Schweiz Lausanne - auf der Sonnenseite

Der weite Blick über den See prägt das Denken: Die Stadt ist immer auf dem Sprung. Junges Volk bringt Leben in die engen Gassen, Architekten zeigen, wie man Zukunft buchstabiert. Aber gottlob gibt es auch noch den Mann oben im Turm.

Einhundertdreiundfünfzig Stufen führen auf den Turm der Kathedrale Notre-Dame. Wer sie erklommen hat, dem liegt die Stadt zu Füßen. Renato Häusler kommt jeden Abend. Um Viertel vor zehn schließt er die kleine Pforte auf und steigt hinauf. Dann wartet er die zehn Schläge der gewaltigen Glocke Maria Magdalena ab, tritt hinaus auf die Balustrade und erhebt seine Stimme: »C’est le guet. Il a sonné dix!« – »Hier ist der Türmer. Es hat zehn geschlagen!« In Lausanne hat die Nacht begonnen, und Renato Häusler ist ihr Hüter. Seit 1405 ist der Platz hier oben besetzt, seit 1880 nur noch nachts.

Nachtleben in Lausanne.

Blaue Stunde: im »Café Saint Pierre« an der Place Benjamin Constant

Aber wie in alten Zeiten, als Lausanne noch Bischofssitz war, ein überschaubares Städtchen, wacht der Mann auf dem Turm über den ruhigen Schlaf und die Sicherheit der Bürger, zählt die Stunden bis zum Morgen und meldet jeden Verdacht auf Feuer. Häusler versieht sein Amt mit einer Mischung aus Pflichtbewusstsein und Sinn für Tradition: »Ich mag das Dunkle«, sagt er, »die Atmosphäre, das Panorama.«
Zu seinen Füßen breitet sich die Stadt aus. Gleich neben der gotischen Kathedrale spannt sich die Charles-Bessières-Brücke im weiten Bogen über ein enges, dicht bebautes Tal. Manchmal beginnt sie leise zu vibrieren; Sekunden später rast aus einem der steinernen Pfeiler eine hell erleuchtete Metro, um gleich darauf auf der anderen Seite wieder in einem Tunnel zu verschwinden. Ein Wald von Häusern bedeckt die Hügel der Stadt, durchzogen von hell erleuchteten Straßen und Gassen. Einzelne Bauwerke ragen heraus, hell angestrahlt: die ehemalige Klosterkirche Saint-François aus dem 13. Jahrhundert, die trutzigen Türme des Château Saint-Maire, das im Stil der florentinischen Renaissance erbaute Palais de Rumine oder der Bel-Air-Turm aus dem Jahr 1931, von dem es heißt, er sei der erste Wolkenkratzer der Schweiz.
Renato Häusler kann vom Turm der Kathedrale längst nicht mehr die Grenzen der Stadt erfassen. Lausanne hat weit über 130 000 Einwohner. Globale Unternehmen wie Nespresso und Tetrapak lenken von hier ihre Geschäfte, das Schweizerische Bundesgericht tagt hinter einem strengen Säulenportal, prachtvolle Villen und Paläste sind über das Stadtgebiet verstreut, und im Hafenviertel Ouchy beansprucht das Hotel »Beau-Rivage Palace« die Herrschaft über die weite Fläche des Wassers.
Lausanne bei Nacht

Lausanne bei Nacht

Von morgens an, sobald die Sonne herauskommt, flanieren Gäste auf der Promenade vor dem noblen Hause, Jogger zählen ihre Schritte, Radler und Skater ziehen ihre Bahnen. Leise schaukeln Segelschiffe im Hafen, zwischendurch legt einer der historischen Raddampfer an, allesamt Prunkstücke aus der Ära der stampfenden Dampfmaschinen und der holzgetäfelten Salons, nimmt Passagiere auf und schaufelt sich behäbig weiter über das Wasser. Ein paar Männer mit nachdenklichen Mienen schieben die Figuren auf einem begehbaren Schachbrett hin und her, nur wenige Meter weiter posieren Familien im Park des Olympischen Museums vor den Bronzeskulpturen von Emil Zátopek oder Paavo Nurmi. Nurmi nackt, Zátopek mit Hose.

Seit 2008 verbindet eine vollautomatische Metro das Ufer mit der Altstadt und dem Wald von Sauvabelin mit seinem spektakulären Aussichtsturm noch weiter oben. Es geht steil hinauf, doch schöner kann eine Großstadt nicht liegen: hingegossen an den Südhang über dem See, seitwärts ausgestreckt bis in die Terrassen der Weinbaugebiete von Lavaux und La Côte, und alle Blicke, alle Balkons und Sonnenfenster sind auf dieses Alpenpanorama auf der gegenüberliegenden Seite gerichtet, auf das Schauspiel eines immer neu ausgeleuchteten Himmels, der sich in der glatten Wasserfläche spiegelt, glutrot, strahlend blau oder fahlgrau. Wer das volle Programm dieser Festspiele des Lichts erleben will, der tue es den Bewohnern gleich und steige auf den Montbenon, eine Hügelkuppe in der Stadt, auf der vor dem Casino und dem alten Justizpalast ein Skulpturen- park liegt: Nirgendwo sonst könnte ein Sonnenuntergang majestätischer sein.
Was auf dem Weg nach oben ein strammer, bisweilen schweißtreibender Aufstieg ist, das kann in der anderen Richtung purer Spaß sein. Junge Leute sausen die steilen Gassen der Altstadt auf ihren Skateboards hinab, und auch mit dem Mountainbike, heißt es, sei der Weg zum See weit we­niger anstrengend als der zurück, hin­ auf ins Gewühl der Innenstadt.

Lausanne per Moped
Zentrum eines besonders bunten Treibens dort ist das Flon, ein ehe­maliges Lagerhallen­ und Industrie­ viertel an einem Flüsschen oberhalb des Bahnhofs. Ein paar Schienen für die Transportloren vergangener Zeiten sind im Pflaster des kleinen Tals erhal­ten, ein paar Erinnerungen an das Wasser, das dort floss – die Gebäude sind neu und elegant, und aus man­chen Perspektiven scheint es, als seien die Architekten in einen Wettstreit um die frechste Fassade getreten. Hinter Glas und gerastertem Beton verber­gen – oder offenbaren – sich Restau­rants und Designerstudios, Modegeschäfte, ein Kinocenter, Diskotheken und Konzertsäle. Die Flächen dazwi­schen sind mit Sitzlandschaften mö­bliert, Straßencafés laden zum Lattemacchiato, und das Ge­rücht geht, dass im Flon eigentlich nie wirklich Zapfenstreich, Sperrstunde, Feierabend ist.
Immer bergauf, bergab geht es in der Stadt, immer öffnen sich neue, überra­schende Perspektiven. Mal betritt der Gast ein Haus zu ebener Erde, um auf der anderen Seite drei oder vier Eta­gen tiefer den Ausgang zu finden; mal trennt nur eine steile Treppe die noble Einkaufsstraße mit ihren Geschäften für Haute Couture und Schweizer Uh­ren von einem Quartier, in dem Tröd­ler ihre Fundstücke ausstellen oder ein Plattenladen Punk und Techno aus lokaler Produktion anbietet, die CD, secondhand, für einen Franken.
Die Stadt ist jung. Mehr als 12000 Studenten hat die Universität, fast 8000 die École Polytechnique Fédé­ rale de Lausanne, 2000 die internatio­nale Hotelfachschule: Jeder sechste Bewohner ist Student. Wenn Markt ist, reihen sich in den engen Gassen Stände mit Gemüse aus biologischem Anbau, mit Pilzen, Speck, frischen Trauben, Honig – mancher Chefkoch schnuppert und tastet sich durch das Angebot, aber auch Studenten, die den Küchenplan für ihre Wohnge­meinschaft zusammenstellen. Und fast alles, was in Körben und Kisten aus­ liegt, ist ein Produkt dieser reich beschenkten Region.

Universität Lausanne

Für Studenten ist Lausanne ein Party-Paradies

Die Bedürfnisse einer internatio­ nal mobilen Jugend prägen den Stil der Stadt, wie es auch der gewachsene Wohlstand und die globa­le Vernetzung tun: Es gibt urige Knei­pen wie die 1780 gegründete »Pinte Besson«, Buchläden und Boutiquen, skurrile Galerien wie die Éditions Humus. Nicht zuletzt die Polytechni­sche Hochschule, erbaut vom japani­schen Architekturbüro SANAA, die ihre Studenten in eine Zukunft der fließenden Übergänge zwischen Ler­nen, Arbeit, Erholung und Kommuni­kation führt.
Bis 2020 will das Olympische Ko­ mitee IOC seinen Verwaltungssitz aus dem historischen Château de Vidi am Ufer des Sees in ein kühn geschwungenes Gebäude des dänischen Teams 3XN gleich nebenan verlegen, zeitgleich geben Baumeister aus Spanien und Portugal dem kantonalen Kunstmuseum, dem Designmuseum mudac und dem Fotomuseum Elysée ein grandioses Gemeinschaftsquartier neben dem Bahnhof; eine alte Remise für Lokomotiven musste dafür weichen, aber der Streit ist beigelegt. Die Stadt erneuert sich ständig, und immer wieder sind Wagemut und Optimismus ihr Maßstab dabei.
Und wenn es abends im Goldenen Dreieck zwischen dem »Happy Days«, dem »Étoile Blanche« und dem »Café Saint Pierre« an der Place Benjamin Constant eng wird, wenn der Blick von den Tischen vor der Bar »The Great Escape« gleich unterhalb der Kathedrale über das nächtlich beleuchtete Häusermeer geht, dann kann der Mann im Turm lange rufen, dass schon bald der neue Tag anbricht.