Schweiz Luzerns schönste Badeplätze

Das Seebad Luzern im Sommer

Dunst schwebt über dem dunklen Wasser, umringt von einer majestätischen Alpenkulisse. Dampfschiffe gleiten vorüber und schicken kleine Wellen über die Oberfläche. Wer eintaucht und ein paar Züge schwimmt, nimmt die Stadt nur noch gedämpft wahr. "Bunker" oder "Seebadi" nennen die Luzerner die Holzkonstruktion am Nationalquai - sie ist mehr als ein Schwimmbecken im See: Sie ist die Grande Dame unter Luzerns Badeanstalten, das älteste Stadtbad der Bucht.

Es ist noch früh an diesem Sommertag. Auf dem Oberdeck recken einige Junge und Junggebliebene beim Yoga ihre Glieder. Eine Gruppe rüstiger Damen sonnt sich in ihren Liegestühlen, hinter ihnen verläuft der noble Nationalquai, ein von Bäumen beschatteter Boulevard, an dem sich die Hotelpaläste aneinanderreihen. "Hier badet es sich eben am besten", sagt eine der Damen. Keine Schlingpflanzen, kein Lärm, der kobaltblaue See und das alles mitten in der Stadt.

Die Freundinnen mit den schlohweißen Haaren sind Stammgäste der Seebadi, sie gehören zum Aktionärskreis der Seebad Luzern AG und damit zu jenen Auserwählten, die das ganze Jahr über das Bad nutzen dürfen. Seit Jahrzehnten kommen sie jeden Tag. Sogar im tiefsten Winter. Dann kann man beobachten, wie sie frühmorgens die Tür aufschließen, sich geschwind umziehen und über die leise knarrenden Planken huschen, hin zum Steg. Wie sie kichern und sich Mut machen und dann - "eis, zwöi, drü" - ins fünf Grad kalte Wasser springen. Wie sich das anfühlt? - "Wie baden in Sekt", sagen sie.

Das Seebad Luzern: die erste Schwimmanstalt mit zwei Bassins

Jeden Tag ein paar Züge im Luzerner Becken, das halte den Körper gesund und den Geist frisch. Solch hartgesottene Allwetterbadende gab es früher noch mehr als heute. Damals wurde schließlich auch deshalb im Freien gebadet, weil es zu Hause oftmals keine Dusche gab. Ein bisschen vom Flair jener Zeit hat sich das Seebad bewahrt. Rund zehn Meter vom Ufer entfernt steht der hölzerne Bau heute wie damals auf Pfählen im Wasser, umrahmt einen Schwimmbereich mit verstellbarem Boden. Bei der Eröffnung 1885 bot das Bad gar eine kleine Sensation: Die erste Schwimmanstalt mit zwei Bassins: links für die Damen, rechts für die Herren. Nun durften also auch Luzerns Frauen - selbstverständlich von den Herren strikt getrennt - im "freien" Wasser baden, damit es ihnen nicht an gymnastischer Ertüchtigung fehlte.

Die Ufschötti in Luzern
Herbert Zimmermann
Wo der See zur Wiese wurde: Vor allem junge Luzerner lieben die "Ufschötti".
Mittlerweile hat sich das Seebad von der Anstalt für Körperertüchtigung und Reinlichkeit zum Tummelplatz der Luzerner Oberschicht gemausert. Für das historische Flair und die zentrale Lage nehmen die Gäste gern in Kauf, dass es weder Volleyballfelder noch Grillplätze gibt, dass Hunde verboten sind und man auf den Holzplanken doch ein wenig härter liegt als auf Sand.

Das Unterdeck hat sich über Mittag gefüllt. Jürg Mahler ist seit 56 Jahren Stammgast in der Seebadi, sein halbes Leben hat er hier verbracht. In seinen Jugendjahren zog sich noch eine Trennwand übers Oberdeck. Ein Mittagessen mit der eigenen Frau, wie er es heute genießt, war damals fast unmöglich. Mahler erinnert sich an ein Paar, das sich jeweils mittags an der Trennwand verabredete: "Die Frau warf an der ausgemachten Stelle die belegten Brötchen über die Wand - ihr Mann fing sie auf. Dann saßen sie beide auf ihrer Seite und aßen - gemeinsam getrennt - zu Mittag."

Die Ufschötti ist im Sommer der wichtigste Treffpunkt für Luzerns Teens und Twens.
Herbert Zimmermann
Die "Ufschötti": Für die Badewiese wurde in den 1970er Jahren eine Seefläche in der Größe von fünf Fußballfeldern aufgeschüttet.
Nachmittags füllen sich die Planken des Oberdecks mit Sonnenhungrigen. Junge Luzernerinnen mit Designer-Sonnenbrillen rekeln sich auf ihren Tüchern, pensionierte Herren sitzen mit Strohhüten auf den Bänken und lesen Zeitung. Familien sind selten zu Gast, ab und zu sieht man Eltern, die ihren Kindern in ruhiger Umgebung das Schwimmen beibringen wollen - ganz in alter Tradition. Denn bis zum Bau des Hallenbads 1969 lernten die Luzerner Schüler im See schwimmen.

Auch Jürg Mahler. Er erinnert sich noch genau an seine erste Schwimmstunde im Seebad: Ein Rudel von schmächtigen Drittklässlern sitzt am Beckenrand, er mittendrin, das Wasser kaum zwölf Grad warm, und niemand kann schwimmen. Der Schwimmlehrer liegt auf dem Rücken im Wasser und führt die Bewegungen vor. Dann steigt er aus dem Becken, packt den kleinen Jürg und wirft ihn ins kalte Wasser. Der Junge fuchtelt mit den Armen und bleibt knapp an der Oberfläche. "Jetzt kann ich wenigstens ordentlich schwimmen", sagt er heute. Nach dieser Wassertaufe wurde den Jungen - und den Mädchen im anderen Bassin - an beiden Armen ein Gurt befestigt, an dem sie von oben herab durch das Wasser getragen wurden, während sie ihre Übungen absolvierten.

Badeplätze in Luzern
Herbert Zimmermann
Hinein ins kalte Nass - an heißen Sommertagen eine willkommene Abkühlung.
Heute kommen Kinder und Jugendliche kaum noch ins Seebad: Zu eng und langweilig ist es ihnen auf den alten Planken. Sie gehen lieber in die offenen Strandbäder um das Luzerner Seebecken. Ins Strandbad Lido etwa, wo es einen Spielplatz gibt, einen 300 Meter langen Strand, Pingpongtische, große Rasenflächen und einen über sechs Meter hohen Sprungturm. Oder sie treffen sich bei der "Ufschötti", die anstelle des Kastenbads am Alpenquai entstand. Für die Gras- und Sandlandschaft wurde in den 1970er Jahren eigens ein beachtliches Stück See mit dem Aushub aus einem Tunnelbau aufgeschüttet.

Solche Strandbäder waren anfangs ein echter Skandal: Gemischte Geschlechter, eng anliegende Kleidung, Baden nicht als Hygienemaßnahme, sondern einfach so zum Vergnügen - die Obrigkeiten waren auf das Schlimmste gefasst. Als 1919 das erste gemischte Strandbad der Schweiz in Weggis eröffnete, wurde es von Besuchern regelrecht überrannt. Die eine Hälfte wollte baden, die andere wollte das Spektakel nicht verpassen. Voll bekleidet standen die Schaulustigen im Sand und begafften die Badenden. Viele hatten ihre Fotoapparate dabei, doch ihre Bilder dokumentierten keinen Sündenpfuhl. Im Gegenteil: Sie waren die perfekte Werbung und läuteten den Siegeszug der Strandbäder ein.

Durch die Mischung der Geschlechter gewann plötzlich die Kleidung an Bedeutung. Die bisher üblichen Badetrikots der Männer schrumpften zu schnittigen Dreieckshosen zusammen. Die Frauen musterten ihre üppigen Pumphosen und Baderöcke aus und stiegen in dünne Schwimmkleider mit tiefer Taille. Die Badelust der Zentralschweizer hat das nur gefördert.

Gegen Abend, wenn ein leiser Wind die Hitze des Tages vertreibt, kommen die Luzerner nach der Arbeit vorbei. Sie springen noch mal kurz ins kühle Nass oder setzen sich an die Bar für einen Caipirinha oder einen Aperol Spritz. Jürg Mahler hängt seine Badehose über die Wäscheleine. Seit 40 Jahren gönnt er sich den Luxus einer gegen Jahresgebühr gemieteten Privatkabine, lange hat er sie mit seinem ehemaligen Schwimmlehrer geteilt. Bis dieser vor ein paar Jahren starb.

Die schimmernden Lichter der Stadt spiegeln sich im Wasser, als die letzten Gäste das Bad verlassen. Auf dem Oberdeck sitzen nur noch die zwei Chefs der Seebadi: Bruno Milesi und Roman Konrad lauschen der Stille. "Eine Insel in der Stadt", so nennen sie ihr Bad. Mit viel Charme und innovativen Ideen haben sie aus einer altbackenen Schwimmanstalt eine Institution gemacht: Manchmal finden kleine Konzerte statt, oder ein Theaterensemble spielt auf dem Unterdeck. "Vor allem sind wir aber eines", sagt Bruno Milesi, "eine richtig gute Badi."

Badeplätze in Luzern

Seebad Luzern: Nationalquai, www.seebadluzern.ch. Mai bis Mitte September täglich geöffnet, in der Hauptsaison (Juni-August) von 10 bis 20 Uhr; Sa, So ab 9 Uhr.

Strandbad Lido Luzern: Lidostraße 6a, www.lido-luzern.ch. Mai bis Mitte Sept. täglich geöffnet, in der Hauptsaison (Juni-August) von 9 bis 20 Uhr.

Ufschötti Luzern: Alpenquai. Die Wiese ist frei zugänglich. Toiletten, Duschen und ein Imbissstand sind vorhanden.

Autor

Julian Schmidli