Schweiz Ein Spaziergang durch Zürich

Ein glatzköpfiger Mann krault durch den Zürisee. Dampf steigt von seinem erhitzten Kopf in die kalte Luft. Hinter ihm ragen schroffe Berge und die Kirchtürme von Zürich auf. Bei 120 Grad auf dem schwankenden Saunaschiff im Seebad Enge bekommt man selbst Lust, ins kalte Wasser zu springen. Glasklar ist der See und so kalt, dass einem der Atem stockt, sobald man mit dem Oberkörper eintaucht. Danach fühlt sich die Haut wie betäubt an, aber der Verstand ist klar wie Gebirgswasser.

Die vielen Fluss- und Seebäder heißen hier liebevoll „Badi“

Baden gehört in Zürich zum Lebensgefühl. In keiner anderen Stadt der Welt gibt es so viele See-, Fluss- und Freibäder. Im Sommer lassen sich Zürichs Bewohner den Fluss Limmat hinuntertreiben und laufen danach am Ufer wieder zurück. Oder sie verbringen die Tage in den über 100 Jahre alten Holzbädern, liebevoll "Badis" genannt, die sich nachts in Bars und Clubs verwandeln.

Im Winter wärmen sie sich auf in einem der vielen traditionellen Cafés in Zürichs Altstadt, dem Nieder- und Oberdorf. Im denkmalgeschützen Art-déco-Café Odéon tranken schon Einstein und James Joyce ihren Schümli, im Café Schober gibt es die beste "Heiße Schoggi" der Stadt und ein Ambiente wie in einem Weihnachtsmärchen.

In den Fenstern hängen schwere Samtvorhänge, an der Decke Kristallleuchter und an den Wänden alte Gemälde. Heimelig wie in einer Puppenstube ist es im Café Neumarkt neben dem Theater gleichen Namens. Im Fenster sitzt eine alte Dame in Lila und trinkt einen Hausschnaps; auf der Schiefertafel stehen "Turbokafi" (doppelter Espresso mit Schnaps) und "Fidel" (Schokolade mit kubanischem Rum).

Draußen vor dem Fenster laufen japanische Touristen und Russen in silbernen Moonboots durch die Altstadt, deren Architektur sich seit dem Mittelalter kaum verändert hat. Das älteste Wohnhaus ist 700 Jahre alt und die Gassen sind so schmal, dass man gleichzeitig beide Häuserwände berühren kann. Alle paar Meter sprudelt Trinkwasser aus einem der 1200 Brunnen der Stadt.

In den Hinterhöfen findet man das junge Zürich. Zum Beispiel den Secondhand-Shop Time Tunnel (Friseur-, Klamotten- und Möbelgeschäft in einem) oder das Bang On, wo es Mode von kleinen Schweizer Labels gibt. Diese Harmonie, diese Ruhe, denkt man, wenn man auf der Quai-Brücke über den Zürisee blickt. Gibt es denn wirklich nichts, was an dieser Stadt nicht perfekt ist? Außer dem Needle Park, dem Treffpunkt der Fixerszene beim Hauptbahnhof, wirkt die Stadt überall aufgeräumt und blank geputzt - wie das Filmset eines Disneyfilms. Was nicht bedeuten soll, dass Zürich langweilig ist. Die Clubszene ist dafür Beweis genug. Das Nachtleben konzentriert sich hauptsächlich im Norden um die Geroldstraße, dort kann man sich von einer Bar zur nächsten treiben lassen.

Auf einen Drink ins Voltaire, wo einst der Dadaismus erfunden wurde

Im Café und Cabaret Voltaire ist 1916 der Dadaismus erfunden worden. Heute hängt ein Katzenfell über dem Kamin, und kein Stuhl gleicht dem anderen. Aus der einen Ecke des Raumes beobachtet Voltaire als Marmorbüste das Geschehen, in der anderen diskutieren junge Männer mit Retrobrillen und Vollbärten über den Sinn des Lebens, und abends finden hier Podiumsdiskussionen und Poetry-Slams statt. In der hauseigenen Galerie stellte 2007 Marilyn Manson seine Gemälde aus. Nur wenige Schritte entfernt liegt das wunderbar altmodische Kolonialwarengeschäft und Teecafé Schwarzenbach. So, stellt man sich vor, haben unsere Großmütter schon eingekauft. In Holzvitrinen lagern kandierte Früchte, Gewürze aus aller Welt und exotische Zutaten fürs Bircher Müesli: iranische Maulbeeren und kolumbianische Stachelbeeren.

Am späten Vormittag sollte man unbedingt einen Blick in die Frauenmünsterkirche, Zürichs Wahrzeichen, werfen. Dann nämlich fällt das Sonnenlicht so günstig durch die Kirchenfenster von Marc Chagall, dass der Kirchenraum in ein berauschend schönes Licht getaucht ist. Eindrucksvoll ist auch die Aussicht aus der Panoramabar Jules Verne in der obersten Etage eines Sternwartenturms mitten im Stadtzentrum. Im Sommer blickt man hier aus der geöffneten Kuppel auf die Sterne - im Winter trifft man sich zum Mittagessen mit Rundumblick über die Stadt und Zürichs Üetliberg. Weiter geht es entlang der protzigen, aber etwas seelenlosen Prachtmeile Bahnhofstraße zu Europas erstem vegetarischem Restaurant, dem "Hiltl". Kaum zu glauben: Im Land von Käsefondue und Walliser Trockenfleisch entdeckte Gründer Ambrosius Hiltl schon vor 111 Jahren die Vorzüge leichter und gesunder Kost.

Alte Seifentürme dienen als Wohnhaus

Jeweils zur Mittagszeit stürmen Scharen von Menschen das riesige vegetarische Büfett des Restaurants, das mittlerweile von Enkel Heinz Hiltl geführt wird. Abends kommen sie zum Feiern zurück, wenn sich das "Hiltl" in einen der besten Nachtclubs der Stadt verwandelt. Etwas oberhalb der Altstadt auf dem Lindenhof-Platz blickt man auf die Eidgenössische Technische Hochschule, wo schon Einstein über Physik dozierte, und die Türmchen des Hotels "The Dolder Grand", in dem Oligarchen und Scheichs für 14.000 Euro in Luxus-Suiten nächtigen. Schornsteine pusten Wolken in den Winterhimmel, dahinter sind die Baukräne von Zürich-West zu erkennen, dem früheren Industrieviertel der Stadt.

Von der gemütlichen Dekadenz der Altstadt ist in Zürich-West nichts mehr zu spüren. 20 Minuten zu Fuß vom Zentrum entfernt ist die Stadt nicht mehr von Barock und Jugendstil, sondern von Umbruch und den Ideen junger Kreativer geprägt. Coole Sporträder lehnen an Fabrikgebäuden, und der Container-Turm des Taschen-Labels Freitag ragt in den Himmel. Alte Seifentürme dienen als Wohnhäuser, die ehemalige Brauerei Löwenbräu wurde zum Museum für Gegenwartskunst umfunktioniert. Abends trifft man sich hier auf dem violett beleuchteten Turbinenplatz oder in der alten Schiffbauhalle, in der sich heute eine Zweigstelle des Züricher Schauspielhauses und der Jazz-Club Moods befinden.

Als wolle es sich mit aller Macht gegen Zürichs Perfektionismus stemmen, herrscht in der Cafébar Les Halles in einer alten Markthalle ein kreatives Durcheinander. An der Decke hängen Fahrräder, und die Wände sind mit Flyern und alten Filmplakaten zugepflastert. Noch zehrt Zürich-West von seiner Unfertigkeit. Zwischen alten Fabriken und Graffitiwänden fühlt sich die Stadt hier am meisten nach Metropole an. Fast vergisst man, dass man in der Schweiz ist. Dem niedlichen Land, das einen immer an Walt Disney denken lässt.

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Autor:
Aileen Tiedemann