Zürich Wohnen auf dem Zürichberg

Auf halber Berghöhe erfahre ich von Frau K. einiges über die Ursachen des Gesichtswandels. Sie kennt den Berg und seine Bewohner wie niemand sonst, hat 25 Jahre lang die Flunterner Quartierzeitschrift redigiert. Die alteingesessenen Familienväter oder -mütter vereinsamen, ziehen weg, sterben, erzählt sie. Die Erben tun sich schwer mit den ihnen zufallenden Immobilien. Teurer Unterhalt, hohe Steuern, unpraktische Häuser, die zwar großzügig geplant sind, aber aus wohntechnischen Gründen doch nur von einer Familie genutzt werden können, raffinierte Gärten, für deren Pflege das Personal fehlt - das alles erleichtert den Entscheid, die Liegenschaft zu verkaufen. Für astronomische Summen, versteht sich. Denn immer noch ist es für jemanden, der viel Geld hat, das höchste der Gefühle, selber am Zürichberg zu wohnen oder dort ein Haus zu besitzen. Wird er, im Zusammenhang mit seinem Bauvorhaben, mit den sicher auf ihn zukommenden Auflagen fertig, hat er das große Los gezogen.

In den Inseraten der Zeitungen steht dann: "Exklusives Wohnen an Zürichs bester Lage" oder "Charmant residieren an feinster und privilegiertester Adresse". Das kostet natürlich, dieses "Residieren". Eine 2,5-Zimmer-Luxuswohnung in einem dieser hässlichen Betonriegel kommt auf rund eine Million Euro zu stehen. Die Mietpreise für eine Vierbis Fünfzimmerwohnung "in bester Lage" fangen bei 5500 Euro an und gehen bis 7000 Euro. Pro Monat.

Jetzt bin ich ganz oben angekommen, am Waldrand, habe den Friedhof Fluntern besucht, James Joyce gegrüßt, der hier liegt, und Elias Canetti, seinen Nachbarn (auf eigenen Wunsch). Genieße den unvergleichlichen Blick auf den Zürichsee und die Alpen und wundere mich - nicht als Erster - über den Umstand, dass die schönste, die freieste, die edelste Zone des Zürichbergs nicht überbaut, sondern von ein paar Schrebergärten belegt ist. Eine Kuriosität, die dem mythischen Berg eine familiäre und liebenswürdige Note verleiht. Mythos und Wirklichkeit vereinigen sich noch einmal, wenn man die Susenbergstrasse entlang zum Theater Rigiblick wandert, eines der buntesten und überraschungsreichsten Zürichs, wie einen der Blick aufs aktuelle Programm lehren kann: Da gibt es Sternennächte am Hafen (Seemannslieder), szenische Krimis und Goethes "Faust" mittels Rock-Songs erzählt. Der Leiter des Theaters, Daniel Rohr, ist ein von Einfällen sprühender Tausendsassa. Vom Rand her besingt, bespielt, beschwört er den Zürichberg.

Ein erfolgreiches Theater, wahrlich eines mit schöner Aussicht. Bevor man es betritt, wird man gleich neben der Drahtseilbahnstation, die einen aus den Tiefen der Stadt hinaufbefördert, das Grabmal Georg Büchners finden. Er wäre in Zürich glücklich geworden, meinte er in seinen letzten Briefen. Jetzt ist er hier beerdigt, ein Wirklicher und Mythischer zugleich: der Freund, Georg Herwegh, hat ihm den Grabspruch geschrieben: "Ein unvollendet Lied sinkt er ins Grab / der Verse schönsten nimmt er mit hinab."

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Christoph Kuhn