Bern Glockenturm "Zytglogge"

Bevor die Uhr des "Zytglogge", des Zeitglocken-Turms in Bern, die volle Stunde schlägt, schaut Markus Marti manchmal durch sein Fensterchen. Menschen, die eben noch durch die Lauben, die Arkadengänge der Berner Altstadt, strömten, stehen nun still und blicken zu ihm herauf, ohne ihn zu sehen. Denn Martis Arbeitsplatz befindet sich hinter dem Zifferblatt im Innern des fast 800-jährigen Turmes. Dann beginnt ein lautstarkes Gerassel: Seilwinden lösen sich, Metallstäbe fallen auf Zahnräder, die sich zu drehen beginnen. Das Stundenspiel des Zytglogge ist eine der Hauptattraktionen der Bundesstadt.

Markus Marti, gelernter Elektroingenieur, ist Uhrenwächter des Zytglogge. Jeden Tag zieht er oder einer seiner Kollegen eigenhändig die fünf Steingewichte des fast 500-jährigen mechanischen Uhrwerks in die Höhe, damit die Uhr weiterläuft. Das erste Räderwerk wurde 1405 eingebaut. "Damals war die Turmuhr das Aushängeschild einer Stadt und demonstrierte ihr Selbstbewusstsein", sagt Marti. Beides ist in Bern bis heute unversehrt.

Detailansicht der Zytglogge in Bern
© Jon Arnold / AWL Images
Detailansicht der Zytglogge in Bern
1530 vollendete der Waffenschlosser Kaspar Brunner die heutige Monumentaluhr mit ihren fünf Schlagwerken, deren Gestell fast drei Meter hoch und zwei Meter breit ist. Doch erst 1608 erhielt ein Kupferschmied den Auftrag, gut lesbare Zifferblätter für den Zytglogge zu fertigen; zuvor hatten sich die Menschen allein am Klang der Glocke orientiert. Seit Ende des 17. Jahrhunderts wird die Uhr von einer fußballgroßen, schwingenden Eisenkugel als Pendel angetrieben. Nur oben unter der Turmspitze ist es ruhig, man sieht ganz Bern mit seinen graugrünen Sandsteinmauern, dem  Kopfsteinpflaster, den sauberen Dächern und den goldenen Kuppeln des Bundeshauses, Sitz von Regierung und Parlament. Die Altstadt wurde 1983 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt, wie ein Geschenkband windet sich die Aare darum.

Markus Martis wahre Leidenschaft gilt dem historischen Astrolabium gleich über dem Tordurchgang. Diese astronomische Uhr, über 600 Jahre alt, war mit der Zeit vollständig verstellt. "Ich musste den korrekten Lauf der aufgemalten Planeten neu ermitteln." Doch auf Martis Detailtreue achtet kaum jemand, und auch das komplexe technische Schauspiel bleibt hinter dem Zifferblatt verborgen, wenn drei Minuten vor der vollen Stunde ein krähender Hahn das Figurenspiel gleich neben dem Astrolabium ankündigt. Nun marschiert die Bärengarde auf, Symbol der Berner Stadtwache, gefolgt von dem  Narr, der ein paar Minuten zu früh seine Glöckchen schlägt, ehe Chronos, der Herrscher der Zeit, die Sanduhr dreht und zum Schlag der großen Glocke wie zum Mitzählen den Mund öffnet und schließt.

Uhrenwächter Markus Marti
Wenn die staunenden Zuschauer nach dem Figurenspiel wieder in die Altstadtgassen strömen, ahnen sie nicht, dass vielleicht auch sie gerade beobachtet wurden: von Markus Marti, dem Wächter der Zytglogge, der durch sein Fensterchen einen zufriedenen Blick auf die Stadt und ihre Besucher hinunterwirft.

Infos zum Glockenturm "Zytglogge":

Von April bis Oktober gibt es tägliche Führungen durch den Zeitglockenturm. Treffpunkt ist jeweils
um 14.30 Uhr am Turm auf der Kramgass-Seite.
Weitere Termine: www.bern.com
Bilder und Hintergrundinfos zum Zeitglockenturm: www.zeitglockenturm.ch

Autor

Susann Sitzler