Luzern Das Lucerne Festival

KKL, Jean Nouvel - Architekt, Ansprechpartner zum KKL und offene Fragen an: Barbara Higgs - Leitung Presse-und Öffentlichkeitsarbeit, Tel.: +41 41 226 44 43, b.higgs@lucernefestival.ch

Der Dirigent eine Legende, im Orchester weltberühmte Musiker, die Kartenpreise gesalzen, das Publikum aus ganz Europa, Radiohörer in Amerika live mit dabei: Damals am 25. August 1938 stand Luzern wegen eines Konzertes im idyllischen Vorort Tribschen kopf. Später wurde der Auftritt des Festspielorchesters unter der Leitung von Arturo Toscanini zur Geburtsstunde der Luzerner Musikfestwochen erklärt. Durch die faschistischen Regimes rundum traten viele Künstler damals in der Schweiz auf, da sie anderswo nicht mehr spielen konnten oder wollten. Doch typisch "neutrale" Schweiz: Kurz nach dem Krieg ließ man auch NSDAP-Mitglied Herbert von Karajan in Luzern dirigieren. Bis zu seinem Tod dankte er es den Luzernern, trat bis auf eine Ausnahme alljährlich dort auf.

All die Superlative zur Festivalgründung könnte man auch noch mehr als siebzig Jahre später verwenden, wenn zur Festspieleröffnung Mitte August jeweils Claudio Abbado das Lucerne Festival Orchestra dirigiert. Gespielt wird allerdings nicht mehr draußen vor der Stadt, sondern gleich neben dem Bahnhof, dort, wo viele Jahre das Kunsthaus mit dem ungeliebten, alten Konzertsaal stand. 1998 wurde es durch das Kultur- und Kongresszentrum KKL ersetzt. Den spektakulären 226-Millionen-Franken-Bau entwarf der Stararchitekt Jean Nouvel.

Entstanden ist ein Tempel der zeitgenössischen Architektur, davor blinzelt das festlich herausgeputzte Publikum in die Abendsonne wie einst vor dem Konzert in Tribschen. Es lässt den Blick über den See zu den Bergen schweifen, beobachtet die nimmersatten Schwäne, lauscht alsbald im Saal den weltbesten Orchestern, diskutiert in der Pause auf der Dachterrasse über den berühmten Solisten oder das Kleid der Nachbarin: Verleger mit Wirtschaftsgrößen, Politiker mit Lokalhonoratioren, Studenten mit Musikliebhabern. Die Welt hört die Höhepunkte heute nicht nur im Radio mit, sondern sieht sie auch im Fernsehen, Kino oder als Live-Stream im Internet. Die internationale Presse schreibt seitenlange Hymnen über Claudio Abbados Orchester, die Konzertmitschnitte erscheinen weltweit auf DVD.

Diese mediale Präsenz ist typisch für das Lucerne Festival, heißt es hier doch seit dem Bau des fast 1900 Plätze fassenden KKL-Konzertsaales: immer noch einen draufsetzen, immer etwas besser sein als die anderen. Wer beobachtet hat, wie sich die angesehenen Internationalen Musikfestwochen dank des KKL und eines wachen Intendanten zum Lucerne Festival von heute mauserten, kommt bisweilen aus dem Staunen nicht heraus. Dieser Intendant, der 50-jährige Michael Haefliger, versteht es, den modernen Geist des Hauses zu nutzen und ins Programm einzubringen. Der ausgebildete Geiger, Sohn des legendären Tenors Ernst Haefliger, sorgte schon früh als Musikmanager für Furore. Obwohl seine Arbeit weltweit bewundert wird, hält sich der Mann in den unauffälligen Anzügen gern im Hintergrund - Privates dringt kaum an die Öffentlichkeit. Jeden Abend während des Festivals setzt er sich in letzter Sekunde auf seinen Stammplatz in Reihe 17.

Aber selbst ein Wunderbau wie das KKL hat Schwächen: Es fehlen eine Bühne mit Orchestergraben und ein geeigneter Ort für Kammermusik - der kleinere Zweitsaal des Gebäudes hat wenig Charme und eignet sich eher für Experimentelles. Von den enormen Kosten für die Fensterputzer am gigantischen Bau und den 17 Kilo Kupfer, die der Regen vom riesigen KKL-Dach jährlich in den See wusch, ganz zu schweigen. Jean Nouvels Idee, den See quasi ins Haus fließen zu lassen, führte dazu, dass anfänglich immer wieder mal Konzertbesucher in die schicken Wasserkanäle im Inneren fielen. Erst schafften Ersatzkleider Abhilfe, später wuchtige Absperrungen. Egal. In den vergangenen 14 Jahren haben sich die wichtigen Größen des Sommerfestivals nahezu verdoppelt: Die Dauer stieg von 25 auf 40 Tage, die Zahl der Sinfoniekonzerte von 18 auf 34, das Budget sogar von 10 auf 23 Millionen Schweizer Franken. Rund 80000 zahlende Besucher kommen, mehrere Millionen Franken Sponsorengelder fließen. Klassikkrise? - Nicht beim Lucerne Festival. Der Karren läuft wie geschmiert, trotz nur drei Prozent Subventionen.

Die Sinfoniekonzerte mit den weltberühmten Orchestern, Solisten und Dirigenten sind der Stolz des Festivals. Doch dank der geschickt programmierten Nebenschienen nimmt man Kritikern des Mainstreams den Wind aus den Segeln: In Luzern gibt es so viel Neue Musik wie wohl nirgends sonst - mitsamt einem composer in residence, einem Gastkomponisten, der in großen und kleinen Konzerten eine Werkschau zeigen kann. Alte Musik, Kammermusik, ja selbst Straßenmusik gehört zum Repertoire. Außerdem setzen sogenannte artistes étoiles mit ihren Auftritten einen persönlichen Farbtupfer. Zu Beginn der Ära Haefliger waren es oft Ausnahmesolisten wie Anne-Sophie Mutter oder Alfred Brendel. Doch immer stärker prägt eine neue Generation das Festival. Zu artistes étoiles wie Jonathan Nott oder Pierre-Laurent Aimard will das Wort "Star" nicht mehr passen. Sie verstehen Musik als Gemeinschaftsarbeit, nicht als Errungenschaft eines einzelnen Genies.

Keine Spur von Abo-Routine

Wenn bisweilen einer fragt, was denn der Intendant jetzt noch verbessern wolle, winkt Michael Haefliger ab und meint trocken, dass sein Festival gar nicht mehr wachsen müsse, da es kein börsennotiertes Unternehmen sei. Er sagt's und hat dabei die nächste (Ausbau-) Idee sowieso schon in der Tasche. Eines seiner spektakulärsten Vorhaben erweist sich nun allerdings trotz fix und fertig ausgeklügelten Betriebskonzepts wohl als Luftschloss: Ein weiterer kühner Saal sollte gebaut werden, ein Ort, an dem mit neuen Formen des Musiktheaters gespielt werden sollte. Der eine KKL-Mangel, die fehlende bewegliche Bühne mit Orchestergraben, wäre mit dieser salle modulable ausgewischt worden. So überraschend wie die 120 Millionen Franken eines Mäzens für den Neubau auftauchten, verschwand das Geld auch wieder nach dessen Tod. Offiziell zog der verwaltende Trust die Summe zurück, weil Auflagen nicht erfüllt worden seien. Im erfolgsverwöhnten Luzern zog man lange Gesichter und mit der Einforderung des Geldes vor Gericht.

Doch auch ohne Opernnächte in einem zukunftsweisenden Saal entsteht am Vierwaldstättersee viel Unverwechselbares. Für den Intendanten eine Notwendigkeit: "Wir brauchen aktive Projekte in Luzern, um das Festival zu beleben." Keine leeren Worte. Dank zweier Musikerlegenden hat Haefliger in Luzern gleich zwei eigene, viel bewunderte Orchester, auf die er zählen kann. An ihnen zeigt sich, wie er seine Idee neuer Orchesterstrukturen in die Tat umsetzt: Dirigent Claudio Abbado sieht in seinem Lucerne Festival Orchestra (LFO) keine starre Masse, sondern verschiedene Ensembles - und erst wenn sie sich auf dem KKL-Podium vereinen, erkennt er darin sein Festspielorchester. Kern des LFO ist das Mahler Chamber Orchestra - zu ihm stoßen Topmusiker aus anderen Orchestern, weltberühmte Streichquartette und Solisten.

Das zweite Orchester steht unter der Obhut von Dirigenten- und Komponistenlegende Pierre Boulez: Die Lucerne Festival Academy ist eine Hundertschaft von jungen Musikern, die alljährlich hier zusammenkommt, um sich mehrere Wochen der zeitgenössischen Musik zu widmen. Höhepunkt ist ihr Sinfoniekonzert im KKL. Im Publikum sitzen dann auch die Luzerner Gastfamilien, bei denen die Studenten wohnen.

Haefliger ist von beiden Orchestern begeistert. "Nach dem Festival sind das wieder freie Musiker. Was ein Orchester ist, was es sein kann, darf neu überdacht werden." Heißt das, die konventionellen, teuren Orchester sind ein Auslaufmodell? - Der Intendant will das nicht behaupten, aber erzählt von berühmten amerikanischen Orchestern, die immer mehr Mühe hätten, ihr Publikum zu finden. Das Lucerne Festival mit seinen innovativen Formen ist dagegen zum Impulsgeber für die internationale Orchesterlandschaft geworden.

Mit seinem stolzen Habitus und seinem enormen Wachstum hat es auch eine urschweizerische Eigenschaft überwunden: die Bescheidenheit. Das Festival will das beste sein. Das hat seinen Preis. Konzertkarten für das Sommerfestival kosten bis zu 320 Franken. Das reicht aber längst nicht aus, um die Kosten zu decken. Kein Problem: Für Schweizer Sponsoren gibt es im elitären Hochpreis-Kulturbereich neben dem Opernhaus Zürich kaum einen attraktiveren Partner. Haefliger bindet sie geschickt ins Festival ein und ringt ihnen bis zu zehn Millionen Franken ab. Er tut das, ohne sich wie andere Intendanten in programmatischer Hinsicht anzubiedern. Er setzt nicht auf ein konventionelles Programm für Champagner trinkende Sponsorengäste. Haefliger besteht darauf, dass in Luzern selbst die weltbesten Orchester Neues, ja Erst- und Uraufführungen mit im Gepäck haben.

Und er ruht sich nicht auf den Erfolgen des Sommerfestivals aus. Wenn Ende November die lauen Sommerabende am See und die Konzerte von Abbado, Barenboim, Muti & Co. nur mehr schöne Erinnerungen sind, dann lockt das Pianofestival die Klassikfans ins KKL, und im Saal schwebt trotz dicken Nebels über dem See etwas vom magischen Geist des Sommers. Keine Spur von der herbstlichen Abo-Routine anderer Musikhallen. Zwei Wochen vor Ostern dann der nächste Höhepunkt: ein weiteres Lucerne Festival, mit Schwerpunkt auf geistlicher Musik. In den neun Festivaltagen kommen die Spezialisten für historische Aufführungspraxis zum Zug. Gespielt wird nicht nur im KKL, auch die Kirchen werden ins Geschehen einbezogen. Der Blick des Publikums über die Musiker hinweg auf das violett verhüllte Kruzifix in der Jesuitenkirche vermag aus manch großem Konzert ein spirituelles Erlebnis zu machen - diskutable Akustik und harte Kirchenbänke hin oder her.

Dann, kurz nach dem Osterfestival, beginnt bereits der Vorverkauf für den Sommer. Wer Karten für die Abbado-Konzerte ergattert, kann sich glücklich schätzen. Es sind jedes Jahr aufs Neue unheimliche Momente, wenn dieser sich so rar machende Dirigent vor seinen Orchestermusikern steht und eine Mahler-Sinfonie zelebriert. Dann werden fast 1900 Konzertbesucher zu einem einzigen großen Ohr, sie erwarten keine Pause und kein Konzertende mehr, sondern lassen zu, dass sich die Weiten der Seele öffnen. Worte über das Erlebte werden dann überflüssig. Später - viele Jahre später - werden sich die Festivalgäste umso freudiger über das Konzert austauschen.

Von Toscaninis Auftritt im Jahre 1938 sind keine Aufzeichnungen geblieben. Jene Abbados hingegen werden jedes Jahr filmisch festgehalten. Aber keine Aufnahme der Welt kann nachempfinden lassen, wie berauschend die Stille im KKL nach der Aufführung von Gustav Mahlers 9. Sinfonie im August 2010 wirkte. Die Arme des Dirigenten hatten sich längst gesenkt, und das Luzerner Publikum schwieg. Keine Jubelschreie hätten mehr aussagen können als diese zwei Minuten zeitloser Stille. Zu spüren war allein der Atem des Glücks.

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Autor:
Christian Berzins