St. Moritz Wintersport mit Tradition: Cresta Run

Selbst der furchtlose Gunter Sachs hatte in seiner aktiven Zeit die Hosen voll. "Speziell beim Cresta", erklärte der Lebemann der "Süddeutschen Zeitung" einmal, "hat jeder etwas Bammel, weil der Run schon anfangs sehr steil abfällt." Viele Male ist der inzwischen 76-Jährige die Natureisbahn zwischen St. Moritz und Celerina in der Vergangenheit hinab gekachelt. Seinen ersten Sturz auf dem Cresta erlebte er im Alter von 25 Jahren, die öffentlichkeitswirksamste Fahrt legte Sachs später an gleicher Stelle in einem zugenagelten Sarg zurück. Bis ins Ziel schafften Sarg und Sachs es nicht.

Der Cresta Run weist bei einer Länge von 1214 Metern ein Gefälle von 157 Metern auf und ist damit steiler als die benachbarte, legendäre Natureisbobbahn, die älteste ihrer Machart in der Welt. Auf dem Cresta schießt der bäuchlings auf einem Schlitten liegende Fahrer mit bisweilen mehr als 140 Stundenkilometern den Kanal hinab. Der mit einem Helm geschützte Kopf verbleibt dabei gerade einmal zehn Zentimeter oberhalb der Eisrinne. Zu vermeiden auf dem Irrsinnsritt ist neben jeder Art von Sturz insbesondere der direkte Kontakt des Schädels mit der Eiswand, der sogenannte "Cresta Kiss".

Die Kufen der Schlitten sind leicht gebogen, an ihrem hinteren Ende sind die Eisen messerscharf geschliffen, um das Ausbrechen des Gefährts in den Kurven zu verhindern. Eine Absicht, die der jeweilige Pilot mit einer Gewichtsverlagerung aufs Schlittenende und den Einsatz der an seinen Schuhen befestigten Metallharken zusätzlich unterstützt. Auf den Geraden schiebt sich der Fahrer dann wieder nach vorne, nimmt die Fußspitzen vom Eis und macht so Tempo.

Bis zum Ziel hat der Pilot zehn Kurven zu durchfahren, deren kapriziöseste die Nummer fünf, die sogenannte Shuttlecock, ist. Aus dieser Linkskurve fliegt bei einem Tempo von bis zu 80 Stundenkilometern jeder 14. Starter ins bereit liegende Heu. An dieser Stell wurden hunderte Knochen gebrochen, ein paar Menschen ließen gar ihr Leben. Der Schnellste schaffte die Gesamtdistanz vom oberen Start, dem "Top", in etwas über 50 Sekunden. Sehr viele erreichen das Ziel nie, viele zumindest nicht mehr auf ihrem Schlitten liegend.

Erfunden haben den ganzen halsbrecherischen Spaß - nein, nicht die Schweizer, sondern die Engländer. Im Winter des Jahres 1884/85 veranlasste Major W. H. Bulpetts den Bau eines Eiskanals zwischen St. Moritz und Celerina, keine drei Jahre später rief Bulpetts gemeinsam mit einigen Landsleuten den St. Moritz Tobogganing Club ins Leben. Sowohl die Linienführung der Bahn als auch der Club haben bis heute Bestand. Mit Toboggan übrigens bezeichneten die Ureinwohner Kanadas ihre Schlitten.

Die Verkehrssprache in dem elitären Verein ist Englisch, seine Präsidenten stammen überwiegend aus England und - neben St. Moritz - hat der Tobogganing Club seinen Hauptsitz in Britanniens Hauptstadt London. Zu den etwa 1300 Mitglieder zählen neben Gunter Sachs weitere Angehörige des internationalen Jetsets, wie etwa der ehemalige Chrysler- und GM-Boss Robert "Bob" Lutz. Und bis zu seinem Tod war auch der weltlichen Genüssen zugetane italienische Großindustrielle Gianni Agnelli ein echter Cresta-Maniac. Das Club-Highlight einer jeden Saison ist das alljährlich im Februar ausgefahrene "Grand National", das der in St. Moritz ansässige italienische Gemüsehändler Nino Bibbia sowie der Schweizer Franco Gassner jeweils acht Mal gewinnen konnten.

Nicht nur Mitglieder des Clubs dürfen ihre Gesundheit auf dem Cresta riskieren, auch Gäste dürfen sich an jenen drei oder vier Wochentagen versuchen, an denen keine Rennen ausgetragen werden. Ab 7 Uhr früh beginnt die Vorbereitung der Neulinge durch die Bahnbetreiber auf das Abenteuer: Ausstattung mit dem nötigen Equipment, Bezahlen in der Clubhausbar, anschließender Vortrag durch den Clubsekretär, dann trifft man seinen "Guru", wie der Instructor des Tobogganing Clubs heißt.

Bis zum Mittag kann man dann vom unteren der beiden Startpunkte, dem sogenannten "Junction", starten - bis gegen Mittag, dann wird der Cresta Run geschlossen. Zwei Fahrten kann ein Neuling an einem Tag schaffen. Für fünf Fahrten binnen einer Saison zahlen solche "temporary members" stolze 600 Schweizer Franken (knapp 400 Euro) - ach ja, und gut versichert sollte man für alle Fälle sein, älter als 18 Jahre und ein Mann.

Denn seit 1929 dürfen keine Frauen mehr auf dem Cresta Run fahren. Die liegende Position, so lautet die mehr als wacklige Begründung, sei für das schwache Geschlecht schlicht zu gefährlich. In der Gaderobe des Clubs hängt seither ein Schild, dessen Inschrift ehrlicher die Gründe für den Ausschluss beschreibt: "Cresta Run - wo Frauen keinen Ärger machen und die Geplagten Ruhe finden." Natürlich ist der St. Moritz Tobogganing Club ein Club der "Big Boys aus aller Welt", wie das Magazin "Architectural Digest" es einmal formulierte.

2010 feiert der Cresta Run sein 125-jähriges Bestehen. Zehn Tage lang werden die Feierlichkeiten auf dem inzwischen zum Kulm-Hotel gehörenden Vereinsgelände dauern. Die Auftaktparty haben 400 geladene Mitglieder und Gäste indes schon hinter sich gebracht. Am 19. November wurde das Bahnjubiläum im feinen Londoner Stadtteil Kensington eingeläutet. Der Dresscode des Abends sah übrigens weder Smoking noch Abendrobe vor, sondern ganz schlicht: Jeans & Jewels.

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Autor:
Thomas Lötz