Schweden Stockholms verschwundener Stadtteil Klara

Stockholms zentraler Punkt heißt Sergels Torg. Torg bedeutet Platz, aber nach einem Platz als Lebensmittelpunkt einer Stadtbevölkerung werden Sie vergeblich Ausschau halten. Was Sie vor sich haben, ist die schwerste architektonische Sünde des modernen Schweden, begangen in den sechziger Jahren. Oben - die Autos. Darunter, auf der sogenannten "Platte" und in Tunnelgängen - die Menschen.

Das heutige Stockholm tut sich schwer mit innovativen Bauprojekten und Stadterneuerungsplänen. Schuld daran ist die missglückte Citysanierung, die in den sechziger und siebziger Jahren das durch Jahrhunderte gewachsene Stadtzentrum ausradierte und durch seelenlose Verkehrsbauwerke und Beton-Stahl-Konstruktionen ersetzte. "Von deprimierender Gewöhnlichkeit" findet Peter Cook, der Mitgründer der legendären avantgardistischen Archigram-Gruppe, die gegenwärtige schwedische Architektur. Schweden genehmige sich überhaupt keine spektakulären Architekturerlebnisse mehr.

Die Leute von YIMBY (Yes In My Back Yard!), einem politisch unabhängigen Architekten-Netzwerk, setzen sich vergeblich für eine Verdichtung der Stadt, für urbane Hochhausbauten und die Rekonstruktion des Straßenbahnnetzes ein. Die verkorkste großflächige Erneuerung, die den Stadtteil Klara, das desolate, aber dicht bevölkerte Herz Stockholms, auslöschte, habe zu einer Mentalität des Bewahrens um jeden Preis geführt und stigmatisiere nun Architekten und Politiker.

Wer heute mit innovativen Ideen kommt, dem werden ohne Zögern die alten Verfehlungen entgegengehalten. Auch jüngere Stockholmer reagieren auf die Erwähnung von "Gamla Klara", dem alten Klara- Viertel, das sie ja nur noch aus mehr oder weniger idyllisierenden Erzählungen kennen, mit Emotionen. Die Abneigung der meisten Stockholmer gegen die heutige blutleere City fußt freilich auf eigener Erfahrung - sowie auf dem neidischen Blick auf andere, weniger radikal erneuerte europäische Metropolen.

Nachdem am 7. Mai 1945 Zehntausende Stockholmer auf der Paradestraße Kungsgatan fähnchenschwingend - und weit weg vom Schuss - das Kriegsende mitgefeiert hatten, erfasste ein unbändiger Zukunftswind die schwedische Politik. Nichts schien unmöglich. Überzeugt von der uneingeschränkten Schöpfungskraft und Macht der Politik, summierten die tonangebenden Sozialdemokraten ihre Erfahrungen der Kriegsjahre zu der Erkenntnis, dass Planwirtschaft durchaus erfolgreich sein könne. Umfassende staatliche Regulierungen hatten ja wesentlich dazu beigetragen, dass die Bürger im folkhem, dem neutralen schwedischen "Volksheim", abseits des Weltkriegs recht bequem und ohne extreme Entbehrungen überwintern konnten. In der Vision der kollektivistischen Gemeinschaft hatten Politik und Planung das Sagen, nicht Wirtschaft und Gewinnstreben.

Klar, dass die ideologische Komponente dieser modernen Gesellschaft nicht ohne modernes Umfeld und eine neue Bausymbolik auskommen konnte. Rasch fiel deshalb der Blick der Stockholmer Politiker auf das zum Arme-Leute-Viertel verkommene Stadtzentrum. 1945 beschloss der Stockholmer Gemeinderat umgehend die Generalsanierung. Ab 1952 und bis in die siebziger Jahre hinein wurden über 40 Häuserviertel ausradiert, 350 Gebäude abgerissen. Eine zwar sanierungsbedürftige, aber abwechslungsreiche Baumasse aus drei Jahrhunderten verschwand.

Die zahlreichen Erzählungen schildern unverkennbares Großstadtmilieu. Vielfalt, Details, Zufälligkeiten. Armut und Luxus, Tristesse und High Life, Stille und Hektik dicht nebeneinander. Wo heute, umgeben von breiten Verkehrsadern und plattenbelegten Fußgängerzonen, die Einkaufsgalerien und ewiggleichen Shops internationaler Ladenketten und Bürohochhäuser ihre langen Schatten werfen, bestand das Wirtschaftsleben von Gamla Klara aus Handwerkern und Kleingewerblern. Zinn- und Schriftgießereien, Korbflechter, Briefmarkenläden, Lebensmittel- und Tierhandlungen.

Schmutzige Fassaden blätterten in engen Gassen ab, in denen die Busse ständig stecken blieben, weil Lieferwagen be- oder entladen wurden. Es gab Bierkneipen, kleine Hotels und zahlreiche Etablissements für die Rotlicht-Klientel. Das ungeplante Gewirr lockte Bohemiens und Künstler an. Und das Stockholmer Pendant zur Londoner Fleet Street lag hier mitten drin an der Pulsader der Hauptstadt: die Redaktionen und Rotationsmaschinen der Tageszeitungen.

Für die Bewohner des Klara-Viertels hatten jedoch funktionalistisch orientierte Architekten und Planer bereits Vororte mit modernem Wohnstandard in Vorbereitung. Fast zeitgleich auch setzte die Baubranche zu ihrem großen Sprung an, der vom zeitraubenden handwerklichen Bauen hinführte zur Industriebauweise mit vorfabrizierten Fertigteilen. Von den Politikern wurde die Massenfabrikation von Wohnhäusern forciert. Großprojekte mit mehr als tausend Wohnungen in Form identischer Bauelemente erhielten in der öffentlichen Kreditförderung den Vorrang. Industrie, Architekten und Politiker konnten sich, für sie alle gewinnbringend, auf eine gemeinsame Devise einigen: je größer das Projekt, desto größer der Fortschritt.

Proteste gegen den Abriss des Stadtzentrums gab es praktisch keine. Dabei stammte der Baubestand von Gamla Klara zu großen Teilen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, wo sich die Einwohnerschaft hauptsächlich aus Adel, Großbürgern, hohen Beamten und Akademikern in entsprechend herrschaftlichen Häusern und Palais zusammensetzte. Unwidersprochen konnte aber Bürgermeister Hjalmar Mehr die offiziell zur "Innenstadtregulierung" verniedlichte Megaoperation eine "kultur- und denkmalschützerisch ungewöhnlich schmerzlose Umgestaltung" nennen. Offenbar hatte er den Zeitgeist auf seiner Seite.

Dass die städtischen Sanierungspläne, die eigentlich noch wesentlich weitergingen und sich bis an den Rand des noblen Stadtteils Östermalm erstreckten, schließlich gestoppt werden mussten, ist in erster Linie jenen Aktivisten zu verdanken, die im Mai 1971 in einer handgreiflichen Aktion zivilen Ungehorsams das geplante Umsägen von zwölf Ulmen in Kungsträdgården verhinderten. Die Bäume sollten weg, weil dort der Bau einer U-Bahn-Station und einer unterirdischen Einkaufszone geplant war. Als die Polizei gegen die Umweltschutzpioniere gewaltsam vorging, brauste unter den Stockholmern eine Welle allgemeinen Unmuts auf, die sich rasch gegen die gesamte Citysanierung wendete, mit deren charakterlosen Resultaten man bereits notdürftig leben gelernt hatte. Bis hierher und nicht weiter! Bürgermeister Mehr trat zurück, die Citysanierung wurde gestoppt. Dass die fast ausschließlich konservativ wählenden Bewohner von Östermalm bis heute von der Betonierwut weitgehend verschont geblieben sind, haben sie also in erster Linie der linken Achtundsechziger-Bewegung zu verdanken.

Stadterneuerer wie die YIMBY-Gruppe haben es also schwer und spektakuläre Bauprojekte in Stockholm heute fast ausschließlich in privater Regie eine Chance auf Verwirklichung. Aber! Haben sich unsere vitalen Vollblutstädte nicht ursprünglich eher aus menschlichen Bedürfnissen heraus quasi selbst entwickelt als über die Reißbretter der Stadtplaner?

Schlagworte:
Autor:
Wolfgang Matl