Schweden Zum Königsschloss in Stockholm

"Det sa bara klick!", sagt der König über seine erste Begegnung mit Silvia. Das klingt gut und heißt: "Da hat es einfach gefunkt." Bei den Olympischen Spielen in München 1972 ist Silvia Sommerlath eine der zehn Chefhostessen. In dem 1997 für den Privatsender TV4 produzierten Film "Königin Silvia - ihre eigene Erzählung" sagt die Monarchin bei einem Besuch des Olympiastadions in München zu ihrer Tochter Victoria: "Ich erinnere mich noch sehr gut an den 26. August 1972. Es war drei Uhr nachmittags. Da begann die Eröffnungsveranstaltung. Ich war auf dem Weg zu meinem Platz und hielt plötzlich inne. Jemand betrachtete mich. Als ich mich umdrehte, saß da Papa und schaute mich durch ein Fernglas an. Wir waren nur zwei Meter voneinander entfernt." Die Romanze beginnt.

Mit ihrer Heirat im Sommer 1976 wird die bürgerliche Silvia Sommerlath Königin von Schweden - Sveriges Drottning. Silvia ist nicht die erste deutsche, die einen schwedischen König heiratet, aber sie ist die erste Nichtadelige, die zudem auch außereuropäische Wurzeln hat: Ihre Mutter Alice stammt aus Brasilien. Ihr Vater Walther Sommerlath war 1919 nach Südamerika ausgewandert. Am Strand von Copacabana in Rio de Janeiro lernte er 1924 die 17-jährige Alice de Toledo kennen, deren Eltern eine Kaffeeplantage besaßen. Ende der 1930er-Jahre zog die Familie nach Deutschland, erst nach Völklingen ins Saarland, später nach Berlin, wo Walther Sommerlath im Jahr 1939 vom jüdischen Besitzer Efim Wechsler die Metallwaren- und Apparatefabrik "Wechsler & Hennig" übernahm. Walther schickte seine Familie in seine Heimatstadt Heidelberg, um sie vor den Bombenangriffen auf Berlin zu schützen. Dort kam 1943 Tochter Silvia zur Welt.

Die Fabrik in Berlin liegt in Trümmern. Walther sucht erneut sein Glück in Brasilien. Von 1947 bis 1957 leben die Sommerlaths in Sao Paulo. Nach der Rückkehr aus Brasilien legt Silvia in Düsseldorf das Abitur ab und besucht in München die Dolmetscherschule. Ab 1970 und bis zu ihrer Verlobung mit Carl XVI Gustaf arbeitet sie für das Internationale Olympische Komitee. Damit wird Silvia die erste schwedische Königin, die einer normalen Berufstätigkeit nachgegangen ist.

Der Weg zum Traualtar ist frei

Seit es in München zwischen der Olympiahostess und dem Kronprinzen gefunkt hat, wird in den Medien über eine Traumhochzeit spekuliert. Doch das ist für Carl Gustaf nicht so einfach: Nach schwedischem Recht darf er als Kronprinz nun mal keine Bürgerliche heiraten. Und wenn doch, müsste er auf seinen Rang in der Thronfolge verzichten. Ist es das Carl Gustaf wert? Da stirbt im September 1973 sein Großvater, König Gustaf VI Adolf, und Carl XVI Gustaf tritt seine Nachfolge an. Und weil jenes Gesetz zwar für Kronprinzen, nicht aber für Monarchen gilt, ist jetzt der Weg zum Traualtar frei.

 

Königsschloss in Stockholm.
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Blick auf den Königspalast, wo Silvia und Carl Gustaf täglich ihren Aufgaben nachgehen.

Der Trautermin ist auf den 19. Juni 1976 festgelegt. Auch Silvias Tochter, die Kronprinzessin Victoria, wird Daniel Westling an einem 19. Juni ehelichen. Die Feierlichkeiten im Jahr 1976 beginnen bereits am Vortag mit einem Empfang im Stadshuset und einer vom Fernsehen übertragenen Galavorstellung in der Oper. Die Popgruppe "ABBA" spielt den Hit "Dancing Queen". Anschließend wird beim Ball auf Schloss Drottningholm bis vier Uhr morgens getanzt.

Millionen verfolgen die Hochzeit im Fernsehen. Die Straßen Stockholms werden von über 100.000 Schaulustigen gesäumt. Bei strahlendem Sonnenschein fährt die offene Kutsche den Slottsbacken hinunter, über die Strömbron nach Skeppsholmen. Dort steigt das Paar in die Schaluppe "Vasaorden" um und kehrt über das Wasser - wie 34 Jahre später Kronprinzessin Victoria und Prinz Daniel - zum Schloss zurück.

 

Kungsträdgården in Stockholm
Mona Loose/imagebank.sweden.se
Kirschblüte im Kungsträdgården.

Das junge Paar zieht im nordöstlichen Flügel des Kungliga slottet 18 mit Blick auf den Kungsträdgården ein. Fünf Jahre später tun sie es allen schwedischen Familien gleich: Sie ziehen aus der Stadt aufs Land, um den Kindern ein geruhsames, ländliches Umfeld zu bieten. Königin und König behalten im Schloss ein Büro. Im Unterschied zu den Durchschnittsschweden, die nach "Villa, Volvo, Vovve" (Villa, Volvo, Wauwau) streben, ziehen Silvia und Carl Gustaf nicht in eine Villa, sondern ins Schloss Drottningholm.

Das Barockschloss seit 1991 Uneco-Weltkulturerbe

Der Südflügel wird für ihre Bedürfnisse umgebaut. Der Stensalen (Steinsaal) ist ihr Wohnzimmer; er war im 17. Jahrhundert Speisezimmer von Hedvig Eleonora und befindet sich unter dem rikssalen (Reichssaal). Ein Schmuckstück des Saals ist die delfter Gobelinsuite "die englische Jagd", die Königin Kristina 1650 als Krönungsgeschenk erhielt. Das von jahrhundertealten Laubbäumen umgebene Barockschloss, seit 1991 Unesco-Weltkulturerbe, liegt auf der Mälareninsel Lovön und ist über den Drottningholmsvägen erreichbar; er führt von Kungsholmen aus Richtung Westen durch die Villenvororte Bromma und Nockeby. Zum Schloss gelangt man aber auch vom Stadshuset aus mit dem Ausflugsdampfer.

 

Scheden feiern ihren Nationalfeiertag in Stockholm.
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Seit 1983 its der 6. Juni in Schweden Nationalfeiertag.

Ein gutes Jahr nach der Hochzeit kommt im Karolinska Sjukhuset in Solna das erste Kind des Königspaares zur Welt, Victoria, die Herzogin von Västergötland. Als erste schwedische Prinzessin wird sie nicht in einem Schloss geboren. Die Regierung schlägt nun vor, die männliche Thronfolge abzuschaffen. König Carl Gustaf hat vier ältere Schwestern, die Haga-Prinzessinnen genannt werden, weil sie mit ihm im Haga slott (Haga Schloss) aufgewachsen sind. Er hat also von der männlichen Thronfolge profitiert. Die Verfassungsänderung zieht sich hin. Als der zwei Jahre nach Victoria geborene Carl Philip getauft wird, liegt die Kronprinzenkrone neben der Wiege, bei seiner Geburt wird von Kastellholmen der Kronprinzensalut geschossen. Drei Monate nach der Geburt von Carl Philip wird die Thronfolge retroaktiv geändert. 1982 kommt das Nesthäkchen Madeleine in Drottningholm zur Welt. Das Königspaar bemüht sich, seinen Kindern eine so normale Kindheit wie möglich zu bieten. Victoria besucht die Grundschule auf Ekerö.

Silvia und Carl XVI Gustaf geben auf dem Schloss Galadiners

Die Jahre gehen ins Land: Herbst, Winter und Frühling auf Drottningholm, die Sommermonate auf Schloss Solliden auf Öland. Hier wird jedes Jahr auf dem Sportplatz von Borgholm der Geburtstag der Kronprinzessin, Victoriadagen, begangen. Silvia und Carl XVI Gustaf geben auf dem Schloss Galadiners für ausländische Staatsoberhäupter und sind am 10. Dezember mit ihren Kindern der strahlende Mittelpunkt der Feierlichkeiten zur Nobelpreisverleihung. Im Winter fährt man in die von Prinz Bertil geerbte Villa nach Saint-Tropez.

Die Idylle wird vom permanenten Interesse der Klatschjournalisten getrübt, die sich für die zeitweiligen amouren der Königskinder - und die vermeintlichen von Carl XVI Gustaf - interessieren. Im Jahr 2010 erscheint das Skandalbuch "der widerwillige Monarch" des Journalisten Thomas Sjöberg. Es enthält allerdings substanziell nichts Neues. Seit Carl Gustaf das Internat in Sigtuna besucht hat, pflegt er einen zweifelhaften Umgang. Vor seiner Hochzeit, aber auch noch während der Olympiade in Atlanta, hat er Nachtclubs und Striplokale aufgesucht. Und er soll Kontakte zu Prostituierten gehabt haben. Bei einer Pressekonferenz erklärt der König, er wolle diese Seite umblättern und das Ganze hinter sich lassen. Viele halten das für ein Eingeständnis dessen, was im Buch unterstellt wird.

Der Hof wirkt hilflos. Glücklicherweise kann die Hochzeit der Kronprinzessin mit ihrem Personal Trainer Daniel Westling gefeiert werden, obwohl sich Carl Gustaf jahrelang dieser Verbindung widersetzt hat. Als schließlich im Sommer 2012 Victorias Tochter, die kleine Estelle, zur Welt kommt, ist die heile Welt des Königshauses wieder in Ordnung. Zumindest vorerst.

Doch das Köngisschloss ist nur ein Teil von Stockholm. Sehen Sie die schönsten Seiten der schwedischen Hauptstadt in unserer Fotogalerie.

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Die Geschichte ist ein Auszug aus dem Buch "Stockholm - Eine Stadt in Biographien", erschienen in der Reihe MERIANporträts. Autor Holger Wolandt führt auf den Spuren 20 prominenter Persönlichkeiten durch die schwedische Hauptstadt. Dazu gibt es konkrete Adressen und eine Karte zur Orientierung. 

Weitere MERIANporträts gibt es für Barcelona, Berlin, London, München, New York, Paris, Prag, Rom, Venedig, Zürich, Dublin, Hamburg, St. Petersburg, San Francisco und Wien.

Autor

Holger Wolandt