Bern und Berner Oberland Bergbahnen im Berner Oberland

Ohne Schweiß auf hohe Berge? Kein Problem im Berner Oberland. Zahlreiche Bergbahnen bringen die Gäste auf Schienen und an Seilen zum Panorama. Schon im 19. Jahrhundert eroberten findige Pioniere hier die ersten Gipfel.

Die Luft ist dünn, aber der Blick auf Gletscher und Gipfel bleibt unvergesslich. Nur Einsamkeit findet man inmitten überwältigender Natur keine: Über 800 000 Passagiere zuckeln jedes Jahr im eng bestuhlten Züglein die neun Zahnrad-Kilometer von der Kleinen Scheidegg zum höchsten Bahnhof Europas auf dem Grat zwischen Eiger und Jungfrau. Der Zug ist die Visitenkarte der Ingenieursschweiz. Und der Andrang nimmt weiter zu. Der indische Reiseführer Ritesh Gujar war schon 120 Mal oben. "Das ganze Land liebt die in der Schweiz gedrehten Bollywoodfilme", schwärmt er. "Die Kuhglocke ist unser Symbol der Liebe, das Jungfraujoch der Berg aller Berge." Gujar begleitet indische Reisebüro-Vertreter. Sie landen in Paris und fahren bald weiter: Titlis,  Jungfraujoch, Zürich, Venedig, Florenz, Rom – zehn Tage Europa für umgerechnet 3000 Euro. Zehntausende Inder buchen das jedes Jahr.

Chinesen, Japaner, Koreaner; drei Viertel der Besucher auf dem Jungfraujoch kommen aus Asien. Hier oben treffen sie auf eine Schokoladen-Erlebniswelt und auf Landsleute, die ihnen Schweizer Uhren für 40 000 Franken anbieten. An Spitzentagen drängen sich 5000 Gäste auf mehreren Ebenen in Restaurants und auf Terrassen, von denen aus sie den Hauptgrund des Trubels genießen: das Alpenpanorama im gleißenden Licht, die zeitlose Ruhe der Gletscher.

Zweites Standbein der Marke Jungfrau ist der technische Pioniergeist. Für die Bahn wurde ein 7,56 Kilometer langer Tunnel gegraben, unterwegs blickt man durch in die Eigerwand gehauene Fenster in die Weite. Zum 100. Jubiläum errichtete die Bahngesellschaft ein Multimedia-Denkmal für Adolf Guyer-Zeller: Der Industrielle kam 1893 bei einer Wanderung in der Region auf die Idee der Jungfraubahn. Nun thront er als halbnackter Heros auf einer Platte, die zu psychedelischen Klängen vibriert, während eine unsichtbare Hand die Streckenführung mit Glutstrichen an die Wand malt.
Drittes Jungfrau-Markenzeichen: tödliche Reinheit. Außer Bergdohlen und Flechten gibt es hier kaum Leben. Dafür eine Forschungsstation, an der kein Klimaspezialist vorbeikommt. Wirft ein spanisches Spital Röntgenmaterial in den Müll, erfasst das Jungfraujoch die Radioaktivität und ortet die Quelle. "Wir identifizieren ein einziges Molekül unter 10 Milliarden", sagt Betriebsleiter Martin Fischer. Gaschromatografen messen Methan und Lachgas; Treibhauseffekt und Klimaerwärmung verfestigen sich zu Datenreihen. Fischer: "Als ich vor 13 Jahren hier anfing, regnete es kaum. Heute regnet es regelmäßig."

Die Wärme ist die Feindin des Jungfraujochs. Sie bringt nicht nur die Pinguine im Eispalast zum Schmelzen, sie nagt auch am Fundament der Bahn. Zugführer berichten von Bröckelgestein im Tunnel: Das Schmelzwasser des Tages gefriert im Frühling und Herbst nachts in den Ritzen und sprengt den Fels. Ein stetes Aufräumen und Flicken ist nötig, damit sich die Natur den Berg nicht zurückholt. Wenn sich abends auf der Kleinen Scheidegg die Wagen leeren, eilen die Gäste zu den Anschlusszügen ins Tal. Wie kann es sein, dass sich die Leute selbst hier oben keine Zeit lassen und das Nostalgie-Hotel "Bellevue des Alpes" links liegen lassen, um es planmäßig nach Neuschwanstein zu schaffen? Sie sammeln eben Trophäen und erkennen das Wesen des Glücks: Man kann es nur auf Zeit erobern.

Autor

Martin Helg