Schweiz Eine Zeitreise durch Lausanne

Die Brücke Charles-Bessières spannt sich in einem weiten Bogen über nachtdunkle Häuser, Gassen und Treppenaufgänge. Über ihren Gehweg kommt ein einsames Licht gelaufen, es sitzt auf der Stirn eines komplett in Schwarz gekleideten Joggers. Er trabt vorbei wie ein Schatten. Die Brücke vibriert, ein Rattern schwillt an, etwas tiefer rast aus dem Loch in einem der steinernen Pfeiler die hell erleuchtete Metro und verschwindet auf der anderen Seite wieder. Die Szene wirkt wie aus einem Science-Fiction-Film.

Gleich nebenan reckt die Kathedrale Notre-Dame ihre mehr als sieben Jahrhunderte alte, gelb angestrahlte Gotik-Pracht ins Dunkel. Über den Vorplatz kommt um Viertel vor zehn ein Herr Mitte 50 gehastet, lässt am Brunnen gegenüber seine Wasserflasche volllaufen und schließt dann den Nebeneingang auf. Der Herr schnauft die 153 Stufen hinauf in den Glockenturm, setzt einen schwarzen Hut auf, hängt sich einen schwarzen Umhang um und wartet, bis Maria Magdalena schweigt. So heißt die mehr als sechseinhalb Tonnen schwere Glocke, die über seiner kleinen, hölzernen Kammer im Turm hängt. Nachdem sie zehnmal geschlagen hat, so laut, dass die Kammer zittert, tritt er hinaus und ruft seiner Stadt zu: "C’est le guet. Il a sonné dix!" - "Hier ist der Türmer. Es hat zehn geschlagen!"

Es ist, als hätte jemand das Programm umgeschaltet, von Science-Fiction auf Historienfilm. In der Hauptstadt des Waadtlandes hat man das Gefühl, von einem Film in den anderen zu geraten, schnell - man muss nur einmal um die Ecke gehen. Geschichte und Moderne stehen hier nicht nur dicht beieinander, sie sind wegen der Hanglage auch übereinandergestapelt, miteinander verschränkt und verschachtelt.

Der Mann im Turm heißt Renato Häusler und ist einer der letzten historischen Wächter in Europa, sein Platz ist seit dem Jahr 1405 besetzt, seit 1880 nur noch nachts. Als die Kathedrale gebaut wurde, war Lausanne noch Bischofssitz und überschaubar, die Häuser waren größtenteils aus Holz gebaut. Der Turmwächter war Feuermelder und auch Zeitansager, und die Lausanner haben ihn so lieb gewonnen, dass die Stadt ihn noch immer bezahlt. Solange er die Treppen hochkommt, möchte Renato Häusler der Türmer sein. "Ich mag das Dunkle, die Atmosphäre, das Panorama", sagt er.

Die Stadt breitet sich unter ihm aus, der Blick geht über drei mit dichtem, dunklem Häuserwald bewachsene Hügel, zwischen denen sich Straßen und Gassen wie Lichtwürmer winden. Einzelne Gebäude ragen wie angestrahlte Gipfel heraus: die ehemalige Klosterkirche Saint-François, neben der Kathedrale eines der wenigen Bauwerke aus dem 13. Jahrhundert, oder der Bel-Air-Turm, der in den 1930er Jahren als erstes Hochhaus der Schweiz galt. Die Zeiten, als Lausanne überschaubar war, sind vorbei, die Stadt hat jetzt fast 130.000 Einwohner, und sie wächst weiter, vor allem immer mehr junge Menschen kommen - aus aller Welt zum Studieren oder aus der Umgebung, um einen draufzumachen.

Lausanne wirkt wie ein Multiplex-Kino, das seine Filmauswahl stetig erweitert. Die Stadt ist ehrgeizig, schon seit Jahrhunderten. Die Kathedrale, in der sich der Türmer seine Nächte um die Ohren schlägt, ist einer der bedeutendsten Gotik-Bauten der Schweiz. Das Internationale Olympische Komitee hat am Seeufer seinen Sitz. Nespresso und Tetra Pak steuern von hier ihre Geschäfte, das Schweizerische Bundesgericht erinnert mit seinem monumentalen Säulenportal an den amerikanischen Supreme Court, und im Hafenviertel Ouchy steht das Hotel "Beau-Rivage Palace", eine der bekanntesten Fünf-Sterne-Adressen der Schweiz.

Ouchy ist das Sonntagsprogramm, das grüne Belle-Époque-Lausanne. Das Licht der Sonne lässt das "C" der großen Wetterfahne am Ende der Mole aufblitzen und die Reflexionen der Wellen auf den Schiffsbäuchen tanzen. Gelegentlich legt einer der rund 100 Jahre alten Raddampfer an oder ab und schäumt dabei das Wasser auf. Radler und Skater ziehen auf der Marina ihre Bahnen, darüber die Möwen. Kinder springen um die Figuren eines begehbaren Schachbretts, und ein paar Meter weiter posieren Familien vor den Skulpturen im Park des Olympischen Museums.

Lausanne hat eine Metro, die führerlos bergauf fährt

Seit 2008 kann man sich von der Marina in zehn Minuten in die Altstadt "zappen", seitdem hat Lausanne eine Metro, die führerlos bergauf fährt. Sie hat die Dynamik der Stadt noch beschleunigt. Ihre Bahnsteige sind zum Teil so schräg, dass die Wartenden wirken, als ständen sie auf Snowboards, ihre Züge überwinden 336 Meter Höhenunterschied und fahren bis hinauf zum Sauvabelin-Park, wo nur noch Wald und Wiesen sind. Schöner kann eine Großstadt nicht liegen, mehr Naturanbindung geht nicht. Wenn man sich Lausanne als Riesen vorstellt, dann lehnt der entspannt am Hang, muss nach links und rechts nur die Arme ausstrecken, um sich die Trauben aus den Weinbaugebieten Lavaux und La Côte zu greifen, seine Füße baumeln im Wasser des Sees, und er blickt auf ein Alpenpanorama, vor dessen Kulisse Himmel und See jeden Tag einen anderen Kitschfilm aufführen.

Mode in Lausanne.
Gregor Lengler
Lausanne bietet Künstlern und Designern Raum für Ideen.
Am besten ist das Romantik-Programm vom Montbenon aus zu sehen, einer Hügelkuppe in der Stadt, auf der vor einem monumentalen Justizpalast ein Skulpturenpark liegt. Viele Lausanner kommen hierher, wenn die Sonne hinter die Alpenkette rutscht. Ein junger Mann mit dunklen Locken und bunter Mütze rast mit seinem Mountainbike heran, springt ab, atmet tief durch und guckt ins Abendrot. "Der Himmel ist jeden Tag anders", sagt er. Dass er in Flammen steht, so wie heute, sei eher selten.

Der Mann kommt aus Ecuador, lebt aber schon seit Jahren hier, er fühle sich wohl in der multikulturellen Stadt, sagt er. Sein Geld verdient er mit dem Austragen von Zeitungen. "Ansonsten jogge ich viel, wir sind ja Olympia-Hauptstadt", sagt er - als ob der Titel "Hauptstadt der Olympischen Bewegung" die Bewohner Lausannes zu Sportlichkeit verpflichte.

Die Frauen von Lausanne haben die schönsten Beine der Schweiz

Manchmal kommt einem die Stadt tatsächlich vor wie eine Sportschau. Wenn man eine der steilen Altstadtgassen hinuntergeht, wird man oft von Skateboardern überholt, wenn man hinaufgeht, von Menschen, die gämsengleich bergauf hasten. Es heißt, die Frauen von Lausanne hätten die schönsten Beine der Schweiz.

Gregor Lengler
Das Restaurant "Le Pur" im Flon-Quartier ist ein angesagter Treffpunkt.
Nirgends laufen so viele davon herum wie gleich unterhalb vom Montbenon, im Flon, dem einstigen Flusstal und heutigen Trendviertel. Und nirgends will Lausanne auf jedem Meter so modern sein. Die alte Lagerhallen-Symmetrie ist geblieben, die meisten Gebäude aber sind neu und großflächig verglast. In den Schaufenstern der Läden "Pomp it up" und "Trophy" stehen die neuesten Turnschuh-Kollektionen, in den Fußgängerzonen stehen futuristische Sitzmöbel aus Beton. Eine Fassade ist mit kissenartigen Membranen gepolstert, die nachts beleuchtet werden. An der Metro-Station transportiert ein verglaster Aufzug die Flanierenden zu einer Fußgängerbrücke. Das Flon wirkt wie ein Filmstudio, es wäre die passende Kulisse einer Vorabendserie.

Francis Rivolta, ein Lausanner Architekt, hat noch eine andere Film-Assoziation: "Ich habe hier immer ein Metropolis-Gefühl", sagt er. "Lausanne erinnert mich an den Fritz-Lang-Film, mit Ober- und Unterstadt." Er deutet auf den Bel-Air-Turm: Von seinem Vorplatz aus hat der Bau 15 Etagen, von hier unten sieht man, dass es noch vier mehr sind, dass er auf einer Seite 14 Meter tiefer abfällt.

Sich mit einem Einheimischen durch Lausanne "zappen"

Francis Rivolta - schwarz gekleidet, schmale schwarze Brille - kennt Lausanne bis in den letzten Winkel. Und gerade diese unbekannten Ecken, von denen es in der Stadt sehr viele zu entdecken gibt, zeigt er gerne auf einer Tour durch sein Metropolis. Im schnellen Lausanner Tempo läuft er los, die Rue Centrale entlang, eine der großen Achsen, biegt links in einen Hinterhof, steigt eine Treppe hinauf, die in den Fels wächst, und landet in einem komplett anderen Viertel aus ruhigen Gassen. Dann macht er einen Bogen in die Rue de Bourg, Lausannes belebte, steile Shoppinggasse, wo sich zwischen allen üblichen internationalen Ketten noch Traditionsgeschäfte gehalten haben: Tabak, Uhren - kurz vor "Blondel", dem traditionellen Schokoladen-Laden, biegt Rivolta wieder ab, läuft über eine Wendeltreppe durch ein Gebäude und landet in einem ehemaligen Armenviertel, wo gerade neue Wohnhäuser entstehen. Wenn ein Ortskundiger das "Zappen" übernimmt, findet man noch interessantere Programme. Und nebenbei entdeckt man eine Menge.

Polytechnische Hochshcule in Lausanne
Gregor Lengler
Das Rolex Learning Center auf dem Campus der Polytechnischen Hochschule.
Wer meint, die Stadt sei klein und ihr Zentrum schnell zu erlaufen, in einem Tag habe er das Wesentliche gesehen, dem sei versichert: Hast du nicht. Lausanne wird spannender, je mehr man zwischen den Programmen springt. Außerdem hat die Stadt nicht nur ein Zentrum, sie wächst Richtung Westen, eine eigene Metro-Linie fährt in diese Richtung und hält allein viermal auf dem riesigen Hochschulgelände, dem größten der Schweiz. Mehr als 12.000 Studenten hat die Université de Lausanne, fast 8000 die École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL). Auf ihrem Gelände läuft man an langen, grauen Gebäuderiegeln vorbei, bis die Straße auf einen großen Platz mündet - und man für einen Moment das Gefühl hat: Das ist jetzt nicht mehr nur ein gefühlter Film, Stanley Kubrick hat die Regie übernommen, wir sind in seiner "Odyssee im Weltraum" gelandet.

Da steht ein Ding, das aussieht wie ein durchgestyltes Ufo, ein Flachbau, der an einigen Stellen leicht gewölbt ist und Löcher hat wie ein Emmentaler. Es ist das Rolex Learning Center, benannt nach einem seiner Sponsoren, erdacht vom japanischen Architekturbüro SANAA, beherbergt es die Bibliothek der EPFL. Aber das Gebäude ist weit mehr als nur eine Bücherei, in seine Cafés und Restaurants kommen auch Besucher, die hier nicht studieren. Im Inneren geht es auf und ab wie in einer Hügellandschaft, Studenten mit schmalen Jeans, Kapuzenpullovern und dicken Kopfhörern sitzen auf weißen Designerstühlen in Sitzecken und Glasboxen - oder in einem Buchladen, der wie ein Museumsshop anmutet. Dieser Bau sagt alles über den Ehrgeiz der Stadt.

Plötzlich steht man vor Beton-Tristesse

An manchen Stellen überhebt Lausanne sich aber auch an den eigenen Ambitionen. Unterhalb der Kathedrale, auf der Place de la Riponne zum Beispiel, guckt man auf ein riesiges Neorenaissance-Palais, vor dessen Portal auf zwei Säulen eine weibliche Sphinx und eine Greifenfigur sitzen - früher Unihauptgebäude, heute Kantons- und Unibibliothek und Heimat von fünf Museen. Dann dreht man sich einmal um und steht plötzlich vor Beton-Tristesse. Ein Bausünden-Sammelsurium so prominent zu platzieren, zeugt von leicht übersteigertem Selbstbewusstsein. Aber Lausanne kann es verkraften. Auf der Treppe vor dem Palais sitzen Touristen und etwas oberhalb, auf einer Terrasse neben dem Palais, trifft sich die Partyszene. Junge Lausanner und Studenten hängen vor der Bar "The Great Escape" ab, sie essen Burger aus Pappschachteln und trinken Bier, an jedem Abend und bis spät in die Nacht.

Wenn man dann kurz vor der vollen Stunde die Treppe noch ein Stückchen weiter nach oben geht, kann man von unten noch Musik und Sprachgewirr aus aller Herren Länder hören - und von oben ertönt erst die Glocke Maria Magdalena, dann die weittragende Stimme des Türmers Renato Häusler. Für einen Moment steht man an einer Schnittstelle der Lausanne-Filme, irgendwo zwischen der Geschichte und der Gegenwart.

Autor

Tinka Dippel

Ausgabe

Genfer See 07/2012