Zürich Ein Dschungel im Zoo

Schwere Tropfen prasseln auf die Panzer der Riesenschildkröten, Sturzbäche rinnen von den mächtigen Blättern der Elefantenohrpflanzen. Die Nasen der kopfüber hängenden Flughunde triefen, und im Baumwipfel schüttelt ein Seidenkuckuck genüsslich sein Gefieder unter der Morgendusche.

Tierpfleger Thomas Zellweger steht mit einem kleinen blauen Regenschirm unter einem Ebenholzbaum und beobachtet zufrieden das Urwaldidyll im tropischen Regenguss. Er ist für das Klima im Dschungel verantwortlich. Bis zu 80.000 Liter pladdern täglich programmgemäß auf das grüne Biotop. Bis die ersten Besucher die Masoala- Regenwaldhalle im Zürcher Zoo betreten dürfen, sind die Pfützen von der heißfeuchten Luft aufgesogen und die lilafarbenen Kelche der Thunbergie schwanken anmutig im künstlichen Wind. Seit Juni 2003 ist die geniale Hallenkonstruktion aus Stahlträgern und vier Schichten aus nur 0,2 Millimeter starker Pflastikfolie voll gestopft mit hochentwickelter Klimatechnik die Attraktion und läuft Löwe,Tiger & Co. den Rang ab. Wie ein gigantisches Gewächshaus überspannt das halbrunde Dach auf dem Zürichberg 11.000 Quadratmeter madagassischen Tieflandregenwald, eine Kopie des extrem bedrohten Originals auf der Masoala-Halbinsel im Nordosten Madagaskars.

52 Millionen Franken, zehn Jahre Planung und viel Idealismus waren nötig, um das einzigartige Projekt zu verwirklichen. Jetzt gilt die Halle weltweit als Vorzeigeobjekt für die neue Rolle der Zoos: Mehr als eine Tierschau ist "Masoala Kely", das kleine Masoala, wie die Madagassen die berühmte Außenstelle nennen, eine Institution für Arten- und Naturschutz. Wie in einer Arche überleben hier Tiere und Pflanzen, die in ihrer Heimat vom Aussterben bedroht sind. Mehr noch: Mit Geld und Knowhow, dem Ideenreichtum und Einsatz des Direktors Alex Rübel hilft der Zoo Zürich der einzigartigen Natur der Masoala-Halbinsel. "Wir haben eine beispiellose Anbindung an den Nationalpark auf allen Ebenen", erklärt Rübel, der mindestens einmal jährlich in Madagaskar nach dem Rechten sieht. "Wir unterhalten eine Naturschutzschule, tauschen Tiere, Pflanzen und das Wissen darüber aus, finanzieren das Besucherzentrum, fördern Forschungsprojekte und bezahlen Initiativen, die die Lebensqualität der Einheimischen bessern." Das geballte Gutmenschentum kommt am Ende dem Regenwald zugute. Der Zoo baut Schulen, Brunnen und Staudämme und schult Madagassen im effektiveren Reisanbau. Rübel: "Wenn die Menschen gut ernten, sinkt die Motivation, zur Landgewinnung den Wald anzuzünden."

In der Halle stapft Kurator Martin Bauert auf einem Trampelpfad am für Besucher uneinsehbaren Rand der Konstruktion zu seiner eigenen tropischen Baumschule. In unscheinbaren Beeten sprießen grasartige Pflanzen, Palmen, die für Madagaskar so charakteristisch sind. Nur fünf der 170 madagassischen Palmenarten wachsen auch außerhalb der Insel. Manche der Zürcher Winzlinge sind für die Wissenschaft eine Sensation. Etwa die Waldkokosnuss: Weniger als zehn Exemplare der exotischen Palme stehen noch auf der Masoala-Halbinsel. Zwar tragen die Bäume spektakuläre Büschel knallroter Früchte, doch gibt es keine Jungpflanzen. Weltweit rätseln Wissenschaftler, warum sich die aussterbende Pflanze nicht vermehren lässt. Ob die Samen durch den Verdauungstrakt des im 17. Jahrhundert ausgerotteten madagassischen Elefantenvogels wandern müssten, um zu keimen? "Ich glaube das nicht," sagt Bauert.

Fünf selbst gezogene Voanioala-Palmen konnte er bereits in der Zürcher Halle auspflanzen. Ihr Standort ist noch geheim, damit die unbezahlbaren Jungpflanzen nicht geklaut werden. Die Zuchterfolge der Schweizer nützen der artenreichen Insel womöglich auch wirtschaftlich. Bisher galten die teuer gehandelten Ebenholz- und Rosenholzbäume als nicht kultivierbar, weshalb weiterhin Regenwald abgeholzt wird, um an einzelne Stämme zu kommen. "Tatsächlich haben beide unorthodoxe Samen, die keine Samenruhe halten", erklärt Bauert. "Fallen die Samen trocken, sind sie nach drei Tagen tot. Aber wir konnten zeigen, dass man sie sehr wohl keimen lassen kann - wenn man sie richtig behandelt."

Das Wissen aus dem Zoo Zürich soll in den Tropen Plantagen ermöglichen, die den Druck vom stark bedrohten Wald nehmen. Die zwei madagassischen Baumschulen des Zoos jedenfalls ziehen bereits Edelhölzer. Hauptattraktion Masoalas sind die Lemuren, jene kulleräugigen Halbaffen, die es fast ausschließlich auf Madagaskar gibt. Ein Drittel der Arten sind bereits ausgerottet, doch nach wie vor werden neue Spezies entdeckt, darunter seidige Graue Makis, neugierige Fettschwanzmakis und verschiedene Arten von Mausmakis, die kleinsten Affen der Welt. Erst nachdem sie ein Jahr im Zoo gelebt hatten, wurden auch die Zürcher Mausmakis als neue Art beschrieben. In der Halle sieht man am ehesten die Roten Varis, die mit ihren langen Schwänzen im Dachgestänge turnen und mit spektakulären Sprüngen und lautem Bellen in die Bäume hechten. Aber auch Weißkopfmakis und Bambuslemuren zeigen sich dem aufmerksamen Beobachter. Am Boden stochern Mähnenibisse zwischen den Blättern, so dass es fast an ein Wunder grenzt, dass die Eier der Pantherchamäleons überlebt haben und nun hauseigene Nachzuchten der skurrilen Reptilien über die Seile der Wegbegrenzung balacieren, an deren Pfosten sich die Termiten gütlich tun. Flughunde ernten reife Bananen, Guaven und Mangos, im Hallendach schnäbeln kleine Papageien und die knallroten Madagaskarweber, dazwischen segeln Drongos und Brillenvögel.

Die Halle ist fruchtbar: "Wir überschwemmen die anderen Zoos mit Witwenpfeifgänsen," erzählt Kurator Bauert, "und vor zwei Jahren haben wir zwölf Tanreks ausgesetzt. Jetzt haben wir 170 der igelartigen Tiere gefangen." Doch nicht alle Madagaskar-typischen Tiere konnten sich in der tropischen Wohngemeinschaft so gut behaupten. So sind die Plattschwanzgeckos nicht mehr gesichtet worden, und auch drei Froscharten scheinen ausgestorben. Das Experiment Masoala Kely geht weiter: Jetzt sitzen die winzigen Goldfröschchen und die dicken Tomatenfrösche vor Tanreks und Mähnenibissen geschützt in Käfigen im Unterholz der Halle. Zwei Wassersysteme plätschern durch ihre überschaubaren Reviere - die Zoologen wollen testen, welche Wasserqualität die heiklen Amphibien zum Laichen bevorzugen. Auch ein Klimawechsel soll die labilen Lurche zur Eiablage motivieren.

Für Besucher ist eine Pause im Masoala-Restaurant ein willkommener Klimawechsel. Hier gibt es zum exzellenten Essen auch gleich den schönsten Blick durch eine Glasfront in den Dschungel. So kann man zusehen, wie die Blatthühnchen über den Schwimmteppich aus Hyazinthen und Papyrusstauden staksen, während der halbmetergroße Hammerkopf sich am Ufer niederlässt und die schwimmende Parade der Rotschnabel- und Zwergglanzenten abnimmt. Im großzügigen Besucherzentrum wird deutlich, mit welcher atemberaubenden Geschwindigkeit die Artenvielfalt des einmaligen Tieflandregenwalds schrumpft. Fast alle Tiere in der Halle stehen auf der Roten Liste der bedrohten Tier- und Pflanzenarten. Madagaskar gilt als Brennpunkt des Naturschutzes, dort leben zahlreiche Arten, die es sonst nicht auf der Welt gibt.

Drei Prozent aller Pflanzen- und Tierarten weltweit wachsen und hausen auf der Insel im Indischen Ozean, die meisten davon nur da - Wissenschaftler sprechen dann von endemischen Arten. Derzeit versucht der Zoo, einen Fonds zu stiften, der den Unterhalt des Nationalparks, der schon jetzt zu einem Drittel aus Zürich bezahlt wird, langfristig sichert. Damit sind die Pläne des Zoos noch längst nicht erschöpft. Auch außerhalb der Regenwaldhalle wird investiert. Eine Seilbahn soll den Tierpark auf dem Zürichberg mit dem Bahnhof Stettbach verbinden. Am Hang steht bereits ein afrikanisches Gebirge, das 2008 von Nubischen Steinböcken und Klippschliefern bezogen werden soll, darunter entsteht eine moderne Elefantenanlage und eine afrikanische Savanne. "Dabei geht es uns nicht allein um das Ausstellen der Tiere; jede neue Anlage ist mit einem Naturschutzprojekt verbunden," sagt Direktor Rübel, der mit seinem Konzept auf internationalen Zoo-Kongressen herumgereicht wird. "Unsere einzigartige Verbindung von Zoo und Naturschutz vor Ort hat die Zoowelt aufgerüttelt und wird hoffentlich Schule machen." Fernsehteams aus Japan und China filmen die Masoala-Halle, aber auch innerhalb Europas hat der Zoo Berühmtheit erlangt. Rübel: "Seit dem Bau des Tropenhauses hat sich der Anteil der Touristen an den rund 1,6 Millionen Besuchern verdoppelt. Wir sind jetzt die von Touristen meistbesuchte Institution der Schweiz."

Der Besuch lohnt sich, nicht nur wegen Masoala Kelys. Die Himalaya-Anlage mit den Mongolischen Wölfen, Schneeleoparden, Kleinen Pandas und Amurtigern ist zur Rhododendronblüte ein Traum in Lila. Statt des alten Bärengrabens bewohnen Brillen- und Nasenbären jetzt 2500 Quadratmeter Bergnebelwald samt Höhen und Wasserfall. Und zu jeder Jahreszeit begeistern die Gorillas die Besucher. Die Schimpansen, mit denen sie früher das Haus teilten, sind mittlerweile nach Gelsenkirchen ausgewandert. Rübel: "Wir halten nur Tiere, denen wir artgerechte und verhaltenstypische Anlagen bieten können. Lieber geben wir eine Art ab, als dass wir Kompromisse eingehen, und es hat lange gedauert, bis wir eine Anlage fanden, die unseren Ansprüchen genügt, so dass wir die Tiere guten Gewissens abgeben konnten."

Stolze 360 Arten zeigt der Zoo; 40 bedrohte Tierarten werden im Rahmen internationaler Erhaltungszuchtprogramme vermehrt und ausgewildert. So stammen die europaweit einzigen Nachzuchten von Galapagos-Riesenschildkröten aus Zürich, die jungen Siam-Krokodile sind die einzigen, die je außerhalb Asiens schlüpften. Jungtiere und Sensationen - weil es im Zoo Zürich so viel zu entdecken gibt, haben sich 240 freiwillige Helfer in den Dienst der Vermittlung zwischen Mensch und Tier gestellt. Sie erklären, führen und zeigen gut versteckte Tiere. Im dichten Urwald Masoala Kelys ist das oft nötig, um die Tarnkünstler zu entdecken. Hier lohnen sich besonders die geführten Wanderungen durch die sonst gesperrten Nebenwege über Hängebrücken zu versteckten Futterplätzen.

Noch exklusiver wird es nur, wenn man ein Gala-Abendessen im Masoala- Restaurant bucht. Nach dem Aperitiv werden die Gäste durch die besucherfreie Halle geführt, in der nun die nachtaktiven Mausmakis und die Tanreks unterwegs sind. Das madagassisch angehauchte Menü und der dämmrige Urwald - spätestens jetzt vergisst man, in einer Halle mitten in der Schweiz zu sein.

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Jutta von Campenhausen