Fast Lane St. Moritz - ich nehme alles zurück!

Diese Woche kommt Fast Lane einem Stopp in der Luxus-Nothaltebucht einer Autobahn nahe: Ich bin an ein Bett in einem kleinen Krankenhaus in St. Moritz gefesselt, und ich schreibe diese Kolumne mit einem sorgfältig in den Rücken meiner linken Hand eingelassenen Infusionsschlauch sowie einer kleinen Röhre, die aus meinem linken Knie herausragt, und einigen zauberhaften Drogen, die in meinem Kopf herumwirbeln. Obwohl man mir gesagt hat, dass ich schon bald entlassen werde, wird sich mein Blick auf die Welt für das Gros der kommenden zwei Wochen wohl auf einen kleinen Straßenabschnitt zwischen dem Krankenhaus und meinem Apartment beschränken - eher Standspur also als alles andere.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an meine , als ich mir Aspekte der Schweizerischen Gastfreundschaft vorgenommen hatte: muffiges Personal sowie das grundsätzliche Gefühl, dass der eidgenössische Dienstleistungssektor dem Gast den größten Gefallen erweist, indem er ihn in ein Hotel eincheckt oder indem er eine Bestellung aufnimmt. Außerdem hatte ich vorgeschlagen, dass es mindestens einem Teil der Schweiz besser gehen würde, wenn er von Italien annektiert würde. Wenig überraschend, erhielt ich eine reichlich Zuspruch von Gästen, die in der Schweiz ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Und natürlich gab es auch einige verärgerte Rückmeldungen von humorlosen Zeitgenossen aus Zug und Luzern, die fanden, dass der schlechte Service und die entgleisten Standards Fehler der Ausländer seien.

Ein Leser aus Zürich ging so weit, zu behaupten, dass einige dieser Leute "sogar recht gut Schweizerdeutsch sprechen können und für ausländische Ohren wie Schweizer klingen". Dieser Herr war auch deutlich davon überzeugt, dass eine gute Zukunft für sein Land eng damit verbunden sei, diese Leute zum Teufel zu jagen. Möglich, dass der Herr ja Teil jenes gastfreundlichen Komitees gewesen ist, das Roman Polanski in der vergangenen Woche ein herzliches Willkommen beim "Zurich Film Festival" bereitete.

In meiner jedenfalls hatte ich damals vorgeschlagen, dass Regionen wie das Engadin sich deutlich verbessern müssten, um im großen Gastfreundschaftsspiel mithalten zu können. Einige Wochen später allerdings und während ich in der späten, mich blendenden Septembersonne aus meinem Fenster über die Dächer von St. Moritz blicke, muss ich alles zurücknehmen: Das Engadin ist ein sehr netter Ort - jedenfalls, wenn man Zeit im Krankenhaus zu verbringen hat.

Ich kam in St. Moritz an einem Montagnachmittag an, blieb den Abend über in meiner Wohnung und ging am Dienstagnachmittag auf den Hügel zur Klinik Gut; zu einem Termin mit den Ärzten, der charmanten Empfangsdame, die für die Essens- und Diät-Koordination zuständig ist, sowie jenen Schwestern, die nach mir schauen sollten. Ich wurde in einen gleißend weißen Eckraum geleitet, verschiedene Test wurden durchgeführt und die Region um mein linkes Knie wurde rasiert (Gott sei Dank liegt die Badehosen-Zeit bereits hinter uns). Mir wurde gesagt, wann ich mit dem Essen und Trinken aufzuhören und um welche Zeit ich im Bett zu sein habe. "Ich werde Sie um 7.25 Uhr zur Operation abholen, Dann bringe ich Sie herunter, so dass wir pünktlich um 7.30 Uhr starten können", erklärte mir die verantwortliche Stationsschwester. "Also sollten sie nicht später als um 22.30 Uhr zurück im Krankenhaus sein." Verhandeln zwecklos.

Möglicherweise ist die Klinik Gut das Modell für die Zukunft des kommunalen Gesundheitswesens. Im Herzen von St. Moritz-Dorf gelegen, direkt hinter dem Schweizerhof Hotel und nahe zum Badrutts Palace Hotel, ist der Operationstisch der Klinik im Winter gut gefüllt mit all jenen Ski- und Snowboardunfallopfern, die der Rettungshubschrauber zur Notversorgung einfliegt. Derweil ist der Empfang voll mit Gästen, die wegen der vorzüglichen chirurgischen Orthopädie aus der ganzen Welt angereist kommen.

Der Einheimische schätzt das Krankenhaus, weil es im Zentrum und nicht versteckt am Stadtrand liegt. Das erleichtert Besuche, zudem findet sich die Infrastruktur des ganzen Dorfes unmittelbar vor der Tür. Für Gäste, die jemanden aus ihrer Gruppe infolge eines Sturzes verbinden lassen müssen, liegt die Klinik strategisch günstig: nahe zu allen großen Hotels.

Während ich zurück nach Hause schlenderte, um vor meiner Sperrstunde um 23.30 Uhr noch ein paar Stunden zu arbeiten, dachte ich über die Zeit nach, die meine Mutter in Toronto allein damit zubringt, zwischen den einzelnen Krankenhäusern hin und her zu fahren, um Angehörige mit neuen Hüften zu besuchen. Und ich fragte mich, ob kluge Städte nicht mehr überschaubare Kliniken in zentraler Umgebung vorzuweisen haben sollten als direkt an Einkaufszentren grenzende Tausend-Betten-Medizinzentren. Ich kann mir gut vorstellen, dass jene, die ans Bett gefesselt sind, besser gesunden, wenn sie bekannte Gesichter häufiger sehen und sich so weiterhin mit der Gesellschaft verbunden fühlen, als eben jene Patienten, die neben einer Einkaufsmeile mit Blick auf Wal-Mart geparkt werden.

Als ich an diesem Abend um 23.27 Uhr in der Klinik eincheckte und mich auf mein Zimmer begab, wehte eine kühle Brise durch das offene Fenster, das Bett war heruntergestellt und ein paar Blumen waren angeliefert worden. Ich versuchte zu schlafen, aber der Gedanke an die Epiduralanästhesie machte mich ein bisschen nervös und so schaffte ich gerade mal drei Stunden Schlaf, bevor ich um 7.25 Uhr abgeholt wurde.

Fünf Stockwerke weiter unten, betrat ich ein funkelndes Operationstheater und das notwendige Sedativum war gespritzt. Ich glaube, ich habe zumindest einen Teil der Knieoperation auf dem Flatscreen noch sehen können, bevor ich das Bewusstsein verlor. Mehr als eine Stunde später lag ich zugedeckt wieder im Bett und die Krankenschwester war auch gleich zur Stelle, um meine Bestellung fürs Abendessen aufzunehmen (Roastbeef, Kartoffelsalat und klare Brühe). An mehr von diesem Mittwoch kann ich mich nicht erinnern.

Ich bin längst wach und spaziere umher, um 9.30 Uhr steht Krankengymnastik an. Weil der Operationstisch zu dieser Jahreszeit weniger voll ist, gibt es in St. Moritz Bänke, auf denen ich sitzen und die Sonne genießen kann. Während über die Zukunft des Gesundheitswesens auf beiden Seiten des Atlantiks derzeit heiß debattiert wird, kann St. Moritz heute schon Nachhilfestunden in moderner, kommunaler Gesundheitsversorgung erteilen.

Übersetzung: MERIAN.de

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Tyler Brûlé