Stockholm Die schwedische Insel Landsort

"Stopp!" Ein Passagier zeigt aufgeregt zurück zur Kaimauer. Er hat dort seine Thermoskanne vergessen und die kanelbullar, die für jeden Schweden unverzichtbaren klebrigen Zimtschnecken. Prompt kehrt die rotweiße Fähre "Tuva" um. Für Kapitän Lasse eine Selbstverständlichkeit. Was zählt da ein Fahrplan? Mit fröhlichem Hupen bahnt sich die "Tuva" danach ihren Weg ins offene Meer. Klippen, Leucht- und Holzbaken ziehen vorüber, zum Greifen nah. Ziel ist die Insel Landsort, der südlichste Außenposten in der Stockholmer Schärenwelt mit ihren 24.000 Inseln.

Knapp zwei Stunden liegt Landsort von Stockholm entfernt. Eine kurze Reise, die einen weit weg bringt. Weit weg von Autolärm, Stress und Alltag. Vor Landsort angekommen, lässt Lasse das Boot nur Zentimeter am Felsen vorbei routiniert in einen geschützt liegenden Naturhafen hineingleiten. Und die Passagiere steigen mitten in das Bild der schwedischen Schären ein, das viel schöner ist als das Klischee. Die Häuser sind wahre Puppenstuben, bunt liegen sie aneinander geschmiegt. Dazwischen stehen verstreut alte Leuchtbaken. Boote dümpeln im Hafen vor sich hin. Das Wasser plätschert glucksend auf die Klippen. Es duftet nach Sommer.

Die Ankunft der Fähre bringt Leben in diese Beschaulichkeit. Überall hört man klappernde träskor, die schwedischen Holzschuhe, und die Ankömmlinge werden mit einem herzlichen "hej!" begrüßt. Nur 25 Menschen leben auf dieser vier Kilometer langen und an ihrer schmalsten Stelle 250 Meter breiten Insel. Unter ihnen seit 21 Jahren auch Ole, ein deutscher Künstler. Hierher zu ziehen war "eine schwere, aber gute Entscheidung". Schwer wegen der Einsamkeit, gut wegen der einzigartigen Schönheit von Landsort. Heute liebt der 56-Jährige die Abgeschiedenheit. "Ich kann den Frieden und die Ruhe nicht nur spüren, sondern auch schmecken, riechen, anfassen." Ole wohnt allein in der früheren Schule, das Klassenzimmer ist sein Atelier. Von hier aus hat er einen wunderbaren Blick auf Schwedens ältesten Leuchtturm, das Wahrzeichen der Insel. Nachts schickt der rotweiße Turm sein weißes Licht rhythmisch aufs Meer hinaus - einmal lang, viermal kurz.

Neben dem Leuchtturm thronen Kanonen und Geschütze auf den Klippen. Noch bis Ende der neunziger Jahre war Landsort militärisches Sperrgebiet. Fotografieren war nicht erlaubt und Ausländern der Zutritt verboten. Der Lüneburger Ole musste Schwede werden, um hierher ziehen zu können. Doch heute empfängt Öja, wie die Insel auf der Seekarte heißt, jeden mit offenen Armen. Die alten Militärbaracken hat die auf Landsort aufgewachsene Ann als gemütliche Wanderherberge eingerichtet. Jetzt holt sie mit ihrem Hund ihre Gäste im Hafen ab und bringt sie zu den kleinen rotbraunen Holzhäusern mit den Namen "Oberst", "Soldat" oder "Kapitän". Man schläft am Fuße des Leuchtturms. Ann ist nach wie vor von seiner Mächtigkeit fasziniert. In ihrem gemütlichen engen Keramikladen "Sjöpricken" verkauft sie den Turm als Gemälde, auf Servietten, Tabletts oder Tassen. Doch auch ihre eigenen Töpfereien und die Schnitzereien ihres Mannes Lennart, der als Schreiner die Häuser auf Landsort in Schuss hält, stehen in den Holzregalen.

Vor Anns Geschäft hängen die Briefkästen der Einwohner von Landsort. Barbro braucht mindestens eine halbe Stunde, um ihre Post zu holen, obwohl der Briefkasten nur eine Minute von ihrem Haus entfernt ist. Man trifft sich gern zum Plausch. "Wir reden über wetterfeste Hausfarben oder über das Wetter selbst, hier auf Landsort ist das kein Smalltalk." Die Reichstagsabgeordnete wohnt in Stockholm, doch Landsort ist ihr "zweites Wohnzimmer" geworden. In den vierziger Jahren verbrachte sie mit ihren Eltern jeden Sommer hier. Als sie mit ihrem deutschen Kindermädchen und ausländischen Freunden nicht mehr ins Sperrgebiet konnte, gab sie das Haus auf. Das Herz der 75-Jährigen aber war auf Landsort hängen geblieben. 1986 kaufte sie das Elternhaus zurück. "Das war wie ein Sechser im Lotto, denn hier steht ganz selten ein Haus zum Verkauf", erzählt Barbro, "der Reiz von Landsort sind die Einfachheit und die berauschende Natur." Und wenn Barbro bäuchlings mit ihren Enkeln zum Fischen auf dem Holzsteg liegt, ist die Welt für sie in Ordnung.

In diese Welt gehört auch Ingrid, mit der Barbro seit 73 Jahren befreundet ist. "Lebenslange Freundschaften zeichnen uns hier auf der Insel aus", betonen beide. Ingrid bietet im alten Lotsenturm fünf Zimmer mit meilenweiter Aussicht an. Wie ein erhobener Zeigefinger steht dieser Bau aus den Sechzigern auf einer Bergklippe. So hässlich, dass er wieder schön ist. Man wacht morgens mit dem grandiosen Ausblick über die Schären zur einen und das offene Meer zur anderen Seite auf. Ingrid lebt in fünfter Generation auf Landsort."Welch' Glück, dass ich hier geboren bin! Und ich habe noch immer ein Wow-Gefühl."

Ihr Mann Roland, den sie vor 55 Jahren kennen lernte, war für sie sofort reif für die Insel. Geheiratet wurde in der kleinen weißen Holzkirche. Auch heute steuern viele Paare vom Festland hier gern in den Hafen der Ehe. Weiße Bräute auf den Klippen sind für die Insulaner ein vertrauter Anblick, für die Besucher ein märchenhaftes Bild. Einige Paare feiern später den Hochzeitstag auf Landsort, "so manch vertrockneter Herzmuskel lässt sich hier wiederbeleben!", weiß Roland. "Nicht nur die Zeit, auch Landsort heilt Wunden", hat ein Besucher ins Gästebuch, das in der Kirche liegt, geschrieben.

Landsort gleicht keiner anderen Insel in der Stockholmer Schärenwelt. Das ganze Eiland ist seit 1985 Naturschutzgebiet. In der Mitte verläuft ein schmaler Waldstreifen. Rechts und links liegen Klippen, jeder findet seinen eigenen Platz zum Sonnen oder Herumklettern. Mehr als zwei Personen auf einer Klippe zählen als Menschenauflauf. Es herrscht eine Stille, die zu hören ist. Da nimmt man die flatternden Flügel eines Vogels ganz anders wahr, die schwedische Fahne, die sich im Wind räkelt und das Boot, das geruhsam am Vertäuungsseil schaukelt. Ole liebt es, die Insel auf den sonnengewärmten Klippen am Wasser zu umrunden. Drei Stunden ist er dann unterwegs, die Weite hat es ihm angetan, "um Gedankenmüll zu entleeren oder einfach Löcher in die Luft zu schauen". In den Klippen versteckt liegt die "Quelle der Hölle", ein in der Eiszeit durch Erosion entstandener Riesenkessel, der mit zwei Metern Durchmesser und fünf Metern Tiefe zu den größten des Nordens gehört. Der Sage nach wohnte der Teufel in diesem Felsloch. Erst 1908 trauten sich Archäologen in die Tiefe und fanden dort Münzen aus dem 15. Jahrhundert.

Täglich ein meditatives Naturerlebnis

Für den einzigen Weg von Süd nach Nord in der Mitte der Insel braucht man nur eine halbe Stunde. Unterwegs stößt man auf ein Stein-Labyrinth, das nach einem 3000 Jahre alten Muster angelegt ist. Fischer früherer Zeiten, die die spiralförmig angeordneten magischen Steine abliefen, waren gegen die Gefahren des Meeres geschützt und kamen mit vollem Netz sicher in den Hafen zurück. Dieser Zauber wirkt immer noch, denn die Gefriertruhen auf Landsort sind voller frischer Fische, und darauf sind die Einheimischen auch angewiesen. Es gibt nur einen Tante-Emma-Laden für die nötigsten Lebensmittel. Im einzigen Inselrestaurant, das eher ein Wohnzimmer ist, bieten Ingrid und Roland selbst gefangenen frischen Fisch und hausgemachtes Eis an. Oft leisten sie ihren Besuchern Gesellschaft, um über Gott und Landsort zu plaudern. Man fühlt sich nicht als zahlender, sondern als persönlicher Gast.

2008 gab es ein Jubiläum zu feiern. Seit 15 Jahren wird Landsort im Sommer drei Monate lang zur Open-Air-Galerie. Ohne Wände, mit dem Himmel als Dach, dem Horizont als Hintergrund. Der ehemalige Theaterchef Arthur ist stolz auf seine Ausstellungsidee. Als Kulturlotse der Insel ist er den ganzen Winter auf der Jagd nach außergewöhnlichen Skulpturen. Sein Freund Lennart und er scheuen keine Mühe, Kunstwerke mit dem Boot auf die Insel zu schleppen. Über 230 Objekte haben sie bisher transportiert. Mit meisterhaftem Gespür für Licht, Wind und Wasser platzieren sie die zum Teil meterhohen Werke aus Stahl, Bronze oder Stein in der Natur. Manchmal kämpfen sie stundenlang um den richtigen Standort. Da geht es um Zentimeter, um die Skulptur ins richtige Licht zu rücken. Landsort ist die einzige bewohnte Insel in den Stockholmer Schären, auf der man am selben Standort den Sonnenaufgang und den Sonnenuntergang erleben kann."Wir geben den Menschen nicht das, von dem wir glauben, dass sie es haben wollen, sondern wir möchten, dass sie überrascht sind, dass wir ihnen genau das gegeben haben, was sie wollten". Arthur ist um weise Sprüche nie verlegen: "Hier auf Landsort führt die Aussicht zur Einsicht!"

Auch Ole stellt seine Kunstwerke aus. Er bringt in ihnen Begegnungen von Mensch, Tier und Natur zum Ausdruck. Seine "Wächterin", eine schwarze Holzbake, steht auf der Klippe im Hafen auf Posten. Denn Landsort liegt direkt an der internationalen Fahrtroute der großen Schiffe. Viele Wracks auf dem Meeresboden vor der Insel zeugen davon, dass das Gewässer hier gefährlich ist. "Tuva"-Kapitän Lasse arbeitet auch als Bootsfahrer für die Lotsen, die inzwischen alle auf dem Festland wohnen. Bis zu 20 Mal täglich macht er das schnelle orangefarbene Lotsenboot klar, damit Fähren, Kreuzfahrt- und Frachtschiffe sicher durch die Schärenwelt geleitet werden können. Doch nicht nur tückische Untiefen, sondern auch die tiefste Stelle der Ostsee - 459 Meter - befindet sich südlich von Landsort. Von seinem Haus am Hafen hat Lasse nur 15 Sekunden zu seinem Arbeitsplatz. Anders als seine Frau Lena, die vor 22 Jahren zu ihm auf diesen Außenposten zog und seitdem jeden Tag über das Wasser zur Arbeit als technische Zeichnerin aufs Festland pendelt. "Statt im Stau zu stehen, habe ich täglich ein meditatives Naturerlebnis". Bisher konnte sie bei schlechtem Wetter nur dreimal nicht fahren.

Das Meer bestimmt den Alltag und die Bewegungsfreiheit der Bewohner. Mal schwappt die tosende Ostsee bei Windstärke 9 bis ins Wohnzimmer, mal ist sie spiegelblank wie ein Stillleben. Lena hat diese Kontraste lieben gelernt. Ihre zwei Töchter, die 14-jährige Elin, jüngste Bewohnerin der Insel, und die 17-jährige Sofie, sind die einzigen schulpflichtigen Inselkinder. Die Schule wurde 1983 geschlossen. Daher fahren sie jeden Tag mit dem Boot zur Schule, morgens um sechs hin und abends um fünf zurück. Freunde vom Festland beneiden sie um ihr Inselleben und übernachten gern bei ihnen.

Glückliche Gesichter auch bei Vogelliebhabern. Zugvögel machen hier Rast auf ihrer Reise vom Nahen Osten bis in den Hohen Norden. Auf Landsort befindet sich die einzige Vogelstation der Stockholmer Schären, bis zu 8000 Vögel werden jährlich beringt. Stefan und seine Tochter Sandra sind begeistert. 51 Arten haben sie heute gesichtet, darunter einen seltenen Vogel aus Bulgarien. Vater und Tochter sind Tagesgäste, wer länger bleibt, spürt schnell die Zufriedenheit und das Zusammengehörigkeitsgefühl auf einer kleinen Insel. Manchmal wird man zur fika eingeladen, auf eine Tasse Kaffee. "Irgendwann beginnt man, sich als Teil dieser Großfamilie zu fühlen", sagt Ole. Niemand schließt auf Landsort sein Haus ab. Für die Polizei auf dem Festland ist die Insel ein blinder Fleck.

Ein Bullerbü-Gefühl macht sich breit. Die Welt schrumpft auf so schöne Weise zusammen und läuft ihren geruhsamen Gang, den nichts und niemand aus dem Tritt bringen kann. "Die Nähe zur Natur ist unsere seelische Reinigung", sagt Arthur, "die schwedische Variante des Zen-Buddhismus". Selbst die Gullydeckel träumen hier. "I have a dream" steht auf ihnen geschrieben. Es fällt schwer, der Versuchung zu widerstehen, auf Landsort zu bleiben. Als die "Tuva" den Hafen verlässt, winken die Bewohner zum Abschied und rufen: "Kommt doch im Winter wieder, denn hier auf Landsort ist der Schnee immer weiß!"

Schlagworte:
Autor:
Suzanne Forsström