakter.

Der Wind bläst landeinwärts und bedeckt meine Haut und den Asphalt zu meinen Füßen mit feinkörnigem Sand. An einigen Stellen lässt sich die Straße nur noch erahnen, so stark sind die Verwehungen. Links blicke ich auf das türkisfarbene Meer, auf dem die Wellen weiße Wogen schlagen und bin mir sicher: Dort hinten kommt irgendwann Marokko. Zu sehen ist die Küste aber nicht. Schaue ich nach rechts, sehe ich goldgelbe Berge, die sich im Laufe der Zeit durch den Wind zu stattlichen Dünen aufgebaut haben.

Parque Natural de Corralejo

Die Dünenlandschaft südlich von Corralejo ist die Hauptattraktion des Nordens Fuerteventuras. Zusammen mit der Isla de Lobos und dem Vulkankegel Montaña Roja bildet sie den mehr als 2500 Hektar großen Parque Natural de Corralejo. Alle paar Wochen muss hier ein Reinigungstrupp anrücken, um die Straße vom Sand zu befreien. Durch den starken Wind sind die feinen Körner ständig in Bewegung und wandern nach und nach ins Landesinnere. Was hier über die Küstenstraße weht, ist aber kein Sahara-Sand wie fälschlicherweise oft angenommen wird, sondern ein feines Pulver, das über Millionen Jahre entstanden ist, weil das Meer Korallenbänke und Muscheln zerrieben hat. Hübsch sieht es aus, wie der Sand wellengleiche Formen bildet.

Seit 1982 steht das größte Dünengebiet der Kanaren unter Naturschutz. Der Küstenabschnitt ist ein schönes Revier für Strandläufer und Wassersportler. Insbesondere Kitesurfer kommen mit ihren riesigen Lenkdrachen hierher, machen erste Übungen an Land oder wagen sich mit ihren Brettern, die an Snowboards erinnern, direkt ins Wasser. "Beim nächsten Mal lerne ich auch Kiten", denke ich und lege mich in den Windschatten einer kleinen Steinmauer. Immerhin: Ein paar Tage später schwinge ich mich zumindest aufs Bodyboard.

Am Strand von Corralejo

Vom Strand aus hat man einen herrlichen Blick auf die Felsinsel Los Lobos und auf Lanzarote. Einzige Störenfriede dieses Panoramas sind zwei große Hotelanlagen, die wie Fremdkörper am Strand von Corralejo in die Landschaft ragen. Sie wurden bereits in den 1970er Jahren gebaut, also noch bevor die Schönheit der Gegend erkannt und unter Schutz gestellt wurde. Die gute Nachricht: Bald sollen die Betonklötze abgerissen werden.

Die meisten Urlauber, die nach Fuerteventura kommen, fahren in den Süden. Auf der Halbinsel Jandía ist alles auf Massentourismus eingestellt. Insbesondere in den Ortschaften Costa Calma und Morro Jable reiht sich eine Hotelanlage an die nächste. Strandpromenaden säumen die Küste und eine Reihe von Restaurants bietet landestypische Tapas und internationale Speisen. Viele Gäste bleiben die meiste Zeit hier, verbringen die Tage am Strand oder am Pool und kosten ihr All-Inclusive-Angebot aus. Von hier aus werden auch Trips in den Norden der Insel angeboten, doch um seine wahre Schönheit zu entdecken, benötigt man mehr als nur einen Tagesausflug.

Hafen von Corralejo, Fuerteventura
Anika Haberecht
Der Hafen von Corralejo

Das Tourismuszentrum des Nordens: Corralejo

Mir gefällt der Norden besser als der Süden. Der touristischste Ort von Nord-Fuerteventura ist Corralejo - ein einstiges Fischerdorf, das sich mit seinem Hafen, den Geschäften und Surfschulen sowie diversen Lokalen über die Jahre in einen quirligen Ferienort verwandelt hat. Von hier aus kann man mit der Fähre nach Lanzarote übersetzen oder einen Ausflug zur nur einen Kilometer entfernten unbewohnten Felsinsel Lobos machen, die vor vielen tausend Jahren durch Vulkanismus entstanden ist und durch den Anstieg des Meeresspiegels vom Festland getrennt wurde.

Die Felsinsel: Isla de Lobos

Die Fähre schaukelt, denn der Wind bläst kräftig. Nach 20 Minuten ist die Überfahrt vorbei. Auf Lobos gibt es statt Straßen nur Schotterwege, statt Wohnhäuser nur ein paar Fischerhütten. Die meisten Urlauber kommen auf die Insel, um an der Badebucht mit dem türkis-schimmernden Wasser und dem hellsandigen Strand zu liegen, dem Playa de la Concha. Es ist schön und sehr ruhig hier, denn die Menschen lassen sich an etwa drei Händen abzählen - eine Idylle, die man in Costa Calma vermutlich nirgends findet.

Auf der "Insel der Wölfe" lohnt es sich eine kleine Rundwanderung zu  machen. Aber keine Angst, Wölfen begegnet man hier nicht. Es waren Mönchsrobben, die Seefahrer im 15. Jahrhundert vorfanden, als Seelöwen bezeichneten und der Insel deshalb diesen Namen gaben. Leider wurden die Tiere innerhalb eines Jahrhunderts ausgerottet.

Vom Anleger führt der Weg nach wenigen Schritten zu den Casas del Puertito, den Häusern des kleinen Hafens, die den Fischern gehören. Folgt man dem Pfad Richtung Norden weiter, vorbei an kleinen Buchten und Riffs, passiert man seltene Pflanzen und exotische Vögel. Nach einer guten Stunde ist der Leuchtturm am Nordkap der Insel erreicht, von dessen Plateau aus man die Wellen gegen die Klippen peitschen hören und sehen kann.

Montaña La Caldera auf der Felsinsel Lobos, Fuerteventura
Anika Haberecht
Montaña La Caldera auf der Isla de Lobos

Geht man den Hauptweg in südwestlicher Richtung zurück, ist man bald am Montaña La Caldera. Der 127 Meter hohe Vulkankegel ist die höchste Erhebung der Insel und ein Aufstieg ist etwas müßig aber lohnenswert: Vom Gipfelplateau aus hat man einen herrlichen Blick über die Insel und kann bis hinüber zu den Dünen von Corralejo schauen. Nur wegblasen lassen sollte man sich nicht: Der Wind weht dort oben ganz besonders stark. Wer den Abstieg gemeistert hat, kann sich bei einem Bad am Playa de la Concha abkühlen, bevor die Fähre wieder in Richtung Hauptinsel ablegt.

Der Ort mit Charakter: El Cotillo

Weitaus weniger touristisch als Corralejo ist El Cotillo. Der Ort an der Westküste, den alle nur Cotillo nennen, hat zwar ein paar größere Hotels, besitzt aber noch den Charme eines authentischen kleinen Fischerdorfes. Irgendwann floss hier mal Geld - das kann man deutlich sehen: Bauruinen und Schilder mit der Aufschrift "Zu Verkaufen" erzählen die Geschichte einer Immobilienblase, die vor ein paar Jahren geplatzt ist. Der kleine Ort ist dennoch sympathisch.

Statt gutgelaunter Animateure und Jeeps für organisierte Ausflüge gibt es in Cotillo schweigsame Fischer und Boote auf kleinen Wagen, die wie Autos vor den Häusern mitten im Ort parken. Nur wenige Touristen kommen hierher, viele von ihnen sind Surfer. Wenn sie nicht den Tag auf dem Brett am Fuße der Steilküste südlich des Festungsturms Castillo de El Tostón verbringen, liegen sie an den Lagunen Playas de los Lagos - durch Lavafelsen voneinander getrennte weiße Strände mit türkisfarbenem Wasser.

Hier an der Westküste ist es herrlich, am Abend der Sonne zuzuschauen, wie sie langsam ins Meer eintaucht und den Himmel rötlich färbt. Ein Ausflug zum Leuchtturm Faro de Tostón an der Nordwestspitze Fuerteventuras in der Nähe von Cotillo eignet sich zu dieser Tageszeit besonders. Auf kleinen Pfaden kann man durch ein Meer von dunklem Vulkangestein spazieren, aus deren Brocken teilweise kleine Steinmännchen gestapelt wurden, während sich die kleinen Wolken erst rot, dann lila färben und anschließend in der Dunkelheit verschwinden.

Autor

Anika Haberecht