Schweiz Heubaden und Schlemmen im Engadin

Bei einer Reise ins Unterengadin im schweizerischen Graubünden fängt der Urlaub bereits auf der Fahrt an. Schon wenige Minuten nach Verlassen des Hauptbahnhofs in Zürich nimmt der Intercity seine Gäste mit auf eine Panoramafahrt um Zürich- und Walensee. Teilweise nur wenige Meter von der spiegelglatten Oberfläche entfernt, werden wir parallel zu den langgezogenen Gewässern in die malerische Landschaft der Schweizer Berge entführt. Über Landquart und Sagliains schlängeln sich die Schienen Richtung Südosten. Der Blick aus dem Fenster bietet Abwechslung - Häuser mit bunt bepflanzten Balkonen auf saftig grünen Hängen weichen im nächsten Moment schroffen und steilen Felswänden, die wiederum von dichten Nadelwäldern abgelöst werden. Ab und zu wird es dunkel, dann ist der Zug der "Rhätischen Bahn" in einen der Tunnel gefahren, die wie ein Schnitt im Film eine Landschafts-"Szene" von der nächsten trennen.

Entspannen beim traditionellen Heubad

Ist man in Zernez angekommen, geht es mit dem Bus weiter, genauer gesagt mit dem Postauto - so nennen die Schweizer ihre Linienbusse. Die Nummer 811 pendelt zwischen dem schweizerischen Zernez und Mals in Südtirol. Ich steige kurz vor der italienischen Grenze aus und befinde mich in Müstair (gesprochen etwa: Müscht-Air) im gleichnamigen Tal. Dort besuche ich ein traditionelles Heubad. Bei dieser alten Heilmethode wird man bis zum Kinn für 20 Minuten in warmes, feuchtes Heu gebettet, das auf einer konstanten Temperatur von 42 Grad Celsius gehalten wird. Umgeben von duftendem Heu und dem ab und zu blubbernden Wasser unter mir, muss ich aufpassen, dass ich vor lauter Entspannung nicht einschlafe. Besonders bei rheumatischen Beschwerden wird das Heubaden empfohlen, ebenso aber bei Ischias, Arthrosen und Hexenschuss. Ist die Zeit um, wird im warmen Ruheraum bei einer Tasse Tee für mindestens eine halbe Stunde nachgeschwitzt.

Der erste Tag endet mit einem grandiosen Abendessen - kochen können die Engadiner, das steht außer Frage. Wer die Bündner Gerstensuppe gekostet hat, möchte nichts anderes mehr essen, es sei denn natürlich, es gibt Capuns. Diese aus Spätzleteig und  Bündnerfleisch bestehenden und mit Mangoldblättern umwickelten Röllchen sind ebenfalls eine Bündner Spezialität und werden zum Beispiel zum Salat gereicht. Beim Frühstück wird der Gaumen weiter verwöhnt: Frisch aufgebrühter Kaffee und warmes, duftendes Brot, das gerade erst den Ofen verlassen hat, bringen auch Morgenmuffel dazu, aus dem Bett zu schweben. Denn an frühes Aufstehen sollte man sich gewöhnen - es gibt viel zu sehen in der Region.

Die "Region", das ist der Zusammenschluss von drei Tälern: Die Ferienregionen um Samnaun, Scuol und Val Müstair. 2011 ist daraus ein Ferienziel entstanden, an dem Gäste aus einer breiten Palette von Unternehmungen schöpfen können. Mehr als 800 Kilometer Bike-Routen und 1500 Kilometer Wanderwege stehen zur Verfügung. Besonders stolz sind die Engadiner auf ihre "Ausgewählten Erlebnisse", die jedes Jahr in einem Heft zusammengefasst werden. Bei einmalig oder regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen nehmen Einheimische interessierte Gäste "an die Hand" und zeigen ihre Heimat. Bei Wildbeobachtungen, Käsereibesichtigungen, Eseltrekking-Touren und zahlreichen weiteren Aktivitäten können Besucher die Region erleben. "Wir wollen unseren Gästen authentische und prägende Erlebnisse bieten, an die sie sich noch lange erinnern", sagt Niculin Meyer, Medienverantwortlicher der Ferienregion Engadin Scuol Samnaun Val Müstair.

Wandern im Schweizerischen Nationalpark

Am zweiten Tag erkunde ich den Schweizerischen Nationalpark, der sich über eine Fläche von 170 Quadratkilometern erstreckt. 1914 gegründet, dient der Park fast seit 100 Jahren dem Schutz der Natur vor menschlichem Einfluss. Das bedeutet, dass Besucher sich an die strikten Regeln des Parks halten müssen, die zum Beispiel das Mitführen von Hunden und das Verlassen der markierten Wanderwege untersagen. Mit dem Postauto erreicht man den Nationalpark von Müstair aus in etwa 20 Minuten. Von den Parkplätzen aus führen mehrere Routen durch die unberührte Natur. Viele davon sind auch für Kinder geeignet, wie die Route 13 zwischen Parkplatz 6 (Il Fuorn) und Parkplatz 1 (Ova Spin). Dieser Weg ist leicht begehbar und nimmt nur etwa zwei Stunden in Anspruch.

Murmeltiere im Schweizerischen Nationalpark
SNP Hans Lozza
Mit etwas Glück sieht man während der Wanderung auch Murmeltiere.
Auch bei weniger gutem Wetter ist eine Tour lohnenswert. Hat es geregnet und die Bergspitzen sind von Wolken und Nebelfeldern umrahmt, bestechen die Wanderwege im Park durch ihre ganz spezielle Magie. Moosbedeckte Baumstämme und Äste flankieren die Wege und auf den grünen Grashalmen ruhen dicke Wassertropfen. Die einzigen Geräusche, die zu hören sind, kommen vom Aufsetzen der Wanderschuhe auf den Weg und irgendwo im Hintergrund plätschert ein Bach. Wer leise ist, wird den Tannenhäher - den Wappenvogel des Nationalparks - in den Bäumen entdecken und mit ein bisschen Glück sind auch ein paar Murmeltiere unterwegs.

Das Nationalparkzentrum in Zernez bietet Informationen zum Schweizerischen Nationalpark in Graubünden.
Anja Haertel
Die interaktive Ausstellung im Nationalparkzentrum bietet auf spielerische Weise interessante Informationen zum Park.
Wer mehr über die heimischen Pflanzen und Tiere erfahren möchte, sollte sich einen Besuch im Nationalparkzentrum in Zernez nicht entgehen lassen. Besonders für Kinder bietet die interaktive Ausstellung großen Spaß und gleichzeitig viele Antworten auf Fragen zum Park. Von Geschichte über Geologie, Flora und Fauna bis hin zur Rolle des Menschen werden alle wichtigen Sachverhalte thematisiert und können auf spielerische Art entdeckt werden. Ob man seinen Fußabdruck neben denen der Dinosaurier hinterlassen oder seine eigene "Flügelspannweite" mit der des Bartgeiers vergleichen möchte - alles ist möglich.

Baden in Mineralwasser

Das viele Ausprobieren und Entdecken im Nationalparkzentrum ist ganz schön anstrengend, da ist die Freude umso größer, als ich am Nachmittag das Engadin Bad in Scuol besuche. Aufgrund seiner Heil- und Mineralwasserquellen ist Scuol ein Kurort. Mehr als 20 Mineralquellen gibt es in der gesamten Region. Wer möchte, kann dem Mineralwasserweg im Ort folgen und aus verschiedenen Brunnen Trinkwasser kosten, das von Natur aus Kohlensäure enthält. 1369 wurden die Quellen erstmals erwähnt, seitdem wird in Scuol eine rege Bäderkultur betrieben. Auch das Wasser im Engadin Bad Scuol wird den Quellen entnommen, sodass die Gäste ein unvergessliches Badeerlebnis genießen können - ob in Solebecken oder Whirlpool. Vom Außenbecken aus hat man eine wunderbare Sicht auf die umliegenden Berge, dazu gibt es plätschernde Wasserfälle und Massagedüsen.

Autor

Anja Haertel