Luzern Die schönste Stadt der Schweiz

Altstadtgässchen aus dem 14. Jahrhundert, ein trutziger Turm mitten im Wasser, zwei historische Holzbrücken, einiges an Renaissance, bedeutendes an Barock, eine Fin-de-Siècle-Seepromenade, der Vierwaldstättersee und dahinter eine Kette schneebedeckter Gipfel: Als Gott den Reichtum der Welt verteilte, hat das erzkatholische Luzern ziemlich viel davon bekommen. Klar, Geld verdient wird in Zürich und Basel, regiert in Bern, verhandelt in Genf. Aber wenn es um Äußerlichkeiten geht (Geld ist in der Schweiz keine Äußerlichkeit, Politik schon gar nicht), ist Luzern die Nummer eins. Es mag Orte geben, die noch schöner sind (als Luzerner will mir gerade keiner einfallen), aber wenn wir im übersichtlichen Feld helvetischer Klein- und Mittelstädte bleiben, kann es keinen Zweifel geben - Luzern ist die Klassenschönste. Sie kennen das von der Schule her: Die Klassenschönste würde es nie zugeben, aber sie weiß um ihren Status und genießt ihn.

Die Luzerner wissen, wie schön ihre Stadt ist, ihr ganzes Selbstbewusstsein speist sich aus dieser Tatsache. Das gibt ihnen ein Gefühl der Überlegenheit, macht sie locker und entspannt. Luzern ist nicht hysterisch- angestrengt wie Zürich und nicht weinerlich-lethargisch wie Bern. Luzern hat genug germanischen Ernst, um tadellos zu funktionieren, und genug südländischen Einfluss, um sich zu amüsieren. Attraktivität, sagen Attraktivitätsforscher, beruht auf Ausgewogenheit, auf Symmetrie. Luzern ist ein gutes Beispiel dafür. Wirtschaft, Landschaft, Geschichte, Zukunft, Hochkultur, Subkultur, Sonne, Regen: Die Stadt hat von allem genug, von nichts zu viel. Luzern ist eine glückliche Stadt.

Kaum woanders in der Schweiz wird mehr gefeiert als hier. Die Fasnacht, bei der Buchhalter und Banker drei Tage lang als Schneewittchen oder Bin Laden durch die Gassen stolpern, ist legendär und wird immer lauter. Das Lucerne Festival ist europaweit unübertroffen. Beim "Blue Balls Festival", dem populärmusikalischen Pendant, wird das Seeufer zu einer einzigen großen Bühne. Dazwischen zwängen sich ein gutes Dutzend katholischer Feiertage, die peinlich genau beachtet werden, wenn auch eher selten im liturgischen Sinn. Außerdem wären da noch ein Marathon, ein Seenachtsfest, eine Herbstmesse, ein Comicfestival, ein Käsefestival, ein Wurstfestival, ein Jodlerfest und japanische Hochzeiten, immer wieder Wahlkampfveranstaltungen und diverse spezielle Events wie etwa der "Tag des Flüchtlings".

Einigen Altstadtbewohnern wird das Treiben langsam zu bunt, sie haben eine Petition eingereicht, welche die Anzahl der Veranstaltungen auf das Niveau von 1999 beschränken will. Mit geringen Erfolgsaussichten. Petitionen gibt es auch für den Erhalt des Kruzifixes an Schulen oder für mehr Spitzenleichtathletik. Luzerner bestimmen ihr Schicksal gerne selbst. Sie wollen entscheiden können, für wen sie die Steuern senken und welche Farben die Weihnachtsbeleuchtung hat - auch wenn die Wahl dann auf eitergelb und neonviolett fällt.

Der Eigensinn hat Tradition: Man ist stolz darauf, dass die wichtigsten Schlachten gegen die Habsburger in der Nähe geschlagen wurden, bei Morgarten (Kanton Schwyz) und bei Sempach (Kanton Luzern). Die eidgenössische Tagsatzung, eine Frühform der heutigen Regierung, hatte ihren Sitz wiederholt in Luzern. Hätten sich die Innerschweizer 1847 nicht mit Kanonen gegen die Gründung des Bundesstaates gewehrt, hätte man ihnen wohl dessen Hauptstadt zugestanden. Dass es dazu nicht gekommen ist, tut dem Stolz der Luzerner aber keinen Abbruch. Sie nehmen ihre Stadt - vielleicht mit einem Augenzwinkern - durchaus als Nabel der Welt wahr. Die Argumentation geht etwa so: Wenn man die Erde als Zentrum des Universums sieht (Kopernikus hin oder her), Europa als historisches Zentrum der Erde (auch das, zugegeben, nicht unumstritten) und die Schweiz als Zentrum Europas - dann liegt Luzern, als Zentrum der Schweiz, tatsächlich ziemlich zentral. Es mag absurd sein, eine geografische Lage zu feiern, aber Luzern feiert nun mal gern, besonders sich selbst.

Die Klassenschönste: selten auch die Klassenbeste

Gerne verweist man darauf, dass es allein in den USA 13 Ortschaften namens Lucerne gibt - alles Reminiszenzen ans Original. Und als Biologen dem Vierwaldstättersee Trinkwasserqualität attestierten, stieg der damalige Verkehrsdirektor kurzerhand ins Wasser, in Anzug und Krawatte, und gönnte sich einen Schluck aus dem See. Aus einem Champagnerglas, versteht sich, und vor klickenden Kameras. Luzern will bewundert werden - weil es davon lebt. Rund eine Milliarde Schweizer Franken setzt die Stadt jährlich durch den Tourismus um. Früher kamen in erster Linie Amerikaner und Japaner, heute vermehrt Chinesen und Inder, Araber, Australier und natürlich Deutsche (die dann in den Hotels und Restaurants von anderen Deutschen bedient werden; den Einheimischen sind die Löhne in der Gastronomie oft zu mickrig).

Jeder Luzerner ist es gewohnt, seinen Weg zu unterbrechen, um ein paar grinsenden Touristen nicht ins Foto zu laufen. Manchmal sind die Begegnungen grotesk: Wer an einem warmen Sommertag die Reuss hinauf in Richtung See schwimmt, muss ständig aufgeregten Japanern zuwinken, die ihm mit einem Rettungsstab beispringen wollen. Doch die Luzerner schätzen ihre Gäste, nicht nur als Touristen, sondern auch als Arbeitskräfte. Luzern ist, bei aller Selbstbezogenheit, überaus fremdenfreundlich: Wer sich hier niederlassen will, wird von den Behörden zu einem "Begrüßungsgespräch" eingeladen.

Der Ausländeranteil der Stadt liegt bei etwa 24 Prozent. Politiker wie Lathan Suntharalingam oder Iveta Gavlasová (heute: Yvette Estermann) machen problemlos und schnell Karriere. Das schönste Restaurant der Stadt wird von einem Franzosen geführt (Richard Beaudoux, Patron in der "Brasserie Bodu"), das beste Bier wird von einem Bayern gebraut (Reinhard Knispel, in der "Rathaus Brauerei"), der beste Koch der Gegend hat österreichische Wurzeln (Stefan Wiesner, im "Rössli", Escholzmatt, eine gute halbe Stunde von Luzern) und in der Region wird Andermatt gerade von einem Ägypter (Samih Sawiris) zur Luxusdestination umgebaut.

In Luzern klopft man sich gerne gegenseitig auf die Schulter - eigentlich keine typisch schweizerische Geste. Das Problem dabei: Selbstbewusstsein geht einher mit Selbstzufriedenheit. Die Klassenschönste ist selten auch die Klassenbeste. In mancher Hinsicht ist Luzern über all die erfolgreichen Jahre etwas nachlässig geworden. Die Stadt hat keinen vernünftigen Plan, wie sie mit ihrem Wachstum umgehen soll. Hässliche Überbauungen fressen die Hänge am Seebecken auf und damit das landschaftliche Kapital. Man entwirft hochtrabende Konzepte, etwa zur Verkehrsberuhigung oder zur Kultur oder Wirtschaftsförderung - und am Ende bleibt fast alles beim Alten.

Das mag eine direkte Folge der direkten Demokratie sein; kaum irgendwo mahlen die politischen Mühlen langsamer als an der Reuss. Aber es hat auch mit dem Charakter der Luzerner zu tun. Mit der Gemütlichkeit, der Lust am Status quo. Man ist sich, so wie man ist, genug. Besonders ehrgeizige, berühmte Söhne oder Töchter bringt die Stadt selten hervor. Der bekannteste ist der Komiker Emil - und dessen Witz bestand früher darin, dass er sich über seine Herkunft mokierte. Mittlerweile lebt er am Genfersee und ist altersmilde geworden. Kann sich die Stadt diese Nonchalance leisten, während sich ihre Konkurrentinnen nach allen Regeln der Kunst aufhübschen?

Neulich war ich auf einem Klassentreffen, Abschlussjahrgang 1996, humanistisches Gymnasium. Die damalige Klassenschönste war in der Zwischenzeit doch sehr rundlich geworden, man hörte zwei, drei hämische Bemerkungen. Im Verlauf des Abends wollte dann doch wieder jeder neben ihr sitzen.

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Koni Gebistorf