Stockholm Die Altstadt Gamla Stan

Ein Dach, ein Gurt und Fröken Veerle. Das Dach gehört zum alten Parlamentsgebäude auf Riddarholmen, den Gurt muss jeder tragen, der dort oben in 43 Meter Höhe balancieren will, und ohne das Fräulein kommt man gar nicht erst hinauf. Dachwanderung über der Altstadt für Touristen. Veerle steht auf einem schmalen stählernen Laufsteg und breitet lässig die Arme in weitem Bogen zum Panorama von Gamla Stan aus, während sich die Blicke mancher ihrer Zuhörer nun vorsichtig von den Füßen lösen.

Ja, hier oben ist's luftig. Guck doch hin, direkt nebenan die Turmspitze der Riddarholmskirche! Und der große Kasten dahinten ist das Schloss. Veerle erzählt vom Schloss, vom großen Feuer 1697, das ausbrach, als der diensthabende Brandwächter sich einem Küchenmädchen widmete und dem Bier. Den späteren Spießrutenlauf überlebte er nicht. So war's bei einem einzigen Todesopfer geblieben. Und noch ehe die Schuttmassen erkaltet waren, hatte Nicodemus Tessin, der Sohn des gleichnamigen, aus Stralsund stammenden Hofarchitekten, die Pläne für einen Neubau fertig.

Weitergehen, einige Meter nach rechts. Die Karabinerhaken an den Seilen, die die Dachwanderer mit einer unten am Trittweg verlaufenden Stahltrosse verbinden, schnurren und klacken. Noch gibt es ein Geländer, noch wollen alle mehr sehen. "Upplev mer", mehr erleben, ist Motto und Name dieser Stadterkundung von ganz oben. Jetzt kommt die erste Stiege ohne Handlauf. Zu sehen sind: weit unten Riddarfjärden, eine Bucht des Mälarsees, und nebenan im Osten das Stakkato der schwarzen, grünen und roten Dächer von Gamla Stan. Dahinter liegt die Ostsee. Die Altstadtinsel Stadsholmen, ein Pfropf im Flaschenhals, scheidet das Süßwasser vom Salzwasser. Oben scheidet der erste Teilnehmer aus, will vor weiteren Unternehmungen dieser Art erst mal Astrid Lindgrens "Karlsson auf dem Dach" lesen. Und Veerle berichtet jetzt über eine Einladung, die hier von der Insel vor 750 Jahren rausging.

Absender: Birger Jarl, schwedischer Regent und Stadtgründer Stockholms. Er hatte in Finnland und im Baltikum keine sehr glückliche Ostpolitik betrieben, aber die ostseebeherrschende Hanse recht gut im Blick. 1252 bot er der Lübecker Kaufmannschaft zollfreien Handel und Niederlassungsfreiheit an. Der Vertrag ist der erste Hinweis auf die Existenz der in Lübeck noch unbekannten Siedlung. Die Händler und Seeleute aus dem Süden, neu- und geldgierig, kamen gern und brachten auch gleich Handwerker mit. So begann die deutsche Geschichte dieser Stadt, deren Spuren sich in jeder Gasse Gamla Stans offenbaren.

Die Dachwanderer, hier oben mit viel Wissenswertem und einem kräftigen Adrenalinschub versorgt, bringen beherzt noch einen freihändig zu begehenden First hinter sich, ehe Veerle sie durch die Dachluke entlässt. Das Fröken hat Entdeckerfreude geweckt.

Die Hauptgasse Gamla Stans, Västerlånggatan, von deren Fassaden sich fünf Jahrhunderte ablesen lassen, hat sich mit der heutigen Generation von Seefahrenden gefüllt, Kreuzfahrt- und Fährpassagieren, viele aus Russland und China. Sie haben wenig Zeit. Jeder zweite Hauseingang eine Touristenfalle, ein Gral der Traditionsklitterei, jeder dritte ein Magenabfüller, jeder vierte ein Outfitspezialist.

Babylonische Heerscharen beherrschen auch Stortorget, den Markt, besetzen das Wirtshausmobiliar vor den hohen Giebelhäusern, sonnen sich auf der Freitreppe der alten Börse. Da stand zuvor das Rathaus, regierten paritätisch je drei schwedische und deutsche Bürgermeister, 15 schwedische und 15 deutsche Ratsherren. Gesetze und Erlasse wurden zum Fenster raus verkündet und Gerichtsurteile gleich unterhalb desselben vollstreckt. Diebe wurden geköpft, Räuber nicht.

In Strömen floss hier das Blut im Herbst 1520. Dänenkönig Christian II., der sich des schwedischen Throns bemächtigt hatte, ließ 82 Männer aus Adel und Bürgertum hinrichten, mit 82 Schmucksteinen ist die Fassade des Schantzschen Hauses, Stortorget 20,verziert. Über dem Tor steht auf Deutsch Psalm 37, Vers 5: "Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohlmachen." Auch in der nahen Storkyrka werden die Besucher an die ungeliebten Dänen erinnert: Der Lübecker Bernt Notke schuf das Monument des St. Georg mit dem Drachen - als Dank für die Hilfe des Heiligen beim Sieg gegen die Dänen im Oktober 1471. Zwei deutsche Einwanderer haben sich ebenfalls in dieser Kirche verewigt: David Klöcker Ehrenstrahl aus Hamburg mit dem "Jüngsten Gericht" an der Nordwand und Burchardt Precht aus Bremen mit der prächtigen vergoldeten Kanzel.

Auf dem Rückweg zu den Schiffsterminals werden die Tagestouristen an der Schauseite Gamla Stans vorbeigefahren, am von repräsentativen Bauten des alten Reeder-Adels gesäumten, doch leider recht öden Kai Skeppsbron. Hier, an der historischen Landungsbrücke der Altstadt, schlug 700 Jahre das Herz von Gamla Stan. Die ersten Frachtschiffe, die im 13. Jahrhundert festmachten, waren Hansekoggen. Aus den schwimmenden VW-Bullis des Mittelalters wurden Tuche, Salz, Wein, Bier und Gewürze entladen, für die Rückreise Pelze, Getreide, Butter, gepökelter Fisch, Tran, Häute, Teer und Wachs, Eisen und Kupfer gestaut. Die Schiffe und das Handelsvolumen wurden durch die Jahrhunderte größer, das Sortiment - Kaffee,Tabak und Parfüms kamen hinzu - wuchs und die Zahl der Deutschen ebenfalls. Von 150 Familien ist um 1570 die Rede.

MårtenTrotzig, geboren als Martin Traubtzich, kam 1581 aus Wittenberg. Man gedenke seiner, wenn man vor Durchsteigen der nach ihm benannten Gasse (Mårten Trotzigs Gränd) den Regenschirm abspannen muss, sie ist an einigen Stellen nur 90 Zentimeter breit. Trotzig wurde durch Handel mit Kupfer reich, und natürlich war er Mitglied der St. Gertrudsgilde, einer einflussreichen Kaufmannsvereinigung, und Angehöriger der deutschen Kirche St. Gertrud. König Johann III. hatte 1571 die Rechte der Gemeinde garantiert, und bald machte man sich daran, den Gildensaal zur Kirche umzubauen. Dafür gingen Trotzig und andere sammeln, drehten alljährlich die Runde zu sechs so genannten "Umgängen mit der Schale". Christliche Mildtätigkeit war ehernes Gesetz.

Vom Turm der Deutschen Kirche, Tyska kyrkan, erklingt vertrautes Geläut: "Nun danket alle Gott". St. Gertrud ragt aus dem Altstadtensemble empor, ihr Turm überflügelt mit 96 Metern Höhe den von St. Nikolai, Storkyrkan, um 30 Meter. Tyska Brinken, Tyska Skolgränd, Tyska Brunnsplan heißen die Gassen und Plätze, die auf Tyska kyrkan zuführen - Deutsche Anhöhe, Deutsche Schulgasse, Deutscher Brunnenplatz.

Dem Rhythmus der Zeiten applaudieren

Das eiserne Tor zum Kirchhof mit der goldenen Inschrift "Fürchtet Gott! Ehret den König!" ist offen, in der Kirche zieht die prächtige Düben-Orgel alle Register. Besucher bewundern das federleichte Barock, die achteckige Kanzel aus Ebenholz und Alabaster, die farbenprächtigen Fenster, die Ausstattung der Taufkapelle. Vor Nicodemus Tessins d.Ä. grüngoldener Königsloge kommt - spätestens jetzt - die unvermeidliche Frage an Hauptpastor Wolfgang Wallrich: Ob denn auch die Königsfamilie ...? - Aber ja! Er habe bereits einige Male Königin Silvia und Kronprinzessin Victoria im Gottesdienst begrüßt. Aber Ihre Hoheiten wünschen keinerlei Aufhebens. Vor allem sei die Königin als Schirmherrin der Deutschen St. Gertrudsgemeinde eine treue Besucherin des weihnachtlichen Wohltätigkeitsbazars, sie kaufe an jedem Stand. Sei sie verhindert, komme eine Hofdame, und die habe auch immer etwas Geld dabei.

Pastor Wallrich wurde 2003 an die älteste Auslandsgemeinde der EKD entsandt, die gleichzeitig der Lutherischen Schwedischen Kirche angehört und etwa 2000 Mitglieder, aber gerade mal ein Dutzend in Gamla Stan hat. Nachkommen mittelalterlicher Einwanderer? - Eher Menschen, die nach 1939, 1945 kamen, Deutschbalten, Flüchtlinge aus den Ostgebieten, nach dem Krieg 6000 deutsche Kindermädchen, ab Mitte der Fünfziger deutsche Arbeitnehmer schwedischer Firmen, nach 1989 Deutsche aus der DDR. Nicht allen gehe es gut, sagt Wallrich, besonders nicht den Alten, aber St. Gertrud sei ja auch eine Sozialgemeinde mit einem Hilfsverein und die Spendenbereitschaft groß. Mit sichtlicher Begeisterung weist der joviale Rheinländer hoch zur Düben-Orgel, der Rekonstruktion eines Instruments aus dem 17. Jahrhundert, das einst von St. Gertrud nach Lappland weggegeben wurde. Nun bezahlt mithilfe eines größeren Erbes, das St. Gertrud zukam, zum Klingen und Jubilieren gebracht während eines erlesenen Sommerkonzertprogramms.

Wie man Gönnern nachhaltig dankt, demonstriert Wallrich an der Büste des Peter Hinrich Fuhrmann, 1714 in Hamburg geboren, 1773 in Stockholm gestorben. Einmal im Jahr wird der alte Hofkellermeister auf eine Sackkarre geladen und anlässlich eines Stiftungsessens im Speisesaal eines der besseren Restaurants aufgestellt. Fuhrmann sorgte dafür, dass es bis heute deutsche Sprachkurse bei St. Getrud gibt und jährlich 14 Konfirmanden ein Stipendium erhalten. Dafür müssen sie in der Gemeinde mithelfen. Ein Toast des Stiftungsrats auf Fuhrmann! Er hatte zu Lebzeiten kräftig Wein ausgeschenkt. Carl Michael Bellman, Poet, Troubadour und Balladensänger des 18. Jahrhunderts, nannte ihn "Bacchus' höchsten Diener".

An Wein, Bier und Schnaps ist kein Mangel im Gamla Stan des 18. Jahrhunderts, auf die etwa 70.000 Bewohner kommen wohl 700 Wirtshäuser und Spelunken. "Dies ist eine über die Maßen durstige Stadt!", kommentiert der musikalische und literarische Chronist Bellman, selber eher Dünnbiertrinker und als Bohemien und Sänger mit der Laute wandernd unterwegs zwischen den reichen und armen Altstadtwelten. Seine szenischen Lieder vereinen sich zu einem unverblümten Sittengemälde der gustavianischen Zeit.

Es regiert der Rokokokönig, Schöngeist und Theaterregisseur Gustav III. Seine Hofbälle im Börsensaal sind rauschende Feste, während die kleinen Leute von Gamla Stan in düsteren Kneipenkellergewölben ihr Elend im Rausch ersäufen. Trunk, Kartenspiel, Gesang, Liebe und Matrosenglück - das ist die Welt Bellmans oder besser: seines Alter ego Jean Fredman. Ihm, dem heruntergekommenen Hofuhrmacher und Guru der Lebensfreude, hat er seine Hauptwerke auf den Leib geschrieben: "Fredmans Episteln", 82 Dramen und Komödien in Liedform, und "Fredmans Gesänge", Couplets, Trinklieder über Suff und Tod.

"Ach, tu tummer taifel! Er ferschteht sich auf der musik wie ein Kuh auf den mittag. Movitz, bruder , willstu was Kirschen haben? ... Hundsfott! Kanalje! ...", so wird geflucht und gescherzt auf einer Ausflugsfahrt von Skeppsbron mit dem Boot nach Djurgården (Epistel 33), auf Deutsch, Schwedisch und Kauderwelsch in drolligem Durcheinander. Bellmans Hauptfiguren sind stadtbekannte Originale: Fader Movitz, ein Fiedel spielender Schutzmann, Korporal Mollberg, Tanzmeister, Fader Berg, Tapetenmaler, virtuos auf vielen Instrumenten, das selbstbewusste Freudenmädchen Ulla Winbladh, Nymphe und "Priesterin in Bacchus' Tempel". Ihre Wohn- und Wirkungsstätten sind bekannt, manche abgebrannt, andere baulich verändert.

In der Kellerkneipe "Rostock", Västerlånggatan 45, bekam Vater Mollberg von einem Schustergesellen gehörig eins aufs Maul, verewigt in der Epistel 45, "Pling plingeli plång". Die Frau im heutigen Goldschmiedeladen dieses Hauses will von nichts etwas wissen, doch das junge Mädchen im Modegeschäft nebenan erzählt freudestrahlend, dass unten im Keller die Gewölbe des alten "Rostock" frisch restauriert seien.

Bellman ist in den Herzen der Stockholmer lebendig geblieben. Obwohl er, der auch am Hof Gustavs III. verkehrte, eigentlich seinen Spaß auf Kosten der kleinen Leute hatte, sagt Martin Riessen, zur Zeit Organist bei St. Gertrud, selbst Bellman-Verehrer und Freunden ein kenntnisreicher Führer durch die Altstadt, deren Türen zu Galerien, Kneipen, Antiquitätenläden offen stehen und die dennoch seltsam verschlossen bleibt. Nur selten kann man einen Blick in die Innenhöfe erhaschen, allzu viele Fremde gingen gern hinein.

Bis ins 20. Jahrhundert blieb ein großer Teil Gamla Stans ein Slum, immer noch der Zeit nahe, als man sich in lärmerfüllten Gassen auf Tragestühlen über Abfälle, Rinnsäle, Fäkalien von Kühen und Schweinen hinwegjonglieren ließ. Dann begann die Stadt mit Sanierungsarbeiten, riss Bauten in Innenhöfen ab, in die nun erstmals ein Lichtstrahl fiel. Doch mangels Geld blieben die Ergebnisse bescheiden.

In den dreißiger Jahren stand der Kahlschlag der Altstadt fast bevor, die Neugestaltung wurde international ausgeschrieben. Auch der berühmte Le Corbusier machte Vorschläge. Doch die Mitglieder des Stadtrats erschraken heftig. So kam es, dass sich ein modernes Gamla Stan heute nur als Modell im Architekturmuseum präsentiert. Die Unterlassung seines Vorhabens war vielleicht die größte Lebensleistung Le Corbusiers.

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Autor:
Tibor M. Ridegh