Luzern Die Legende Wilhelm Tell

Seine Geschichte kennt in der Schweiz jedes Schulkind: Wohl im 14. Jahrhundert widersetzt sich Wilhelm Tell den Anweisungen seines Landvogts Hermann Geßler. Der habsburgische Herrscher hatte in Altdorf im Kanton Uri seinen Hut auf einer Stange befestigen lassen und verfügt, dass dieser von jedem vorbeigehenden Untertanen gegrüßt werden müsse. Tell ignoriert die Verordnung und wird verhaftet. 

Er kommt nur frei, wenn er mit der Armbrust einen Apfel vom Kopf seines Sohnes Walter schießt. Ein Einfaches für den talentierten Schützen. Doch nach dem geglückten Schuss erklärt er, andernfalls hätte er den zweiten Pfeil in den Landvogt gejagt. Ein Fehler: Nun soll er erst recht in der Burg von Küssnacht eingekerkert werden. Auf der Fahrt über den Vierwaldstättersee gelingt Tell die Flucht, in der "Hohlen Gasse" bringt er Geßler zur Strecke.

Rettende Ufer: Ein furchtbarer Sturm wütete auf dem Urnersee, so heißt es, als man Tell zu seinem Kerker schiffte. Mit einem großen Sprung auf eine Felsplatte soll ihm die Flucht gelungen sein. Heute führt die Wilhelm-Tell-Route an diesem Ufer entlang.
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Wilhelm-Tell-Route führt am Ufer des Urnersees entlang
So die optimistische Version – in einer anderen wird Tell nach dem Apfelschuss auf Geheiß des Vogts im See ertränkt. So oder so: Tell ist ein Held. 1472 taucht er erstmals in einem Buch mit lokalen Sagen auf, 1804 macht Friedrich Schiller ihn mit seinem Drama auch jenseits der Schweiz bekannt. Über die Jahrhunderte hinweg wird er immer größer. Als Figur. Als Vorbild. Als Projektionsfläche. Einer, der moralisch seit über 600 Jahren von allen Seiten vereinnahmt wird –von Revolutionären, von Monarchisten, sogar die National-sozialisten favorisierten ihn einige Jahre lang. Später brachte er es bis zum Anti-Atomkraft-Kämpfer: 1979 führte Wilhelm Tell auf einem Schweizer Wahlplakat eine Demo von Kernenergiegegnern an.

Fels mit Fresken: Auf dem Fels in Sisikon, zu dem Tell fliehen konnte, steht heute die
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Auf dem Fels in Sisikon steht die "Tellskapelle". Vier Fresken erinnern an die Tell-Saga: Rütlischwur, Apfelschuss, Tellsprung und Geßlers Tod in der "Hohlen Gasse"
Kleines Schönheitsproblem der Geschichte: Ob Tell, der in Bürglen geboren worden sein soll, wirklich lebte, ist unklar. Es gibt keinen stichhaltigen Beweis, weder für seine Existenz noch für die des Landvogts Geßler. Doch Tells Mythos hat längst ein Eigenleben entwickelt. Der Freiheitskämpfer gehört zur Schweizer Gründungsgeschichte, er ist allgegenwärtig: Es gibt eine eigene Wilhelm-Tell-Route von Rütli nach Bauen, ein Tell-Museum in Bürglen und das Tell-Denkmal in Altdorf. Dort wird auch seit 1899 jedes Jahr Schillers Drama aufgeführt. Legenden leben eben länger.

Tell-Museum: Bürglen, Postplatz, Tel. 041 8704155

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Autor:
Cornelia Heim