Schweiz Ein Stadtrundgang durch Genf

Stellen Sie sich vor, Sie sind in einer Stadt, in der Französisch gesprochen wird. Sie haben sich verlaufen und fragen auf Englisch nach dem Weg, weil ihr Französisch einzig für den Erwerb eines Blätterteighörnchens genügt. Sie sind verloren?

In Genf begegnet man Menschen wie Amy. Amys Englisch klingt britisch, obwohl sie aus Washington, D.C. kommt, das liege daran, dass sie hier mit vielen Engländern spreche, sagt sie. Sie führt einen persönlich zum "Chat noir" in Carouge, hinzu kommt dort ihr Freund, Eric, ein Franzose mit englischer Mutter, und der Abend ist sehr nett, auch wenn Amy über ihre Au-pair-Eltern schimpft und Eric sich offensiv bemüht, Amy mit seinem Wissen zu beeindrucken. Dadurch lernt man, dass nach Carouge einst die Katholiken vor den strengen Calvinisten aus Genf flohen und dass es deshalb bis heute hier die besten Kneipen gebe.

Es brummt in Carouge an diesem Abend, vor den Cafés und Kneipen stehen die Gäste mit einem Glas Wein in der Hand, als wäre man in Italien. Am Place du Rondeau, der aussieht wie eine Piazza, umstellen Platanen den kleinen Brunnen, umrahmt von Cafés und kleinen Hotels. Die Häuschen in den Gassen sind klein und alt, mit bunten Fensterläden, an deren Farben im Winter das Wetter genagt hat und die dennoch im Frühjahr leuchten. Carouge gehörte früher zum Königreich Sardinien-Piemont. Die Welt kam schon immer nach Genf. "Protestantisches Rom" wurde die Stadt einst genannt, heute die "internationalste Stadt Europas", weil die UN und allerhand Weltbewegendes hier sitzen.

Christophe Arnoux schätzt ihn sehr "diesen Geist der Stadt". Man glaubt es ihm gern, denn er lebt von ihm. Nach 15 Jahren Weltbummelei als Weinkellner blieb er 1997 in Genf hängen. Er suchte Arbeit, fragte sich, was er eigentlich kann, und da fiel ihm ein: Englisch. Heute versorgt seine Firma Ausländer mit allem, was sie brauchen, Übersetzerdiensten, Amtsgängen, Versicherungen, er kann Kunden sogar ein billiges Ein-Zimmer-Apartment für 1800 Franken besorgen. "Genf ist wie London", sagt er. "Alles ist möglich, wenn du nur die richtigen Leute kennst." Arnoux sitzt bei einem Café au Lait im Restaurant des "Hôtel Royal", einem Etablissement mit - für Genf bescheidenen - vier Sternen. Gerade war er nebenan im angolanischen Generalkonsulat, das in einem wenig repräsentativen 60er-Jahre-Wohnblock in Bahnhofsnähe residiert.

Es sind alle in Genf, aber es sind nicht alle gleich. Die Brasilianer ein paar Blocks weiter konnten sich ein Büro im Jugendstilhaus leisten, die Russen in ihrer Villa nahe dem Parc Beaulieu tragen Stacheldraht auf dem Zaun, die Leute aus Katar haben ein Chalet in Cologny an der anderen Seeseite gekauft, dort, wo die Allerallerreichsten hinter hohen Mauern und Hecken leben. Arnoux spielte früher in einer Theatergruppe, so wie die Gattin eines Bankchefs, die hatte einen Rolls-Royce, mit dem fuhr sie immer zum Einkaufen, und das ist das Schöne: "Es gafft keiner. Reichtum ist hier normal. Es bildet sich auch keiner etwas darauf ein, weil er weiß, sein Nachbar kann sich vielleicht zehn Rolls leisten." Und eine Rolex mag überall auf der Welt ein Angeberarmband sein, aber nicht in Genf, denn da kommt sie her. Es schämt sich ja auch keiner, wenn er in München eine Weißwurst isst.

Die ganze Wucht des Reichtums lässt sich von den Bains des Pâquis aus bewundern. Das Stadtbad aus den 1930er Jahren ragt in den See, dessen Westufer von der Stadt umrahmt wird wie von einem Collier. An der Rive Droite, dem rechten Ufer, stehen wie Diamanten die Grandhotels. An der Rive Gauche hängen die Villen in den Hügeln, dezent verborgen hinter Bäumen, in der Ferne das Montblanc-Massiv. Und am Südufer auf dem Altstadt-Hügel steht über allem die Kirche, in der es anfing mit dem Geld und der Internationalität, die Kathedrale Saint-Pierre.

Wie in einer Höhle steht man im kargen Kirchenschiff

Hier predigte im 16. Jahrhundert Johannes Calvin, nachdem er aus Frankreich nach Genf geflohen war. Von außen ist die Kathedrale eine verrückte Collage, der eine Turm spitz zulaufend, die anderen wuchtig und kantig und der Eingangsbereich neoklassizistisch mit mächtigen Säulen. Gott ist groß, der Mensch ist klein, und noch kleiner wird er, wenn er innen steht, in diesem Bau, in dem das Schillerndste die Glühbirnen auf den schmucklosen Leuchtern sind. Wie in einer Höhle steht man im kargen Kirchenschiff, die Calvinisten ließen allen Prunk aus der Kirche räumen. Auch das Nichts kann sehr Ehrfurcht einflößend sein.

Stuhl-Skulptur auf dem Vorplatz des UN-Palastes
Arthur F. Selbach
Stuhl-Skulptur auf dem Vorplatz des UN-Palastes.
Das Wort der Bibel ist die einzige Grundlage des Glaubens, nicht die irdischen Regeln der katholischen Kirche, lehrte Calvin. Züchtig und sparsam sei der Mensch und auch fleißig. Wenn der Fleiß in Form von Reichtum Früchte trägt, ist das ein Indiz für Gottes Gnade. Heute gilt Calvin manchen als Urvater des modernen Kapitalismus. Und "Kapitalist" ist in Genf keine Beleidigung. Calvin bescherte der Stadt jene beiden Phänomene, die sie bis heute prägen: Wohlstand und Zustrom von Menschen aus aller Welt. Seine Anhänger flohen aus vielen Ländern Europas vor der Verfolgung nach Genf. Und alle waren beseelt vom calvinistischen Arbeitsethos.

Bis heute ist Genf die Stadt der Banken, Uhren und der Weltpolitik. Das Rote Kreuz wurde hier gegründet und der Völkerbund, aus dem später die Vereinten Nationen (UN) hervorgingen. Heute haben rund 250 internationale Organisationen ihren Sitz in Genf. Die Vereinten Nationen residieren auf den Hügeln im UN-Palast, einem mächtigen Gebäude an der Place des Nations, auf der ein riesiger Stuhl mit einem weggebrochenen Bein an die Opfer von Landminen erinnert.

Exil-Iraner machen gegen Militäraktionen auf Flüchtlingscamps im Irak mobil

Fast jeden Tag wird auf diesem Platz demonstriert: Unter dem Stuhl protestieren Kambodschaner gegen die Rodung der Wälder und Zwangsumsiedlungen. Am Ende des Platzes bauen Tamilen zur Erinnerung an die knapp 100.000 Bürgerkriegstoten auf Sri Lanka eine Bühne auf, und unter den Bäumen am Rand machen Exil-Iraner gegen Militäraktionen auf Flüchtlingscamps im Irak mobil. "Die Genfer sind sehr entspannt", sagt der Iraner Reza. Die Vereinten Nationen dürften hier Flüchtlingspolitik machen, die Exil-Iraner dagegen demonstrieren und die Mullahs ihr Geld in den Privatbanken bunkern.

Blick vom Nordturm der Kathedrale Saint-Pierre in Genf
Arthur F. Selbach
Blick vom Nordturm der Kathedrale Saint-Pierre.
"Genf ist eine reiche Prostituierte", sagt der Künstler Peter Stoffel in einer umfunktionierten Tiefgarage im Viertel La Jonction, wo er sein Atelier hat. Man putze sich raus, um sich an die Reichen der Welt zu verkaufen. "Darum hinkt Genf auch immer zehn Jahre hinterher, weil man hier nur bietet, was auf dem Markt bereits läuft." Stoffel studierte an der Genfer Kunsthochschule und blieb, weil er in einem besetzten Haus leben konnte, einem ehemaligen Puff in den Pâquis. Sein Vergleich mit der Edel-Prostituierten ist ganz passend: Genf ist auf professionelle Art herausgeputzt. Und jeder kann hier auf gewisse Art sein Vergnügen haben - sei es als neugieriger Voyeur an der Theke oder als Teilnehmer des Spektakels, wobei Letzteres eine gewisse Finanzkraft voraussetzt.

Im Sommer, sagen manche Genfer, habe die Stadt eine höhere Burka-Dichte als Kabul, weil die reichen Araber mit ihren Frauen hierherkommen. Sie lassen sich in die Rue du Rhône kutschieren, wo in den Gründerzeitbauten hinter blanken Fenstern aller Luxus dieser Welt geboten wird, Chanel, Dior, Louis Vuitton, unaufdringlich platziert hinter dicken Mauern, nicht selten mit wuchtigen Holztüren und goldener Klingel, durch die man Einlass begehren muss.

Goldene Zwiebeltürme funkeln in der Sonne

Genf nimmt den Ansturm gelassen. Die Grandhotels standen bereits, als die Ahnen der Scheichs noch in Zelten hausten. Und die Altstadt ruht noch immer wie vor 400 Jahren, die schmalen Häuser Schulter an Schulter gedrückt, einige sind vom Alter nach vorne gebeugt, aber man sieht ihren Buckel nicht, weil sich schon das nächste anschmiegt. Vom Turm der Kathedrale Saint-Pierre kann man all das überblicken. Die Fontäne Jet d’Eau unten im See, eine etwas uncalvinistische, weil unnütze Form der Höchstleistung: Wasser aus einem See fast 150 Meter in die Luft zu spritzen. Am schillerndsten allerdings ist das kleine orthodoxe Kirchlein unweit der Altstadt. Die russische Großherzogin Anna Feodorovna Constantia hat sie 1866 errichten lassen. Mit goldenen Zwiebeltürmen, die unverschämt in der Sonne funkeln, ums Hauptdach vier kleine Türmchen und in der Mitte ein höherer, er sieht von oben ein wenig aus wie ein gestreckter Mittelfinger.

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Autor:
Bernd Volland